Prekär, Prekär!

Allgemein — admin on Mai 16, 2008 at 09:02

 Die Geschichte, wie ich 1996 zum nicht hysteriefreien Höhepunkt der lokalen Marburger PC- Debatte Diedrich Diederichsens frisch erschienenes Standardwerk „Politische Korrekturen“ (KiWi) im Buchladen „Roter Stern“ erwarb, um es umgehend in der Mensa liegen zu lassen; wie ich Stunden später zähneknirschend und verschwitzt an diesen Unort zurückeilte, um mir wenigstens selbst erzählen zu können, ich hätte alles versucht, die 18,80 DM teuren 190 Seiten zurückzuerlangen; wie das Buch, das Schicksal zahlloser Flyer teilend, unberührt im Raucherzimmer lag: Diese Geschichte, könnte ich sagen, habe ich hiermit erzählt.

Was fehlt ist irgendein - beliebig herausgegriffener - Satz aus diesem Buch, zum Beispiel: „Der beginnende Wahlkampf in den USA nutzte die Gunst der Stunde und griff die vor die Füße gespielten Themen dankbar auf.“ Und die Moral fehlt, die da lautet: Aus dieser Geschichte habe ich nichts gelernt.

Zwölf Jahre später sitze ich mit drei Schauspielern am Küchentisch, ein Arbeitstreffen. Vor nicht allzulanger Zeit nannte man sowas noch ‘Projektetreffen’, aber das Wort ‘Projekt’ - da sind sich die Schauspieler einig - ist also sowas von durch, das geht ga-ar nicht.

 Sie sagen das nach Schauspielerart mit Emphase und in einer Lautstärke, daß ich Beschwerden der Nachbarn fürchte.
Zwei der Schauspieler sind Schüler der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, einer ostberliner Institution, vor der ich großen, wenn nicht übertriebenen Respekt habe. Der dritte ist ein alter Freund, umtriebiger OFF-Profi, der inzwischen auch manch mittelgroßes Haus rockt.

Wir reden über ein Stück, das im erweiterten Stehausschank-Milieu spielen soll. Erweitert, denn: Sind wir nicht alle ein bißchen Stehaussschank? Kotzt unsere Armut uns nicht an? Und trinken wir sie nicht so oft weg, daß wir die Selbsttestbroschüren mit den einschlägigen Fragen („Haben sie manchmal das Gefühl, daß Sie zu viel Alkohol trinken?“) heimlich einstecken, sie nachts am Küchentisch lesen und nach der dritten mit „Ja“ beantworteten Frage in den Müll schmeißen?

 Die aktuelle Frage an meinem Küchentisch ist aber die uralte Was-hat-das-mit-mir-zu-tun-Schauspielerfrage. Ich weiß es auch nicht. Aber dann sage ich, naja, klar sind wir das da am Tresen - das Prekariat halt. Schweigen. Schauspieler über einen längeren Zeitraum zum Schweigen zu bringen ist ja das schwerste überhaupt. Die Schauspieler an meinem Küchentisch sind lustige, tüchtige, kritische Hauptstadtschauspieler; und also fragen sie nach der ersten Verblüffung sofort nach, Prekar-was? Was ist das? Ich stutze. Prekariat, prekär, prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse - nein? Nie gehört? Nein. Nein. Nein. Erklär! (Lass ich hier weg).

Von nun an geht es hoch her in meiner Küche - bald wird wirklich der Nachbar klingeln: Jeder Schauspielersatz beginnt mit einem munteren „dieses geile Prekariatsding“ oder schließt bedeutungsvoll mit „prekär, prekär“.

Dann gehen die Schauspieler gut gelaunt nach Hause. Ich gehe ins Internet. 94.200 Googleergebnisse für „Prekariat“, 1.700.000 für „Luca Toni“. Hm. Trotzdem, ich meine, mein alter OFF-Freund, ok – aber Ernst-Busch-Schüler ohne Prekariatskenntnisse! Wie ist das möglich? In welcher Zeit lebe ich, leben sie, leben wir? Bin ich der einzige autoritär-geschädigte Depp, in dessen Schädel sich diese saisonalen Debatten und ihre Schlagwörter festsetzen, umgeben von scheinengagierten Studenten und ununterrichteten Schauspielern? Und warum gehen die dann gut gelaunt nach Hause und ich sitze hier verwirrt am Rechner?

Es geht mir, hätte man früher gesagt, nicht gut mit diesen Fragen.

erschienen in junge welt vom 15.5.08

 

 

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