Ein Gespräch über Jörg Fauser mit dem polnischen Germanisten Maciej Jędrzejewski (Auszüge)

Allgemein, Über Jörg Fauser — admin on März 11, 2010 at 22:23

Maciej Jędrzejewski: War Jörg Fauser ein Rebell?

 

Ambros Waibel: Ich glaube schon. Jörg Fauser hat einerseits versucht Anschluss zu finden an die Strömung seiner Zeit - in Deutschland Adorno, Marcuse usw.  Dafür war er aber vielleicht nicht intelligent genug, im Sinne von so einer abstrakten Intelligenz. Fauser war nun mal kein Soziologiestudent, aber er war kreativ. Jörg Fauser hatte auf jeden Fall bemerkenswert wenig Angst. Ich glaube, dass er eigentlich eine Menge Angst hatte, aber er hatte diesen moralischen Anspruch an sich, die Angst zu überwinden. So ist ja eigentlich der Held oder der Rebell. Alle haben Angst, aber die Frage ist: Überwinde ich meine Angst?  Das war bei ihm toll.

 

Maciej Jędrzejewski: So war es auch bei der Biografie Marlon Brando. Der versilberte Rebell. Die Arbeit an dieser Studie war für ihn eine enorme Herausforderung, die er überwinden musste…

 

Ambros Waibel: Jörg Fauser war mutig und er hatte eine Vision von seinem Leben, die bestimmt auch lange unklar war. Ein Leben in Würde - das war ihm wichtig. Das ist auch so ein Hinweis auf das Elternhaus: Warum ist Würde so ein wichtiger Begriff? Weil die Würde irgendwann verletzt worden ist ? Warum ist es so wichtig, dass jemand sagt: Ich bin Ich. Wenn das Elternhaus einem andauernd sagt: Du bist Du, und Du bist großartig und toll, dann ist das nicht so wichtig. Ich glaube, dass dieser Vater schon eine sehr prägende Rolle gespielt hat. Jörg Fauser hat auch versucht sich anzupassen an das, was gerade in Mode war, aber das ging nicht. Die Leute haben ihm das nicht abgenommen. Er war natürlich auch ein Kleinbürger, der seinen Platz in der Gesellschaft suchte, der nicht so klare kulturelle Codes mitbekam.

 

Maciej Jędrzejewski: Er stand ja auch etwas Abseits der Gesellschaft…

 

Ambros Waibel: Ich glaube, dass er bis zu einem gewissen Zeitpunkt in seinem Leben einfach unglücklich war. Es ist ein normales Unglück, wenn man eine lange Jugend hat und keinen richtigen Beruf. Da wird man auch unglücklich. Ab Anfang der achtziger Jahre war er ein wirklicher Schreiber, der Geld verdiente. Da hatte er auch sehr schnell versucht ein bürgerliches Leben aufzuziehen. Fauser hat dann sehr schnell geheiratet, bestimmt nicht zufällig eine Frau, die schon zwei Kinder hatte. Er wollte eine Familie aufstellen. Für Jörg Fauser war es wichtig, endlich irgendwann erwachsen zu sein. Er wollte nicht so ein blöder Hippie sein, der ewig dem Sozialismus nachträumte. Fauser wollte ein erwachsener Mensch sein, der seine Steuererklärung machen kann, der einen Anwalt hat, der eine Wohnung hat. Ein Auto hatte er jetzt nicht, aber da gibt’s ja viele Schriftsteller die nicht Autofahren wollten. Jörg Fauser wollte erwachsen sein - ein Mann mit allem was dazu gehört, kein vierzigjähriges Kind. Und daran ist er übrigens auch gescheitert, denn der Tod ist bestimmt kein Zufall. Ich würde überhaupt nicht sagen, dass er total gescheitert ist. Warum sollte man nicht mit dreiundvierzig sterben? Es gibt Schlimmeres als mit dreiundvierzig gegen einen LKW zu laufen. Für Fauser wäre das: Ein Leben in Unwürde. Dieses mehr wollen, dieses einerseits bürgerliches Leben und Erwachsensein wollen, und dann an seinem Geburtstag von drei Uhr Nachmittags bis drei Uhr morgens durchsaufen, und dann auf die Autobahn laufen - da merkt man, da fehlt was.

 

Maciej Jędrzejewski: In dem Artikel Strand der Städte schrieb Jörg Fauser: „Leben ist nicht alles, Leben ist nichts, wenn es nicht Rebellion ist” (Fauser, Städte, 2009, S. 418). Wie wichtig war für ihn die „Rebellion”?

 

Ambros Waibel: Ich glaube, dass vieles Pose ist. Man hat uns berichtet, dass Jörg Fauser selber über sein Pathos lächeln konnte. Das hat verschiedene Quellen: Deutscher Expressionismus oder auch so eine Rebellion gegen dieses Temperamentlose, was ja auch häufig in Deutschland ist, vor allem in Norddeutschland. Wenn man das Gefühl hat, man möchte was, man darf keine lauten Töne anschlagen, sondern immer schön bedeckt halten. Aber ich glaube schon, dass in ihm die Rebellion gegen falsche Töne und falsche Übereinkünfte sehr stark verankert war. Vergessen Sie es nicht, er beschreibt es in Rohstoff: Jörg Fauser, wenn er eine Wohnung mieten wollte oder einen Job gesucht hat - auch in den größten Hippiezeiten - immer in Anzug und Krawatte. Jörg Fauser hatte sehr großes Empfinden für das, wie die Gesellschaft funktioniert.

 

Maciej Jędrzejewski: Fauser liebte das Rotlichtmilieu. Er hat getrunken und Drogen genommen. War sein Lebenstil auch ein Ausdruck der Rebellion?

 

Ambros Waibel: Ja. Jörg Fauser hat immer Vorbilder gesucht. Wie soll man eigentlich richtig leben. So wie seine Eltern wollte er nicht leben. Er hat sie zwar sehr geliebt und respektiert, aber wie soll man es denn machen? Fauser hatte verschiedene Vorbilder: Burroughs, der Heroin nimmt - Fauser nimmt Heroin; dann Bukowski, der trinkt - Fauser trinkt. Ich kann mir ganz gut vorstellen, dass Fauser irgendwann gesagt hätte: So jetzt höre ich auf zu trinken und zu rauchen - das ist es! Er hat immer nach Vorbildern gesucht. Man muss auch sagen, dass rund um 68 alle Leute Drogen genommen haben. Man wusste ja auch nicht, was das bedeutet, so wie man vor zehn Jahren letzlich nicht wusste, was Rauchen bedeutet. Das war Lebenstil und es war Nachahmung, aber natürlich war Jörg Fauser schon drogensüchtig. Er hat auch damit ein wenig kokettiert. Der Rausch war ein gute Möglichkeit, um in den Zustand der Rebellion und Entgrenzung zu geraten. Fauser war halt nicht zufrieden mit sich. Er war schon getrieben, aber jeder gute Künstler ist getrieben. Ein Künstler ist nicht entspannt. Er soll ein Werk schaffen. Entspannt kann ein Generaldirektor sein oder  der Müllmann. Der Künstler soll etwas leisten und er hat eine Aufgabe, die ihm sein komisches Hirn vorsagt. Jörg Fauser war ein Künstler.

 

Maciej Jędrzejewski: Denn Fauser hielt „den Künstler, den Schriftsteller nach wie vor für einen Aussätzigen, sich selbst Aussetzenden, außerhalb und mit dem Rücken zu jedweder Gemeinschaft und Gesellschaft Stehenden” (Fauser, Städte, 2009, S. 419)…

 

Ambros Waibel: Jörg Fauser hat es aber später zurückgewiesen. Es gibt eine Interviewstelle (Anm.: vgl. Firle, Interview, 2009, S. 1507), wo er sagt, dass der Künstler kein Außenseiter ist. Ich würde dies auch unter dieses Erwachsensein-Wollen rechnen. Wichtig ist: Nicht jede Aussage Fausers hat Ewigkeitswert. Er hat sich entwickelt.

 

Maciej Jędrzejewski: Kann man ihn als Individualisten betrachten?

 

Ambros Waibel: Auf jeden Fall war er ein Individualist. Fauser hatte ein starkes Empfinden der eigenen Individualität. Er beharrte darauf und kämpfte darum.

 

Maciej Jędrzejewski: Wollte Fauser gesellschaftliche Konventionen brechen?

 

Ambros Waibel: Eher nicht. Jörg Fauser wollte in der Gesellschaft smart leben und sie verstehen. Er wollte in der Gesellschaft die Dinge als Künstler im Griff haben. Ich glaube nicht, dass Fauser eine andere Vision der Gesellschaft hatte.

 

Maciej Jędrzejewski: Was war die Motivation für sein künstlerisches Schaffen?

 

Ambros Waibel: Jörg Fauser hat schon als Kind geschrieben. Seine Mutter hat ihn als sehr künstlerisches Kind beschrieben. Das ist etwas Interessantes bei Fauser, dass es oft bei Leuten gibt, die sehr früh anfangen sich für Literatur zu interessieren, dass sie der Literatur wirklich glauben. So jemand wie Fauser, der auch Orientierung sucht, der hat wirklich an Grabbe geglaubt. Und es gibt ja nun mal einen Unterschied zwischen Literatur und Realität. Mit diesem Unterschied hatte er zu kämpfen. Jörg Fauser hat sich immer Vorbilder aus der Literatur gesucht und hat dann gemerkt, dass die Realität anders ist.

 

Maciej Jędrzejewski: Auf vielen Fotos macht Jörg Fauser einen unsicheren und schüchternen Eindruck - so auch auf dem Foto, das auf der Titelseite der Fauser-Biografie Rebell im Cola-Hinterland abgebildet ist. Sein äußerliches Auftreten erinnert nicht an einen Rebellen und literarischen Aufrührer. Hat er versucht etwas nach außen hin zu kaschieren? Hat Jörg Fauser mit seinem Image gespielt?

 

Ambros Waibel: Bestimmt. Jörg Fauser hat versucht etwas zu kaschieren. Er wollte auch der „tough guy” sein. Fauser konnte sehr gelöst und lustig sein, auch sehr gute Witze erzählen. Man kann sagen, dass er ein Gefühl dafür hatte, wer er gerade sein wollte in welcher Situation - also auch ein bisschen Camouflage. Wenn man sich so eine Fotoreihe von ihm ansieht, merkt man, dass Jörg Fauser immer anders aussieht. Gegenbeispiel: Hans Magnus Enzensberger, der seit siebzig Jahren die selbe Frisur hat, den selben Stil, auch wenn seine Meinungen ganz andere sind. Jörg Fauser nie - einmal hat er Schnurbart, lange Haare, dann hat er wieder einen Anzug, kurze Haare. Er war immer suchend, wobei er mit ungefähr vierzig Jahren seinen Stil gefunden hatte. Das ist ein Problem, denn wir kennen Fauser nur bis zum dreiundvierzigsten Lebensjahr. Da fehlt einfach was. Wir wissen nicht, welches Potential sich noch entwickeln konnte. Ich würde sagen, dass das Potential immer mehr zur Ernüchterung gewesen wäre. Ich glaube nicht, dass er am Suff gestorben wäre. Er hatte sicher ein Gefühl dafür, was Image ist, wie kann ich damit spielen. Er hatte eine hohe Auffassung von Professionalität. Professionalität bedeutet ja, dass man sich in einem öffentlichen Zusammenhang anders verhält als Zuhause. Und dann gibt’s ja alle möglichen Schwierigkeiten: Die berühmten Weihnachtsfeiern, wo die Leute plötzlich privat werden. Dafür hatte Fauser ein gutes Gespür. Insofern war er sehr undeutsch. Jörg Fauser war eigentlich ein zarter und sensibler Mensch, aber der sagt: Dabei bleibt es nicht. Ich gehe boxen. Ich gehe in die übelsten Kneipen und wenn sie mich rausschmeißen, komme ich in zwei Wochen wieder!

 

Maciej Jędrzejewski: Jörg Fauser hatte einen zwiespältigen und sonderbaren Charakter. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?

 

Ambros Waibel: Ja. Er selber würde wahrscheinlich dem nicht zustimmen. Er würde sagen: Was ist denn zwiespältig? Ich würde sagen, dass Jörg Fauser ein Künstler war, der den Sinn hatte dieses Künstlerische durchzufechten, sich nicht abschwätzen zu lassen.

 

Maciej Jędrzejewski: In der Jörg-Fauser-Biografie haben Sie das Kapitel Kunstwerk Rohstoff verfasst, wo Sie den autobiografischen Roman Rohstoff von Jörg Fauser unter die Lupe genommen haben. Würden Sie dem Roman eine literarische Sonderstellung in Bezug auf Fausers Gesamtwerk zuschreiben?

 

Ambros Waibel: Ich würde dem Roman schon eine Sonderstellung zuschreiben. Ob Jörg Fauser das tun würde, möchte ich bezweifeln. Fauser wollte mit seinen Büchern Erfolg haben. Nachdem er es lange versucht hatte in den Kulturbetrieb zu kommen, hatte er irgendwann entschieden: Wenn ich hier weitermache, dann lebe ich als Schriftsteller vom Verkauf meiner Bücher, und nicht von dem Stipendium der Institution XY oder von einer Zuwendung. Rohstoff hat sich überhaupt nicht gut verkauft, insofern würde Fauser das nicht sagen. Er hat es abgeschlossen und hat danach etwas völlig anderes gemacht - Das Schlangenmaul, das viel kommerzieller war. Einerseits würde ich schon sagen, dass wenn man jetzt heute mit Jörg Fauser sprechen würde, dass er sagen würde: Klar, Rohstoff - da hat es gestimmt. Es ist eine sehr gute Lektüre, toller Stoff, richtige Zeit es zu schreiben, cooler Sound einfach…

 

Maciej Jędrzejewski: Rohstoff ist ein großartiges Buch, insbesondere wenn man Jörg Fausers Vita kennt und weiß, dass er fast alles selber erlebt hatte…

 

Ambros Waibel: Viel schöner ist es, wie er es auswählt und arrangiert. Wenn man was konzentrieren will, braucht man ja eine große Menge, einen großen Fundus. Das ist wie bei der Herstellung eines Schnapses: Wenn man einen Schnaps machen will, braucht man erstmal viel Stoff, der dann destilliert wird - das hatte Jörg Fauser bei Rohstoff. Mir gefällt das Buch.

 

Maciej Jędrzejewski: In Rohstoff verfasste Jörg Fauser folgendes: „Eine Schreibmaschine war eine Waffe. Das durfte ich nie vergessen. Ich hatte immer das Gefühl gehabt, mich gegen die Welt verteidigen zu müssen. Jetzt hatte ich hier im Papendiek meine Waffe gefunden” (Fauser, Rohstoff, 2004, S. 51)…

 

Ambros Waibel: Warum muss jemand so etwas sagen? Vater, Familie? Ich möchte nicht zu sehr psychoanalytisch werden, aber bei der Familie fängt jeder Mensch an. Wenn man etwas erfahren will über den Menschen, fängt man da an. Natürlich ist das künstlerische Sensibilität, also jeder Künstler wird sagen: Die Welt ist gegen ihn… Das gehört dazu. Man muss auch bei Jörg Fauser aufpassen, dass man ihn nicht zu sehr ernst nimmt. Er war ein Sensibelchen. Das ist auch gut so. Klar, wenn ich in der Zeitung etwas schreibe, meine Waffe ist halt das, was ich schreiben kann. Das ist eigentlich selbstverständlich in gewisser Weise.

 

Maciej Jędrzejewski: Bildete die Lebensgeschichte des Schriftstellers das Handlungsgerüst von Rohstoff?

 

Ambros Waibel: Handlungsgerüst auf jeden Fall. Jörg Fausers Ergeiz war, die Dinge so aufzuschreiben, wie sie für ihn waren. Andere haben diese Zeit ganz anders wahrgenommen.

 

Maciej Jędrzejewski: In Fausers Romanen, insbesondere in Rohstoff, wird sichtbar, dass die Protagonisten autobiografische Züge des Schriftstellers tragen. Sind die Helden Doppelgänger des Autors?

 

Ambros Waibel: Ich glaube, dass sind Emanationen. Jörg Fauser hatte nicht den Ehrgeiz, eine Figur, die ganz anders als er war, wie ein Maler zu skizzieren. Es geht um Ausdruck. Ein Kern im Fauserischen Werke ist der Ausdruckswille des eigenen Ichs. Eigentlich geht es immer von dem Ich aus. Doppelgänger - ich habe nichts dagegen. Es sind sicher auch Fantasien, wie auch zum Beispiel Heinz Harder (Anm.: Protagonist aus dem Roman Das Schlangenmaul). Was bedeutet dieser Name?  Härter als man selbst?

Maciej Jędrzejewski: Seine Helden tragen in den Romanen einen „innerlichen Kampf” aus: Sie überlegen aus der Außenseiterrolle herauszutreten und ein häusliches Leben zu führen. Könnten Sie zu diesem Aspekt eine nähere Erklärung geben?

Ambros Waibel: Ich habe viel mit Journalisten und Schriftstellern zu tun. Das ist so etwas, was man täglich hört. Der eine sagt: Ich höre jetzt auf mit dem Journalismus. Ich muss jetzt wieder ein Buch schreiben, sonst werde ich wahnsinnig. Und der andere sagt: Ich mache jetzt erstmals fünf Jahre Journalismus und dann kann ich wieder ein Buch schreiben. Das sind eben die normalen Lebensbedingungen: Wie verdient man sein Geld, wie viele Kompromisse muss man machen. Das hat insofern noch eine andere Bedeutung, weil die 68er und siebziger Jahre ein Ausnahmezustand waren, wo man teilweise - gerade für Studenten - das Gefühl hatte, dass die Welt neu geöffnet wird. Was zum Teil auch so war, dass war ja eine tolle Zeit bestimmt. Aber dann zieht halt ganz langsam der normale Realismus ein, in dem wir mit der Marktwirtschaft konfrontiert werden, und da muss man sich halt verkaufen. Das hat und musste Jörg Fauser früher als andere verstehen.

 

Maciej Jędrzejewski: Warum gehen Fausers Protagonisten immer „leer” aus? Sie sind weder Gewinner noch Verlierer?

 

Ambros Waibel: Das stimmt ja für Rohstoff schon gar nicht. Das Ende ist ja positiv. Harry Gelb (Anm.: Protagonist aus dem Roman Rohstoff) lag zwar am Boden, seine Brille war kaputt, aber da gibt es was, wo man wieder Anfangen kann. Das ist natürlich auch Genre - klassischer Krimi, Raymond Chandler, Dashiell Hammett. Der Detektiv hat nichts außer seiner Würde. In den Krimis der Klassischen Zeit bekommt der Detektiv einen Auftrag von einem reichen Mann, der sagt: Ich hab das und das Problem. Löse es. Und die Lösung findet sich wieder im Haus des reichen Mannes selbst. Das Kapital beauftragt einen und die Lösung führt immer wieder zurück zum Kapital. Das ist halt Genre… Das einzige was ein Mann hat, ist die Würde. Das Geld ist weg, aber: „Ich seh mir die Show in der Roxy-Bar an” (Fauser, Schneemann, 2008, S. 243). Das ist auch kein negatives Ende (Anm.: Der Schneemann). Es ist die einzige Möglichkeit positiv zu sein. So muss man es sehen. Siegfried Blum (Anm.: Protagonist aus dem Roman Der Schneemann) hat etwas bewahrt. Es geht darum etwas zu bewahren, was den Menschen ausmacht. Würde ist zentral. Kürzlich habe ich einen Anti-Mafia-Staatsanwalt aus Italien interviewt, der ein Buch geschrieben hat - Raffaele Cantone. Und der sagte auch: Zentral ist die Würde. Das ist eine wichtige Kategorie. Das hat natürlich auch den Hintergrund, dass man sagt: Ich bin so smart. Ich komme materiell immer irgendwie durch. Ob ich nun wie der im Schneemann Pornos verkaufe oder wie Heinz Harder… Blum ist eigentlich Kunsthistoriker, verkauft aber Pornos, und Harder hatte früher auch was besseres - das ist Genre. Der Marlowe (Anm.: Protagonist aus den Romanen von Raymond Chandler) war auch mal Polizeibeamter und heute ist er nur Privatdetektiv. Das sind überlieferte Formen, die Fauser lernt und neu belebt.

 

Maciej Jędrzejewski:  Hat der Hollywoodstar Marlon Brando Fauser nachhaltig geprägt?

 

Ambros Waibel: Die Biographie war eine Auftragsarbeit. Jörg Fauser musste sich die Filme erst anschauen. Ich glaube, dass Marlon Brando eigentlich überhaupt nicht Fausers Typ war. Brando ist schon eine Nummer größer als Jörg Fauser. Und was heißt größer? Das heißt, dass man mehr zulässt. Brando war hart, war weich, war weiblich, war männlich. Wenn man Marlon Brando mit Bukowski, Burroughs und später anderen Schriftstellern vergleicht - die waren Fauser schon näher.

 

Maciej Jędrzejewski: Ich denke, dass Jörg Fauser einen seelenverwandten Menschen in dem Schauspieler Marlon Brando gefunden hatte. Brando war ein Vorbild für den Schriftsteller…

 

Ambros Waibel: Ich glaube nicht. In dem Marlon-Brando-Buch ist Respekt. Das Buch war eine Folie für ihn, sich endlich selber auszudrücken, aber so richtig Liebe für Brando ist da nicht. Wenn Fauser über Bukowski schreibt, merkt man persönliche Zuneigung.

 

Maciej Jędrzejewski: Der Schneemann ist das berühmteste Buch von Jörg Fauser. Was hat dieser Kriminalroman für den Schriftsteller persönlich bedeutet?

 

Ambros Waibel:  Viel. Im Schneemann hat es Jörg Fauser das erste Mal wirklich geschafft, sein Bedürfnis nach Ausdruck und die fest stehende literarische Form des Krimis zusammenzubringen. Er hat es schon in Alles wird gut versucht, das auch ganz gut kritisiert wurde - das sei Literatur und anspruchsvoll. Beim Schneemann wurde gesagt: Das ist halt ein Krimi. Und dann haben andere Leute gesagt: Das ist ein Krimi, wie wir ihn in Deutschland noch nicht hatten, weil er so gut, so intensiv, auf so einen hohen Niveau das Genre erfüllen kann. Aber es ist eben Genre-Literatur… Es ist nicht wirkliche Literatur - so hat man es damals in Deutschland gedacht. Der Schneemann war sein Glück, das war ein Riesenerfolg. Der Roman verkauft sich immer noch und wird übersetzt. In dem Sinne ist Der Schneemann das zentrale Buch von Fauser. Das muss eine gute Zeit gewesen sein.

 

Maciej Jędrzejewski: Mit dem Roman Der Schneemann wurde Jörg Fauser zu einem professionellen Kriminalschriftsteller…

 

Ambros Waibel: Er hat Geld verdient und wurde bekannt. Seit dem Schneemann war Fauser „der Typ, der den Schneemann geschrieben hat” - und das müssen Schriftsteller erreichen! Das war für ihn der Weg aus dem Underground. Man muss immer sagen: Vorher kannte Fauser keiner bis auf ein paar Literaturinteressierte. Er hat für die Basler Zeitung und den Tip geschrieben, aber nicht für die Süddeutsche Zeitung, die FAZ oder den Spiegel. Jörg Fauser war ein unbekannter Autor, der plötzlich so ein Ding schreibt, das sich ungefähr 300.000 Mal verkauft. Es ist auch interessant zu gucken, wie viel er mit dem Buch verdient hat.

 

Maciej Jędrzejewski: Ich glaube, dass er mit dem Film Der Schneemann noch mehr verdient hat als mit dem Buch…

 

Ambros Waibel: Ja, genau. Soweit ich weiß, wurde er da ausgezahlt. Das war schon ein Batzen Geld. Das gab es nicht so oft. Also, ich würde es so sagen: Nachdem wir vorher über Rohstoff gesprochen haben. Der Erfolg mit dem Schneemann, bot Jörg Fauser die Möglichkeit so etwas wie Rohstoff zu leisten. Da hat er versucht, sich selber noch mal zu präsentieren. Dann hat er gemerkt, dass das keinen interessiert. Danach kommt jetzt Das Schlangenmaul - wieder Genre. So ist die Entwicklung.

 

Maciej Jędrzejewski: Wobei für mich Rohstoff reizvoller ist als Der Schneemann

 

Ambros Waibel: Den Schneemann kann man aber auch noch mal lesen, da steckt mehr drin als man denkt. Das hat Matthias Penzel in unserem Buch hervorragend analysiert! Ich habe übrigens auch das Vorbild für den Schneemann entdeckt - der Roman Mona von Lawrence Block. Ich habe das dem ganzen deutschen Feuilleton angeboten. Kein Interesse. Fauser ist für die Kultursnobs immer noch Outsider - denn die hassen unabhängige Leute.

 

Maciej Jędrzejewski: Wie wichtig war für Jörg Fauser die Hausbesetzerszene?

 

Ambros Waibel: Ich glaube, dass es einfach ein Freiraum für ihn war. Jörg Fauser beschreibt ja selber, dass er am Rand dieser Szene lebt, also nicht unter den wirklichen Chefs. Er beschreibt ja diese Alternativszene letztlich als autoritär und hierarchisch strukturiert. Fauser war hundert Prozent antiautoritär. Er konnte ganz schlecht mit Autoritäten. In diesem Sinne war für ihn die Hausbesetzerszene überhaupt nicht wichtig. Sie war halt da und es wäre blöd gewesen, da nicht mitzumachen, gerade wenn man keine normale bürgerliche Karriere verfolgt.

 

Maciej Jędrzejewski: Jörg Fauser war ein allseitig begabter Schriftsteller. Er hat Romane, Gedichte, Kurzgeschichten, Drehbücher, Zeitungsartikel, Hörspiele, Songtexte und Übersetzungen geschrieben. In welcher Textsorte besaß der Literat die meiste Durchschlagskraft?

 

Ambros Waibel: Ich glaube, dass kann man so nicht sagen. Es gibt hervorragende Gedichte und nicht so gute. Es gibt hervorragende Artikel und nicht so starke. Ich würde es nicht an dem Genre festmachen. Fauser hatte nicht diese Künstlerpose. Sein Handwerk war das Schreiben - das war aber früher nicht selbstverständlich wie heute, als Autor alles zu schreiben. Er hatte eine moderne Einstellung. Jörg Fauser war seiner Zeit voraus.

 

Maciej Jędrzejewski: Jörg Fauser hat Liedtexte für Achim Reichel und Veronika Fischer verfasst. Wie bewerten Sie das „musikalische Schaffen” dieses Schriftstellers?

 

Ambros Waibel: Musikalisch überhaupt nicht, sondern er hat halt Texte geschrieben. Das fing damit an, dass er Gedichte geschrieben hatte und die deutschen Rocksänger haben damals bisschen was Authentischeres gesucht. Erstmal haben sie angefragt, ob sie seine Gedichte vertonen dürfen. Sonst gilt das selbe, wie bei der letzten Antwort. Fauser hat gesagt: Klar, ich bin Autor. Warum soll ich keine Songtexte schreiben? Ich kann das! Ich mach das!

 

Maciej Jędrzejewski: In dem Vorwort „Weil Schreiben das A und O ist und Überleben sonst nicht lohnt”, das in dem 2009 veröffentlichten Band Der Strand der Städte zu finden ist, konstatiert Matthias Penzel folgendes: „Ganz besonders hervorhebenswert und meisterlich sind die journalistischen Arbeiten, weil sie alle Aspekte abdecken. Die des Menschen und Autors, seinen Blick nach außen - ins Neondickicht der Nacht, auf die Straße, die Hinterhöfe der Macht, aber auch in die Bücher und in die Lebensläufe der Autoren, die ihn bewegt haben” (Penzel, Schreiben, 2009, S. 18). Wie schätzen Sie Jörg Fausers journalistische Tätigkeit ein?

 

Ambros Waibel: Ich finde, es gibt großartige Sachen im Journalismus von Jörg Fauser, weil er so modern war als Autor. Fauser hat gesagt: Ich bin nicht nur Journalist oder Lyriker… Er wird eine Art Klassiker werden. Fauser hat den Journalismus ernst genommen. Das waren so Sachen, wo er dann Geld verdienen konnte. Jörg Fauser hat viel Ehrgeiz und Energie in den Journalismus investiert. Der Journalismus war nicht so angesehen wie heute. Da war ein Journalist ein Journalist und ein Dichter ein Dichter - das ist heute nicht mehr so, insofern war er modern. Jörg Fauser hat gemerkt, dass ist eine Art zu publizieren und das ist total ehrenwert. Wenn Sie in diese Wohnung gehen, wo er aufgewachsen ist - da ist Kultur pur. Die Wohnung von den Fausers ist zwar ganz klein, , aber da stehen die ledergebundenen Klassikerausgaben: Schiller, Goethe, Hölderlin; oben die Bilder von dem Vater. Das ist so richtiges deutsches, evangelisches Bildungsbürgertum, was eigentlich alles verachtet, was irgendwie populär ist. Dagegen hat er sich bestimmt aufgelehnt.

 

Maciej Jędrzejewski: Wie beurteilen Sie Jörg Fausers lyrische Dichtkunst?

 

Ambros Waibel: Die Gedichte sind in gewisser Weise eingebettet in eine Strömung der deutschen Lyrik. Ich finde die Gedichte gut, nicht alle. Klar, dass Jörg Fauser Macho war. Das ist mir nicht immer sympathisch. Ich bin anders. Die besten Werke von Fauser sind die, wo das Genre und die Persönlichkeit ein Gleichgewicht bekommen. Wenn dieses reine Genrehafte überwiegt: Ich war cool und fühlte mich gut, ich trank zehn Bier - dann wird’s langweilig. Wenn dieser Ausdruck überwiegt: Ich bin Jörg Fauser und hört mir doch mal zu - dann wird das so unangenehm, wie wenn einem jemand zu nahe kommt. Wenn die starke Persönlichkeit und der Ausdruckswille durch die Erfüllung einer bestimmten Form ausgeglichen werden, wenn Persönlichkeit und Form zusammenkommen - dann nennt man es auch Klassik. Da gibt es in allen Sachen, die er gemacht hat, Großartiges und nicht so Gutes.

 

Maciej Jędrzejewski: Welche literarischen Vorbilder haben Jörg Fausers Schaffen beeinflusst?

 

Ambros Waibel: Das steht eigentlich im Buch (Anm.: Rebell im Cola-Hinterland) drin. Es gibt eine Menge. Jörg Fauser hat kein literarisches Vorbild, was ihn sein ganzes Leben begleitet. Er hat Sachen intensiv gelesen und studiert, hat daraus gelernt, ist dann wieder weiter gegangen, denn die Literatur geht ja auch immer weiter. Man entdeckt immer Neues. Am Schluss waren für ihn die Krimis wichtig, die jetzt der Alexander Verlag neu auflegt von Ross Thomas. Er hat immer neue Sachen entdeckt und gelernt. Er hat auch viel mehr gelesen als man so denkt. In den Briefen merkt man plötzlich, dass Jörg Fauser nebenbei den ganzen Thomas Bernhard gelesen hat. Fauser konnte aber damit nichts anfangen für sein Werk. Hat er gelesen, um zu sehen was läuft oder weil es ihm einfach gefallen hat.

 

Maciej Jędrzejewski: Jörg Fauser behauptete in der Fernsehsendung Autor-Scooter vom 25. September 1984 mit Hellmuth Karasek und Jürgen Tomm folgendes: „Wenn ich ein Buch bespreche, lese ich nicht nur dieses Buch des Autors, sondern wenn er mehrere geschrieben hat, dann lese ich alles” (Fauser/Karasek/Tomm, Schreiben, 2004, S. 319)…

 

Ambros Waibel: Ja, genau. Damit wollte er sagen, dass er ein Schriftsteller ist, der auch Bücher bespricht.

 

Maciej Jędrzejewski: In dem erstmals 1987 publizieren Text Letztlich … Die amerikanische Literatur ist vital, die deutsche schlapp verfasste Jörg Fauser folgendes: „Ich bin ein Kind der amerikanischen Freiheit - ich wünsche Amerikas Politik zum Teufel und liebe seine Literatur” (Fauser, Letztlich, 2009, S. 1495). Inwieweit hat die US-amerikanische Literatur und Kultur Jörg Fausers Schaffen beeinflusst?

 

Ambros Waibel: Also, natürlich sehr, aber das ist nichts Besonderes. Die ganze westdeutsche Kultur hat von der US-amerikanischen Literatur profitiert. Fauser wollte nie länger in Amerika wohnen. Dazu war er vielleicht doch zu mitteleuropäisch geprägt. Er hat gesagt, dass man nicht nur aus amerikanischen Vorbildern schöpfen kann, sondern man muss so eine Synthese herstellen.

 

Maciej Jędrzejewski: Welche amerikanischen Schriftsteller haben Jörg Fauser inspiriert?

 

Ambros Waibel: Erstmal natürlich die ganzen Beats wie Jack Kerouac, dann Bukowski in einer bestimmten Lebensphase; Chandler, Hammett - also diese klassische schwarze Serie. Er hat das professionell verfolgt. Jörg Fauser hat einfach gekuckt, was machen die Amerikaner - eine Gesellschaft, die moderner ist als unsere, dementsprechend hat sie auch die modernere Literatur. Das heißt aber nicht, dass es eine bessere oder gerechtere Gesellschaft ist. Fauser hat geguckt, was läuft da, was kann ich gebrauchen. Man muss auch gucken, was nicht vorkommt: John Updike, Thomas Pynchon. Er hat sich das ausgesucht, womit er was anfangen konnte.

 

Maciej Jędrzejewski: War Jörg Fauser ein deutscher Charles Bukowski?

 

Ambros Waibel: Nein. Fauser suchte Vorbilder. Burroughs, den Fauser auch selbst interviewte, hatte sich erschöpft und ohne Vorbilder konnte er nicht leben. Es muss einen Leitstern geben. Dann kam Bukowski. Jörg Fauser hatte auch eine echte Begabung, jemand zu bewundern und für ihn Respekt zu haben.

 

Maciej Jędrzejewski: In der Sendung Autor-Scooter mit Hellmuth Karasek und Jürgen Tomm sagte Jörg Fauser: „Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle, und das ist ein Geschäft. Writing is my business” (Fauser/Karasek/Tomm, Schreiben, 2004, S. 306). Motivierten finanzielle Aspekte Jörg Fausers literarische Arbeit? Wollte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?

 

Ambros Waibel: Man muss immer die Zeitumstände beachten. Damals war Kunst noch etwas Abgehobenes und fand in einer abgehobenen Sphäre statt. Jörg Fauser hat gesagt: Ich bin ein Unternehmer - das war totale Provokation. Heute sind wir schon wieder weiter. Heute würden wir schon eher sagen, dass das etwas Befreiendes hatte, zu berichten: Ich bin Unternehmer und vertreibe Produkte - aber ist es das tatsächlich nur? Wollen wir tatsächlich nur ein Buch lesen, wo ein Autor sagt, dass er bestimmte Leseerwartung erfüllt?. Das ist schon ein großer Satz. Das provokative Potential ist ungebrochen. Noch heute wäre das groß, sich als Schriftsteller in so eine Sendung zu setzen und zu sagen: Ich vertreibe Produkte. Das ist aber auch zwiespältig. Die Kunst soll sich nicht daran erschöpfen. Wir erwarten schon etwas anderes. Heute haben wir ja den totalen Markt - und das wollte Fauser bestimmt nicht.

 

Maciej Jędrzejewski: Woher kam diese unkonventionelle Haltung zur Literatur, die er partiell als Erwerbstätigkeit betrachtete?

 

Ambros Waibel: Das ist ja nicht unkonventionell, dass ein Schriftsteller sagt: Der macht es halt jetzt. Es ist interessant, dass Jörg Fauser einfach zurückgewiesen wurde. Er hat versucht Fuß zu fassen. Man hat ihm in Klagenfurt gesagt: Sie gehören hier nicht hin. Und noch heute ist das so. Das habe ich auch in meinem letzen Artikel zitiert (Anm.: Maxim Biller, der gebrauchte Jude und Philip Roth). Da bespricht Denis Scheck, einer der einflussreichsten deutschen Literaturkritiker, im Deutschlandfunk das Buch Strand der Städte und sagt: Jörg Fauser - ein Autor im Niemandsland. Da kann ich mir nur an den Kopf greifen. Maxim Biller, Rainald Goetz und alle möglichen bedeutenden deutschen Schriftsteller berufen sich auf Jörg Fauser und dann sagt der Chefkritiker: Literatur im Niemandsland. Der hat  überhaupt nichts verstanden. Das ist ein wichtiger Punkt und das ist nicht nur für Jörg Fauser: Literatur wird gelesen, weil sich die Leute identifizieren. Der normale deutsche Intellektuelle, der hat sein Studium, dann kriegt er irgendwann seinen Job. Und dann will er irgendwann auch Sachen lesen, wo das irgendwie vorkommt - das Studium, der Job und dann Kinder. Jörg Fauser hat halt was anderes gelebt. Und wenn die Leute das dann lesen, akzeptieren sie es nicht. Heute ist es ja anders. Wir haben prekäre Lebensverhältnisse, aber damals war das so. Die Leute können es einfach nicht akzeptieren, dass jemand nicht die selben Codes bedient, die sie auch erlebt haben. Und wenn er es dann macht, dann ist es Literatur im Niemandsland. Erst war es Schund, dann wurde es einfach ignoriert, und jetzt, wo man es nicht mehr ignorieren kann, weil Franz Dobler, Maxim Biller, Benjamin von Stuckrad-Barre und alle möglichen Leute sagen: Fauser, Fauser, Fauser. Dann sagen sie halt: Das ist Literatur im Niemandsland. Die Frage ist, wer sich im Niemandsland befindet…

 

Maciej Jędrzejewski: Für mich ist es interessant, dass Jörg Fauser dem Schreiben und der Literatur absolute Priorität zuschrieb. Die Literatur war sein Ziel im Leben. Zugleich hat er auch ein seltsames Leben geführt. Warum geht jemand denn einfach so für ein Jahr nach Istanbul?

 

Ambros Waibel: Jörg Fauser war halt naiv. Leben ist Literatur und Literatur ist Leben - das war so sein Ding. Das stimmt aber nicht! In der Literatur fährt der Lastwagen gegen die Hauptperson und Hauptperson ist tot, aber der Leser lebt weiter. Im Leben ist die Person tot. Man muss aufpassen, so sehr einen die Literatur begeistert. Aber es ist auch richtig das einen das begeistert, denn man soll ja was ganz machen!

 

Maciej Jędrzejewski: In der Briefsammlung Ich habe ein Mordswut schrieb Jörg Fauser am 2. Dezember 1984 in einem Brief an seinen Vater: „Nächstes Wochenende sind polnische Autoren hier als Gäste des VS und der Akademie am Wannsee, ich werde da mal hingehen, vielleicht ergibt sich der eine oder andere gute Kontakt. Die Leute dort stehen wegen Brot und Wurst Schlange und dürfen nicht wie sie wollen, und hier jaulen sie nur noch Frieden Frieden Frieden wie Pawlowsche Hunde … widerlich” (Fauser, Mordswut, 1993, S. 141-142). Wissen Sie vielleicht, ob sich aus diesem Treffen eine Zusammenarbeit mit einem polnischen Autor entwickelte?

 

Ambros Waibel: Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass er ein besonderes Verhältnis zu Polen hatte. Aber er hat den Mut der Leute bewundert.

 

Maciej Jędrzejewski: Die mit zusätzlichen Nachworten aufgebaute Neuausgabe der Jörg Fauser Werke, die der Alexander Verlag arrangiert hat, erlaubt eine erneute Auseinandersetzung mit dem Autor, da seine Werke seit langer Zeit vergriffen waren. Außerdem hat der Diogenes Verlag im Juli 2009 auf einer Lizenz des Alexander Verlags auch Fausers Werke in Taschenbuchformat herausgebracht. Kann man von einer derzeitigen Jörg-Fauser-Renaissance sprechen?

 

Ambros Waibel: Ich glaube, dass die Renaissance schon wieder vorbei ist. Bis zu Fausers sechzigsten Geburtstag gab es einen Qualitätssprung. Das geht jetzt so untergründig weiter. Wie gesagt, nicht um sonst habe ich Denis Schecks Text Literatur im Niemandsland zitiert. Das ist ganz hart für die, das zu schlucken, dass so jemand wie Jörg Fauser in den Kanon kommen kann. Da wird mit allen Mitteln versucht, den draußen zu halten.

 

Maciej Jędrzejewski: In Rohstoff lässt sich folgender Satz finden: „Durst war ja auch nur ein Synonym für Leben” (Fauser, Rohstoff, 2004, S. 176). Inwiefern beeinflussten Alkohol und Drogen Fausers Schaffen?

 

Ambros Waibel: Drogen waren ein unbekanntes Gebiet. Wenn man sie genommen hatte, konnte man was erzählen, so wie ein Märchen. Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. Das war also was, das man erleben konnte und man musste nicht nach Südamerika fliegen. Damals war die Welt ja noch viel größer. Die Flüge waren teuer. Schon telefonieren war nicht so üblich wie heute. Das war eine gute Möglichkeit etwas zu erleben, was andere nicht kennen und darüber zu schreiben. So eine Drogensucht hat auch immer was von einem Selbstmord und ist selbstzerstörerisch. Das ist so eine Tendenz in ihm gewesen, so ist es auch ausgegangen.

 

Maciej Jędrzejewski: Das Seltsame an Jörg Fauser ist, dass er trotz Alkohol- und Drogensucht sich sehr diszipliniert verhalten hatte. Er hat viel geschrieben und gelesen. Könnten Sie diesbezüglich eine nähere Erklärung geben?

 

Ambros Waibel: Wenn Sie jetzt hier mit Jörg Fauser sitzen würden. Dann hätte er nicht viel getrunken. Er hätte es absolut professionell gemacht. Er wäre auch nicht um die Ecke gerannt, um fünf Schnaps zu trinken. Später nach dem Interview - wer weiß…

 

Maciej Jędrzejewski: Manche Literaturkritiker werfen Fauser vor, die Frauenfiguren in seinen Werken ausschließlich auf ihre Äußerlichkeiten zu reduzieren. Würden Sie dem zustimmen?

 

Ambros Waibel: Ja, aber in Rohstoff beschreibt er seine Freundin Sarah, die es auch real gibt, durchaus liebevoll. Klar, das ist schon so. Wenn mich was an Fauser stört, sind es die Frauenfiguren. Aber es ist kompliziert zu sagen, warum das so ist.

 

Maciej Jędrzejewski: Kann man bei Jörg Fauser grundsätzlich von „Männerliteratur” reden?

 

Ambros Waibel: Das sagte man so. In den achtziger Jahren war das bestimmt so. Andererseits hat ihn seine Frau geheiratet, weil sie seine Gedichte so toll fand. Das war auf jeden Fall rebellisch, nicht den Codes entsprechend. Heute würden wir das anders sehen. Das war die Zeit, wo man sagte: Das Männliche ist das Böse und das Weibliche ist das Gute. Deswegen ist es gut wenn die Männer weiblich werden, bzw. wenn sich die Männer in ihrer Literatur in die Frauen einfühlen. Das würde man heute nicht mehr so sagen. Wenn wir vorhin von diesem Verhältnis Persönlichkeit und Genre gesprochen haben: Die Frauenfiguren von Jörg Fauser sind viel mehr Genrefiguren, viel weniger selbst erlebt. Die müssen den Männern die Bälle zuspielen, die sind nicht die Hauptfiguren. Aber in der Tournee, dem nachgelassenen Roman, ist es anders. Da hatte Jörg Fauser auch andere Frauen kennen gelernt. Er bewegte sich in höheren gesellschaftlichen Kreisen und da gab es Frauen, die was anderes dargestellt haben. Mit Ausnahme von der Tournee ist es bestimmt so. Jörg Fauser war aber kein Frauenfeind. Er war nur skeptisch.

 

Maciej Jędrzejewski: Wissen Sie, warum Jörg Fauser beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teilgenommen hat?

 

Ambros Waibel: Jörg Fauser wollte testen, ob er immer noch draußen ist. Das hatte er dann probiert und dann haben sie ihm gesagt: Ja, Sie sind immer noch draußen. Noch als Ergänzung: Schauen Sie sich an, wer da noch beim Ingeborg-Bachmann-Preis gelesen hat. Es sind lauter Leute, von denen hat man nie wieder was gehört .

 

Maciej Jędrzejewski: In dem Roman Das Schlangenmaul wird Fausers Inklination zur Großstadt Berlin deutlich. Inspirierte den Schriftsteller die Metropole Berlin zur literarischen Arbeit?

 

Ambros Waibel: Klar, zumindest zeitweise. Auch Westberlin allein war schon eindrucksvoll, wenn man aus einer westdeutschen Provinz kam. Das hat ihn schon beeindruckt. Natürlich auch die West-Ost-Problematik. Jörg Fauser war eigentlich recht froh, als er wieder nach München gehen konnte. Man muss wissen, dass Westberlin schon auch Provinz war. In den achtziger Jahren war die kulturelle Hauptstadt Westdeutschlands München und nicht Berlin. Und deswegen war es für Fauser total wichtig nach München zu gehen. Denn Fauser wollte da hin, wo was los ist. In Berlin waren nicht die Verlage. Anfang der achtziger Jahre, war das für ihn natürlich spannend. Er war schon mal in Berlin vorher, aber da war er als Dealer unterwegs. Jörg Fauser hat selber gesagt, dass er sich an nicht so viel erinnern konnte. Er war selber drauf, hat Drogen konsumiert und verkauft.

 

Maciej Jędrzejewski: Was wissen Sie über den mysteriöser Tod Jörg Fausers?

 

Ambros Waibel: Ich bin ja inzwischen auch schon einundvierzig. Ich weiß, dass man es auf solchen Partys krachen lassen will, weil man viel arbeitet, Familie hat usw. Man ist aber nicht mehr vierundzwanzig. Diese Abstürze, dass er verschwindet, hatte Jörg Fauser auch schon früher - das steht ja auch im Buch (Anm.: Rebell im Cola-Hinterland). Man hat vielleicht, wenn man jünger ist noch andere Instinkte. Da ist man bisschen schneller. Das ist ja auch nur ein Schritt. Ein Schritt nach rechts und der Laster fährt vorbei.

 

Maciej Jędrzejewski: Das war schon ein Unfall…

 

Ambros Waibel: Das war ein Unfall, aber der war schon irgendwie angelegt. Ich glaube nicht, dass ihn jemand auf die Autobahn gesetzt hat oder diese ganzen Geschichten. Für mich ist das ganz logisch. Da hat er kein Geld mehr fürs Taxi. Seit zwölf Stunden ist er unterwegs und am Saufen, und dann sagt man: Dann gehe ich nun mal da lang - das ist der kürzeste Weg. Für mich ist das nicht so absurd. Die letzten Sekunden werden wir nie wissen, was da passierte. Es gibt ja diese Stelle, dieses Zitat von Gottfried Benn, dass auch in dem Buch (Anm.: Rebell im Cola-Hinterland) angeführt ist. Da war ich auch natürlich total perplex als ich das gelesen habe. Das ist schon frappierend und man kann davon ausgehen, dass Jörg Fauser diese Stelle kannte, denn Gottfried Benn war einer seiner wichtigsten Schriftsteller. Ich glaube nicht, dass er ermordet wurde. Auf keinen Fall.

 

Maciej Jędrzejewski: Welches Werk von Jörg Fauser hat Ihnen besonders gut gefallen?

 

Ambros Waibel: Als wir das Buch (Anm.: Rebell im Cola-Hinterland) geschrieben haben bestimmt Rohstoff. Und jetzt kann ich das eigentlich nicht sagen. Ich habe derzeit nicht das Bedürfnis Jörg Fauser zu lesen. Wenn ich jetzt Fauser lese, dann lese ich ein Gedicht oder wenn ich selber was schreibe, komme ich öfter auf die Artikel zurück. Ich habe den Fauser ein Mal verschluckt und jetzt habe ich ihn verdaut. Es gibt natürlich noch ganz andere literarische Sachen, die da sind. Ich bin froh, dass ich die Gedichte von Fauser Zuhause habe. Plötzlich gibt es Situationen im Leben, da denkt man: Mensch, der Jörg Fauser hatte doch darüber ein Gedicht geschrieben…

 

Maciej Jędrzejewski: Hat der Schriftsteller Jörg Fauser Ihre Persönlichkeit und eigene schöpferische Arbeit als Schriftsteller geprägt? Hat er Sie zu einem Roman inspiriert?

 

Ambros Waibel: Zu einem Roman nicht. Wenn man sich intensiv mit guten Schriftstellern auseinander setzt, dann setzen die schon so ein bestimmtes Level, hinter das man nicht zurückfallen will. Das kann man bei Jörg Fauser lernen. Man kann von Fauser aber auch lernen, was nicht stimmt.

 

 

 

Das Interview fand am 29. Dezember 2009 in Berlin im Restaurant Sale e Tabacchi statt.

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