Aus den Archiven: Niemals ohne Vechta - über Rolf Dieter Brinkmann

Allgemein, Über Jörg Fauser — admin on Februar 12, 2008 at 13:04

Erster Frühlingssontag im Berliner Tierpark Friedrichsfelde: Enorme Häßlichkeit alles Belebten und Unbelebten, Zerstörte Landschaft mit Konservendosen. Die Tiere torkeln schmutzig herum im grausamen Sonnenschein, die Frauen tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Open 24 hours“, ihre Kinder heißen „Dastn“, „Tscheesn“ oder „Keffn“ (statt wie einst Rolf und Dieter), ihre Namen sind von Geburt an mit Ausrufezeichen versehen. Nicht schwer, an solchem Ort elitäre Rückzugs-, augenblickweise faschistische Vernichtungsphantasien zu entwickeln: Wer hat gesagt, daß sowas Leben/ ist? Ich gehe in ein/ anderes Blau. (GEDICHT, Westwärts 1&2)
Und in der Tat genügt eine stille Viertelstunde auf dem Zentralspielplatz der Einrichtung, um die Dinge anders zu sehen: Kein Elterngebrüll, keine Schläge; nach harter Arbeit oder Hartz IV aussehende Väterpakete, die engagiert bis erduldend ihre Sprößlinge schaukeln; Mütter mit Solariumsdauerkarte, die kettenrauchend den ermüdenden Monologen ihrer pubertierenden Töchter zuhören. Daraus ergibt sich weder Grund noch Gelegenheit zum Fraternisieren, keine Idylle und keine Hölle, es ist einfach ein friedlicher Mittag mitten in der Stadt, mit den verschiedenen/ Mittagessengerüchen im Treppenhaus. Die Fahrräder/ stehen im Hausflur, abgeschlossen, neben/ dem Kinderwagen, kein Laut ist zu hören.(OH, FRIEDLICHER MITTAG, in: Westwärts 1&2)
Daß es in Rolf Dieter Brinkmanns Werk wesentlich darum geht, einer grundkaputten Welt schöne Augenblicke zu entreißen, mag den meisten, klassischerweise und manchmal für immer, zwanzigjährigen Erstkonsumenten nicht einleuchten. Es ist auch durchaus verständlich und verlockend, den Dichter, der einen gut bezahlten Lehrauftrag aufgab wegen Häßlichkeit d. Studenten, vor allem als stellvertretend amoklaufenden Saubermann inmitten der Könige des Drecks des Alptraums BRD zu lieben; aber genau so wollte ihn halt auch der Betrieb: Als der 1940 in Vechta geborene Brinkmann zweiundzwanzigjährig in einer von Dieter Wellershoff herausgegeben Anthologie debütierte, war gerade die Planstelle ‚Lyrischer Rebell‘ frei, ein Posten, um den sich noch viele - und vergeblich – bewarben.
Zu Lebzeiten bedachte man Brinkmann 1964 mit dem „Förderpreis des Landes Nordrhein- Westfalen“ (6 Tausend DM, Briefe an Hartmut), man lud ihn 1969 zur Lesung in die Berliner Akademie der Künste, wo er mit Worten im Konditional auf seinen Förderer Reich-Ranicki schoß, er war Mitarbeiter des März – Verlags („Acid“, 1969) und schrieb für den WDR, 1971 gab es wieder ein Landesstipendium, 1973 las er beim Steirischen Herbst, man schickte ihn 1972/73 in die römische Villa Massimo, 1974 als Gastlektor an die Uni Austin, Texas, und schließlich wurde er 1975 zum 1. International Poetry Festival in Cambridge eingeladen, - und darauf, auf diese erfolgreiche Betriebszugehörigkeit war Brinkmann programmatisch unbescheiden stolz, was sich nicht klarer aussprechen läßt als mit seinem 1974er Statement Bruch mit der offiziellen Literaturszene der BRD seit 1970 (Briefe an Hartmut) – und wer hier einen Widerspruch sieht „muß sofort zum Arzt“ (R. Goetz).
Dann kam der 23. April 1975, sieben Tage nach seinem fünfunddreißigsten Geburtstag. In Cambridge hatte er Gedichte aus dem Band Westwärts 1&2 vorgestellt, der fertig bei Rowohlt lag, aber noch nicht erschienen war. Pierre Joris, einst Pseudo-London-Korrespondent der von Jörg Fauser gemachten ZOOM-Gazette, erinnert sich: „Ich übersetzte damals noch Celan und hatte in Cambridge eine hitzige Diskussion mit Brinkmann. Er hielt es für völlig überholt, noch Celan zu lesen, der sei nicht mehr relevant, nicht zeitgemäß…Und er ließ auch keins meiner Argumente gelten. Er war da so stur. Wirklich völlig stur, bis er sagte: ‚Bin doch Norddeutscher‘. Stunden nach unserem Gespräch kostete ihn diese Sturheit das Leben: dass er eben nur schnurstracks geradeaus ging und nicht nach links und rechts schaute. Es war ein Spiegel, Mann!… der Seitenspiegel eines Taxis erwischte ihn im Gesicht. Keine Wunde, kein Blut, es war gespenstisch. Dann mußte seine Frau, nun Witwe, benachrichtigt werden. Sie kam, und ich half ihr mit den Papieren für die Überführung der Leiche – was sehr penibel durchgeführt werden mußte, und dann noch in der Deutschen Botschaft, die wie ein Bunker war, war das doch noch die Zeit der Baader-Meinhof-Psychose…“ (In: Penzel/Waibel: Jörg Fauser, Rebell im Cola-Hinterland, Edition Tiamat, 2004).
Wie es Brinkmann im Vorwort von Westwärts 1&2 vorhergesagt hatte, machten alle mit allem weiter. Das Buch erschien, wurde ein Klassiker - gerade neu aufgelegt, nach 30 Jahren dann doch noch in der vom Autor gewünschten Fassung. Postum bekam er den Burda-Petrarca-Preis. Regelmäßig erschienen Nachlaßbände, mit Rom, Blicke als dem berühmtesten. Brinkmanns Italienbild „engstirnig“ zu nennen – wie man es in Analogie zu Johann Gottfried Herders ebenso herrlich schlechtgelaunten Romdokumenten getan hat -, ist schmeichelhaft und verfehlt zugleich. Wenn ein u. a. mit der Marke „Neuer Realismus“ versehener, angeblich fotografisch genau operierender Schriftsteller fast alle italienischen Wörter schlicht falsch schreibt (Tabacci statt Tabacchi; Marcelleria statt Macelleria, Fredo satt freddo, Buena sera satt Buona sera: dies nur Beispiele aus den Westwärts 1&2 - Gedichten Hymne auf einen italienischen Platz und Canneloni in Olevano !), dann muß man wohl sagen, daß er seine innere Erstarrung namens Vechta/BRD nie ganz auflösen konnte, es sei denn, es geschieht ein Wunder: für einen Moment eine / Überraschung, für einen Moment / Aufatmen, für einen Moment / eine Pause in dieser Straße, / die niemand liebt und atemlos / macht, beim Hindurchgehen. Ich / schrieb das schnell auf, bevor / der Moment in der verfluchten / dunstigen Abgestorbenheit Kölns / wieder erlosch. (EINEN JENER KLASSISCHEN, Westwärts 1&2)
Es sind solche Gebilde, die Jörg Fauser 1979 in seiner Schwabinger Klause schreiben ließen, „ich bin sehr fasziniert von dem Brinkmann-Buch, das war ein ganz eigenartiger und erstaunlicher und wirklich künstlerischer Mensch.“ Ein paar Monate später kam er nach brieflicher Zwiesprache mit seinem Vater zu dem Schluß: „Was Brinkmann angeht sind wir ziemlich d’accord. Ein armer begabter Hund ohne eigentlichen Überblick.“ Fauser hatte da schon länger begriffen, daß arm zu sein – wie Brinkmann es sein Leben lang war –, sich also dem Subventionsbetrieb und seinen Erniedrigungen ausliefern zu müssen, für einen „wirklich künstlerischen Menschen“ der gerade Weg in den Untergang ist. Wie Brinkmann wollte er ein großer deutscher Schriftsteller werden und wie bei Brinkmann war nicht jeder Preis dafür verhandelbar. Diese mutige, diese eigentlich einzig angemessene Haltung, hat den radikal-schönsten Autoren der Generation (Fauser, Brinkmann, Vesper, Schultz-Gerstein, Eike Geisel, zuletzt noch Lothar Baier und viele andere) einen zu frühen Tod eingebracht und Nachruhm nur in genau kalkulierten Häppchen.
Daß Brinkmann davon den größten Batzen abbekommt, geht völlig in Ordnung; daß seine Witwe, wie man hört, gegen kleine Verlage vorgeht, die mit ihren Publikationen wesentlich dazu beitragen, Brinkmanns Werk auch jenseits einer offiziellen Erinnerungsindustrie lebendig zu halten, wirkt da einigermaßen kleinlich - nicht weil Brinkmann unser aller wäre, sondern weil er doch nichts sehnsüchtiger als offen sein, die Grenze überqueren und den Graben schließen wollte.

Der Artikel erschien im April 2005 in der “jungen welt” - am 23. April 1975 starb Rolf Dieter Brinkmann, am 16. April 2005 wäre er 65 geworden -, ist allerdings nicht über das online-archiv verfügbar.

Alle kursiv gesetzten Zitate aus:
Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2, Rowohlt, 1975(1982), 15. - 16. Tausend.
Rolf Dieter Brinkmann: Briefe an Hartmut [Schnell], Rowohlt, 1999.

Neuerscheinungen zum 30.Todestag:
Westwärts 1&2, Neuausgabe, 188 S., Tb, € 9,50
Westwärts 1&2, Erweiterte Neuausgabe, 384 S., HC, € 29,90
Wörter Sex Schnitt, 5 Audio-CDs, Intermedium records, München 2005, 49,90 €

Der 19. Spieltag

Allgemein, Sportjournalismus — admin on Februar 12, 2008 at 09:52

www.taz.de/1/debatte/kolumnen/artikel/1/wenn-der-samstag-zum-oxymoron-wird/?src=AR&cHash=baaca81328

Karl Valentin im Martin-Gropius-Bau

Allgemein, Bavarica — admin on Februar 4, 2008 at 10:01

http://http://www.jungewelt.de/2008/02-04/020.php

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