Aus den Archiven: Italia-Germania 2:0

Aus den Archiven, Sportjournalismus, oltràlpe — admin on Februar 21, 2008 at 20:32

http://www.jungle-world.com/seiten/2006/39/8554.php

„Best of Unart”- Junge Performer im Maxim-Gorki-Theater

Allgemein — admin on Februar 20, 2008 at 13:05

„Ich wußte, der Junge verarscht uns”, sagen die harten Cops im Jodie-Foster-Film „Die Fremde in dir”, als sie das Phantombild einer gesuchten Mörderin vorgelegt bekommen: Es ist Jennifer Aniston. Tja, sagt die Zeichnerin kulturkritsch, das Gehirn von unter zwanzigjährigen sei eben so mit medialen Bildern verstopft, daß selten etwas Brauchbares herauskäme.
Das von Stadttheatern und einer Bank-Stiftung ins Leben gerufene Unart-Performance-Festival soll den Gegenbeweis antreten. Bei dem für Berlin, Hamburg und Rhein/Main ausgeschriebenen Wettbewerb wollte man es vermeiden, Etabliertes auf niedrigerem Niveau nachzuformen. Das Theater neu zu erfinden, nicht kleiner war der Auftrag, und zwar in fünfzehnminütigen Performances. Die neun besten Gruppen aus den Regionen zeigten am Sonntag ihre Arbeiten im Berliner Maxim-Gorki-Theater (noch zu sehen in Frankfurt/Main am 20. Februar).
Es wurden vier spannende Stunden, die peinliche Minuten immer nun dann hatten, wenn die Moderatorin in den Umbaupausen das Mikro in die Hand nahm. Die Berliner Performer von „Promo sapiens” riefen denn auch Begeisterungsstürme hervor, als sie es ihr einfach nicht mehr zurückgaben und damit dem uninspirierten Blabla ein Ende setzten.
„Promo sapiens”, die wie alle Gruppen ihre Arbeiten in Zusammenarbeit mit Jugendzentren und professionellen Coaches entwickelt hatten, zeigten auch bei ihrem starken Auftritt, daß eine Gesellschaft, die sowohl im sozialen als auch im kulturellen Bereich meint, auf jugendliche Kraft und Authentizität verzichten zu können, schlecht beraten ist. Die vier 17 bis 18jährigen (drei Frauen, ein Mann - ein Verhältnis wie meist im Jugendtheater) wandeln in der Tat „den Müll medialer Zuschreibung und Einengung in eine druckvolle Akrobatik der Wut um” - wie es im Jurydeutsch hieß. Mit minimalem technischen Aufwand, dafür mit Wucht, Bushido-Zitaten und Aufschreien wie „Ich kann mein Profil nur zu 80% erfüllen!”, waren sie der End- und Höhepunkt der Schau. Und wenn man von einer Performance verlangt, daß die Spieler sich selbst und keine Figuren präsentieren, dann lösten sie dieses Versprechen, neben der ebenfallls aus Berlin kommenden Gruppe „You can come home now”, am konsequentesten ein.
„You can come home now” thematisierten das Verhältnis zweier junger, lebenshungriger Frauen als Feier der Freundschaft, einleuchtend begleitet von einem Gitarristen, Videokunst und Körperbemalung. Die Schattenseiten der Freundschaft - bei fast allen Arbeiten ein wichtiges Thema - konnte man gleich zu Beginn mit der Gruppe „F.I.E.S.” aus Frankfurt erleben: Der Name steht für ‘Freundschaft Ist Ein Scheiß’. F.I.E.S. blieben, vielleicht weil sie zu den jüngsten gehörten (14-16 Jahre), deutlich stärker TV-Formaten verbunden.
Insgesamt hatte man allerdings den Eindruck, daß es weniger die Schuld der bösen Medien als die der theaterpädagogischen Durchstrukturierung ist, welche die Beiträge manchmal ins konventionelle abgleiten ließ. Daß die Forderung nach Struktur, die ja nicht zuletzt eine nach Befriedigung von Sehgewohnheiten des Publikums, also nach Anerkennung und Erfolg ist, im Jugendtheaterbereich oft genug von den Akteuren selbst kommt, kann da kein Ausrede sein. Die Moderatorin, die unvorbereitet, eitel, anbiedernd, unverschämt und - wie ihre Fragen bewiesen - uninteressiert am Geschehen auf der Bühne war, zeigte im Gorki-Theater nur zu deutlich, daß es immer noch die Lehrer sind, die am meisten lernen müssen.
Wem es mehr um eine Ansicht dessen geht, was Jugendliche heute denken und fühlen als um professionelle Theaterarbeit, wer also mehr wirkliche Performances sehen will, muß wohl beim alle zwei Jahre ausgeschriebenen Unart-Wettbewerb die Vorausscheidungen besuchen.

junge welt vom 20.2.08 

Informationen unter www.unart.net

 

Der Existenzialist Rudolf Lorenzen und sein großer Roman “Die Beutelschneider”

Allgemein, Über Rudolf Lorenzen — admin on Februar 14, 2008 at 11:55

„Warum schreiben Sie nicht für den Film? Sie können in kurzer Zeit eine Menge Geld verdienen und dann damit aufhören und ihre Zeit dem widmen, was Sie wirklich schreiben wollen.” „Warum”, soll Henry Miller auf diese Frage geantwortet haben, „schicken Sie ihre Tochter nicht auf den Strich? Wenn sie später verheiratet ist, wird niemand den Unterschied bemerken.”
Niemand, außer der Tochter, resümierte der amerikanische Schriftsteller Charles Willeford (1918-1988), aus dessen Essay “Writing as an art”(1953) diese Anekdote stammt. An gleicher Stelle sagte Willeford das Ende der short story, der konfektionierten Erzählware für Magazine voraus. Der Trend gehe zur Fiktionalisierung von Fakten, „Bücher werden Fragmente aus Lebensgeschichten sein.”
Später arbeitete Willeford selbst für den Film, er schrieb und lektorierte Kurzgeschichten, er machte, was ein postmoderner, professioneller Künstler machen muß und machen darf: Alles - unter der Voraussetzung, daß er bei jeder Arbeit, unabhängig von Aufwand, Genre und Entlohnung sein jeweils Bestes gibt.
Willefords Arbeits- und Lebenshaltung war von Albert Camus geprägt, den Existenzialismus nannte er eine praktisch anwendbare Philosophie für den modernen Städter. Deren Prämissen lauteten: Jeder Mensch ist einzig und allein selbst dafür verantwortlich, was er ist. Sein Leben unterliegt einem Plan, dessen er sich bewußt werden muß. Die eigenen Handlungen bestimmen die Identität. Schwer zu bestreiten, daß, wer diese Regeln ablehnt oder mißachtet, in der westlichen Welt zwangsläufig scheitern muß; und zwar unabhängig davon, ob er diese Welt besser oder schlechter machen will, ob er ein Held oder ein krimineller Soziopath ist..
Rudolf Lorenzen (*1922) lebt seit einem halben Jahrhundert als aktiver und - durch seine Arbeiten für Presse, Rundfunk und Fernsehen - ökonomisch erfolgreicher Autor in Berlin-Charlottenburg. Die Produktion von short stories für Zeitungsbeilagen stellte er Mitte der achtziger Jahre mangels Abnehmern ein, eine Auswahl ist als Auftakt der Werkausgabe 2007 im Verbrecher-Verlag erschienen (”Kein Soll mehr und kein Haben”). Lorenzens Romane, ganz im willefordschen Sinne Fragmente seiner Lebensgeschichte, sind - nehmen wir die Stellung der Werke von Grass und Walser ruhig als Maßstab - unbekannt.
Zwar schrieb Sebastian Haffner 1959 zu seinem ersten Buch: “Ich bin gar nicht sicher, ob ‘Alles andere als ein Held’ nicht der beste Roman irgendeines heute lebenden deutsch schreibenden Autors ist”; zwar nannte ihn die FAZ 2002, anläßlich der Neuausgabe, einen „Schriftsteller von europäischem Rang”; und schließlich ist Rudolf Lorenzen gewiß nicht umsonst ein großer Sammler seiner selbst, er kennt den eigenen Rang ganz genau.
Es war der Mißerfolg seines zweiten, jetzt erstmals wieder zugänglichen Romans “Die Beutelschneider” (1962), der Lorenzen von der Karriere des Betriebsschriftstellers Abstand nehmen ließ. “Lieber Freund”, sagt hier Lorenzens alter ego, der Werbeberater Bruno Sawatzki, zum Abschied aus der Firma Gottfried Kockel zu einem Kollegen, „jetzt ist ihre große Stunde gekommen, und Sie können zeigen, was Sie gelernt haben. Denken Sie nur daran, mein Schemabriefsystem zu verwenden und jeden Morgen vor der Postbesprechung die beiden Indianer vom Yellowstone-River in eine Linie mit dem Säntis zu bringen. Dann kommen Sie leicht durchs Leben. Überall, wohin Sie kommen, gelten diese Regeln. Individualismus vortäuschen und schematisch handeln, Nebensächlichkeiten mit Entschlossenheit anpacken und die große Linie mit Trägheit betrachten. Das sind die Richtlinien für den direkten Weg zur Stellung eines Wirtschaftsführers.”
Die ursprüngliche Akkumulation gründet sich immer auf Gaunerei: Schon in Alles andere als ein Held hatte Lorenzen seinem an sich rettungslos passiven Helden Mohwinkel mit dieser Erkenntnis zum Erfolg verholfen. Als Tallymann unterschlägt er im Marseiller Hafen zu löschende Waren und gibt sie an einen Schwarzhändler weiter. Mit seinem Anteil verschafft sich Mohwinkel schließlich einen behaglichen Platz in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. In den Beutelschneidern ist es Sawatzkis Chef Kockel, der durch die Mischung von maßloser Aufschneiderei und Betrug an seinem Hauptauftraggeber, dem wunderbar erfundenen „Berufsverband der Schmelzstoff verarbeitenden Industrie e. V., Köln”, für ein paar Jahre aus der Gosse hochsteigt.
Daß Kockel kein besinnungsloser Werbeclown, sondern die personifizierte Miesheit und Absurdität der Außenwelt ist, vergißt Sawatzki dabei für keinen Moment und klärt seine Kollegen - nicht ohne Bescheidwisser-Attitüde - immer wieder gern darüber auf: „Die traurigen Worte hat Herr Kockel sich gut zurechtgelegt. Er sagt nichts ohne Berechnung. Er ist wütend, daß ich kündigte, und nun will er mit seiner Güte Zweifel säen. Ich soll erschüttert werden und mir sagen, daß meine Abreise ein Fehler sei. Er wünscht, daß ich ein Leben lang den Zwiespalt mit mir herumtrage. Trauen Sie Herrn Kockel nie!”
Bosheit, Betrug, zur Vollbeschäftigung aufgeblasener Leerlauf: Die Grundlagen des Wirtschaftswunders offengelegt zu haben, verzieh das zeitgenössische Publikum Lorenzen nicht. „The business of america is business”, hat Willeford unübersetzbar analysiert, der Freie Markt der alten BRD war Protektionismus und Subventionsbetrug. Daß Lorenzen in den “Beutelschneidern “diese Kennzeichnung auch auf den Markt der Meinungen ausdehnte und den Literaturbetrieb als Stipendien-Strich karrikierte, machte sein Leben gewiß nicht einfacher. Der Roman spielt am Bodensee, und der unschwer als Martin Walser zu identifzierende, keineswegs unsympathische, Großschriftsteller Bodo Redwanz weiß mindestens so gut wie Sawatzki über sein Business bescheid: „Es gibt für den Schriftsteller heutzutage drei Probleme. Erstens: Wie kommt er zu Ruhm? Zweitens: Wie kommt er zu Geld? Drittens: Wie tarnt er seine Absichten, zu Ruhm und zu Geld zu kommen? Für die Lösung des dritten Problems erfand er das Thema ‘Die Verantwortung des Schriftstellers’. Er erfand zur Lösung des dritten Problems auch die literarische Verbindung.” Sawatzki liefert ergänzend dazu eine kurze Geschichte der damals jüngsten deutschen Lyrik, insbesondere der Grassschen, von „Stalingrad/Kamerad” über „Dreck-und-Scheiße/Oder-Neiße” bis zu „Katz-und-Hund/Kindermund.”
Bei der Gruppe 47 also hat Rudolf Lorenzen sich nie umgetan. Als hätte er den Generationsgenossen Willeford gelesen, wußten er und sein Held Sawatzki, daß „unangenehme Situationen ausnahmslos aus der Verbindung mit anderen Menschen entstehen”. Sawatzki bleibt ein Nomade, ein Single, ein praktischer Existenzialist. Albert Camus hat dem Menschen drei Wahlmöglichkeiten gelassen: Ehe mit Vierzig-Stundenwoche, Revolver oder die Kunst. Während man von Sawatzki annehmen darf, daß er irgendwann sich oder einen Gottfried Kockel erschießen wird, hat Rudolf Lorenzen ein bedeutendes Werk geschaffen, zu dessen Bewunderern nicht zuletzt Jörg Fauser zählte, dessen Hauptwerk “Rohstoff” bis in bestimmte Stilismen von der Lorenzenschen Prosa inspiriert ist.

Erschienen in junge welt vom 9.2.08

Rudolf Lorenzen
Die Beutelschneider
Roman
Verbrecher Verlag, 2007
416 Seiten
24 €

In der Werkausgabe bereits erschienen:

Alles andere als ein Held
Roman
Verbrecher Verlag, 2007
688 Seiten
28 €

Kein Soll mehr und kein Haben
Erzählungen
Verbrecher Verlag, 2006
13 €

Charles Willeford
Wrting & and other bloodsports
Dennis McMillan Publications
Tucson, 2000

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