Helft dem jungen Libyen!

oltràlpe — admin on März 19, 2011 at 15:29

Was in Libyen vor sich geht, ist kein Bürgerkrieg, sondern der Aufstand eines Volkes gegen einen Tyrannen, seine Familie und seine Söldner. Dieser Aufstand ist vergleichbar mit dem europäischen Widerstand gegen die Mächte des Faschismus in den 1930er- und 1940er-Jahren.

Die libysche Revolution vom 17. Februar 2011 wird angeführt von der Jugend und von Demokraten, die ihre Geschichte im Land selbst haben. Mit dem Wind der Ereignisse von Tunesien und Ägypten im Rücken haben sie sich gegen die Tyrannei erhoben. Wenn wir diesen Schrei nach Freiheit nicht in den Mittelpunkt all unserer Aufmerksamkeit stellen, diesen Schrei, der von unten kommt, dann missverstehen wir völlig den Charakter dieser Erhebung.

Die Geburt des neuen Libyen

Das neue Libyen, das aus der Zerstörungen und aus den Massakern an Zivilisten entstehen muss, wird ein junges Land sein. Die Jungen, die nie ein anderes System kennen gelernt haben, sind die Protagonisten. Was Freiheit bedeutet, haben sie im Internet gelernt. Das Netz hat das politische Vakuum aufgefüllt, das durch Gaddafis Repression in Libyen entstanden war. An all den Informationen aus dem Ausland, aber auch aus Libyen selbst, an den Möglichkeiten der Vernetzung ist diese Generation gewachsen und hat dem Protest gegen das Regime eine ganz neue Energie gegeben.

Aber was hat die Revolte ausgelöst? Libyen ist ein reiches Land. Aber die Libyer sind arm. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Schere zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen klafft immer weiter auseinander. Die Daten der libyschen Zentralbank sprechen eine klare Sprache: 30 Prozent der Jungen im arbeitsfähigen Alter sind ohne Beschäftigung, 20 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Merkwürdige Zahlen für ein Land mit nur 6 Millionen Einwohnern, aber mit Gas- und Ölvorkommen, die zu den bedeutendsten in Afrika zählen.

Die Jungen blicken nach Europa, in die USA, sie haben im Internet die Freiheit gefunden, die ihr Land ihnen verweigert hat. Sie sind die entscheidenden, aber nicht die einzigen Träger der Revolte. Es gab und gibt eine libysche Zivilgesellschaft - und sie ist aufgewacht: Anwälte, Richter, Freiberufler und Kaufleute, Angestellte und Arbeiter, die lange mit gesenktem Haupt unterwegs waren, sagen: Es ist genug! Schon vor fünf Jahren, im Februar 2006, zeigten sich die ersten Anzeichen dafür, als es eben in Bengasi, dem Zentrum der heutigen Revolution, zu Demonstrationen vor dem italienischen Konsulat kam.

Dabei ging es keineswegs, wie behauptet, nur um die Mohammed-Karikaturen: Das Gespenst einer radikal-islamischen Bewegung haben der Tyrann und sein Sohn, Seif Islam, heraufbeschworen, um die Opposition im Westen zu diskreditieren. In der Kyreneika gibt es kein islamisches Emirat und auch keine Zelle von al-Qaida. In allen befreiten Städten gab es Demonstrationen von Frauen - und sie waren nicht verschleiert. Drei Frauen sitzen im Provisorischen Nationalrat.

Die Fahne der Unabhängigkeit

Die Fahne, welche die Revolutionäre schwenken, ist auch nicht die Fahne des Königs oder des Stammes der Senussi, sondern der libyschen Unabhängigkeit. Ich selbst hätte auf Grund meiner persönlichen und politischen Geschichte mit der roten Fahne in der Hand demonstriert - aber ich und meine Generation sind eben nicht die Träger dieser Bewegung. Die monarchistische Strömung in ihr ist jedenfalls sehr klein.

Man hört immer wieder von der Angst vor einem Machtvakuum. Dabei ist die alternative Struktur in den befreiten Städten bereits voll funktionsfähig. Dort haben sich Volkskomitees gebildet, die über alle Belange des städtischen Lebens entscheiden. Sie bestehen aus Freiwilligen, die sich all der Versäumnisse der Vergangenheit annehmen. Die Beschlüsse werden in Fotokopien auf den Straßen verteilt. In Bengasi konnte nicht nur der öffentliche Nahverkehr wieder aufgenommen werden, sondern auch der Schutz öffentlichen Eigentums durch freiwillige Wachtrupps ist gesichert.

Die Koordinationsstelle dieser Komitees arbeitet bereits am Entwurf zu einer Verfassung - der ersten seit 42 Jahren, in der die Menschenrechte und der Pluralismus verankert sein werden. Doch wie auch immer der Kampf ausgeht: Das Antlitz des Landes hat sich bereits fundamental verändert.

Der libysche Frühling ist eine junge und eine linke Bewegung. Doch um auf diesem Weg weiter voranzugehen, muss die Struktur der libyschen Gesellschaft verändert werden. Sorge bereitet vor allem die soziale und rechtliche Lage der Millionen ausländischer Arbeiter (circa 25 Prozent der Bevölkerung), die das alte Regime in sklavenähnlichen Zuständen ausbeutete.

Ende einer Gewaltherrschaft

Gaddafi ist am Ende. Schon 1973, vier Jahre nach der Revolution, war von dem freiheitlichem Programm seiner damaligen Offiziere nichts mehr übrig als brutale Unterdrückung. Die Universitäten wurden mundtot gemacht, die alten Mitstreiter entfernt oder ermordet, die Gewerkschaften verboten. Im Ausland ließ Gaddafi zahllose Oppositionelle töten. Am 26. Juni 1996 wurden im Abu-Salim-Gefängnis 1.200 politische Gefangene mit Maschinengewehren ermordet.

Grundlage seines Regimes, das die Ressourcen des Landes verschleudert, sind allgegenwärtige Überwachung und Bestechung. Unter Gaddafi sind nicht moderner Staat und Gesellschaft entstanden, sondern ein korruptes und korrumpierendes Regime, das die Unterstützung anderer Diktaturen suchte und sich auf Kriegsabenteuer (Uganda, Tschad) einließ.

Gaddafi hat lange genug die Fahne des Antiimperialismus und Antikolonialismus geschwungen. Aber schon lange macht er schmutzige Deals mit den reichen Ländern und ist dabei vor allem immer um seine persönliche Sicherheit besorgt. Uns, der libyschen Opposition, ist klar, dass viele sich nichts sehnlicher wünschen als den uneingeschränkten Zugriff auf das libysche Öl. Deswegen sind wir gegen jede militärische Intervention. Aber wir brauchen die Flugverbotszone, um den mörderischen Oberst am Einsatz seiner Luftwaffe zu hindern.  FARID ADLY

Übersetzung aus dem Italienischen:
Ambros Waibel

Farid Adly

 geboren 1948 in Bengasi, Libyen. Er lebt in Italien bei Messina und leitet dort “Anbamed”, eine italoarabische Agentur für Nachrichten aus dem Mittelmeerraum. Als Journalist schreibt er u. a. für Corriere della Sera und Il Manifesto.

taz, 15.3. 2011

Die Schläfer der ‘Ndrangheta

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia — admin on März 6, 2011 at 13:35

‘NDRANGHETA Mafia-Jäger Renato Cortese lobt die Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden nach dem Duisburg-Massaker 2007 mit sechs Toten Mafiosi. Er sagt aber auch: “Die Deutschen müssen verstehen, dass das illegale Geld saubere Unternehmen gefährdet”

taz: Herr Cortese, war 2010 das Jahr der Wende im Kampf gegen die ‘Ndrangheta?

Renato Cortese: Es war ein sehr wichtiges Jahr. Mit dem Begriff Wende wäre ich vorsichtig. Es gab viele Resultate. Aber man muss den Zeitraum weiter fassen. In den letzten drei, vier Jahren ist der ‘Ndrangheta militärisch, also von der Polizeiarbeit her, viel entschiedener entgegengetreten worden. In Italien haben wir die berühmte Liste der 30 meistgesuchten Mafiosi. Vor drei Jahren waren noch elf davon aus Reggio Calabria. Jetzt sind es nur noch zwei. Und vor allem haben wir viel stärker zugegriffen auf den beängstigenden Reichtum der Mafia.

Dieser Zugriff wird in Italien durch Gesetze ermöglicht, die ziemlich einzigartig sind auf der Welt.

Stimmt. Wir haben ein Gesetz, das den Einzug des Vermögens schon dann erlaubt, wenn jemand wegen Zugehörigkeit zur Mafia verhaftet worden ist. Wenn er also zu einer erwiesenermaßen mafiösen Familie gehört. Der Polizist geht zum Gericht und beantragt den Einzug des Vermögens. Dann gibt es noch ein anderes sehr wichtiges Gesetz. Wenn das Abhören ergibt, dass der Mafioso einen Strohmann beauftragt hat, sein Vermögen zu verwalten, dann können wir ebenfalls beschlagnahmen - und natürlich den Strohmann verhaften.

Wie sind diese Leute, wenn man sie festnimmt? In den Bildern sind die ‘Ndranghetisti immer sehr gefasst, fast herausfordernd selbstsicher.

Das Klischee stimmt schon. Je höher einer steht, je mehr er Boss ist, desto gleichgültiger ist er. Man macht das einfach nicht, sich aufregen. Man kann umgekehrt sagen: Wenn einer Ärger macht bei der Verhaftung, dann ist er nicht wichtig, kein richtiges Mitglied.

Er hält sich nicht an den Kodex.

Genau. Der Staat ist der Feind, klar. Aber man erkennt ihn im Moment der Verhaftung auch an. Er verhaftet einen, weil er seine Regeln hat.

Der Mafioso behandelt Sie auch wie einen Mafioso?

Ja. Er hat ja auch keine Skrupel, mich umzubringen. Allerdings hat die ‘Ndrangheta es immer vermieden, wie die Sizilianer, dem Staat den Krieg zu erklären. Bis 2010 gab es das nicht. Die Bomben, die Panzerfaust, die sie vor der Staatsanwaltschaft in Reggio deponiert haben, sind für uns der Beweis, das wir auf dem richtigen Weg sind.

Auch terroristische Gruppen werden oft militanter, wenn sie auf dem absteigenden Ast sind.

Genau das geschieht in Kalabrien. Wenn sie die Kontrolle über das Territorium haben, dann müssen sie nicht ihre Macht zeigen. Aber es gibt noch einen anderen Punkt. Die ‘Ndrangheta ist stark, weil sie immer noch über Zustimmung in breiten Schichten der Bevölkerung verfügt. Es ist nicht nur so, dass die Leute schweigen, weil sie Angst haben. Viele denken auch, dass sie mit der Mafia besser fahren als mit dem Staat.

Mit dem Staat, der nicht da ist.

Der nicht da ist, und wenn, dann mit seinem hässlichen Gesicht. Aber um das abzuschließen: Das Schutzgeld, der “Pizzo”, ist ein entscheidendes Merkmal der Herrschaft. Der Mafia geht es nicht um das Geld, sondern um das Zeichen der Unterwerfung, das Symbol der Kontrolle.

Die ‘Ndrangheta operiert international nach immer den gleichen organisatorischen Mustern. Ist der “Pizzo” auch in Deutschland das erste Zeichen ihrer Präsenz?

Nein. Sie brauchen in Deutschland nicht die soziale Kontrolle wie in Kalabrien. Sie sind in den 1970er und 1980ern ins Ausland geschwärmt, weil sie ihre Reichtümer investieren mussten, die sie in Italien erwirtschaftet hatten, wo schon in den Achtzigern die Geldwäschegesetze sehr streng waren. Was sie suchen, sind legale Investitionsmöglichkeiten für illegales Geld, vor allem aus dem Drogenhandel.

Operieren die Zellen im Ausland denn autonom?

Seit diesem Jahr wissen wir, dass auch die ‘Ndrangheta vertikal organisiert ist Wir haben Gespräche abgehört im Hinterzimmer einer Wäscherei in Reggio, wo die Abgesandten aus Australien vorsprechen.

Und um Rat fragen.

Nicht nur um Rat! Sie kommen, um Befehle zu empfangen. Und das gilt auch für Kanada, für die Schweiz, für Deutschland.

Und trotzdem wird in Italien über Duisburg sehr viel mehr gesprochen als in Deutschland.

Was im Sommer 2007 in Duisburg geschehen ist, war ein abscheuliches Massaker. Aber es hatte positive Folgen. Seitdem beginnt man auch in Deutschland zu verstehen, was die ‘Ndrangheta ist. In der deutschen Polizei gibt es seitdem einen ganz neuen Geist der Zusammenarbeit mit Italien. Ich war in Duisburg. Wie wir dort zusammengearbeitet haben, gehört in ein Handbuch der internationalen Polizeikooperation sowohl was das Inhaltliche angeht - die Absage an die Bürokratie, an Formalismen - als auch die menschliche Seite. Wir sind Freunde geworden. Und in anderthalb Jahren haben wir den Fall komplett geklärt.

Wie ist denn der Stand der aktuellen Ermittlungen? Wo gibt es aktive “locali”, Zellen der ‘Ndrangheta, in Deutschland?

Geben tut es bestimmt welche, aber da würde ich über laufende Ermittlungen sprechen. Es gibt Duisburg, es gibt Karst, wo der Strangio-Clan auch aktiv war. Die grundsätzliche Schwierigkeit ist: Es gibt sehr viele Menschen aus Kalabrien in Deutschland; und es ist nicht immer leicht, die legalen von den illegalen Tätigkeiten zu trennen. Aus Abhöraktionen in jüngster Zeit wissen wir, dass Leute aus der Gastronomie, die nie negativ in Erscheinung getreten sind, plötzlich einen Anruf aus einer Telefonzelle in Kalabrien bekommen und zu Drogenhändlern werden.

Ein “Schläfer” der ‘Ndrangheta!

Ein schlafender Kamikaze sagt man auf Italienisch.

Aber in Deutschland redet man vor allem über islamistischen Terror. Ist das teutonische Arroganz?

Nein, das glaube ich nicht. Duisburg hat halt nicht gereicht, um die militärische Schlagkraft der ‘Ndrangheta zu verstehen. Das Geld tut niemand weh, man sieht es nicht, es stört nicht. In Italien ist das anders, Tote gehören bei uns zum Tagesgeschäft. Aber die Deutschen müssen verstehen, dass das illegale Geld saubere Unternehmen gefährdet. Wie sollen sie der Konkurrenz standhalten? Das ist das Problem.

Wenn Sie hier in Berlin in ein italienisches Restaurant gehen - wie verhalten Sie sich da?

Tja: aufmerksam. In Reggio ist es selbstverständlich, dass ich und meine Kollegen aus Polizei und Staatsanwaltschaft nur in saubere Lokale gehen. In Reggio weiß man, welche das leisten - auch weil diese Lokale oft ziemlich leer sind! Und Restaurant und Lebensmittelhandel sind halt Kernbereiche mafiöser Aktivität.

Es ist noch nicht so lange her, dass alle Italiener als Mafiosi galten. Kann man über die Mafia, über die ‘Ndrangheta ohne Stereotype berichten?

Ich verstehe das deutsche Problem, aber ich habe keine Antwort. In Italien ist unser Motto: darüber sprechen, nie aufhören über die Bedrohung, über die Präsenz der Mafia zu reden. In Deutschland? Ich glaube, es ist am wichtigsten, dem Drogengeld nachzugehen, weniger der einzelnen Pizzeria. Auch in Deutschland wurden große Unternehmungen mit dem Geld aus dem globalen Kokainhandel errichtet.
Renato Cortese

45, gebürtiger Kalabrese, seit 2007 Chef des mobilen Einsatzkommandos “Squadra Mobile” in Reggio di Calabria. In dieser Eigenschaft koordinierte er die Ermittlungen zu den Mafiamorden von Duisburg. Zuvor war er lange in Palermo tätig, wo ihm und seinem Team die Festnahme des 43 Jahre lang untergetauchten Superbosses der sizilianischen Cosa Nostra, Bernardo Provenzano, gelang. Mit anderen spektakulären Verhaftungen erarbeitete er sich den Ruf des “Acchiappalatitanti”, also eines erfolgreichen Fahnders nach lang untergetauchten Bossen.
‘Ndrangheta in Deutschland

Der jüngste Mafia-Fall

Am 4. Februar 2011 verhaftete die deutsche Polizei in Zusammenarbeit mit der italienischen “Guardia Di Finanza” den 51-jährigen Bruno Pizzata. Die Festnahme erfolgte in Pizzatas Pizzeria in Oberhausen. Gegen Pizzata war am 2. Dezember 2010 im Rahmen der Operation “Overloading” Haftbefehl von der Anti-Mafia-Direktion im kalabrischen Catanzaro erlassen worden. Pizzata gilt als Mitglied des kalabrischen ‘Ndrangheta-Clans Pelle-Vottari und wird zu den prominentesten Drogengroßhändlern der Welt gerechnet. Die italienische Justiz hat in Deutschland bereits einen Antrag auf Auslieferung Pizzatas gestellt. Pizzata stammt aus dem berüchtigten Ort San Luca. Eine Blutfehde und der Konflikt um Einflussgebiete in Deutschland hatten zwischen den dortigen ‘Ndrangheta-Familien Pelle-Vottari und Nirta-Strangio 2007 zum Massaker von Duisburg geführt, bei dem sechs Italiener getötet worden waren.Das

Deutschland-Geschäft

Nach Zahlen, die der Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität (OK) beim Berliner LKA, Bernd Finger, bei einer Tagung in Reggio di Calabria im letzten November vorstellte, lag 2009 der Anteil italienischer OK-Verdächtiger an der in Deutschland registrierten organisierten Kriminalität bei 3,5 Prozent, wobei die Zahl der Tatverdächtigen im Vergleich zum Vorjahr von 187 auf 323 anstieg. Das ist die dritte Position hinter der deutschen und türkischen organisierten Kriminalität. Zu über 70 Prozent ist die italienische organisierte Kriminalität in den Phänomenbereichen Rauschgift (36,7 Prozent), Steuer- und Zolldelikte sowie Wirtschaftskriminalität tätig. Regional liegen ihre Schwerpunkte in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hessen und Bayern. Die ‘Ndrangheta nimmt mit 56 Prozent in Deutschland den Spitzenplatz ein, vor der neapolitanischen Camorra mit 24 Prozent. (aw)
taz, 27. 2. 11

Louis van Gaals Biografie: Der Mann, der alles kann

Bavarica, Sportjournalismus — admin on März 6, 2011 at 13:32

Wer ist Louis van Gaal? Diese Frage beantwortet Louis van Gaal am liebsten selbst: Louis van Gaal ist ein großer Fußballlehrer. Das steht auch in seiner kiloschweren Biografie.

Es war im Oktober letzten Jahres, als Louis van Gaal seinen gewichtigen Doppelbänder “Biographie und Vision” auf dem Rasen der Arena von Ajax Amsterdam vorstellte. Vor 500 geladenen Gästen erzählte er, dass er dieses Buch seit 2003 geplant habe, also wohl nach seinem gescheiterten zweiten Engagement in Barcelona. Zum Zeitpunkt der Präsentation hatte der von ihm seit dem Sommer trainierte Rekordmeister Bayern München gerade den schlechtesten Saisonstart seit 43 Jahren hingelegt.

