Amt des Dichters: Rainer Kirsch zum 75. Geburtstag

Allgemein — admin on Juli 18, 2009 at 22:56

Rainer Kirsch 1990 als frisch gewählter Vorsitzender des DD

Rainer Kirsch 1990 als frisch gewählter Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes

Zwei Wege gibt es, um zu lernen, daß ein Dasein als Schriftsteller keine romantische Angelegenheit ist. Man nimmt den Beruf – Rainer Kirsch sagt auch »Das Amt« – ernst; oder man gibt den Job auf: Kaum hat man sich von der Ambition verabschiedet, dann »schwinden alle Schmerzen« (Funny van Dannen), Alkohol und Zigaretten werden wieder zu Genußdrogen, man kann die Lektüre von Branchentratschblättchen wie Volltext einstellen und den netten Stipendiennewsletter von Sandra Uschtrin kündigen. »Die Crux jedes Selbstporträts ist, glaube ich, die Versuchung, privat zu werden. Ich bin 1,76 groß und wiege 65 Kilo, esse gern gut und habe eine Neigung zu städtischer Bequemlichkeit; meine tägliche Arbeitszeit beträgt sieben Stunden, rechnet man, wie Arno Schmidt das tut, Lektüre hinzu, werden es neun. Als Getränk zur und nach der Arbeit bevorzuge ich Ostbrände, trockene Weine und Cognac. Die Vorstellung, ohne Schreibmaschine arbeiten zu müssen, entsetzt mich; ich arbeite vier- bis zehnmal um und mag ein sauberes Schriftbild.« So spricht Kirsch, die Crux souverän schulternd, von sich in einem »Selbstporträt fürs [DDR-] Fernsehen« aus dem Jahr 1978, dem wir noch diese Passage entnehmen müssen: »Beim Schreibenlernen halfen mir, nehme ich an, außer schneller Auffassungsgabe und Übersensibilität sächsischer Fleiß, Neugier und etwas wie kindliches Selbstvertrauen, das man auch gemäßigten Narzißmus nennen kann. (Ein Schriftsteller, der sich nicht leiden kann, scheint mir ungeeignet für den Beruf: wie kann jemand, der nicht einmal sich selber liebt, die Menschheit lieben?)« Und schließlich: »Die Kunst, Prosa zu schreiben, ist, glaube ich, vor allem die Kunst, überflüssige Wörter und Sätze zu streichen; die entstehenden Bruchstellen sind Freiräume für Leser.« Ich will nicht behaupten, diese Auszüge repräsentierten den Mann Rainer Kirsch und sein Werk auf dem Stand von 2009 – man informiere sich selbst, die Werkausgabe ist zu seinem Siebzigsten im Eulenspiegel-Verlag erschienen. Ich gratuliere Kirsch zum 75. Geburtstag, weil ich durch ihn Gedichte von Karl Mickel, Richard Leising und Wulf Kirsten entdeckt habe; weil ich dank seiner Arbeiten Rilke lesen kann; und weil schließlich Kirschs Essay »Das Wort und seine Strahlung. Über Poesie und ihre Übersetzung« zu den Texten gehört, die, wenn in zehn Jahren das Buch als intellektuelles Arbeitsmittel vom »Reader« abgelöst sein wird, ich auf Papier und gebunden auf meinem Schreibtisch stehen haben möchte: Gewiß auch deswegen, weil nicht ausgemacht, ja sogar zu bezweifeln ist, ob Kirschs Werk in den digitalen Kanon der Zukunft aufgenommen werden wird. Wer schreibt, bleibt? Mitnichten – und viel schlimmer: Wer sich der Herausforderung der Schriftstellerei, dieser verschärften Form der Zeitgenossenschaft, stellt, der geht das Risiko der radikalen narzißtischen Kränkung ein, vergessen zu werden. Kann man versuchen, Schriftsteller zu werden, ohne zumindest einen Blick auf Werk, Leben und Zeit des Dichters Rainer Kirsch zu werfen? Nun, die Wahrheit ist am schönsten immer konkret: »Dichter formulieren auf andere nicht sagbare Weise gesellschaftlich wichtige Erfahrungen, den Schaden hat, wer sie wegwirft.« Und: »Der Gedanke, daß unter uns bedeutende Dichter lebendig herumlaufen und Bier trinken, ist für Mecklenburger, Sachsen und Berliner gewiß schwer zu ertragen, aber wir lernen ja alle dazu.« Warten wir’s ab, beziehungsweise: Halten wir es aus. Herzlichen Glückwunsch, Rainer Kirsch!

 

junge welt, 17. 7.09

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