Lesung 17.9.08: Im Mischwald ein Verbrecher

Allgemein — admin on September 12, 2008 at 08:59

Lesung im Wirtshaus Max und Moritz, Oranienstraße 162, Berlin Kreuzberg, 20:00Uhr
Eintritt frei

Thomas Kapielski (geb. 1951) und Ambros Waibel (geb. 1968): Lautsprecher&Leisetöner; Erfolgsschriftsteller und Geheimtipp in einer Lesung. Beide sind Akademiker und das prägt ihre Texte - sie sind schlaue Humoristen, die der Ödnis der Welt einen paradoxen Gegenentwurf überstülpen.

Thomas Kapielski, Vortragskünstler & Gesamtluftwerker, hat seit den 80er Jahren eine bemerkenswerte Berliner Karriere hingelegt - wie Funny van Dannen, sein alter Weggefährte. Gleiche Kleinverlage (Maas, Kramer), gleicher Durchbruch (Zweitausendeins). Vom stadtbekannten Tunichtgut zum kleinen Bestseller. Er schreibt über Offenbarungseide, Gottesbeweise, Sozialmanierismen, Kaschemmenschutz (”Goldener Hahn”), Kunst & wie sie peinlich ist, das Ende der Philosophie & ihre Neuschöpfung aus einem leeren Glas & mediale Antipräsenzen. Bis zum Gastprofessor für Performance in Braunschweig hat er es damit zeitweilig gebracht. Schwadronierer, Humor der grotesken Art oder eine poetische Sprache, die “angestrengt, aufgeschwemmt und anbiedernd witzelnd ist”, wie ihm 1999 in Klagenfurt attestiert wurde. Dieser Mensch kann auf Kleingeister verzichten. Alles wartet auf sein neues Buch “Mischwald” bei Suhrkamp. Der Herr ist auch sehr erfolgreicher NIX-Künstler und Musiker u.a. im Oberkreuzberger Nasenflötenorchester.

Ambros Waibel arbeitet als Autor, Journalist und Übersetzer in Berlin. Seine Erfolgsspur liest sich noch anders. Der Kreuzberger Verbrecher Verlag und Tiamat sind seine Homebase. Gute Adressen, Berühmtheit wird leider oft woanders generiert. “My private BRD”, “Leben Lums”, das “Marburganderlahn”-Buch sind einige grandiose Momente seiner Arbeit. Slacker und Erfolgsbiografien, Tragik und Komik, trockener Humor und Selbstironie gehören zu seinen Texten, Rampensäue sind ihm eher fremd. Ein Highlight seines Schaffens ist die Jörg Fauser-Biografie “Rebell im Cola-Hinterland” (mit M. Penzel), die ohne Heldenverehrung einen der wichtigsten Autoren unserer Zeit würdigt.

Im Vorprogramm lesen Birgit Willschütz und Bertram Beer aus der Autorenwerkstatt Textakel: Einblicke in alkoholgeschwängerte Mikrokosmen - Zum goldenen Hahn, Heinrichplatz, Typen & Situationen.

“Gomorrha”: Matteo Garrones Verfilmung

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on September 12, 2008 at 08:51

http://www.jungewelt.de/2008/09-11/016.php

Die Natur der Liga

Sportjournalismus — admin on September 1, 2008 at 13:31

 Die Natur, liest und hört man ja immer wieder, sei der beste Designer. Dagegen sprechen weite Teile Mecklenburg-Vorpommerns, das Gesicht von Christoph Daum und die Paarungen des dritten Spieltags. Wolfsburg-Frankfurt, Karlsruhe-Köln, Stuttgart-Hannover et cetera – Spitzenspiele sehen jedenfalls auf dem Papier anders aus. Anstatt bei der Auslosung König Zufall regieren zu lassen, wäre es ja vielleicht nicht schlecht, wenigstens einen wirklichen Hammer pro Bundesligawochenende ganz unnatürlich und diktatorisch von oben festzulegen, etwa indem man auf Grundlage eines wahrscheinlich nicht unkomplizierten mathematischen Systems jeweils zumindest zwei für den Meisterschaftskampf relevante Mannschaften aufeinandertreffen ließe. Oder würde das dann irgendwie Wettmanipulationen aus dem asiatischen Raum Vorschub leisten? Und wenn schon: Nachträglich, verkündete Ligaverbandspräsident Dr. Reinhard Rauball zu vermuteten Schiebungen 2005, werde man keine Saisonergebnisse korrigieren - als sei das die natürlichste Sache der Welt, als hätten es die doch angeblich immer so unsauberen Italiener nicht anders und besser gemacht. Aber der Zwangsabstieg von Juventus Turin in Liga II war dann eben auch ein Ereignis, während ein Zwangsaufstieg des 1. FC Kaiserslautern zurück in Liga I, nun, einfach unnatürlich wäre. Aber was soll’s, zurück zum Fußball, wie der Premierekommentator sich in die deutsche Sportzuschauerseele mit treuem Augenaufschlag quasi hineinschraubend sagte, weg von diesem schmutzigen, sportfremden Treiben und rein in das Topspiel des Tages, 1999 (Gründung der GmbH) Leverkusen gegen 1899 Hoffenheim. Der eine Club gilt irgendwie als echt, der andere als Retortenmannschaft, die beiden zugehörigen Häuseransammlungen noch nie aufgesucht zu haben, gilt dagegen wohl kaum als Bildungslücke. Der jeweils anschaffende Konzern resp. Milliardär könnten ihr Geld ganz gewiß sinnvoller spielen lassen als zur Finanzierung von Clubs, die sich trotz ihrer munteren Begegnung nie in mythische Höhen emporschwingen werden, aber das wäre in einem freien Land wie dem unseren, man ahnt es schon, unnatürlich. Schön war es aber schon wie Stefan Kießling den Ball ins Tor purzelbaumte und sich danach noch nicht mal die Haare aus dem Gesicht strich, eine hilflose Geste, die Schalker oder Stuttgartfans ja doch wahnsinnig machen muß, wenn die Herren Kuranyi und Gomez nach mal wieder gescheiterten Torversuchen als erstes ihre Frisur in den Griff zu bekommen versuchen. Wenigstens das bleibt dem Interessierten beim nicht minder formschwachen Klose erspart. Aber eine milde Spätsommersonne schien auf sie alle an diesem 3. Spieltag, von Cottbus bis nach Gelsenkirchen: Die Natur ist manchmal eben doch besser als ihr Ruf.

 

taz vom 1.9.08

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