Wie kann man nur aus München sein?

Allgemein, Bavarica, oltràlpe — admin on November 5, 2009 at 21:41

Montesquieu, Lettres persanes, XXX: „Ah! ah! Monsieur est Persan? C’est un chose bien extraordinaire! Comment peut-on être Persan?” Wie im Paris des 18. Jahrhunderts der Perser, so ist hier und heute der sich zu erkennen gebende oder auf Grund gewisser verbliebener Eigenheiten der Aussprache erkannte Münchner Anlass freundlich-erstaunter bis angewiderter Aufmerksamkeit. Bewegt er sich zudem in norddeutsch-metropolitanen, (pop-)linken Kreisen, verschärfen sich diese Reaktionen: Er wird bestaunt, als sei er vor einer Beschneidun seiner Rechte aus dem Sudan geflohen oder nicht für ganz voll genommen: Ein Münchner links - das nimmt ihm keiner recht ab. Herablassung rules. Dass der Münchner selbst als sozial Deklassierter auf sein Äußeres hält, steigert nur das Misstrauen. Frauen dieses Milieus wenden sich vom Münchner mit einer ihnen sonst nicht eignenden Spontaneität angeekelt ab - nicht selten der Beginn einer wunderbaren Freundschaft; wogegen der light-rassistisch angehimmelte Münchner sich eher zurückzieht, denn er ist „züchtig” (Bertolt Brecht) und schüchtern und kann mit ungenügend begründeter Verehrung wenig anfangen.

In diesem Sommer werden es fünfzehn Jahre, dass ich mich von der Stadt München habe scheiden lassen. Nach einem vollen Jahrzehnt in einer links-lutherisch geprägten Studentenstadt, zwei Erholungssemestern in Venedig und vielen Wintern in Berlin weiß ich, wovon ich rede. Also rede ich jetzt, bzw.: „Jetzt red I!” Ich muss das so betonen, weil ich genau weiß, dass die eingangs angesprochenen Damen und Herren darauf angesprochen natürlich leugnen, dass sie Comment-peut-on-être-Persan-Frager sind, und dass die Art und Weise meiner scheinbar pauschalisierenden Darstellung sie erzürnt. Und das ist mir natürlich total wurscht. Wer seit fünfzehn Jahren mit pathologisch falsch gesprochenen und geschriebenen Vor- und Nachnamen durch die Gefilde nördlich des guten alten Limes zieht, den interessiert es nicht mehr, was andere Leute von ihm halten. Insofern ist der tiefenpsycholgische Subtext dieses Aufsatzes natürlich Wie-kann-man-nur-Ambros-Waibel-heißen? Aber das ist mein Problem, eine Familienangelegenheit, die den verehrten Leser nicht interessieren muss und ihn auch nichts angeht, gar nichts, capisc’?! (vgl. zu dieser Stelle, aber zum Ganzen überhaupt: Leonardo Sciascia: „Come si puo ‘essere sicilliani?” In: “Fatti diversi di storia letteraria e civile”, Sellerio, Palermo, 1989.)

Wo war ich stehen geblieben? Bestimmt nicht in München. Die Mehrzahl meiner Veröffentlichungen spielt dort, und die Erzählungen meines letzten Buches sind angesiedelt nicht etwa in Berlin oder Hamburg, sondern in der Antike. Ich habe zu München alles gesagt, was mir zu sagen gegeben ist - dachte ich; wenn jedoch Leonardo Sciascia nicht damit aufhören konnte, über Sizilien zu schreiben, und ich Sciascia verehre, dann gebietet es die Logik, dass ich zu München noch nicht alles zu Sagende gefunden habe, mit dem einzigen Unterschied, dass der Verehrte - widerstrebend - in seiner Heimat Sizilien wohnen blieb, ich aber in München auf gar keinen Fall wohnen kann oder will.

Jetzt kommen wieder die Damen und Herren ins Spiel, mit ihren tristen Gemeinplätzen, ihren Flaubertschen idees reçues:

 München:

a) schön, aber die Mieten!

b) schrecklich, aber man ist so schnell in Italien…

„Wie soi da”, fragte Helmut Qualtingers Herr Karl völlig zu recht, „wie soi denn da a Unterhaltung zustande kommen?” Wer nach New York will, aber sich von hohen Mieten in Manhattan abschrecken lässt, der hat in New York nichts verloren. Und wer nach München zieht, um nah am Brenner zu sein, der möge nachlesen, wie bitter Gregorovius - der deutsche Historiker der Stadt Rom in Mittelalter - seinen Irrtum beklagte, er könne nach Abschluss seiner Arbeit ein dem göttlichen Rom auch nur entfernt Verwandtes im saukalten und bieröden München finden. Und welchen Sinn die Alpengrenze für die Italiener hat, fasste Petrarca in die berühmten Verse:

 

„Ben provide Natura al nostro stato,

quando de l‘ Alpi schermo

pose fra noi e la tedesca rabbia “

 

Gut hat die Natur für uns gesorgt,

als sie den Schirm der Alpen

stellte zwischen uns und die deutsche Raserei

 

(Canzoniere CXXVIII [Italia mia])

 

Wäre ich Sciascia, ich würde nun Belegstellen aus der Weltliteratur heraussuchen, die ein differenziertes Bild von München und den Münchnern zeichnen, „ein Erstlings Muster baierischer Härte und Grobheit” (Johann Andreas Schmeller). Ich bin aber nicht Sciascia, ich bin auch nicht Achternbusch, der Heiner Müllers Diktum, er sei der Vorkämpfer des antiimperialistischen Befreiungskampfs in der BRD, zum Schluss eines mehrseitigen Sermons entgegenkommend entgegenhielt: „So sagt es Heiner Müller. Aber ich wollte es so sagen, wie ich es gesagt habe.”

Ich sage: Ich bin insofern der ewige Münchner im Himmel, als mir dauernd Dinge auffallen (mir dauernd auffällt, dass mir Dinge auffallen), die in München nicht möglich wären. Ich bin sozusagen ein Zwangsmünchner.

Am Mariannenplatz in Kreuzberg ist an solchen Dingen, Vorkommnissen und Leerstellen natürlich kein Mangel. Gerade heute, am 29. April 2004, habe ich Münchner Polizistenbusse durch das Viertel kurven sehen, die Beamtinnen ausnahmsweise am Steuer, denn die Herren machten sich mit Stadtplan für die in der morgigen Walpurgisnacht beginnenden Maifestspiele fit. Die Beamtin am Lenkrad, deren Blick ich traf, sah nicht so aus, als würde sie sich auf den Anpfiff der Partie besonders freuen. Ich glaube, sie hatte schon Angst. Ich verstehe sie ja und doch. Wenn ich aus ihrem München oder von noch weiter draußen hierher kommen würde, ich hätte auch Angst. Dabei ist Kreuzberg einer der friedlichsten Orte auf dieser verhetzten Welt. Die Beamtin ist ein Propagandaopfer. Sie hätte grundsätzlich daheim bleiben sollen, also gar nicht erst bei den Schandis anheuern. Ich bin nicht für die Polizei, aber ich bin für diese Beamtin. Ich bin auch ein Opfer, eines meiner Erziehung. Meine Münchner Erziehung sagt mir, dass es Konflikte, die auf Kreuzberger-1.-Mai-Art ausgetragen werden müssen, nicht geben dürfte. Ich weiß natürlich, dass es diese Konflikte gibt, und dass sie auf eine Lösung drängen. Und wenn ich keinen Begriff davon hätte und einen genaueren haben wollte, woher diese Konflikte kommen und wie sie aufgehoben werden können, ich würde mich nicht in linken Kreisen aufhalten.

„Nec tecum nec sine te vivere possum”, beschließt Sciascia seinen Aufsatz zur Frage, wie man Sizilianer sein könne - nämlich mit Schwierigkeiten. Als ein Poet das schrieb, gab es noch keine Gema und keine VG Wort, seine Erben wären sonst reich, das „nicht ohne dich, nicht mit dir” gehört zum Repertoire der internationalen Schlagerindustrie. Ich kann gut ohne München leben, und München spannt gar nicht, dass ich fehle. Und auch mein Münchner-Sein ist eine erträgliche condition humain. Solange mein Verleger Jörg Sundermeier mich den „schönen Schwabinger” nennt, ist alles gut. Und da die real in Schwabing herumlaufenden „schönen Schwabinger” ungefähr das Naturell und die Ästhetik eines Oliver Kahn besitzen, also nicht zuletzt zugereiste, nicht im Schwabinger Krankenhaus geborene Schwabinger sind, sehe ich mich bisweilen und betrunken sozusagen als Retter der „Idee Schwabing”, als Wahnmochinger im Exil.

Auf die Frage also, wie man nur aus München sein könne, antworte ich: Mit Idealismus, beziehungsweise: Ich verbringe meine Tage nicht damit, aus München zu sein, respektive brauereilateinisch:

Ubi Augustiner, ibi Monaco.

aus dem “Münchenbuch” des Verbrecher-Verlags, 2004

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