Interview mit Raffaele Cantone

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on Oktober 16, 2009 at 00:03

Dottor Cantone, nach acht Jahren als Antimafia-Staatsanwalt - können Sie heute ein normales Leben führen?

Nicht so sehr. Seit 2003 lebe ich unter Polizeischutz, rund um die Uhr. Ich habe keine normalen Beziehungen zum öffentlichen Leben. Aber der Schutz ermöglicht mir, in Gelassenheit meiner Arbeit nachzugehen. Ich kann mich also nicht beklagen. Was allerdings meine Frau und meine Kinder angeht - die haben es sich nicht ausgesucht, Staatsanwalt zu werden.

Wie geht’s weiter?

Im Oktober 2007 bin ich zum Kassationsgericht nach Rom gewechselt, wo ich mich mit ganz anderen Dingen beschäftige. Und ich hoffe, in nicht allzu ferner Zukunft meine Freiheit wieder zu gewinnen.

Wie bekämpft man die organisierte Kriminalität in Süditalien denn nun am besten? Etwa mit noch mehr Polizei oder gleich mit Soldaten?

Soldaten sind schon nützlich - herzlich willkommen! - ,denn die Kontrolle des Territoriums ist essentiell. Aber der Fehler ist, die Camorra als eines der vielen Probleme der öffentlichen Ordnung zu begreifen. Mit dem Heer kann man die normalen kriminellen Phänomene begrenzen bzw. besiegen: Also Diebstahl, Überfall usw. Aber die Camorra hat eine andere Charakteristik, nämlich in dem Gebiet, in dem sie operiert einen Mechanismus des Konsenses zu schaffen.

Der Chefkommentator des Corriere della sera, Galli della Logga, sagte in einem taz- Interview, man könne es der Industrie in Norditalien nicht anlasten, wenn sie von den unternehmerischen Möglichkeiten profitiere, die ihr die Camorra etwa auf dem Feld der illegalen Müllentsorgung biete.

Wer von Möglichkeiten profitiert, hat doch auch Verantwortung! Wenn die Unternehmer im Norden vorgeben, nicht zu wissen, wie ihr Müll entsorgt wird, obwohl sie nur ein Zehntel des Marktpreises zu bezahlen haben, dann wissen sie doch in Wirklichkeit ganz genau, wo der Müll schließlich landet. Denn wie läuft denn die Sache? Wenn Industrielle aus dem Norden oder aus dem Ausland im Süden eine Ausschreibung gewinnen, dann arbeiten sie in der Regel mit Firmen aus der Gegend zusammen, die von der Camorra kontrolliert werden. Diese Firmen garantieren ihnen Ruhe. Sie werden nicht bedroht, es gibt keine Anschläge auf Baustellen usw. Und dieses System nutzt natürlich der Mafia, die erstens Geld kassiert und aber vor allem, weil sie Arbeitsplätze - wie auch immer prekäre - schaffen kann, in der Region als soziale Kraft gestärkt wird. Das ist der entscheidende Punkt. Denn dadurch, dass die organisierte Kriminalität etwas zu bieten hat, verankert sie sich auch kulturell im Territorium. Sie wird zum Vorbild der jungen Leute.

Was halten sie in Hinsicht auf die Situation in Süditalien von den föderalistischen bzw sezessionistischen Plänen, etwa der Lega Nord?

Der Föderalismus könnte zum gigantischen Geschenk für die Mafia werden. Denn wenn keine oder weniger Umlagen aus dem Norden kommen, riskiert man, dass die Bedeutung der organisierten Kriminalität ansteigt. Die Mafia wird zur Anlaufstelle für die Sorgen der Bürger. Ich will nicht spitzfindig werden: Aber zum Programm der Mafia in der neunziger Jahren gehörte die Dreiteilung Italiens. Die Mafia hätte gern ein extraterritoriales Gebiet, das ihr gehört, einen Mafiastaat wie manche in Südamerika.

In Deutschland gibt es derzeit eine Diskussion um den Wert der Zivilcourage. Muss jeder Bürger ein Held sein?

Man kann von niemandem verlangen, ein Held zu sein. Aber natürlich gibt es ein Wort, das schwer wiegt: Das der Würde. Für mich hat die persönliche Würde einen gar nicht zu überschätzenden sozialen Stellenwert. Der Staat kann nicht überall sein, in jedem Moment. Man kann dem Staat das nicht vorwerfen und sich darauf herausreden, dass nicht in jedem U-Bahn-Wagen ein Polizist sitzt. Wenn wir nicht den Orwell-Staat mit großem Bruder haben wollen, können wir nur langsam und mit Mitteln der Erziehung den Trend zur Gewalt umkehren. Denn was wären die Konsequenzen für unsere Freiheit?

Was heißt das auf die italienische Situation übertragen?

Sicher muss es grundlegend größere Anstrengungen geben, was die Erziehung angeht, um eine bestimmte Mentalität im Süden zu verändern - und dann kommen wir auch zu mehr Zivilcourage. Aber entscheidend sind die Mechanismen des Konsenses. Und diesen Konsens stellt die Camorra her durch ihre Verflechtung mit der Wirtschaft und mit der Politik. Hier muss man ansetzen.

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