So strittig wie Himmler: Die Futuristen-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau

Allgemein, oltràlpe — admin on November 1, 2009 at 21:49

»Die Kräfte der Kurve« (Tullio Crali, 1930) »Die Kräfte der Kurve« (Tullio Crali, 1930)

Einer an sich sehr liebenswürdigen - oh, wie hätten sie dieses Wort gehaßt, die Futuristen - Jubiläumsschau ausgerechnet in der jungen Welt nachsagen zu müssen, sie verharmlose den Faschismus: Das ist bestimmt keine schöne Aufgabe. Aber es ist eben eine und eine Pflicht, der ich dann auch nachkommen will.

Im Detail geht es um einen Mann, Maler, Esoteriker und eben echten, italienischen Rassisten und Nazi: Julius Evola. In der Ausstellung »Sprachen des Futurismus« im Berliner Martin-Gropius-Bau selbst ist kein Werk von dieser Gestalt zu sehen, die Kuratorin Gabriella Belli hat es im oberitalienischen Rovereto gelassen, wo sich das bedeutendste Futuristenarchiv samt Museum befindet. Evola wird aber im Katalog mit einer ausführlichen biographischen Notiz gewürdigt - zu recht, denn Evola gehört zu den Futuristen so, wie man etwa Gottfried Benns schmähliche Nazi-Erwiderung an Klaus Mann nicht vom Dichter der »Morgue« trennen kann.

Evola nun, liest man im Abriß, sei wegen seiner »extrem rechts orientierten, traditionalistisch-aristokratischen politischen Positionen strittig«. Man muß ergänzen: So strittig wie Himmler, Streicher oder warum nicht gleich der Führer selbst. Denn Evola war einer der wichtigsten Vordenker des europäischen Faschismus vor und nach 1945. Der blutige italienische Rechtsterrorismus, die »Strategie der Spannung« der 1970er und 1980er Jahre sind ohne seine intellektuelle Patronage - Evola starb 1974 - nicht denkbar.

Die hanebüchene Bewertung im Katalog bestätigt ein Unbehagen, das einen schon beim Gang durch die Ausstellung ergriffen hat. Es geht dabei nicht um Moral, denn: Warum soll es eigentlich keine bedeutende rechte Kunst geben? Blöd wird es da, wo das faschistische Kernelement des Futurismus schlicht wegretuschiert wird. Wer Sinn für historische Zusammenhänge hat, schrieb Benedetto Croce, wird den Ursprung der Idee des Faschismus im Futurismus finden. Hier scheitert die Schau.

Dennoch: Der Futurismus konstatiert sich im Jahrfünft vor dem Ersten Weltkrieg als eine authentische Avantgardebewegung der Menschheit insofern, als er realistisch beginnt. »Was mir die Tram erzählt hat« - so heißt ein Bild von Carlo Carrá von 1911. Ein großartiger, ein humanistischer Titel. Denn es geht um die Wahrnehmung der neuen Dimension von Geschwindigkeit und Kommunikation zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das fanden und feierten in der futuristischen Kunst Antonio Gramsci, Alfred Döblin und Herwarth Walden; und dieses Auf-der-Höhe-der-Zeit-Sein hat auch die zweite, sich ganz und gar Mussolini verschriebene Generation futuristischer Künstler nie aufgegeben: Das von Fortunato Depero entworfene, kleine Campari-Soda- Fläschchen ist noch heute in Gebrauch und so etwas wie eine Designikone.

Eine Ausstellung zum hundertsten Jahrestag des von F. T. Marinetti im Pariser Figaro veröffentlichten »Futuristischen Manifests« kann aber diese unbestreitbare Modernität der Futuristen nicht einfach abfeiern. Der Krieg als »einzige Hygiene der Welt« (Marinetti) zusammen mit der Vergötterung der Maschinen, das ergibt ja wohl zusammen: industrielle Massenvernichtung. Die entzückenden Marionetten von Fortunato Depero, die Bilder des früh verstorbenen, genialen Umberto Boccioni, die »Verliebten Zahlen« von Giacomo Balla - all diese Werke können für sich genossen werden. Aber in den letzten Ausstellungsraum das berüchtigte »aeropittura«-Bild von Tullio Crali von 1939 zu hängen (»Sich in das Wohngebiet einschneisen« - eine sehr suggestive STUKA-Phantasie), um damit irgendwie auf die Problematik futuristischer Kunst zu verweisen: das ist intellektuell schon arg dürftig.

»Sprachen des Futurismus«, bis 11.1.2010, Martin-Gropius-Bau, dienstags geschlossen

erschienen in junge welt

« Vorherige Seite
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel