Letzte Ausfahrt Bayern München-Was von den Klinsmann-Jungs noch zu erwarten ist

Bavarica, Sportjournalismus — admin on Mai 22, 2008 at 11:11

Von Institutionen zunächst mal fairen Stil und transparente Vorgehensweise zu erwarten, ist in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich naheliegend. Wenn’s schiefgeht, gilt der Vertrauensvorschußgeber allerdings schnell als naiver Idiot, bestenfalls verweist man ihn noch auf den Beschwerde- oder gleich auf den Rechtsweg.

In der „Leistungsgesellschaft“ (Jogi Löw), in der wir aber leben, ist auch dieses Recht nicht gegeben: Timo Hildebrand konnte am vergangenen Freitag nach seinem Rauswurf aus der Nationalmannschaft nicht mal mehr sprechen. Im Telefonat mit dem Überbringer der deprimierenden Nachricht, Bundestorwarttrainer Andreas Köpke, „schrie nur die Stille“ (SZ) und nach gut einer Minute derselben legte Hildebrand einfach auf. Erst am Wochenende, liest man weiter im Artikel von Ronald Reng, fand er die Sprache im Kreis der Vertrauten, zu denen Reng offenbar gehört, wieder. Öffentlich will er sich nicht äußern.

Warum auch? Man hat ihn klassisch ausmanövriert, wenn auch nicht ganz so mies wie weiland Oliver Kahn, der, von Werbeverträgen geknebelt, dann mitfahren mußte, in die Jugendfreizeit WM 2006.

Nun kann einem das Nationalschicksal eines mittelmäßigen Profitorwarts egal sein. Man möchte Hildebrand ein Gespräch mit Klaus Augenthaler empfehlen, der oft lieber angeln ging als seine Freizeit in den Stadien Georgiens oder San Marinos zu verbringen.

Daß die Klinsmann-Jungs bei jeder Gelegenheit ihre dicken Managereier zeigen - wobei sie bisher außer einem höchst glücklichen 3. Platz bei einer WM vor eigenem Publikum keine Erfolge vorzuweisen haben - , daran hat man sich auch schon gewöhnt.

Interessant wird es, wenn bei der bevorstehenden EM, wo viele Partien wiederum Heimspielcharakter haben, ein weiteres Mal außer exorbitanten Spesen nichts übrigbleibt. Das Modell Klinsmann - “diesem schwäbischen Dingsbums“ und „linken Schleimer“ (Sepp Maier) - hätte dann nach all dem rhetorischen Hochgepitsche und eso-liberalen Getue nur noch eine, die letzte Gelegenheit, wirklich einmal Erfolge zu bringen – und das ausgerechnet beim FC Bayern.

Daß ein Demichelis, ein Lúcio, ein Van Bommel, gar ein Ribéry oder Toni die verdruckste Angebertour mitmachen werden, mag ich mir nicht vorstellen. Und zwar deswegen, weil ich in ihnen keine ängstlichen Jungs, sondern lebenserfahrene Persönlichkeiten sehe, die wissen, daß der miese Umgang mit einem Kollegen sie schon deswegen nicht gleichgültig lassen kann, weil nur alluzubald sie selbst der systematischen Hinterhältigkeit des Klinsmannschen Wesens zum Opfer fallen könnten.

Daß dabei mein Vorschußvertrauen für den FCB mindestens so groß ist wie das zu den demokratischen Institutionen, ist mein Privatvergnügen. Ob Klinsmann mehr bewegen wird als die Schließung der Vereinsgaststätte und die Einführung des 8-Stunden-Tags für Fußballprofis, wird sich im Viertelfinale der Champions League 2008/09 zeigen. Sollte hier, wie in den Jahren zuvor, bei Bayern erneut Schluß sein, wird Klinsmann sich wohl wieder verabschieden - und den nicht minder unangenehmen Rummenigge bitte gleich mitnehmen. Hoffentlich hat Uli Hoeneß dann noch genug Geld auf dem Festgeldkonto, um einen richtigen Trainer zu engagieren. Ich rede nicht von Matthäus. Ich rede von Marcello Lippi.

Eine aktualisierte Fassung in junge welt vom 21. 5.08

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