„Die Vorstellung war entsetzlich” - vor zwanzig Jahren starb Thomas Bernhard

Allgemein — admin on März 9, 2009 at 13:02

„Selbstmord bei Thomas Bernhard” - das waren so die Germanistikthemen, die eine kleinstudentenstädtische Boheme in den neunziger Jahren bei DKP-Professoren einreichte, um mit Anfang dreißig doch noch Magister zu werden. Und da inzwischen sowohl der M.A. als auch der deutsche DKP-Prof in die ewige Rente geschickt worden sind, darf man Gutes von ihnen sagen: Der altersmilde Gelehrte akzeptierte nämlich das ihm widerstrebende Sujet äußerlich ungerührt, und der Magister wurde tatsächlich, wenn auch formalsadistisch, wenn nicht stalinistisch gepiesackt, erworben. Später konnte man damit immerhin noch beim Lehr- oder beim Akademikerarbeitsamt vorstellig werden.

Nun ist Thomas Bernhard schon zwanzig Jahre tot, das Gebot, Verstorbenen nichts Böses nachzurufen, hat sich erledigt. Fangen wir trotzdem mit dem Guten an: Bernhard ist - wie Henry Miller, wie Arno Schmidt, wie Karl May und J. R. R. Tolkien - ein Schriftsteller, den mit 13, 14, 15 oder 16 Jahren nicht gelesen zu haben, tatsächlich ein Verlust ist. Später kann man sich der Lektüre nicht ohne innere Mühen unterziehen, es sei denn, man wolle unbedingt erfahren, wie es im physischen und psychischen Haushalt des pubertierenden Sohnes aussieht.

Sohn: Denn Bernhard ist ein Autor für männliche Wesen, welchen Geschlechts im besonderen Fall auch immer. Stefan Ripplinger hat ihn kürzlich in eine Reihe intellektueller „Polterer” mit Brinkmann, Hacks, Henscheid und Carl Schmitt gestellt, von denen er sich nicht mal gelegentlich unterhalten lasse. Bei den genannten - lobten ihre Adepten - werde „nicht gesäuselt und gefackelt, sondern kurzer Prozess gemacht.” „Ja”, sagt Ripplinger, „das sehe ich auch. Aber weshalb sollen denn die Prozesse so kurz sein? Dieses Denken hasst nichts mehr als zu denken.”

Zum Schluss kommen - das ist bei Bernhard immer schon der Anfang: “Die Vorstellung war entsetzlich”, heißt der letzte Satz von „Alte Meister”. Seitdem hat man sehr viele Bücher gelesen, die so enden, man hat nicht zuletzt auch selbst schon solche Sätze geschrieben. Und es hat Spaß gemacht. Bernhards Stil ist inzwischen billiges Allgemeingut geworden. Was von ihm bleibt ist die Statur, ist der beschädigte, sich selbst kurierende Mensch. Das ist in der Tat nicht unterhaltend (und sollte es auch nie sein). Bernhard haßte das Denken nicht, er konnte es nicht, er kam über sich nicht hinweg und spielte ein Leben lang sein virtuoses Lied vom Tod. Insofern ist Bernhard Vorbild nicht mit seinem Schreiben, sondern als Schreibender - man darf nur die Reihenfolge nicht verwechseln: Bitte erst leiden, dann dichten. Oder doch besser gleich nur Germanistik studieren - das soll ja heute sehr schnell gehen.

erschienen in “junge welt”

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