Was war der Mauerfall? Hier der italienische und österreichische Ansatz

Allgemein, oltràlpe — admin on November 5, 2009 at 21:44

Wenn Österreicher mit Italienern über die deutsche Wiedervereinigung diskutieren (unter deutscher Leitung allerdings) - dann durfte man sich zumindest einige elegant gesetzte Bosheiten erwarten; und so kam es dann am vergangenen Dienstagabend in den Räumen des Österreichischen Kulturforums Berlin auch.

Zunächst aber blieben unsere sich auf einem elaborierteren Zivilisationsgrad befindenden Nachbarn ironisch bei sich: Wunderschön etwa, wie Ö-Botschafter Emil Brix seine Landsleute charakterisierte: Der Österreicher habe von allen europäischen Charakteren ein bisserl was - und dazu seine eigene Charakterlosigkeit; und nicht minder bezaubernd die Miene von Angelo Bolaffi, Leiter des Italienischen Kulturinstituts zu Berlin, als Maddalena Guiotto vom Italienisch-Deutschen Historischen Institut in Trient sich zu der Aussage verstieg, der einzige fähige Außenpolitiker, den Italien je gehabt habe - Alcide de Gasperi -, sei eigentlich ein Österreicher gewesen. Dabei war hier der Hintergrund durchaus ernst: Denn der Süditaliener Bolaffi mag von diesem und anderen Statements der Norditalienerin Guiotto alarmiert worden sein, dass Italien sich tatsächlich bald als vom Regionalchauvinismus der Lega Nord beförderter failed-state erweisen könnte.

Um zumindest einen anderen fähigen italienischen Politiker kam man allerdings beim Thema nicht herum: Den zuletzt im großartigen Film „Il divo” zur Kenntlichkeit verfremdeten Großzeremonienmeister transalpiner Politik, Giulio Andreotti. Dieser alte Fuchs nämlich war es, der seine Skepsis gegenüber der deutschen Vereinigung und seine Ablehnung jeglichen Pangermanismus als einziger der europäischen Chefs immer deutlich zu Protokoll gegeben hatte - Mitterand und Thatcher agierten bedeckter. Als einziger? Moment: Kaum hatte Andreotti sich wieder mal gemeldet, sprach der Altkanzler der Alpenrepublik, Bruno Kreisky, die schönen Worte, “dem Herrn Andreotti” sei “es halt passiert, daß er etwas deutlicher
formulierte, was alle denken” .

Das Podium unter der Leitung von Professor Janz von der FU Berlin beeilte sich selbstverständlich klarzustellen, daß zum Glück diese
„metternichsche”, völkerfeindliche Periode europäischer Politik 1989 untergegangen sei. Daß man dafür nun lauter nationalistische Kleinstaaten und Parteien wie die FPÖ bekommen habe, müsse man eben in Kauf nehmen. In dieser Perspektive - analysierte Kulturbotschafter Brix - erscheine 1989 als ein zweites 1848. Und das klang nochmal richtiger, als Bolaffi ergänzte, der Eiserne Vorhang sei nicht verschwunden, sondern habe lediglich die Seiten gewechselt: Heute verlaufe er zwischen Sizilien und Tunesien. Für die an dieser Grenze Gestorbenen kann man allerdings vor Ort keine Kreuze aufstellen.

Für die Österreicher ist die Sache mit den Piefke inzwischen sehr einfach geworden. Deutschland ist zwar größer, aber im Verhältnis zur Alpenrepublik kleiner geworden: Gastarbeiter aus dem Norden bilden die größte Gruppe von Arbeitsmigranten, deutsche Studenten stürmen gewohnt großmäulig die Gebühren- und Numerus clausus-freien Universitäten. Es sei halt so, meinte Brix, daß Österreich zeige, wie auch unter den Bedingungen der Globalisierung der Sozialstaat überleben könne.

Italien dagegen, so Bolaffi, sei der Verlierer der Wende. Das sich auf strikten Antikommunismus stützende, aber eben auch leidlich zivilisierte
System der Nachkriegsrepublik, sei zusammengebrochen - nun dürfen sich die Nachbarn mit Berlusconi auseinandersetzen. Daß sowohl Österreich wie Italien besondere und durchaus herzliche Beziehungen zur DDR pflegten, klang auch an. Aber schließlich habe sich die Freiheit durchgesetzt,
beschloß die Diskussion der seit 1977 in Westberlin lebende Publizist Wilfried Rott. Und im Stillen ergänzte man, daß man wirklich frei nur dort sein kann, wo alle frei sind.

 

 

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