Aus den Archiven: “It’s done” - Die letzte Soprano-Staffel läuft an

Aus den Archiven, Mafia und Anti-Mafia — admin on Dezember 6, 2007 at 19:29

Am 28. September 2001 titelte die «New York Post»: „Mafia plündert WTC”. Die Polizei hatte auf drei Schrottplätzen einhundertfünfzig Tonnen Schwermetall entdeckt, die dort nicht hingehörten. Ihr eigentlicher Bestimmungsort war eine still gelegte Müllhalde gewesen, wo aller Schutt des World Trade Center gesammelt und nach menschlichen Überresten des Anschlags vom 11. September durchsucht werden sollte. Lastwagen einer der Mafia zugerechneten Baufirma hatten sie jedoch auf dem Weg von Ground Zero umgeleitet.
Manch Alte-Welt- Dummerchen mochte über diese Episode hämisch grinsen. Bei der durchaus kleinen Gemeinde der deutschen Soprano-Süchtigen löste sie die vertraute Gefühlsmischung von Faszination und Ekel aus. Sie dachten an den Boss Anthony „Tony” Soprano, der sich im zivilen Umfeld im besten Anzug als „Abfall-Manager” präsentiert, anschließend mit seiner Tocher Meadow väterlich Colleges besichtigt, um unterwegs mal eben einen Verräter („a rat”) aufzuspüren und zu erdrosseln. Tony Soprano ist - in der mit einer Million Dollar pro Folge anständig bezahlten, radikalen Verkörperung durch James Gandolfini - eine Figur von solch hoher artistischer Komplexität (die nicht zuletzt in der Tradition von Herman aus „The Munsters” steht), daß man überhaut nicht zögern muß, sie Lear oder Richard III. an die Seite zu stellen. Die Sopranos waren nicht nur das bedeutendste TV-Kunstwerk seit “Twin Peaks”, sie verschoben die Grenzen dessen, was Fernsehen ist, was möglich ist.
Als ich einmal ein paar Stunden lang mit einer deutschen TV-Regisseurin am Tisch sitzen mußte, die mir einen vom öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehen erzählte, war es ein Leichtes, sie mit einem Hinweis auf die Sopranos ins Stottern zu bringen. Ja so was, das ginge eben hier nicht, die Serie sei ja auch bei ZDF und Kabel 1 gefloppt, zu anspruchsvoll, zu intellektuell, zu brutal, der Zuschauer nehme das nicht an - das ganz blabla eben, das Leute ohne künstlerische Vision absondern, die dann immer die Verhältnisse für ihre eigene Sterilität und Feigheit verantwortlich machen, aber munter weiter produzieren.
Amerika hat es da nicht nur besser, es ist auch besser. Die Produktionsgesellschaft HBO hat mit „Big Love”, “The Wire” und “Six feet under” noch mindestens drei Serien im Program, gegen die hiesige TV-Unterhaltung einfach ekelhaft primitiv anmutet - und die „Sopranos” sind nochmal ein ganz anderes Kaliber. Das verstand das US-amerikanische Publikum und das verstanden die US-Kritiker, die die Serie mit 18 Emmy-Awards, 5 Golden Globes und etlichen anderen Preisen auszeichneten.
Schöpfer der Sopranos im weitesten Sinne (Autor, Produzent, Regisseur) ist David Chase, der bei Geburt De Cesare hieß, im nördlichen New Jersey aufwuchs und mit den Sopranos ins Milieu seiner Kindheit, zu Träumen und Albträumen zurückkehrte. Seine Genauigkeit, seine Hingabe an die Figuren, sein Sprachwitz, der sich mit Untertiteln und rudimentären Englischkenntnissen jedem Interessierten erschließt, sind überwältigend. Dabei sind seine Zitate aus Film (vor allem „Good Fellas” und „Der Pate”) und Literatur ein Spaß, den er sich erlauben kann, weil die Sopranos so eigenständig, so neu sind. Es gelingt Chase, die fundamentale Idee von Gut und Böse so weit zu strapazieren, daß man als Zuschauer etwa nicht mehr versteht, warum Tonys Psychotherapeutin Jennifer Melfi (Lorraine Bracco) sich nicht seiner Mobster-Qualitäten bedient, um sich an einem Mann, der sie vergewaltigt hat , aber wegen eines Verfahrensfehlers auf freien Fuß gesetzt wird, zu rächen. Chase bringt uns mit seiner Geschichte dahin, daß wir alle Rechtsnormen aufzugeben bereit sind, ja sie lächerlich finden, um uns dann um so schärfer einzubleuen, daß Werterelativismus unweigerlich die finstersten Cosa- Nostra-Gestalten zu unseren Herrschern macht - auf deutsche Verhältnsse übersetzt: Die Herrschaft der Neo-SA, die nicht nur in Halberstadt zum Einsatz immer bereit steht.
In der sechsten und letzten Staffel, deren erster Teil (Folge 66-77 von insgesamt 86) bereits auf DVD erhältlich ist, geht es denn auch mit den Sopranos Schritt für Schritt bergab. Sie sind fetter, häßlicher, älter und nervöser geworden, aber sie bleiben echte, faszinierende Menschen. „Made in America” heißt die letzte Folge, die in Internetforen kontrovers diskutiert wird. Alles scheint jedenfalls darauf hinzudeuten, daß uns die Sopranos noch einmal, auf der Kinoleinwand begegnen werden; und wenn ich mir zum Abschluß, eine Träne aus den Augen wischend, eine Spekulation erlauben darf: Ich glaube, daß wir darin allen Hauptcharakteren wiederbegegnen (solang deren Darsteller nicht tot oder im Knast sind - aber die reale Kriminalstatistik des Soprano-Casts wäre eine andere Geschichte) und einiges über Tonys Jugend erfahren werden.
Mit Silvio Dantes (Steven van Zandt) berühmten Worten: “Just when I thought I was out, they pull me back in again.”

