Die Überforderten

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia — admin on September 13, 2010 at 11:56

Merz, Clement, Sarrazin, der Berliner Provinz-Wilders Stadtkewitz, nun Frau Steinbach - und lauern im Hintergrund nicht auch noch Koch und Schill? Wie sexy soll die Neue Rechte in der Bundesrepublik eigentlich werden?

Es ist nicht nur aus ästhetischen Gründen zweifelhaft, dass wirklich eine erfolgreiche Partei am rechten Rand entstehen wird. Die wohlversorgten Damen und Herren werden sich hüten, ein Unternehmen à la “Republikaner” oder “Bund freier Bürger” (falls sich an den noch jemand erinnert) ins Leben zu rufen. Wie jede neue Bewegung auf der Linken unweigerlich Esoteriker und Altkader anzieht, müsste die neureaktionäre Gruppierung nämlich zunächst mal eine Menge gewalttätiger Psychopathen und chronischer Steuerhinterzieher integrieren beziehungsweise abschieben. Und selbst wenn es der Partei “Die Rechte” (oder wie?) gelänge, sich vom Mob und von gutbürgerlichen Geschichtsrevisionisten glaubhaft abzugrenzen - wogegen nicht nur die Causa Steinbach spricht -, so wäre sie noch lange nicht über das Niveau einer Ansammlung überforderter Vorstädter hinausgekommen. Die mögen schrullig bis unangenehm sein, sind aber perspektivisch nicht politikfähig, weil sie der neuen gesellschaftlichen Realität um sie herum ausschließlich mit Angst begegnen. Deswegen denunzieren sie widersprüchliche, pulsierende Großstadtviertel als Ghettos, sie sehen senil erstarrt ausschließlich Probleme und Gefahren, wo Jüngere Chancen und kreative Freiräume entdecken.

Zudem betreibt die Regierung Merkel vom Sparpaket bis zum Atomdeal derart konsequent Klientelpolitik, dass sich nicht erschließt, womit die Rechte beim Wähler wie bei den potenziellen Großspendern aus der Industrie eigentlich punkten will - außer mit Rassismus. Damit aber verabschiedete sie sich aus der globalisierten Welt. Und aus der Realität.

taz,  11.09.2010

“Europa ist nicht vorbereitet” Der Mafia-Ermittler Nicola Gratteri im Gespräch über träge Politiker und wendige Mafiosi

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia — admin on September 13, 2010 at 11:23

Taz  28.05.2010

INTERVIEW AMBROS WAIBEL

taz: Herr Gratteri, ist die Mafia im Wesentlichen ein süditalienisches Problem?

Nicola Gratteri: Nein, das zu glauben, ist Ignoranz. Man unterschätzt das Problem. Denn das Problem Mafia betrifft die gesamte westliche Welt. Die Mafien sind globalisiert, wie es die Konsumgewohnheiten oder Geschmäcker sind. Die Camorra, die Cosa Nostra, die Sacra Corona Unita und die ‘Ndrangheta sind wie multinationale Konzerne, die ja auch wollen, dass ihre Produkte überall gekauft werden. Sie besetzen alle Plätze, die Ökonomie und Gesellschaft ihnen einräumen.

Und das betrifft auch Europa?

Das betrifft vor allem Europa, weil Europa überhaupt nicht vorbereitet ist, mit einer geeigneten Gesetzgebung die Mafia zu attackieren.

Obwohl geschätzte 42 Milliarden Euro Jahresumsatz allein der ‘Ndrangheta ja nun keine Kleinigkeit sind.

Überhaupt nicht. Aber die Politik bewegt sich immer erst, wenn das Problem auf Seite 1 der wichtigen Zeitungen rückt.

Wie bei den Morden von Duisburg?

Immer wenn es etwas Sichtbares gibt, was die Gesellschaft beunruhigt. Aber wenn ich Geld wasche oder investiere, präsentiere ich mich als Unternehmer, ich mache nichts schmutzig und ich stinke nicht, ich mache keinen Lärm. Ich bringe frisches Geld, kaufe eine Pizzeria, ein Hotel - auch wenn das Geld aus dem Kokainhandel kommt. Aber das ist kein Problem für die Politik. Die greift nur ein, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt. Denn ihr geht es um die Zustimmung der Öffentlichkeit.

