Zum Tod des Schriftstellers Peter O. Chotjewitz

Allgemein, oltràlpe — admin on Dezember 30, 2010 at 12:57

Mit ihm konnte man über Linke, Anzüge und noch viel me

Mit ihm konnte man über Linke, Anzüge und noch viel mehr reden: Peter O. Chotjewitz (14.6.1934 – 15.12.2010)

Ob der Winter eine gute Zeit zum Sterben ist? Zum Traurigsein schon. Ich weiß nicht, ob Peter, Pit, Pjotr Chotjewitz noch gern weitergelebt hätte. Ich nehme es an. Denn von ihm, der gar nichts Lehrerhaftes hatte, mußte man einfach lernen, daß das Leben schön ist. »La vita è bella.« Vorausgesetzt, man macht es sich schön.

Dadurch kamen wir zusammen: zwei Leute, die ein bißchen mehr Italienisch konnten als Pizza und Pasta. Er hatte lang in Rom gelebt, dann nicht mehr, schließlich wieder. Wahrscheinlich kann man nicht aufhören, in Rom zu leben, wenn man einmal damit angefangen hat. Und dann natürlich durch den Verlag, durch die Verbrecher Jörg Sundermeier und Werner Labisch. Und eigentlich durch die Arbeit an der Fauser-Biographie, als er zu den abzutelefonierenden Zeitzeugen gehörte. Er wußte nichts von Jörg Fauser, man war sich nicht nahegestanden. Aber man hatte in den 1960ern und 1970ern in denselben Münchner Ateliers gehockt, hatte wohl auch mal aus derselben Flasche getrunken und am selben Joint gezogen.

Ich weiß auch nicht, ob Peter O. Chotjewitz gerne schrieb, aber ich glaube doch – schon deswegen, weil er berufsmäßig auch gemalert und als Anwalt vor Gericht die RAF verteidigt hatte. Gesagt hat er mir, daß er schrieb, um reisen zu können. So entstand sein Buch über Klaus Croissant, »Mein Freund Klaus«. 2007 erschienen, ist es eines der bedeutenden Erinnerungsbücher des Kalten Krieges, einer Epoche, die mich als jungen, aber doch schon Erwachsenen, Verantwortlichen, geprägt hat.

Darüber sprachen wir. Über Leonardo Sciascia. Über die italienische Linke. Über Anzüge – und wie man sie trägt.

Ich weiß, daß ich Chotjewitz zweimal kennengelernt habe. Beim ersten Mal war ich noch Schriftsteller, beim zweiten mal Journalist. Beim ersten Mal hatte ich noch mehr Wut und mehr Wahn, beim zweiten Mal hatte ich einen Schritt rausgemacht aus dem poetischen und gefährlichen Leben – und war glücklicher. Jeder der - nicht vielen – Abende mit Pit erinnerte mich dann daran, daß es auch nicht cooler ist, wenn man sich mit vierzig den Gegebenheiten annähert als, wie inzwischen üblich, mit zwanzig.

Chotjewitz war ein lässiger Typ. Hatte Geschmack, Witz, konnte mir auf die Nerven gehen. War wirklich gebildet. War nicht dem teutonischen Genauigkeitswahn verfallen. Machte einfach. War natürlich linksradikal. Ich mochte ihn sehr. Ich war stolz, ihn Freunden (und Freundinnen) vorstellen zu können. Er schrieb mir Sachen wie : »Ich war nie inner Dekapee. Ich habe nie behauptet, es gebe inner SU oder DDR Sozialismus. Gegen die Einverleibung der DDR in den stinkenden verwesenden Staatskörper der BRD war ich aus anderen Gründen.« Oder, zum Jahrestag des 20. Juli: »Die Offiziere wußten, daß so ein Krieg nicht zu gewinnen war, aber sie knirschten nur mit den Zähnen. Sie zeigten Hitler ihre Verachtung. Aber sie ließen die Colts im Halfter stecken.« Dinge, die ich gern las.

Chotjewitz hat mich beeindruckt – und obwohl ich mich so gern soviel öfter von Lebenden beeindrucken lassen würde - es fehlt an Material.

Seine Bücher kann man lesen. Mit ihm im Garten des Café Obermaier in Kreuzberg sitzen kann ich nicht mehr. Das ist sehr traurig. Ciao Bello. Beziehungsweise: Bello, ciao!

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel