Paßt schon. Jörg Fauser zum 65. Geburtstag

Allgemein, Über Jörg Fauser — admin on Juli 17, 2009 at 12:07

junge welt, 16.07.2009


Wer Fauser immer noch nicht kennt, den interessiert die ganze Li

Wer Fauser immer noch nicht kennt, den interessiert die ganze Literaturchose nicht

Wenn man einem Toten zum Geburtstag gratuliert, dann tut man ein wenig so, als sei er noch am Leben. Gerade Jörg Fauser wußte, daß die Entbehrungen eines Schriftstellerlebens nicht im Diesseits vergolten werden: Der Nachruhm erst zieht den Schlußstrich unter die Lebensrechnung. Und bei einem, der 22 Jahre nach seinem Tod nicht nur seine zweite, zu Recht gepriesene Werkausgabe bekommen hat (im Alexander-Verlag, die erste war bei Rogner&Bernhard erschienen) – eine Ausgabe, die zudem gerade noch rechtzeitig zum 65. Geburtstag von Diogenes ins Taschenbuch übernommen worden ist, und die, falls das Schweizer Verlagshaus sie nicht so genauso zurückhaltend vertreibt wie es sie derzeit bewirbt, endlich den vom Autor gewünschten leichten Zugriff auf seine Werke in den Bahnhofsbuchhandlungen dieser Welt ermöglicht – bei so einem also, den seine Heimatstadt Frankfurt am Main zum 60.Geburtstag als großen Sohn wiedereingemeindete, darf man getrost mit den Sopranos sagen: »It’s done!«

Der Literaturbetrieb hat seine Pflicht getan. Vom Deutschen Literaturfonds wurde Verleger Alexander Wewerka zuletzt bei der Herausgabe der gesammelten journalistischen Arbeiten unterstützt, Klaus Bittermann war vor fünf Jahren mutig genug, die Biographie vom Matthias Penzel und mir herauszubringen, die Feuilletons in Presse, Radio und TV haben ausführlich berichtet, ja der »Schneemann« hat es sogar zur Bühnenadaption auf einem Staats- und Subventionstheater gebracht. Wer Fauser immer noch nicht kennt, den interessiert die ganze Literaturchose nicht, und kein Zweifel: Man kommt auch ohne klar. Ob der Betrieb sich auch noch zur Kür erhebt – und ob der Trubel wünschenswert wäre? Also die Jörg-Fauser-Gesellschaft mit halber Honorarstelle (Frauen bei gleicher Eignung bevorzugt)? Das Jörg-Fauser-Haus in der Frankfurter Römer-Stadt inklusive Ansichtskartendrehständer und Museumspädagogen? Der Jörg-Fauser-Kongreß alle fünf Jahre mit wechselndem Veranstaltungsort und provokativer Fragestellung an den Stätten seines Wirkens (Berlin, Frankfurt, München und – als besonderes heiß umkämpftes Reiseziel in den Spesenabrechnungsstellen der Unis – London)?

Nein, es paßt schon. Ich jedenfalls würde heute bestimmt kein Lebensjahr mehr investieren, um ein Buch über Fauser zu schreiben. Und ich erinnere mich an das herablassende Lächeln, das mir der Fauser-Kumpel Reinhard Hesse bei der Präsentation der Biographie in der Berliner Volksbühne schenkte, als ich gewiß etwas emphatisch forderte, »Rohstoff« müsse zur Schullektüre zu werden. Der Mann war damals Schröders Redenschreiber und schon krebszerfressen, er wußte, daß im Mainstream anzukommen auch nicht das Gelbe vom Ei ist.

