„Best of Unart”- Junge Performer im Maxim-Gorki-Theater

Allgemein — admin on Februar 20, 2008 at 13:05

„Ich wußte, der Junge verarscht uns”, sagen die harten Cops im Jodie-Foster-Film „Die Fremde in dir”, als sie das Phantombild einer gesuchten Mörderin vorgelegt bekommen: Es ist Jennifer Aniston. Tja, sagt die Zeichnerin kulturkritsch, das Gehirn von unter zwanzigjährigen sei eben so mit medialen Bildern verstopft, daß selten etwas Brauchbares herauskäme.
Das von Stadttheatern und einer Bank-Stiftung ins Leben gerufene Unart-Performance-Festival soll den Gegenbeweis antreten. Bei dem für Berlin, Hamburg und Rhein/Main ausgeschriebenen Wettbewerb wollte man es vermeiden, Etabliertes auf niedrigerem Niveau nachzuformen. Das Theater neu zu erfinden, nicht kleiner war der Auftrag, und zwar in fünfzehnminütigen Performances. Die neun besten Gruppen aus den Regionen zeigten am Sonntag ihre Arbeiten im Berliner Maxim-Gorki-Theater (noch zu sehen in Frankfurt/Main am 20. Februar).
Es wurden vier spannende Stunden, die peinliche Minuten immer nun dann hatten, wenn die Moderatorin in den Umbaupausen das Mikro in die Hand nahm. Die Berliner Performer von „Promo sapiens” riefen denn auch Begeisterungsstürme hervor, als sie es ihr einfach nicht mehr zurückgaben und damit dem uninspirierten Blabla ein Ende setzten.
„Promo sapiens”, die wie alle Gruppen ihre Arbeiten in Zusammenarbeit mit Jugendzentren und professionellen Coaches entwickelt hatten, zeigten auch bei ihrem starken Auftritt, daß eine Gesellschaft, die sowohl im sozialen als auch im kulturellen Bereich meint, auf jugendliche Kraft und Authentizität verzichten zu können, schlecht beraten ist. Die vier 17 bis 18jährigen (drei Frauen, ein Mann - ein Verhältnis wie meist im Jugendtheater) wandeln in der Tat „den Müll medialer Zuschreibung und Einengung in eine druckvolle Akrobatik der Wut um” - wie es im Jurydeutsch hieß. Mit minimalem technischen Aufwand, dafür mit Wucht, Bushido-Zitaten und Aufschreien wie „Ich kann mein Profil nur zu 80% erfüllen!”, waren sie der End- und Höhepunkt der Schau. Und wenn man von einer Performance verlangt, daß die Spieler sich selbst und keine Figuren präsentieren, dann lösten sie dieses Versprechen, neben der ebenfallls aus Berlin kommenden Gruppe „You can come home now”, am konsequentesten ein.
„You can come home now” thematisierten das Verhältnis zweier junger, lebenshungriger Frauen als Feier der Freundschaft, einleuchtend begleitet von einem Gitarristen, Videokunst und Körperbemalung. Die Schattenseiten der Freundschaft - bei fast allen Arbeiten ein wichtiges Thema - konnte man gleich zu Beginn mit der Gruppe „F.I.E.S.” aus Frankfurt erleben: Der Name steht für ‘Freundschaft Ist Ein Scheiß’. F.I.E.S. blieben, vielleicht weil sie zu den jüngsten gehörten (14-16 Jahre), deutlich stärker TV-Formaten verbunden.
Insgesamt hatte man allerdings den Eindruck, daß es weniger die Schuld der bösen Medien als die der theaterpädagogischen Durchstrukturierung ist, welche die Beiträge manchmal ins konventionelle abgleiten ließ. Daß die Forderung nach Struktur, die ja nicht zuletzt eine nach Befriedigung von Sehgewohnheiten des Publikums, also nach Anerkennung und Erfolg ist, im Jugendtheaterbereich oft genug von den Akteuren selbst kommt, kann da kein Ausrede sein. Die Moderatorin, die unvorbereitet, eitel, anbiedernd, unverschämt und - wie ihre Fragen bewiesen - uninteressiert am Geschehen auf der Bühne war, zeigte im Gorki-Theater nur zu deutlich, daß es immer noch die Lehrer sind, die am meisten lernen müssen.
Wem es mehr um eine Ansicht dessen geht, was Jugendliche heute denken und fühlen als um professionelle Theaterarbeit, wer also mehr wirkliche Performances sehen will, muß wohl beim alle zwei Jahre ausgeschriebenen Unart-Wettbewerb die Vorausscheidungen besuchen.

junge welt vom 20.2.08 

Informationen unter www.unart.net

 

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