Service zur Selbstfindung

Allgemein — admin on März 22, 2010 at 19:16

“Das Schöne an einem Dreier ist ja, das man nie Angst haben muss, zu kurz zu kommen.”

Paula Lambert, ‘Sexkolumnistin’

“Vede, nell’amore di gruppo c’è almeno il vantaggio che uno può dormire.”

Schaun Sie, der Gruppensex hat wenigstens den Vorteil, daß einer schlafen kann.”

Ennio Flaiano, Schriftsteller

Harlem-Humbug: “Der sichere Tod” von Adrian Mc Kinty ist Zeitverschwendung

Allgemein — admin on März 20, 2010 at 14:12

Kriminalromane sind merkwürdige Gebilde. Einerseits wird gerade nach der Renaissance des klassischen, us-amerikanischen Noirs seit Ende der 1960er Jahre zu recht verlangt, daß sich ein Autor im Genre auskennt - etwas, das man nicht nach Belieben neu erfinden oder herablassend behandeln kann, wie deutsche progressive Soziokrimischreiber einst meinten; andererseits führt das reine Handwerk, welches dann mit individuellen (Frau, schwul, Serienmörder etc.) oder abseitigen regionalen Besonderheiten angereichert wird, keineswegs zwangsläufig zum Erfolg: Denn viele Menschen interessiert skandinavisches Brauchtum oder das anderer verregneter Gegenden einfach nicht - Reich-Ranicki gehört zu ihnen.

Krimilesen aber läuft über Identifikation. Scheitert diese, dann hilft auch jahrelange Recherche in den düsteren Gegenden dieser Welt seitens des an diesem Dilemma unschuldigen Autors einfach nicht weiter. Die Autobiographie des Helden ist in solchen Fällen, mit Nabokov gesprochen, nicht interessanter als seine Autopsie.

Adrian McKinty darf sich insofern entlastet fühlen, dass sein Debüt- und Eröffnungsroman der hochgelobten „Dead”- Trilogie um den Superduper-Mann Michael Forsythe mich - ’schuldigung - kalt läßt. Ellenlange Rückblenden in eine nordirische Kindheit und Jugend werfen mich schneller aus dem Lesefluss als Forsythes Gangstertruppe in Harlem/ New York bei ihren nächtlichen Sausen den Maltwhiskey wegspült.

Die Großbaustellen dieses Buchs sind aber andere - und die Sprache ist überraschenderweise, wie doch sonst so oft in dieser Sparte, keine davon: denn in Kirsten Riesselmanns Übersetzung liest sich „Der sichere Tod” („Dead I well may be”) bestimmt nicht schlechter als im Original.

Nein, ich muss es ganz hart sagen: es ist die Arroganz des möglicherweise zu Besserem fähigen Autors, die diesen Roman mit seinen mehr als 450 Seiten zu einem langweiligen und zeitraubenden Schinken macht. Dies ist nicht meine Meinung, sondern die des 1968 in Belfast geborenen und heute in Melbourne lebenden McKinty selbst. In einem Interview äußert er sich auf die Frage, was ihn zu seinem Buch inspiriert hätte, wie folgt: „ I lived in Harlem for six years and I had accumulated a lot of material about the characters I worked and lived with and I needed an outlet for it.”

Genau so liest sich das Buch: Wie der Ausfluß eines sechsjährigen, nichts wirklich Überraschendes zu Tage fördernden Harlem-Aufenthaltes, der sich mit einer enorm schlichten und gerade im letzten Drittel die Kolportagestange en suite reißenden Konstruktion ins irgendwie thrillermäßige zur retten versucht. Der Plot geht nämlich so: Ein junger Nordire bekommt zu Hause Ärger mit dem Amt und wird Mitglied einer landsmännischen Gang in New York. Er vögelt die Freundin seines Bosses. Der rächt sich. Der junge Nordire überlebt die Rache und schlägt nun seinerseits zurück. Das war’s - und Details, wie etwa die einer eben so hanebüchenen wie angelesenen Flucht durch den mexikanischen Dschungel mit abgeschnittenen Zehen, bieten dem Leser keine Entlastung. Als hätte es Ross Thomas, Elmore Leonhard, James Ellroy und Charles Willeford - und das Genre in der Bandbreite von cool bis expressionistisch auszubreiten - nie gegeben; keiner dieser Autoren hätte sich mit einem so dünnen Plot auch nur für fünfzig Seiten zufrieden gegeben.

Hat Suhrkamp hier also einen Fehlgriff getan? Nicht unbedingt. Denn eine Trilogie kann nur auf drei Beinen stehen, und einen neuen Autor zu etablieren, ist immer verdienstvoll. Allgemein gehaltene Werbesprüche wie „McKinty - the toughest, the best” (Frank McCourt) lassen ja doch hoffen. Und auf Seite 76 - um nicht im Unfrieden zu schließen - erzählt Darkey, der Boss der Bande, zu der Michael Forsythe gehört, tatsächlich den lustigsten Witz über Katholiken, den ich kenne - die selber reizen im Moment ja mal wieder eher weniger zum Lachen.

Adrian McKinty
Der sichere Tod - Kriminalroman

suhrkamp taschenbuch

ein ganz klein wenig irreführend betitelt in der literaturbeilage der jungen welt zur leipziger buchmesse

Interview mit Claudio La Camera, Leiter des „Museums der Ndrangheta” in Reggio Calabria/Italien und Attilio Tucci, Sozialdezernent der Provinzregierung von Reggio/C.

Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on März 12, 2010 at 23:20



Frage: Herr La Camera, Herr Tucci: das „Museo della Ndrangheta” wurde am 1. Dezember 2009 in Reggio Calabria eröffnet. Wie funktioniert das Museum?

Claudio La Camera : Einerseits funktioniert das Haus ganz klassisch. Wir zeigen Fotos und Objekte, die die Ndrangheta repräsentieren; aber es gibt nur geführte Rundgänge, um Mystifikationen zu vermeiden.

Das wird den Mob aber nicht beeindrucken oder?

La Camera: Am sozusagen militärischen Phänomen der Organisierten Kriminalität können wir eh nichts ändern. Das Problem, wo wir ansetzen ist: Die Ndrangheta setzt jährlich 40 Milliarden Euro um. Diese Geld korrumpiert alles, die Menschen, die Medien. Wie befreit man sich von diesem Mechanismus der Macht, das ist es, was wir mit vor allem mit den Jugendlichen klären wollen. Denn deren Realität heißt: alles ist normal. Es ist normal, zu emigrieren. Es ist normal, mit 40 Jahren und Uniabschluss noch nie eine Arbeit gehabt zu haben und auch keine Hoffnung, eine zu finden. Es ist normal, dass in Reggio jede Nacht 10 Autos in die Luft fliegen.

Warum das denn?

La Camera: Das sind Botschaften, die das Herrschaftsgebiet markieren.

Zwischen den einzelnen Familien?

La Camera: Nein, im Gegenteil. Oft gibt es gar keinen konkreten Grund, sie machen das einfach. Es geht ihnen um ein Klima der Bedrohung. Man weiß schon, wer dahinter steckt.

Wurden Sie persönlich schon bedroht?

La Camera: Das läuft ganz unterschiedlich, denn bei der Ndrangheta gibt es ja keine Kuppel wie den Sizilianern, das sind bei uns einzelne, von einander unabhängige Familien. Da gibt es die, die schauen, die die nachdenken - und die, die ihre Feindschaft ganz offen zeigen. Sie haben auf das Museum geschossen. Sie haben uns persönlich mit dem Tod bedroht, andere haben Briefe geschickt.

Haben sie Anzeige erstattet?

La Camera: Natürlich - wenn wir das nicht tun, wer sonst! Aber es stimmt schon: Üblich ist das nicht.

Können Sie sich auf die Polizei verlassen?

La Camera: Polizei und Justiz sind uns sehr nah. Aber eine wirkliche Möglichkeit, sich zu schützen, gibt es ohnehin nicht. Deswegen denkt man weniger an sich als an die Familie, die Mitarbeiter.

Herr Tucci, Sie haben das Projekt politisch angeschoben. Wie ist das abgelaufen?

Tucci: In der Welt der staatlichen Institutionen gab es immer die Tendenz, das Museum zu verstehen als etwas, das das Phänomen der Ndrangheta verherrlicht anstatt es zu bekämpfen. Angst macht aber nicht das Wort Museum - sondern das Wort Ndrangheta. Die Leute sind es nicht gewohnt, dieses Wort öffentlich auszusprechen. Aber die Dinge sind in Bewegung. Der entscheidende Punkt war: Das Museum befindet sich in einem Haus, das der Mafia weggenommen wurde, das konfisziert wurde. Das ist ein starkes Symbol in unserer Gegend.

Hat das Haus schon etwas verändert?

La Camera: Vor zwei Jahren, als wir das Projekt zum ersten Mal in Berlin vorstellten, haben weder Freund noch Feind daran geglaubt: Weil es eine Idee war, ein Entwurf für die Zukunft - und wir im Süden sind es nicht gewohnt, an die Zukunft zu denken. Das haben wir widerlegt.

Wieso sind Sie eigentlich mit Ihrer Idee nach Berlin gekommen?

Tucci: Es gibt diesen Minderwertigkeitskomplex im Süden, dass das, was wir selbst machen, nichts wert ist. Erste wenn das Ausland und die überregionale Presse - wie kürzlich „La Repubblica” - berichtet, dann geschieht etwas. Man muss aber klar sagen: es ist immer noch ein unmögliches Projekt. Wir haben jetzt Mittel für sechs, sieben Monate.

Woher kommt das Geld?

La Camera: Im Moment zahlt nur die Provinz. Die Region Kalabrien hat Gelder versprochen. Das konfiszierte Gebäude des Museums gehört der Kommune. Es gibt eine enge Partnerschaft mit der Uni Reggio und mit der Universität La Sapienza in Rom. Aber wissen Sie - die Finanzierung: in einem Umfeld, wo 40% der Jugendlichen keine Arbeit haben, ist die Frage nach dem Geld -

Eine ziemlich deutsche Frage

Tucci (lacht): Es muss jedenfalls schon das persönliche Bedürfnis dahinter stehen.

Ist die erfolgreiche Gründung denn nun allein Ihr Verdienst oder hat sich die Gesellschaft in Kalabrien insgesamt verändert?

La Camera: Es gab immer Einzelpersonen, die mutig waren. Ohne die geht es nicht. Aber auch die Gesellschaft hat sich entwickelt - zu einem hohen Preis: All die Ermordeten!

Tucci: Am 3. Januar 2009 verübte die Ndrangheta ein Bombenattentat auf die Staatsanwaltschaft Reggio. Und zum ersten Mal haben die Einwohner der Stadt öffentlich ihre Solidarität mit den Behörden gezeigt, vor allem die Jungen; und die machen wir zu Protagonisten unserer Arbeit. Das Individuum wendet sich an das Individuum. Das ist das Geheimnis: Eine Person nach der anderen finden - aber solche, die etwas voranbringen. Aber auch die verschiedenen Migrantengruppen machen Hoffnung. Sie haben eine andere psychische Struktur. Sie kämpfen.

Inwiefern?

La Camera: In Reggio-Stadt gibt es seit den 1980er Jahren eine philippinische Gemeinde, die sehr gut integriert ist. Dann gibt es die Nordafrikaner, wir nennen uns Cousin, wenn wir uns auf der Straße treffen und es gibt schließlich in der Provinz Reggio Kurden, die sind überaus präsent. Es ist eine sehr schöne Erfahrung, mit ihnen zusammen zu leben. Sie lassen sich nicht einschüchtern.

Was Sie sagen ist insofern erstaunlich, als Kalabrien ja durch die Ereignisse von Rosarno erst kürzlich in die Schlagzeilen gekommen ist, wo Arbeitsmigranten vor allem aus Afrika von Einwohnern durch die Straßen gehetzt wurden.

La Camera: Was die Ereignisse von Rosarno betrifft - da wissen die meisten Kommentatoren leider nicht, wovon sie reden. Es ist undenkbar bei uns, dass 1500 Arbeitsmigranten nicht in der Hand der Ndrangheta wären. In Rosarno kann man noch nicht mal ein Päckchen Zigaretten verkaufen ohne deren Erlaubnis. Dass es zur Explosion kam, kann nur bedeuten, dass die Ndrangheta kein ökonomisches Interesse mehr an diesen Menschen als Arbeitssklaven hatte. Und nun wurde die Situation, die ohnehin schon dramatisch war, aber unter der sozialen Kontrolle der Ndrangheta stand, wirklich katastrophal. Ich glaube aber nicht, dass es dabei um Rassismus ging, ich finde es sogar dumm, zu unterstellen, die Einwohner von Rosarno seien durch die Bank fremdenfeindlich. Natürlich gab es Probleme mit 1500 Arbeitern, die unter schlimmsten sozialen und hygienischen Bedingungen dort leben und arbeiten. Aber als es dann keine Arbeit mehr gab…

Tucci: Es gibt dort Großgrundbesitzer, die den Orangenanbau kontrollieren. Man fragt sich, wie diese Leute, die Millionenumsätze haben, eigentlich ihre Steuererklärung machen, wo sie doch nur Schwarzarbeiter beschäftigen. Wie macht das also die Ndrangheta? Sie stellt Leute aus Rosarno im Winter als Saisonarbeiter an für 100 Tage - natürlich total gefälscht. So können sie Pensionsansprüche erlangen. Anschließend melden sie sich arbeitslos und bekommen da Geld. Die Arbeit machen die Migranten, die Ndrangheta verdient und die Leute müssen ihr dankbar sein, dass sie versorgt sind - denn andere Arbeit gibt es nicht. Das ist perfekte Kontrolle des Territoriums.

Und die Migranten haben rebelliert.

Tucci: Sie haben es gut gemacht! Sie haben reagiert, sie haben es sich nicht gefallen lassen, ausgesondert zu werden - etwas, das wir verlernt haben.

Also hilft ein multikulurelles Kalabrien beim Kampf gegen die Ndrangheta?

La Camera: Natürlich!

anders redigiert in der taz vom 11. 3

Nächste Seite »
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel