Fußballväter

Sportjournalismus — admin on März 31, 2008 at 11:07

 Wie immer war die Sache 10:9 ausgegangen, beim Väter und Söhne verbindenden Sonntagskick auf dem Lausitzer Platz. Die Älteren hatten versucht, ihre Kinder mit Pässen in die Gasse in Szene zu setzen, hielten sich selbst beim Abschluß zurück. Wenn es dann aber 9:9 stand, geschah es immer, dass das Spiel einen erwachsenen Ernst bekam, der Kampf um das letzte, entscheidende Tor dauerte manchmal länger als der ganze lockere Kick davor.

Nun saßen die Väter, die sich durch die Vereinsmannschaft ihrer Söhne kannten, erschöpft in einer Ecke des Fußballkäfigs, unter einer ersten warmen Märzsonne. In dieser postmartialischen Stimmung wandte sich Kollege U. an mich: „Sag mal, du kennst dich doch aus: Mein Sohn ist Bayern-Fan, was kann man da machen?“ ‘Wie, machen?’, dachte ich, ist doch in Ordnung! Aber das war es natürlich nicht, was U. hören wollte. Ich streckte mich also genüßlich und sprach: „Tja, einer muß den dreckigen Job eben übernehmen.“ Ein stiller Schmerz huschte über U.s Gesicht. Und auch ich selbst war mit dieser Antwort nicht glücklich, denn den Zynismus als Lebenshaltung habe ich überwunden, als ich vor acht Jahren ein blutiges, schreiendes Bündel von seiner Mutter abnabelte.

Ich überlegte. Ich war aufgewachsen in Hörweite des Münchner Olympiastadions. Nachts lag ich im Stockbett, die Scheinwerfer des Fernsehturms warfen bizzarre Muster an die Zimmerdecke. Als ich Bayern-Fan wurde, gab es nichts zu jubeln, Ende der 1970er Jahre war der FCB im Mittelmaß versunken. Ich wurde ein Roter aus Opposition zu meinem Vater, der ein Blauer war. Er erzählte mir, dass die Vögel über dem Stadion abstürzten, wenn Bayern spielte, weil sie sich die Augen zuhielten. Ich glaubte ihm und schaute im Stadion mehr in den Himmel als auf den Platz. So ein Kind war ich, ein bißchen zurückgeblieben, linker Verteidiger beim TSV Milbertshofen. Kein Tor in einem Punktspiel, einmal den Sohn vom Beckenbauer grob gefoult, kein Elfer, keine Karte - mein größter Erfolg als Vereinsfußballer. Gyula Lorant, der damalige Bayern-Trainer, machte mir Angst. Von dem stammt der Tip, mit der Eckfahne aufs Knie zu hauen, wenn der Meniskus rausgesprungen ist. Als es in den Achtzigern wieder aufwärts ging mit Bayern, war ich schon zu Skiabfahrt und Tennis übergewechselt. Aus dem Verein war ich raus, spielte aber jeden Tag in so einem Käfig wie diesem hier mit den griechischen und türkischen Nachbarskindern. Endlich war es vorbei mit der öden Manndeckerei. Ich schoß jedesmal ein paar Tore, lernte Tricks, für die man im Verein von den Alkoholikervätern am Spielfeldrand immer nur ein ‘Nicht fummeln’ zugeschrieen bekommen hatte. Beim Tip-Top war ich nun immer einer der ersten, die gewählt wurden. Dem FC Bayern ging es von nun an gut und mir auch. Und wegen mir konnte das ruhig so bleiben.

Ich kann dir nicht helfen“, sagte ich zu U. Nun drängten die Söhne auf eine Revanche. Es galt aufzustehen, Tip-Top zu machen, wieder die entscheidenden Pässe in die Gasse zu spielen und beim 9:9 die letzten Kräft zu mobilisieren – eben sich der Dinge anzunehmen, auf die man noch Einfluß hatte.

gekürzt in taz vom 31.3.08

Heute im Deutschlandfunk: Peter O. Chotjewitz im LCB

Allgemein — admin on März 29, 2008 at 15:01

Und was nun eigentlich er gemacht habe, als sein Freund und Mandant Andreas Baader in Wort und Tat zum bewaffneten Kampf überging, fragt die Moderatorin Maike Albath zum Ende von zwei nie langweiligen Stunden Lesung und Gespräch den Schriftsteller Peter O. Chotjewitz. Der steckt die Daumen hinter seine roten Hosenträger und spricht: „Am Schreibtisch gessessen, alles gelesen. Und heute habe ich ein Riesenarchiv.“ Was so passiv erscheinen mag, ist unser Glück. Denn mit „Mein Freund Klaus“ hat Chotjewitz nicht nur einen ästhetisch avancierten Roman vorgelegt, sondern auch eines der raren Bücher zum Thema 68 ff., die im Regal zu haben lohnt (siehe jw-Literaturbeilage vom 12.12.07).

Am Dienstagabend stellte er seine Suche nach dem verstorbenen Freund Klaus Croissant im Berliner Literarischen Colloquium vor. Die Diskussion mit den Schriftstellern Tanja Dückers und Jochen Schimmang war vor allem deswegen so fruchtbar, weil an diesem Abend überhaupt einmal frei darüber gesprochen werden konnte, was hochintelligente und moralisch sensible Menschen dazu gebracht hat, die Waffe in die Hand zu nehmen. Was Croissant nie getan habe, stellte Chotjewitz klar, nicht mal ein „Bömble“ habe er gelegt. Und nur deswegen habe er über ihn schreiben können. Sich einzufühlen, was im Kopf, gar in der Seele von Andreas Baader vorgegangen sei, wäre ihm viel schwerer gefallen. Klaus Croissant war Jurist, Bonvivant, Radikaldemokrat, Antifaschist, RAF-Anwalt, „eine der am stärksten mystifizierten Personen der Zeit“ (Schimmang) - alles Wahrheiten und Zuschreibungen, die mehr oder weniger auch auf Chotjewitz selbst zutreffen.

Für Irritationen sorgte auch an diesem Abend die Hinwendung des von der Justiz zermürbten Croissant zur DDR und seine Zusammenarbeit mit der Stasi in den achtziger Jahren. Tanja Dückers stellte klar, daß sie als gebürtige Westberlinerin kein Fan der DDR gewesen sei, mit Andersdenkenden sei man dort auch nicht gerade glimpflich umgegangen. Croissant war allerdings nicht der einzige, den das Scheitern einer radikalen Opposition in Westdeutschland nach Osten blicken ließ. In den achtziger Jahren, nach der Erfahrung der gnadenlosen Repression und mit dem Gefühl gesellschaftlichen Stillstands, war für nicht wenige, auch junge Linke und Künstler in der BRD die DDR plötzlich zu einem Ort geworden, den man zumindest mit Interesse und Unvoreingenommenheit betrachtete – Ronald M. Schernikau hat davon in seinem Buch „Die Tage in L.“ exemplarisch erzählt. “Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“, beschließt Chotjewitz mit Wittgenstein seinen Roman. Daß man über die RAF kitschfrei sprechen kann, ohne zu verschweigen, daß eine ‘Hanns-Martin-Schleyer-Halle’ etwas „groteskes“ (Schimmang) ist, lohnt sich anzuhören.

Eine Aufzeichnung sendet der Deutschlandfunk am 29. März 2008 um 20.05 Uhr

Peter O. Chotjewitz

Mein Freund Klaus

Überarbeitete Neuausgabe

Verbrecher Verlag, 2008

erschienen in junge welt

Zu Leipzig auf der Messe: 1000 Jahre 68

Allgemein — admin on März 27, 2008 at 10:15

http://www.jungewelt.de/2008/03-17/012.php?sstr=leipzig

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