Interessanter ist da doch das Statement, das andere enge Weggefährten Fausers immer mal wieder bringen: nämlich, daß einer wie er uns heute fehle. Das ist eine Aussage, die auf Goethe, Böll oder – näher an Fauser rückend – auf den ebenfalls früh verstorbenen Rolf Dieter Brinkmann eher nicht zutrifft. Daß Fauser recht jung, aber für einen Dichter, der er ja nicht zuletzt auch war, auch wieder nicht ungewöhnlich jung in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag am 17. Juli 1987 starb, ist dabei nicht der Punkt. Was seine Freunde vielleicht meinen, ist, daß gesellschaftliche und kulturelle Phänomene, geschichtliche Ereignisse bis hin zum Epochenbruch von 1989, von Fauser vorgefühlt worden waren. Seine Freunde denken wohl, daß Fauser die Einfuhr der Ernte zu Lebzeiten versagt geblieben ist (wobei, um allgemein zu werden, damit keinesfalls gesagt wäre, daß ein Schriftsteller diese Ernte nicht auch wieder verlieren beziehungsweise aus den Händen geben könnte – Brecht wäre hier ein interessantes Beispiel). Und sie finden, daß der Platz, den Fauser hätte einnehmen können, unbesetzt geblieben ist.

Fauser hätte die moralische Autorität gehabt, die authentischen Freiheitsgefühle, die der Zusammenbruch des realen Sozialismus freisetzte, zu teilen. Denn er war – man korrigiere mich gern – als einziger bedeutender westdeutscher Schriftsteller schon lange vor 1989 zur Einsicht gekommen, daß es den berühmten Dritten Weg nicht gab. Fauser war nämlich – durchaus auch mit paranoiden Zügen – tief in die Analyse der Macht eingestiegen, hatte wie Hacks erkannt, daß ein Staat ein System ist, aus dem man sich nicht dieses und jenes raussuchen, es gut oder schlecht finden kann. Fauser entschied sich für den Westen, und damit für das ewige Oppositionellendasein – falls man es nicht weiß: Fauser blieb ein Linker, ob er nun in die SPD eintrat oder eine Zeit lang Joseph Fischer erfrischend fand. Doch von seiner grundsätzlichen Entscheidung her war Fauser Antikommunist, forderte Mitte der 1980er im SFB zum Tunnelbau auf und traf sich mit polnischen Oppositionellen.

Der Antikommunist Fauser fehlt uns nicht, von der Sorte, gerade von der nachgeholten, gibt es so viele, daß selbst Springer sie nicht mehr alle durchfüttern will. Fauser forderte für sich selbst das Maximum an persönlicher Freiheit – das ging so weit, daß sein einstiger Mentor Karl Günther Hufnagel ihn im Interview als »rechten Anarchisten« bezeichnete. Andererseits war Fauser eben auch bereit, die Risiken zu tragen, die eine Schreiberkarriere jenseits der Gesinnungs- und Gremienknäste mit sich bringt. Fauser hatte ein Faible für Dynamik, für Vitalität, für das Recht der Jungen, aber er kam immer wieder darauf zurück, daß eine freie Existenz nur in einer sozialen Gesellschaft erstrebenswert ist.

Und so eine Einstellung macht einem das Leben halt verdammt schwer. Man bewertet seinen Unfalltod als Fußgänger auf einer Autobahn nicht über, wenn man pointiert sagt: Den Mann haben seine Widersprüche zerrissen, oder wie Franz Josef Wagner es im Spiegel so schamlos, wie man es machen muß, geschrieben hat: »Wie Sterben ist, hat Jörg Fauser nicht mehr selbst erlebt, er war zu besoffen.« Daß Fauser fehle, erweist sich letztlich als – verständliche – Ausrede einer Generation von Übriggebliebenen. Wagner etwa, den man als Autor nicht unterschätzen darf, hat seine Widersprüche in den Schleim des Bild-Kolumnisten eingelegt. Wenn es eine Fauser-Lek­tion gibt, dann diese: Man muß es machen, man muß es leben, man darf sich nicht schonen. Banal? Dann versuchen Sie’s doch mal – und am besten fangen Sie gleich jetzt damit an.

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