 

Zuerst in “junge welt ” vom 13. Juni 2007

 

 

Reisen durch die Nacht: Holocaust-Zeugnisse von Eva Mändl Roubičková und Roman Halter

Allgemein — admin on Dezember 4, 2007 at 01:08

Im Jahr 1950 nimmt Roman Halter als Schwimmer an der Makkabiade in Israel teil. In Begleitung seiner zukünftigen Frau besucht er seine Großmutter mütterlicherseits, die in den Zwanziger Jahren zu ihrem Sohn nach Palästina gezogen war: „Nach drei, vier Minuten Stille fragte sie mit zitternder Stimme, ob ihre Tochter noch am Leben sei. ‘Nein’, erwiderte ich. ‘Sie wurde ermordet’. ‘Und deine Schwester Zeesa, Zosia?’ ‘Nein’, erwiderte ich. ‘Ermordet’. ‘Dein Vater Mordechai?’ ‘Verhungert im Ghetto Lodz und auch mein Großvater, dein Mann.’ ‘Und Sabina, Ignac und der kleine Meshulam, Misio?’ ‘ Sie wurden erschossen in Babi-Yar.’ ‘Hat Shlamek überlebt?’ ‘Nein.’ ‘Peccio?’ ‘Nein.’ ‘Iccio?’ ‘Nein.’ ‘Sala?’ ‘Nein.’ Ihr Kopf sank nach vorn, und Tränen fielen auf ihren schwarzen Morgenrock.”
Roman Halter, 1927 im westpolnischen Chodecz geboren, kam durch das Jewish Refugee Committe im Herbst 1945 von Theresienstadt nach England. Zunächst als Architekt dann als Maler machte er eine bemerkenswerte Karriere, bis er seinen Beruf 1974 aufgab, um seine Beobachtungen und Erlebnisse während der NS-Zeit niederzuschreiben. Das Ergebnis ist „Romans Reise durch die Nacht”, ein mich vor allem durch seine Tapferkeit beeindruckender Bericht aus Lodz, Auschwitz, Stutthof und Dresden. Diese Tapferkeit hat ihre Wurzeln in Halters glücklicher Kindheit in einer jüdischen Großfamilie sowie in einer tiefen, bis heute bewahrten Religiosität - ich muß sagen, daß ich selten so stimmiges und berührendes über die Möglichkeit religiösen Glaubens gelesen habe wie in diesem Buch. Als Motiv seiner individuellen Kraft und Fähigkeit, eine von Menschen erdachte Hölle zu überleben, wählt Halter das Schwimmen, das ihm sein älterer Bruder auf brachiale Weise beibringt. SS-Offiziere mißbrauchen ihn später als Apportierhund, ein Freund, der nicht schwimmen kann, ertrinkt. Als Teil der britischen Schwimmmanschaft lernt Halter in England seine Frau kennen und gründet mit ihr eine neue Familie. Hier findet die Tapferkeit des halbwüchsigen Roman ihr Ziel.

Ein Zeugnis unmittelbaren Erlebens ist Eva Mändl Roubičkovás Tagebuch aus Theresienstadt. Erstmals 1998 in den USA erschienen, ist es ein besonders wertvolles Dokument. Die 1921 in Böhmen in einer deutschsprachigen jüdischen Famile geborene Autorin war eine der wenige Häftlinge, die Theresienstadt von Anfang bis Ende, von Dezember 1941 bis Mai 1945, miterlebt haben.
„Theresienstadt hat mich schlecht gemacht. Werde ich mich jeweils wieder in normale Verhältnisse einfügen können?”, notiert sie am 10. Januar 1943 über die spezielle, von den Nazis erdachte und beklemmend aktuelle Perversität dieses Lagers, eine von absolut über Leben und Tod verfügenden SS-Kriminellen sich scheinbar selbst überlassene Überlebenskampfstätte aller gegen alle. „Die Deutschen [deutsche Juden] hier sind todunglücklich, die alten Leute sind hier ganz allein, haben schrecklichen Hunger und wir [Juden aus dem ‘Protektorat’], die wir uns hier schon einigermaßen eingelebt haben, wir müssen weg.” Das „Transportfieber” verschont niemanden. Zum Oktober 1944 heißt es in einem Nachtrag: „Hier ist mein Tagebuch für vier Monate unterbrochen. Wie so oft haben Transporte alles zunichte gemacht. Im Oktober ging unerbittlich ein Transport nach dem anderen nach Polen. Im Gegensatz zu allen früheren Transporten warten diesmal kein Aufschub, keine Reklamation, keine Berufung, keine Begnadigung möglich.” Nur die Landwirtschaft, in der die Autorin arbeitete, blieb verschont. Ihre Familienangehörigen wurden ermordet. Am Samstag, dem 5. Mai 1945, kann sie endlich notieren: „Schluß! Konec!”

Um das Vorhaben, Zeugnisse wie die von Mändl Roubičková und Halter angemessen zu analysieren, beneide ich niemanden. Mir scheint, daß das Beste geleistet ist, wenn diese Dokumente zugänglich gemacht, durch Anmerkungen und Indizes erschlossen und mit den gesicherten Daten und Fakten in Beziehung gesetzt werden. Anders gesagt, ich konnte nie meinen Widerwillen überwinden, einen Seminarraum zu betreten, in dem eine ‘Arbeitsgruppe Shoa-Literatur’ tagte.
Und wenn ich im Nachwort von Veronika Springmann, der Herausgeberin des Tagebuchs von Eva Mändl Roubičková, Sätze lese wie: „Schreiben im Konzentrationslager bzw. in Theresienstadt diente auch der Bewältigung des Elends” oder „Aneignung wird hier verstanden als Ausdruck von erfinderischem, kreativen Potenzial, mit den Umständen umzugehen, und umschließt eine Vielzahl von Handlungs- und Aktionsmöglichkeiten”, dann schäme ich mich dieses inneren Widerstands jedenfalls nicht - vor allem, wenn ich solche Sprechblasen vorgesetzt bekomme, einen Personenindex aber vermisse, mit dessen Hilfe man Mändl Roubičkovás Dokument unkompliziert in Beziehung setzen könnte zum Standardwerk über Theresienstadt, H. G. Adlers „Theresienstadt 1941-1945: Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft”.
In diesem Buch hätten die Herausgeberin und ihr Mitarbeiter Wolfgang Schellenbacher die folgende Passage finden können: „Sehr alte Menschen im Elend eignen sich für eine Zwangsgemeinschaft am allerwenigsten. Man stieß sie unbarmherzig in den Schmutz - woran hätten sie sich halten sollen? Darum soll man sich hüten, Theresienstadt ein ‘besseres’ Lager zu nennen.”
Springmann tut nun aber im Nachwort genau dies, indem sie schreibt, daß „in Theresienstadt die Bedingungen besser waren als in den Konzentrationslagern”, und es also damit besser zu wissen meint als der Überlebende H. G. Adler. Ihre Kennzeichnung Theresienstadts als „Ghetto” handelt sie in einer Fußnote ab. Ich finde das ignorant, es ist aber vor allem symptomatisch für das entscheidende Defizit der deutschen ‘Vergangenheitsbewältigung’ überhaupt: Ohne eine gewisse emotionale Verhärtung schreibt man nicht mal eben hin, Theresienstadt sei kein KZ gewesen; und es ist eben diese Verhärtung, die es überhaupt ermöglicht, auf den Gedanken zu kommen, Überlebensberichte nach akademischen Schemata zu kategorisieren.
Der Churchill-Biograph Sir Martin Gilbert findet dagegen in seinem keine zwei Seiten langen Nachwort zu Roman Halters „Bericht eines Überlebenden” die einfachen, die richtigen Worte: Halter habe sich ein „verstörendes Panorama” abgerungen, aus dem man Lehren ziehen müsse. Diese wiederum hat die Rezensentin des Guardian schön und nachahmenswert so zusammengefaßt: “Learn all you can, be realistic about yourself and the world, but never give up hope: these are the lessons of Roman’s Journey. They are surely as good for life as for death, for peace as for war.”

Eva Mändl Roubičková
„Langsam gewöhnen wir uns an das Ghettoleben”
Ein Tagebuch aus Theresienstadt
Konkret Literatur Verlag, 2007
€ 19, 90

Roman Halter
„Romans Reise durch die Nacht. Bericht eines Überlebenden”
Edition Tiamat, 2007
€ 18

 

Eine gekürzte Fassung in “junge welt” vom 12. 12.07

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel