Harlem-Humbug: “Der sichere Tod” von Adrian Mc Kinty ist Zeitverschwendung

Allgemein — admin on März 20, 2010 at 14:12

Kriminalromane sind merkwürdige Gebilde. Einerseits wird gerade nach der Renaissance des klassischen, us-amerikanischen Noirs seit Ende der 1960er Jahre zu recht verlangt, daß sich ein Autor im Genre auskennt - etwas, das man nicht nach Belieben neu erfinden oder herablassend behandeln kann, wie deutsche progressive Soziokrimischreiber einst meinten; andererseits führt das reine Handwerk, welches dann mit individuellen (Frau, schwul, Serienmörder etc.) oder abseitigen regionalen Besonderheiten angereichert wird, keineswegs zwangsläufig zum Erfolg: Denn viele Menschen interessiert skandinavisches Brauchtum oder das anderer verregneter Gegenden einfach nicht - Reich-Ranicki gehört zu ihnen.

Krimilesen aber läuft über Identifikation. Scheitert diese, dann hilft auch jahrelange Recherche in den düsteren Gegenden dieser Welt seitens des an diesem Dilemma unschuldigen Autors einfach nicht weiter. Die Autobiographie des Helden ist in solchen Fällen, mit Nabokov gesprochen, nicht interessanter als seine Autopsie.

Adrian McKinty darf sich insofern entlastet fühlen, dass sein Debüt- und Eröffnungsroman der hochgelobten „Dead”- Trilogie um den Superduper-Mann Michael Forsythe mich - ’schuldigung - kalt läßt. Ellenlange Rückblenden in eine nordirische Kindheit und Jugend werfen mich schneller aus dem Lesefluss als Forsythes Gangstertruppe in Harlem/ New York bei ihren nächtlichen Sausen den Maltwhiskey wegspült.

Die Großbaustellen dieses Buchs sind aber andere - und die Sprache ist überraschenderweise, wie doch sonst so oft in dieser Sparte, keine davon: denn in Kirsten Riesselmanns Übersetzung liest sich „Der sichere Tod” („Dead I well may be”) bestimmt nicht schlechter als im Original.

Nein, ich muss es ganz hart sagen: es ist die Arroganz des möglicherweise zu Besserem fähigen Autors, die diesen Roman mit seinen mehr als 450 Seiten zu einem langweiligen und zeitraubenden Schinken macht. Dies ist nicht meine Meinung, sondern die des 1968 in Belfast geborenen und heute in Melbourne lebenden McKinty selbst. In einem Interview äußert er sich auf die Frage, was ihn zu seinem Buch inspiriert hätte, wie folgt: „ I lived in Harlem for six years and I had accumulated a lot of material about the characters I worked and lived with and I needed an outlet for it.”

Genau so liest sich das Buch: Wie der Ausfluß eines sechsjährigen, nichts wirklich Überraschendes zu Tage fördernden Harlem-Aufenthaltes, der sich mit einer enorm schlichten und gerade im letzten Drittel die Kolportagestange en suite reißenden Konstruktion ins irgendwie thrillermäßige zur retten versucht. Der Plot geht nämlich so: Ein junger Nordire bekommt zu Hause Ärger mit dem Amt und wird Mitglied einer landsmännischen Gang in New York. Er vögelt die Freundin seines Bosses. Der rächt sich. Der junge Nordire überlebt die Rache und schlägt nun seinerseits zurück. Das war’s - und Details, wie etwa die einer eben so hanebüchenen wie angelesenen Flucht durch den mexikanischen Dschungel mit abgeschnittenen Zehen, bieten dem Leser keine Entlastung. Als hätte es Ross Thomas, Elmore Leonhard, James Ellroy und Charles Willeford - und das Genre in der Bandbreite von cool bis expressionistisch auszubreiten - nie gegeben; keiner dieser Autoren hätte sich mit einem so dünnen Plot auch nur für fünfzig Seiten zufrieden gegeben.

Hat Suhrkamp hier also einen Fehlgriff getan? Nicht unbedingt. Denn eine Trilogie kann nur auf drei Beinen stehen, und einen neuen Autor zu etablieren, ist immer verdienstvoll. Allgemein gehaltene Werbesprüche wie „McKinty - the toughest, the best” (Frank McCourt) lassen ja doch hoffen. Und auf Seite 76 - um nicht im Unfrieden zu schließen - erzählt Darkey, der Boss der Bande, zu der Michael Forsythe gehört, tatsächlich den lustigsten Witz über Katholiken, den ich kenne - die selber reizen im Moment ja mal wieder eher weniger zum Lachen.

Adrian McKinty
Der sichere Tod - Kriminalroman

suhrkamp taschenbuch

ein ganz klein wenig irreführend betitelt in der literaturbeilage der jungen welt zur leipziger buchmesse

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