Wie ist es denn um diese Öffentlichkeit hier in Kalabrien bestellt, im Heimatland der ‘Ndrangheta, mit der sie sich als ermittelnder Staatsanwalt vor allem beschäftigen?

Es gibt hier natürlich eine große Aufmerksamkeit. Aber Kalabrien spielt in der italienischen Politik nur eine marginale Rolle. Wir sind zwei Millionen, ein Viertel von Rom oder der Metropolregion Mailand. Dementsprechend gering ist der Einfluss unserer Politiker - soweit sie nicht ohnehin für die ‘Ndrangheta arbeiten. Es gibt nicht viele ehrliche Politiker.

Und die Kalabresen selbst?

Die Kalabresen sind grundlegend desillusioniert. Es ist ein Volk, das immer nur benutzt wurde. Man hat von politischer Seite ganz bewusst uns immer in Abhängigkeit gelassen. Eine Politik auf der Basis der Zuwendungen, nicht der Freiheit. Da ist immer die Rede von großen Projekten wie der Brücke nach Sizilien, von Revolutionen in der öffentlichen Verwaltung, der Infrastruktur und so weiter. Man schafft aber keine realen Arbeitsplätze, keine Industrie, sondern sorgt für Scheinbeschäftigung, etwa in der Forstverwaltung, die dann wieder Angehörigen der Mafia als Tarnung dienen für ihre eigentlichen Geschäfte. Die sind dann als Arbeiter zur Waldpflege und Brandbekämpfung gemeldet, in Wirklichkeit verkaufen sie Kokain in Deutschland. Was diese Politik angeht, ist es eher schlechter geworden als besser.

Wie ändert man das - von oben oder von unten?

Von beiden Seiten. Auch wenn der beste italienische Manager, Sergio Marchionne von Fiat, nach Kalabrien käme, könnte er nichts machen. Die Politik braucht ein starkes Justizsystem, sie kann nur in einem sicheren Umfeld erfolgreich agieren. Auf der zivilgesellschaftlichen Seite gibt es viele Initiativen. Ideen, die oft nur so lange leben, wie das Geld fließt, das ein Politiker gibt, um sich zu profilieren - bis er wieder abgewählt wird. Das Problem ist auch, dass es so schwierig ist, mit den Entwicklungen der ‘Ndrangheta Schritt zu halten. Denn die bewegt sich so schnell wie die Gesellschaft selbst, sie ist innerhalb der Gesellschaft und da muss sie auch sein. Sie ist nicht der Antistaat. Sie kann sich nicht erlauben, draußen zu stehen.

Welche Rolle spielt die Staatsanwaltschaft?

Theoretisch wendet sie schlicht die Gesetze an. Aber wir beklagen uns, weil wir kein starkes System zur Verfügung haben. Es gibt auch bei uns Korruption, aber im Vergleich sind wir ziemlich sauber. Die meisten tun, was sie können, aber das System ist schlecht.

Dabei gibt es in Italien die strengsten Antimafiagesetze der Welt.

Stimmt, aber wir sind auch das einzige Land mit vier Mafien. Wir sind Marktführer beim Import von Kokain in Europa. Die Mafia ist in allen Wirtschaftsbereichen tätig. Es reicht einfach nicht.

Was wären denn ernst zu nehmende Maßnahmen?

Wenn in einem Prozess festgestellt wird, dass ein Unternehmer seinen Giftmüll mithilfe der Mafia illegal entsorgt und damit das Leben tausender Menschen gefährdet hat, soll man ihn zu dreißig Jahren verurteilen können. In einem isolierten Gefängnis auf einer Insel, wie wir sie in Italien leider nicht mehr haben. Danach würden die Unternehmer aus dem Norden, die ihr Gift im Süden billig entsorgen lassen, sich das dreimal überlegen. In unserer Welt bekommt er eine Geldstrafe von 2 Millionen und kauft sich deswegen eine kleinere Yacht. Man müsste ganz anders an die Dinge herangehn. Es darf sich einfach nicht mehr lohnen, Mafioso zu sein.

Das Problem ist, dass die Mafiabosse verurteilt werden, aber nicht die Unternehmer?

Auch für die Mafiabosse sind die Strafen zu gering. Dank der generösen Strafreduzierung gibt es eine Menge Möglichkeiten, hohe Strafen im Lauf der Zeit zu drücken. Wenn einer die Tat eingesteht, bekommt er von Anfang an Strafnachlass; wenn er sich gut führt, werden ihm jedes Jahr drei Monate erlassen. Dann kommt der offene Vollzug und er geht offiziell arbeiten - was er in seinem ganzen Leben nicht gemacht hat. In Wahrheit heuert er bei einem Strohmann der Mafia an.

Ändert sich was daran unter der gegenwärtigen Regierung?

Dieses Jahr wird entscheidend sein. Die Regierung plant drei Maßnahmen, vor allem den “verkürzten Prozess”. Wenn der durchgeht, dann ist das das Ende der Anti-Mafia, also der systematischen Mafiabekämpfung. Aber der Kampf findet mitten in der Regierungskoalition von Berlusconi statt.

Gibt es auch was Gutes?

Eine sehr ernsthafte Sache ist das Gesetz, das es erlaubt, Mafiagüter einfacher und schneller zu beschlagnahmen, sowie die Eindämmung von Deals zwischen Anwalt und Gericht. Der Rest ist für die Medien, ohne Substanz. Die Tatsache etwa, dass die neue Nationale Agentur zur Verwaltung beschlagnahmter Mafiagüter ihren Sitz in Reggio Calabria hat, ändert per se gar nichts, außer dass in der Stadt ein paar Kaffee und ein paar Mittagessen mehr verkauft werden. Und mal eben 200 Polizisten einzustellen, ist auch sinnlos, wenn tausende Stellen gar nicht mehr ausgeschrieben werden.

Und international? Hat das Massaker von Duisburg etwas geändert?

Es hat dazu geführt, dass sich die deutsche und die italienische Polizei etwas mehr für die Aktivitäten der ‘Ndrangheta in Deutschland interessieren mussten. Aber konkret hat Deutschland nichts gemacht. Wenn unter den sechs Toten auch zwei Deutsche gewesen wären, hätten sich der Gesetzgeber und das Justizsystem vielleicht bewegt. Ich fahre seit zehn Jahren nach Deutschland, ich kenne mich inzwischen aus. Man hat es einfach nicht als deutsches Problem gesehen. Aber in Deutschland gibt es einen Organisationsgrad der ‘Ndrangheta genau wie in Belgien, wie in der Schweiz oder in Spanien. Genau wie hier in Reggio. Aber wenn europäische Ermittler das Wort “locale” hören, dann denken sie an ein Restaurant. In Wirklichkeit ist ein “locale” aber eine Ortsgruppe der ‘Ndrangheta. Also: Europa ist im Jahr null im Kampf gegen die Mafia.

Noch mal: Warum ist das so?

Keine europäische Regierung will ein starkes Justizsystem. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie das Geld der Mafien nicht dem Wirtschaftskreislauf entziehen wollen. Sie wollen nicht darauf verzichten.
Nicola Gratteri

geboren 1958 in Gerace/Kalabrien, ist Oberstaatsanwalt in Reggio di Calabria. Er studierte Jura in Catania. Er ist einer der profiliertesten Mafia-Ermittler Italiens und vor allem mit der ‘Ndrangheta beschäftigt. In Deutschland wurde er bekannt als erfolgreicher Koordinator der Ermittlung nach dem Massaker von Duisburg. Seit April 1989 lebt er unter Personenschutz. Am 21. Juni 2005 entdeckt die italienische Polizei im kalabrischen Gioia Tauro ein Waffenarsenal, das nach Hinweisen für ein Attentat auf Gratteri angelegt wurde.

Allgemein, Kreuzkölln-Entrecote — admin on September 12, 2010 at 22:25

ENTRECÔTE POUR DEUX

NR. 3

VON RENÉ HAMANN UND AMBROS WAIBEL

Die Unschärferelation ist nicht die Folge von Unzulänglichkeiten eines entsprechenden Messvorgangs, sondern prinzipieller Natur. Das hatten wir dann erst Tage später gelesen. Aber den Abend über hatte sich die Sache mit Heisenberg immer wieder in unsere Gespräche gedrängt, schon als wir gar nicht mehr wussten, wer sie eigentlich zuerst aufgemacht hatte. Das Essen war aber jedenfalls total schön gewesen.

Die Luft war eigentlich schon zu kalt, um draußen zu sitzen, die Wespen in ihrer Furcht vor dem nahen Ende waren lästig. Aber es hing etwas Belebendes in der Luft, die Magie des Herbstes. Das Licht war sehr klar, und beide hatten wir am Wochenende Großaufgaben zumindest vorläufig abgeschlossen, der eine die Steuer, der andere einen Roman. Und

es war super gewesen, dass den Leuten vom “Liberda” in der Pflügerstraße an diesem Tag das Hüftsteak ausgegangen war und sie das Wort “Hüftsteak” nach “Argentinisches” auf der einheitlich sauber beschriebenen Kreidetafel durch “Entrecote” ersetzt hatten. Sonst wäre es eben blöd gewesen, und wir hätten zu Hause sitzen und Playstation spielen müssen. Oder sonst was Berufsjugendliches.

Das “Liberda” hat ohnehin etwas Mütterliches. Es ist ein super Nachbarschaftslokal ohne große Ansprüche an sich selbst und an seine Gäste. Mittelklasse für die Mittelschicht, perfekt für das anrührend gelungene Paar, das dann auch entsprechend anschaulich im Schaufenster saß und sich eine Portion teilte — es sah so aus, als ob sie dasselbe genommen hätten wie wir. Es gab ein Entrecote, gut durch, es gab Kartoffeln, es gab Salat und alles schmeckte so neutral und vertraut wie das Beck’s-Bier dazu. Dabei war der Start des Lokals traurig gewesen, denn der familiär geführte Kleinsupermarkt, der die Räume früher gefüllt hatte, war eines der ersten Opfer des Wachwechsels im Kiez geworden. Der stets lächelnde Patriarch hatte es dann in Schöneberg versucht, war aber krank geworden und nun sah man ihn manchmal melancholisch um den Reuterplatz laufen.

Am Nebentisch nahmen nach einer Weile eine Tochter mit ihrem Vater Platz, beide auf eine ungewohnte Art proletarisch, so direkt und etwas grob in der Wortwahl, was nehmen wir denn, hatte der Vater gefragt, und die Tochter hatte gesagt, das machen wir ganz einfach, ich nehme die Fenchelsuppe und du Spaghetti mit Ragu, und so war auch das geklärt, und dann begann die Tochter von so konkreten wie zurückhaltenden Fragen unterbrochen, dem Vater ihre ökonomische Situation zu schildern, 180 für Miete, 150 für Essen, es fiel das Wort Bootsbau, es war von Selbständigmachen die Rede und es kam der Satz vom Job, den sie schon finden würde. R. hatte von seinem Vater erzählt und seinem Faible für die handfesten Dinge des Lebens, und die Unschärferelation und das Wesen der Elektromechanik. A. erzählte von der Kommunikation, die man anbieten kann, von sich aus aber nicht suchen muss. Das Entrecote indes ließ sich essen ohne ihm Aufmerksamkeit zu schenken, wie ein Burger bei McDonalds, man musste die Konversation nicht aufs Essen ausrichten. Und weil wir das Fleisch nicht beobachtet hatten, veränderte es sich auch nicht — waren wir so auf Heisenberg gekommen?

Als wir dann zahlten, war der Laden voll, der Kellner war am Rennen gewesen, aber immer zuvorkommend. Am Nebentisch hatte der Vater ein DIN A5 Schulheft gezückt und diktierte der Tochter Nummern von Gastrochefs. Zweifellos würde sie einen Job bekommen. Wir sprachen da schon über Suhrkamp, die Fehler, die man machte, das Hausrecht der Hausautoren zu hauskritischen Artikeln kritisch zu sein, und über K. Und seine wirklich bewundernswerte Begabung für Geschichten ohne Pointe. Wahrscheinlich war er gar nicht ihr Vater.

« Vorherige SeiteNächste Seite »
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel