Kälte als Erbe: Sohn und Enkel des Naziverbrechers Karl-Otto Saur haben ein Buch über die Familiengeschichte geschrieben: “Er stand in Hitlers Testament”

Allgemein — admin on Oktober 1, 2007 at 12:30

 

Eine der elementaren und deswegen vehement verschleierten Lebensregeln lautet: Alles was offiziell ist, ist falsch. Mir rief sie erst kürzlich der italienische Schriftsteller Paolo Nori wieder in Erinnerung. In seinem letzten Roman macht er die Beobachtung, daß man das Wort Antifaschismus, seit es mit der Regierung Berlusconi aus dem offiziösen Sprachgebrauch Italiens verschwunden sei, nun langsam wieder verwenden könne. Als Karl-Otto Saur jun. am Donnerstagabend in der Berliner Landesbibliothek vom „Entsetzen“ sprach, daß die Taten seines Vaters - des hochdekorierten Staatssekretärs im NS-Rüstungsministerium und designierten Albert Speer-Nachfolgers Karl-Otto Saur sen. - auslösten, schien er diese Regel für einen Moment außer Kraft zu setzen.

Denn für diesen Moment verzog sich die den Berlin-Saal der ZLB durchwabernde, eiskalte teutonische Sentimentalität und man konnte ahnen, was der Häftling Jehuda Garai gesehen hatte, beim von Saur sen. geleiteten Projekt „Ringeltaube“ im KZ-Kommando Kaufering/Landsberg: „Tausende von Sklaven arbeiteten hier. Auf dem Berg, in der Grube, auf den unzähligen Gestellen und Eisentraversen wimmelte es nur so von ihnen. Oft stürzten Sklaven von einem Eisenträger auf den anderen, blutig überschlugen sie sich und kamen schließlich in der Baugrube an. Auf dem Beton floß ihr Blut langsam dahin. Sie waren endlich an ihrem Ziel angekommen.“ Für den Bau der von Saur erdachten Bunkerschutzkuppel, unter deren Dach der Jäger „Me 262“ gefertigt wurde, mußten 14500 Juden ihr Leben lassen, in Massengräbern verscharrt, als ausgemusterte „Invalidentransporte“ nach Auschwitz deportiert und vergast.

Eine zweite, nicht viel weniger elementare Lebensregel lautet, daß sich niemand dazu gezwungen fühlen soll, von etwas zu sprechen, wovon zu reden er sich nicht in der Lage sieht. Wer wie der 1944 geborene, ehemalige SZ- und Spiegel-Journalist Karl-Otto Saur jun. sein Leben als Sohn eines Massenmörders verbringen muß – und das auf eine zweifelsfrei sehr anständige Weise tat und tut –, der muß noch lange nicht die Radikalität besitzen, in angemessner Weise über diesen Menschen zu schreiben – vor allem, wenn er selbst von ihm verkrüppelt worden ist.

Als Saur von seiner Unfähigkeit erzählte, den 1966 gestorbenen Vater zu seinen Verbrechen zu befragen, von seiner Konfliktscheu, seinem sozusagen durch und durch liberalen und harmoniebedachten Charakter, verzog sich das Sympathische seiner Erscheinung langsam vor der Erkenntnis, daß hier jemand saß, der gar nicht durchgedrungen ist zu dem, was ihm da in die Wiege gelegt worden ist; und der sich deswegen in abschweifenden Anekdoten ergeht, der – mit Kafka gesagt -, die Axt nicht anlegen will an sein gefrorenes Meer. Daß ein Individuum, welches nicht um sich selber trauern kann, sich dann vergebens an einem Monster abarbeitet und den Blick auf die Opfer verliert – von ihnen, ihrem Leid, ihrer ausgebliebenen Entschädigung war an diesem, immerhin anderthalbstündigen Abend überhaupt nicht die Rede –, das wiederum kannte ich dann als Sohn eines 1933 geborenen Vaters nur zu gut.

Karl - Otto Saur jun. also hätte dieses Buch besser nicht geschrieben. Daß er es doch getan hat, ist seinem Sohn Michael Saur geschuldet, der das Projekt - bei dem die beiden unabhängig voneinander je zwölf Kapitel verfaßt haben - angeschoben hat. Beim Vortrag des 1967 geborenen Michael Saur, der als eher unbekannter Journalist und Schriftsteller in New York lebt und in Statur und Frisur eine frappierende Ähnlichkeit mit seinem Großvater zeigte, wurde nicht klar, ob es Unschuld oder Berechnung war, die ihn zu einem die eigene Berufenheit völlig überschätzenden Unternehmen mit dem geschmacklosen Titel Er stand in Hitlers Testament getrieben haben.

Die Familiengeschichte der Saurs fängt nämlich erst wirklich an, wo die Autoren sich nur zaghaft hintrauen: Zum Beispiel damit, daß der Bruder bzw. Onkel der beiden Autoren der Groverleger Klaus G. Saur ist, und daß man in der Firmengeschichte des K. G. Saur Verlags den Kriegsverbrecher Saur sen. als aus dem Nichts auftauchenden Gründervater dargestellt findet - man fagt sich, ob der Mann vielleicht in der Emigration war. Und es geht damit weiter, daß der Verleger Klaus G. über sein Verhältnis zu seinem selbst unter Nazis als besonders mörderisch geltenden Dipl. Ing.-Vater sich unwidersprochen und ononomatopoetisch so geäußert hat: „Wiffhen Fhie überhaupt, Herr Schröder, daffh mein Vater der Bauherr des gröffhten Rüfhtungfhprojektefh aller Fheiten war? Die Groffhprojekte liegen eben in unfherer Familie.“ Der Schröder, dem hier erzählt wird, ist natürlich Märzverleger Jörg Schröder, der in den sechziger Jahren ein Kollege von K. G. Saur war und ihn in seinem Buch Siegfried als „breit und eklig grinsenden, blonden Gernegroß“, als „Aufdiener und Anbiederer“ schildert.

„Interessant an dieser blöden Angeberei ist“, schreibt Schröder, “daß der junge Saur mit seinen einundzwanzig Lenzen genau wußte, was sein Vater auf dem Kerbholz hatte, und sogar noch stolz darauf war“ - dies zum viel beredeten ‘Schweigen’ in den deutschen Familien der fünfziger und sechziger Jahre. Was Schröder Saur aber eigentlich vorwirft, „weil es paradox und pervers“ sei, ist dies: „Ausgerechnet als verlegerischer Nachfolger seines Vaters, dieses tausendfachen Schreibtischmörders und Paladin Hitlers, publiziert sein Sohn Klaus Gerhard – durch Historiker listig abgesichert und immer im Dienst der Wissenschaft, versteht sich – Hitlers Reden, außerdem die Goebbels-Tagebücher und, um der Unverfrorenheit die Krone aufzusetzen: die Auschwitz-Gedenkbücher!“

Man muß Jörg Schröders Idiosynkrasien nicht teilen, um sich von ihm unterhalten und aufklären zu lassen. Man ist aber unbefriedigt, wenn man von Karl-Otto Saur jun. nur schamhaft hört, der Bruder habe Probleme mit dem Buch, und seine Nazi-Editionen hätten ihm nur Verluste eingebracht. Darum geht es nicht. Es geht darum, daß, wer ein mit dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte beladenes „deutsches Familienerbe“ zu bearbeiten sich anschickt, bereit sein muß, sich selbst zu gefährden, jenseits von sentimentaler ‘Bewältigung’ und egozentrischer ‘Therapie’, jenseits vom „allumfassenden Hinweis“ (Raul Hilberg) auf die ‘Vergangenheit’ der vollzogenen Handlungen: So wie die Frage nie sein konnte, was die Deutschen 1933-45 wußten; sondern warum sie in ihrer gewaltigen Mehrheit gehässig oder teilnahmslos blieben, als ihre Nachbarn aus der Wohnung getreten und auf einen Lastwagen verladen wurden.

Karl-Otto und Michael Saur: Er stand in Hitlers Testament. Ein deutsches Familienerbe

Econ Verlag: 256 S., 19, 90€

Wichtige Hinweise und Zitate verdanke ich dem Blog von Barbara Kalender und Jörg Schröder:

http://taz.de/blogs/schroederkalender/2006/08/25/k-g-saur-oder-die-rache-der-chromosomen/

Eine gekürzte Fassung erschien in “junge welt” vom 1. 10. 07

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