Vielleicht fand sich deswegen in der versammelten Fußballprominenz - darunter Ronald de Boer und Patrick Kluivert - kein einziger Offizieller des FCB mit Ausnahme von van Gaals Ko-Trainer Andries Jonker, den er inzwischen nicht unkokett immer mal wieder als seinen Nachfolger in München ins Spiel bringt, obwohl Jonker als Chefcoach bisher keine Erfolge vorzuweisen hat. Und last, not least: In Amsterdam wurde natürlich die holländische Version vorgestellt. Wer kann oder konnte schon Holländisch in München?

Doch seit van Gaals Bayern am 24. Spieltag der vergangenen Saison erstmals nach über eineinhalb Jahren wieder an der Spitze standen, seit er das Double gewonnen und das Finale der Champions League erreicht hat und schließlich als erster Ausländer zum Trainer des Jahres gewählt wurde, war der Holländer so etwas wie der Heilsbringer und große Modernisierer des deutschen Fußballs geworden - bis Bayern-Manager Uli Hoeneß Ende Oktober dem von ihm engagierten Rotweinliebhaber kräftig in die späte Blüte seiner Karriere grätschte.

Seitdem scheint es äußerst zweifelhaft, dass van Gaal seinen bis Juni 2012 laufenden Vertrag erfüllen wird. Denn er macht überhaupt nicht den Eindruck, als habe er Spaß daran, dass jedes Match für ihn zum Schicksalsspiel wird; am Dienstag gegen den AS Rom in der Champions League darf er es einmal etwas entspannter angehen lassen, weil die Bayern ja schon mit vier Siegen in vier Partien in der Zwischenrunde sind.

Der Nachdemütigungs-van-Gaal sieht im Gegenteil aus wie jemand, der innerlich gekündigt hat und nur noch auf die richtige Gelegenheit wartet, dem Bayernboss zum Abschied kräftig einen einzuschenken - ein Abschied, der ja erklärtermaßen einer vom Vereinsfußball sein wird. Sieht man es so, dann geht die Ära van Gaal an der Säbener Straße schon wieder ihrem Ende entgegen - und die nun erschienene, um das Bayernabenteuer erweiterte deutsche Ausgabe seiner Lebens- und Fußballbilanz darf als sein Bundesligavermächtnis gelten.

Ist es gelungen? Ist es nicht, jedenfalls der biographische Teil. Dass van Gaal ein Fußballverrückter und Fanatiker ist, war bekannt und ist schön und gut. Man kann die zugehörigen Anekdoten auch mit einigen Amüsement lesen - solange man sie nicht schon in einem anderen Medium mitbekommen hat, der Mann ist ja nicht sparsam mit seinen Äußerungen. Nein, van Gaal ist nicht einfach ein egozentrisches Alphatier, er hat einen dem Tourette-Syndrom vergleichbaren Zeige- und Aussprechtick.

Nicht umsonst diktierte er den Bild-Zeitungsleuten einst ins Schmierblatt, er habe im Besprechungsraum der Mannschaft einmal die Hosen runtergelassen, um zu beweisen, dass er nicht wegen seines Egos, sondern allein für die Mannschaft Auswechslungen vornehme. Was er damit wohl sage wollte? Hatte er tatsächlich den Jungs seinen vermutlich gewaltigen Bommel gezeigt?

Man kann das auch positiv nehmen und dem Holländer zwanghafte Ehrlichkeit attestieren. Er hat keine Lust, zu lügen, sich zu verstecken. Muss er auch nicht, denn wo er ist, ist er Chef. Dieses “Ecce Homo” hat etwas Katholisches - und Aloysius Paulus Maria Van Gaal ist ein vom Glauben abgefallener Katholik.

Das hätte nun ein sehr spannendes Analysebuch abgegeben, aber “Biographie” ist kein Buch zum Lesen, sondern eins zum Blättern, eine Hochglanz-Festschrift, ein echtes Coffee-Table-Book, ein Bayern-Fan-Accessoire. Es ist einfach zu mühsam, aus der Fülle der Familienfotos, Zwischenüberschriften und Geschichtchen das Wesentliche herauszufiltern.

Die Mühe lohnt sich etwa im sechsten Kapitel, in dem van Gaal beziehungsweise der niederländische Sportjournalist Robert Heukels, der den Text mit ihm geschrieben hat, die Zeit als Sportlehrer - van Gaals erlernten Beruf - beschreibt. Von 1977 bis 1988 unterrichtete van Gaal an der katholischen Berufsschule Don Bosco in Amsterdam: “Von 8 Uhr früh bis 2 Uhr nachmittags unterrichtete ich, und um 15.30 Uhr begann bei Sparta (Rotterdam) das Training. […] In dieser Zeit habe ich mein Auto aus reiner Übermüdung drei- oder viermal in die Leitplanken gesetzt.” Und warum die Hetze? “Ich wollte sein, was ich studiert hatte. Das Leben als Fußballprofi fand ich schon deswegen hohl, weil ich nicht immer spielte.”

Wenn das Anatolij Tymoschtschuk mal gelesen hätte! Man glaubt die Erinnerungen der ehemaligen Schüler, dass van Gaal ein guter, ja ein begeisternder Lehrer war. Und natürlich finden sich auch die sattsam bekannten Ausfälle, alle ehrlich aufgeschrieben, ob van Gaal nun ein Mädchen in den Hintern tritt, weil der Ball aus ihrem Spielfeld in der abgeteilten Turnhalle auf das von ihm bespielte rollt (der Fall sorgt für Aufregung, wird aber dann zu den Akten gelegt) bis hin zum Eigenlob: “Der ist fantastisch”, er selbst, klar.

Er ist, wie er ist

Und van Gaal ist ja auch ein großer Fußballlehrer. Das zeigt sich im zweiten Band “Vision”, der weniger überladen und grafisch aufgeblasen ist. Van Gaals Stärke ist, dass er spielen lässt, wie er ist: “Die Mannschaft, die den Ball hat, bestimmt!”

Van Gaals Schwäche ist, dass er spielen lässt, wie er ist: Als er im Champions-League-Finale gegen seinen ehemaligen Schüler Mourinho antrat, hätte er wissen müssen, dass man gegen Inter nicht der Jäger ist, sondern der Gejagte oder zumindest der Abwartende. Mit van Gaals Ansatz entsteht schöner, aber durchaus nicht immer erfolgreicher Fußball - in Italiens Serie A jedenfalls hat er mit gutem Grund nie gearbeitet.

Es ist überhaupt interessant, wie van Gaal das Thema Mourinho behandelt. Sein Credo für seine Mitarbeiter ist ja: “Man muss den Leuten beibringen, so zu sehen, wie man es selbst gern möchte.” Mourinho aber hatte und hat “eine völlig andere Persönlichkeit und sieht deswegen ganz andere Details, und auch seine Arbeitsweise unterscheidet sich von meiner.” Van Gaal schätzt Mourinho sehr, man schreibt sich SMS. Und dann so ein Satz: “Alle Spieler, mit denen er zusammengearbeitet hat, reden nur gut von ihm. […] Mourinho ist also offenbar sehr menschlich.”

Van Gaal weiß nicht, wie Mourinho ist. Er ist ihm fremd geblieben, was zugespitzt bedeutet: Van Gaal versteht nicht, wie ein anderer Mensch, der denselben Beruf wie er ausübt, also weder in der Hierarchie unter ihm steht noch von einem anderen Fach ist, trotzdem ein großer, was Erfolge angeht, sogar ein größerer Trainer als er selbst sein kann. Van Gaal versteht nicht, wie man nicht van Gaal sein kann. Das ist psychologisch gedeutet, aber hier geht es immer noch um Fußball.

Wenn Louis van Gaal in seinem Ferienhaus in Portugal demnächst seine Ruhe hat, schreibt er vielleicht eine kleine Fußballschule auf 100 Seiten. Dieses Buch müsste man dann haben.

taz, 22.11.2010

Nächste Seite »
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel