RATLOS, RÄTSELLOS, GESCHWÄTZIG: Jakob Arjounis neuer Roman gibt Anlaß zur Selbstprüfung

Allgemein, Über Jakob Arjouni, Über Jörg Fauser — admin on März 27, 2009 at 16:07

Wenn einen das neue Buch eines Autors, in dem man einst schwer begeistert eine befreiende, witzige und engagierte Literatur sich manifestieren sah, ratlos und gelangweilt zurück läßt - dann spricht einiges dafür, daß vielleicht weniger der Autor als man selbst sich verändert hat.

Und damit könnte man eigentlich gut leben, die Sache abhaken und auf die nächste Prosa Jakob Arjounis warten, dessen Fähigkeit, politische Einsichten und Aphorismen mit exakt beobachtetem und abgehörtem heutigen Leben zusammenzuschneiden; dessen Einsicht, daß Kunst darüber hinaus aber nicht beim Tatsächlichen stehen bleiben darf, sondern immer aufs Ganze des dem Menschen Möglichen und des Exemplarischen hinausmuß, man über Jahre - und bewundernd - verfolgt hat.

Es ist dies aber vielleicht auch schlicht eine notwendige Vorbemerkung, wenn versucht werden soll, zu zeigen, warum „Der heilige Eddy” der Tiefpunkt in Arjounis Werk ist. Ein Buch zu schreiben, ist immer die ganz große Ausfahrt auf einen unbekannten Ozean, über ein Buch zu schreiben, nur das Lesen der Seekarte. Arjouni selbst hat sich nie auf den Journalismus eingelassen, es gibt von ihm außer den Interviews keine Einlassungen zum Tagesgeschehen, keine Essaybände oder Buchrezensionen. Arjouni wollte immer Geschichten erzählen, und die vom heiligen Eddy beginnt so: Eddy ist ein gutaussehender Betrüger jenseits der vierzig mit Wohnsitz im alternativ-bürgerlichen Berlin-Kreuzberg 61. Arbeitsplatz ist der touristische Rest der Stadt. Insofern Eddy großen Wert auf seine Unabhängigkeit legt, ist er ein Wiedergänger von Fausers Schneemann Siegfried Blum; und natürlich ist er auch ein unerfüllter Künstler, der zusammen mit seinem russisch-jüdischen Freund Arkadi (Karatekämpfer, Proll, Familienvater) als Straßenmusiker „Akustikpunk” bzw. „Ramazamba-Fickmusik” spielt und davon träumt, sich nach einem erfolgreichen Deal mal wieder einen Kompositions-Urlaub zu gönnen: Die klassische Arjouni-Konstellation eben.

Mit einem solchen Deal steigt Arjouni in das Buch ein, und hier funktioniert die Sache plotmäßig auch noch leidlich gut. Eddy legt einen Bochumer Computerhändler rein, geht mit dessen Visa-Karte zum Großeinkauf ins Kadewe, packt die Sachen - die er an seinen Hehler verkaufen wird - in einen Jute-Sack um und fährt nach Hause, ins harmlose 61. Im Hausflur steht aber bedauerlicherweise Horst „Hotte” König, Neuköllner Junge, der es in den USA zu Geld gebracht hat, zurück in Berlin nun aber zwei große Probleme am Hals hat. Erstens stellt ihn die Boulevardpresse als Heuschrecke hin, weil er den Berliner Traditionsbetrieb „Deo-Werke” aufgekauft und zerschlagen hat (eigentlich, erfährt man später, war alles ganz anders). Zweitens steht König in Eddys Haus, weil seine Tochter Romy dort wohnt, eine eurasische Schönheit, die sich von ihm losgesagt hat, und mit der er sich, vor seiner endgültigen Rückkehr in die Staaten, versöhnen will.

Eddy, euphorisiert von seinem gerade getätigten Trickbetrug, kann der Gelegenheit nicht widerstehen, den deplatziert wirkenden Millionär dumm von der Seite anzuquatschen, um sich „für eine Weile in Königs Leben zu winden - so lange bis er einen Weg gefunden hätte, einige Monatsgehälter abzugreifen.” Aber mit König läuft das nicht, er prügelt Eddy, der wehrt sich, Hotte fällt unglücklich und ist tot.

Nun folgen knapp fünfzig Seiten, denen Kritiker Screwball-Comedy-Qualitäten attestiert haben: Die Leiche muß entsorgt werden, im Hof aber warten zwei bullige Leibwächter (die Eddy dabei beobachten kann, wie sie mit den Augen rollen, obwohl sie verspiegelte Sonnenbrillen tragen - symptomatisch für viele schlampige Details im Buch), Arkadi und diverse Möbelfirmen kommen ins Spiel, bis Königs Überreste schließlich in einem Wald in Flammen aufgehen. Von diesem mißglückten Abschnitt erholt sich das Buch nicht mehr. Schon einmal, im letzten Kayankaya-Krimi „Kismet” hat Arjouni versucht, Action zu schreiben - und die Passage im Hörbuch dann einsichtig weggelassen. In „Der heilige Eddy” soll das alles überdreht und verzweifelt zugleich rüberkommen - es ist aber nur öde, ohne innere Beteiligung runtergeschrieben, ein abgestandenes Dauergewitzel, das einen einzigen Effekt hat: Eddy nervt - da hat das Buch noch 145 Seiten.

Vielleicht wollte Arjouni das so. Am Schluß des Romans schildert nämlich Eddy sehr ausführlich, einen seiner Tricks, worauf sein etwas beschränkter Zuhörer antwortet: „Warum geh ich nich einfach mit ‘m Messer und sag: Kohle her?” „Eddy antwortete nicht. […] Ein Meister seines Fachs war abgetreten.” Ist das also die Erklärung für ein schlechtes Buch? Dass nämlich Arjounis Alter ego, das ihn all die Jahre begleitet hat- Kayankaya, Hoffmann u. a. - als literarische Figur nicht mehr funktioniert? Wahrscheinlich: Die 1980er Jahre, die diesen Helden hervorbrachten, sind endgültig vorbei, wo früher beredter Zynismus war, ist nur Geschwätzigkeit geblieben. Darin erinnert Eddy an Dashiell Hammetts „Der dünne Mann”, das auch viele eingefleischte „Dash”-Fans unlesbar finden. Und insofern kann man den „Heiligen Eddy” der Arjouni-Gemeinde dann doch guten Gewissens zum Kauf empfehlen - nur eben nicht zum Amüsement. Sondern zur Selbstprüfung.

„Der heilige Eddy”

Roman, Diogenes, Hardcover Leinen, 256 Seiten
Erscheint im Feb. 2009
€ (D) 18.90 / sFr 33.90* / €(A)19.50

erschienen in “junge welt”

0 Comments

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Leider ist die Kommentarfunktion zur Zeit deaktiviert.

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel