” Wir wollen es nicht gut, wir wollen es Donnerstag”

Über Jörg Fauser — admin on Mai 20, 2010 at 23:45

Viel wäre immer zu tun. Wenn man es nicht tut, dann auch deswegen, weil sich immer mal wieder Seiten der Wirklichkeit auftun, in denen man versinkt - sogar im Netz und zum Beispiel hier:

http://martincompart.wordpress.com/tag/jorg-fauser/

Danke.

EIN ANDERES MEER Ganz am Rand des Kontinents liegt Reggio/Calabria. Doch die Anti-Mafiaaktivisten des „Museo della ‘ndrangheta“ zählen auf europäische Solidarität – sie ist ihre Lebensversicherung

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on Mai 11, 2010 at 19:27

mafiatote.JPG

Später saßen wir vor dem Café del Dottore im Zentrum von Catania, tranken frisch gezapftes Pilsner Urquell und fühlten uns überhaupt wieder wie ganz wie zu Hause. Carmelo, der junge Wirt, den man so wie er aussah auch in Berlin-Prenzlauer Berg hätte treffen können, setzte sich zu uns, und wir erzählten ihm von unseren Eindrücken auf dem nahen Kontinent, in Kalabrien, in Reggio.

Carmelo mochte uns nicht zustimmen. Reggio sei nicht Gotham City - es sei vielmehr, mit seinen die Berghänge hochwuchernden Favelas, ein Wiedergänger Rio de Janeiros. Bei den Menschen jedoch waren wir uns einig: Konnte irgendwer herzlicher, gastfreundlicher und großzügiger sein als die Kalabresen? Es war neun Uhr abends, zu früh zum Essen, und wir bestellten noch ein zweites Bier.

Mit Claudio La Camera, dem Projekleiter des „Museo della ‘ndrangheta” - der kalabresischen Mafia - , sind wir an der Autobahnausfahrt Reggio/Flughafen verabredet. Er fahre einen roten Alfa, hat er uns etwas verschwörerisch gesagt, es geht aber nicht um Geheimtuerei, sondern um den Feierabendverkehr. Und da steht er dann auch, auf einem schäbigen, kleinen Platz, den man nach unten Richtung Stadtzentrum und nach oben in Richtung des Viertels verlassen kann, wo mitten im Mafialand das Museum beheimatet ist. Am Zugang nach oben steht ein junger Mann so planlos an der Ecke, dass man als Berliner denkt: Bei dem könnte man bestimmt ein paar leckere Drogen kaufen. In Reggio ist man sich dann seiner Funktion nicht mehr so sicher.

Wir sind vom Flughafen in Catania mit dem Mietwagen gekommen, in Villa S. Giovanni auf die finstere Stadtautobahn gefahren. Ringsherum stehen Häuser so verquer, dass wir uns fragen: Hat die einfach irgendjemand abgeworfen? Es ist eben auf diesen zwanzig Minuten Fahrt, dass wir die Stadt auf den Begriff Gotham City bringen, aber auch darüber nachdenken, ob diese Silhouetten halbfertiger, lieblos aufgestockter, unverputzter Betonwohnmaschinen nicht vor allem eine Geschichte erzählen: die des im Süden, speziell in Kalabrien, historisch verwurzelten Selbsthasses. Der in Reggio tätige Staatsanwalt Nicola Gratteri zitiert in seinem Buch „La malapianta” das abgehörte Gespräch zweier ‘Ndranghetisti. Die beiden reden über das Versenken von Schiffen voller Giftmüll nahe der Küste, und der eine Mobster fragt dann doch „Und das Meer - was wird aus dem Meer?”, welches das Meer vor seiner Haustür ist, und der Kollege antwortet, „weißt du, was das Meer uns kann, denk an das Geld, damit suchen wir uns einfach ein anderes Meer!” Abstrakter formuliert: Die ‘ndrangheta unterscheidet sich von der sizilianischen Cosa Nostra nicht zuletzt dadurch, dass sie von den 40 Milliarden Euro, die sie nach Schätzungen jährlich erwirtschaftet, nichts in ihrer Heimatregion investiert.

Wir sind an den Rand Europas gekommen, weil sich seit dem Welterfolg von „Gomorrha”, Roberto Savianos Buch gegen die Camorra, eine neue Strategie im Kampf gegen die Mafien zu etablieren beginnt: Das gute, alte, offene Wort - und zwar sowohl das von Individuen vor Ort mutig ausgesprochene als auch die Vervielfältigung dieses Wortes in Medien jenseits der Regionalzeitungen und Lokalsender. Die Idee ist, dass die Mafia niemanden umbringt, dessen Tod mehr Schaden anrichtet als er Nutzen bringt. Dass allerdings, wer auf Publicity als Lebensversicherung setzt, gerade in Italien schnell und durchaus auch von interessierter Seite zum mediengeilen Wichtigtuer erklärt werden kann - damit, erzählt uns Claudio später, könne er sehr gut leben. Hauptsache, ergänzen wir still in das beredte Schweigen, er lebt überhaupt.

Die Innenstadt von Reggio liegt in einer schmalen Küstenebene, am Rand des die italienische Stiefelspitze beherrschenden „rauhen Berges”, des Aspromonte. Claudios Alfa folgend schrauben wir uns durch das desaströs-osteuropäisch wirkende Viertel Croce Valanidi in die Höhe, auf der anderen Seite des „Stretto”, der Meerenge zwischen dem Kontinent und Sizilien, leuchtet schneeweiß der Ätna, blinken die Lichter Messinas. Später wird uns ein junger Mann aus Croce Valanidi berichten, dass er fast nie rüber fahre, das nur drei Kilometer Sizilien sei eine andere Welt. In seiner Welt hier gibt es keine Arbeit für ihn, seinen letzten Job bei einer Tankstelle hat er aufgegeben, entnervt von den kriminellen Chefs, den 600 € Monatslohn schwarz auf die Hand, den andauernden Durchsuchungen seitens der Carabinieri.

Und dann sind wir da, auf einer Art Hochplateau biegt eine kleine Straße nach links, sogar ein Schild ist da: „Museo della ‘ndrangheta”; und stehen vor etwas, das sich deswegen so schwer beschreiben lässt, weil man es schon kennt: Dies ist ganz klar die Villa Anthony Sopranos aus der gleichnamigen Kultserie. Ein geschmackloser Kasten aus Baumarktversatzstücken, ein Wachturm, strategisch so platziert, erläutert Claudio, dass ganz Reggio offen daliegt. Von den Balkonen lassen sich der Flughafen und das Stadtzentrum beobachten. Die Villa des Bosses, der die nächsten Jahrzehnte im Gefängnis verbringen wird, wurde konfisziert und von der Provinzregierung dem Museum als Sitz übergeben. Sie ist von der Straße nicht sichtbar, aber sie kontrolliert sie. Aber wer erteilt für so was eine Baugenehmigung, fragen wir. Woher kommen Wasser, Strom und Gas für dieses Kastell? Wir ernten Achselzucken auf die erste, detailliert-amüsierte Erläuterungen auf die zweite Frage: Denn in Kalabrien wissen auch die Guten, wie sich in einer Gegend ohne funktionierende Verwaltung doch noch besorgen lässt, was gebraucht wird: man zapft bestehende Leitungen an, führt sie als Schwarzbau fort.

Im Museum erwartet uns eine Gruppe von Menschen, in die man nach einer Viertelstunde verliebt ist. Man hat dann gemerkt, dass es hier niemandem darum geht, sich aufzuspielen, sondern dass es eine Frage der Würde ist, ob man es sich von der eigenen Angst verbieten lässt, jeden Tag unter den Augen der Familie des Bosses, die direkt nebenan in einem Wohnblock lebt, ein eingezäuntes, videoüberwachtes und von einem erstaunlich lieben Kettenhund angebelltes Demokratiezentrum zu betreten - das Haus, wo der Clan eigentlich seine Familienfeste begehen wollte.

Claudio führt uns herum. In der Küche öffnet er die Falltür, die in den „Bunker” führt, wo neben Würsten und Eingemachtem auch der Boss Unterschlupf hätte finden sollen - separater Ausgang, um sich in die Büsche zu schlagen, inklusive. Die Räume sind leer, die Ausstellung besteht derzeit im wesentlichen aus großen Fototafeln, die Habitus, Struktur und Geschichte der ‘ndrangheta bebildern. In den nächsten Tagen wird das multimediale Equipment erwartet, die Gelder fließen unregelmäßig. Und während wir uns überlegen, ob der Marmorfußboden oder der Whirlpool geeignete Fotomotive sind, steht plötzlich ein alter Mann mit einer langnasigen Commedia dell’ arte-Theatermaske in der Ecke - oder war er schon die ganze Zeit da? Es ist ein Erschrecken wie im Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen” beim plötzlichen Auftauchen des Zwerges mit der roten Kapuze und dem großen Messer in der Hand. Und dann nähert der alte Mann sich auch noch, auf seinen Stock gestützt, und murmelt kopfwackelnd „es geht mir gut, es geht mir sehr gut”. Nein, mehr wolle er nicht, er müsse nicht da raus, natürlich, er dürfe auch nicht, aber da draußen… seine Kinder wollten ihn sowieso nicht mehr sehen, er sei zufrieden, hier, als Hausmeister. Es ist die Inszenierung, die auch die Jugendgruppen erwartet, die hierher kommen, eine Führung durch eine Theaterfigur, den Kronzeugen, den „pentito”, der unter Hausarrest stehend durch die ehemalige Zentrale seiner Familie, seiner „Cosca” führt und sich ein erbärmliches Leben zurecht lügt. Für die allermeisten Mafiosi endet die Karriere nämlich mitnichten in einer Villa über Reggio, sondern im Gefängnis oder im Leichenschauhaus: Mafioso sein, verstehen wir, ist ein kurzer Thrill mit einem langen deprimierenden Ausklang.

Das wissen auch die Jugendlichen aus Croce Valanidi, die sich im Museum engagieren. Denn seit sie das tun, lässt sie der Gemeindepfarrer Don Antonio Vinci nicht mehr in die Kirche. Der Pressesprecher des Bischofs von Reggio, Don Antonio Denisi, der dem Museum durchaus wohlwollend gegenübersteht und sich deswegen zum Interview eingefunden hat, sagt am Ende eines mäandernden, vierzig minütigen Gesprächs, er sei zu alt, um den Mitbruder müsse sich sein Nachfolger kümmern. Nicola Gratteri, der ebenfalls gekommen ist - mit ihm die drei grimmigen Leibwächter seiner Eskorte - , sagt, dass er sich normalerweise an sogenannten zivilgesellschaftlichen Antimafia-Aktivitäten nicht mehr beteilige, weil dabei nichts rauskomme außer Geschwätz und leeren Proseccogläsern: Hier aber, beim Museum, hätten sich die Wichtigtuer bald verabschiedet, übrig geblieben seien die Guten. Gratteri ist ein harter, kleiner Mann, er lebt seit zwanzig Jahren unter Polizeischutz. Er ist ein Mann des Staates; und was wir in den 36 Stunden, die wir in Reggio sind, begreifen werden, ist dies: Der Kampf gegen die Mafien ist nicht links und nicht rechts. Es geht darum, Individuen zu finden, die nicht aufgeben wollen, was den Menschen ausmacht. Claudio sagt abends beim Essen, es gebe ja diesen Satz, dass man die Leute verstehen müsse, die aus Angst im Schweigen und in der Unterwerfung verharrten. Er, sagt er nach einem Schluck Wein, verstehe sie nicht.

Später im Café del Dottore bekommen wir kein drittes Bier mehr. Es sei 22 Uhr und so spät kämen möglicherweise unangenehme Leute, sagt Carmelo. Unangenehm? Und da wirkt er auf einmal so alt wie der ja an sich sehr sympathische Pressesprecher des Bischofs von Reggio und wackelt mit dem Kopf wie der Darsteller des pentito im Museum. Er sieht nicht gut aus dabei - jedenfalls viel schlechter als die unhippen, lustigen Leute, die auf der anderen Seite der Meerenge beschlossen haben, sich nicht mehr zu fügen; und die darauf setzen, dass Europa sie nicht vergißt.

Fotos: KONSTANTIN KOPIETZ

bißchen anders in der taz vom 10. 5.2010

schildmuseum.JPGmuseo.JPG

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel