Heute im Deutschlandfunk: Peter O. Chotjewitz im LCB

Allgemein — admin on März 29, 2008 at 15:01

Und was nun eigentlich er gemacht habe, als sein Freund und Mandant Andreas Baader in Wort und Tat zum bewaffneten Kampf überging, fragt die Moderatorin Maike Albath zum Ende von zwei nie langweiligen Stunden Lesung und Gespräch den Schriftsteller Peter O. Chotjewitz. Der steckt die Daumen hinter seine roten Hosenträger und spricht: „Am Schreibtisch gessessen, alles gelesen. Und heute habe ich ein Riesenarchiv.“ Was so passiv erscheinen mag, ist unser Glück. Denn mit „Mein Freund Klaus“ hat Chotjewitz nicht nur einen ästhetisch avancierten Roman vorgelegt, sondern auch eines der raren Bücher zum Thema 68 ff., die im Regal zu haben lohnt (siehe jw-Literaturbeilage vom 12.12.07).

Am Dienstagabend stellte er seine Suche nach dem verstorbenen Freund Klaus Croissant im Berliner Literarischen Colloquium vor. Die Diskussion mit den Schriftstellern Tanja Dückers und Jochen Schimmang war vor allem deswegen so fruchtbar, weil an diesem Abend überhaupt einmal frei darüber gesprochen werden konnte, was hochintelligente und moralisch sensible Menschen dazu gebracht hat, die Waffe in die Hand zu nehmen. Was Croissant nie getan habe, stellte Chotjewitz klar, nicht mal ein „Bömble“ habe er gelegt. Und nur deswegen habe er über ihn schreiben können. Sich einzufühlen, was im Kopf, gar in der Seele von Andreas Baader vorgegangen sei, wäre ihm viel schwerer gefallen. Klaus Croissant war Jurist, Bonvivant, Radikaldemokrat, Antifaschist, RAF-Anwalt, „eine der am stärksten mystifizierten Personen der Zeit“ (Schimmang) - alles Wahrheiten und Zuschreibungen, die mehr oder weniger auch auf Chotjewitz selbst zutreffen.

Für Irritationen sorgte auch an diesem Abend die Hinwendung des von der Justiz zermürbten Croissant zur DDR und seine Zusammenarbeit mit der Stasi in den achtziger Jahren. Tanja Dückers stellte klar, daß sie als gebürtige Westberlinerin kein Fan der DDR gewesen sei, mit Andersdenkenden sei man dort auch nicht gerade glimpflich umgegangen. Croissant war allerdings nicht der einzige, den das Scheitern einer radikalen Opposition in Westdeutschland nach Osten blicken ließ. In den achtziger Jahren, nach der Erfahrung der gnadenlosen Repression und mit dem Gefühl gesellschaftlichen Stillstands, war für nicht wenige, auch junge Linke und Künstler in der BRD die DDR plötzlich zu einem Ort geworden, den man zumindest mit Interesse und Unvoreingenommenheit betrachtete – Ronald M. Schernikau hat davon in seinem Buch „Die Tage in L.“ exemplarisch erzählt. “Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“, beschließt Chotjewitz mit Wittgenstein seinen Roman. Daß man über die RAF kitschfrei sprechen kann, ohne zu verschweigen, daß eine ‘Hanns-Martin-Schleyer-Halle’ etwas „groteskes“ (Schimmang) ist, lohnt sich anzuhören.

Eine Aufzeichnung sendet der Deutschlandfunk am 29. März 2008 um 20.05 Uhr

Peter O. Chotjewitz

Mein Freund Klaus

Überarbeitete Neuausgabe

Verbrecher Verlag, 2008

erschienen in junge welt

0 Comments

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Leider ist die Kommentarfunktion zur Zeit deaktiviert.

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel