Blicke: Eine Ausfallstraße namens Halit

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on März 18, 2012 at 01:21

 Blicke heißt meine Kolumne, die immer oder alle zwei Wochen Donnerstags in der taz erscheint. Ein anderes Blau wäre auch ein schöner Titel gewesen, aber soweit bin ich noch nicht:“Jetzt bin ich aus den Träumen raus, die über eine / Kreuzung wehn. […] was krieg ich jetzt, / einen Tag älter, tiefer und tot? / Wer hat gesagt, dass so was Leben / ist? Ich gehe in ein / anderes Blau.” 

Am Sonntag ist Bu-Bu-Day. Denn dann versammeln sich die Mächtigen, Prächtigen und Schlechtangezogenen dieser Republik entweder in Leipzig auf der Buchmesse oder in der Berliner Bundesversammlung. Einer von diesen wird nach Teilnehmerliste der hochverehrte Hans Well (für „Bü90/GR”) sein, von der durch den demokratischen Fortschritt in Bayern implodierten Biermösl Blosn.

Allein deswegen verbieten sich literarische Fantasien, was wohl ein irrer Attentäter mit einer solchen Ballung gesellschaftlicher Eliten anstellen könnte: Seid also unbesorgt, ihr Arischen mit Ohren, Pastörs, Apfel, Müller, und stopft euch die Schnittchen der Steuerzahler rein: Mehr als auf Sand gebaute Drohbriefe wird es nicht geben.

Am Vorabend solcher Großereignisse, denen wir hier, jenseits der Kandidatenfrage, mit einem gewissen inneren Abstand begegnen, liegt es also nahe, den Blick in die entgegengesetzte Richtung zu, hm, richten: dahin, wo Glamour, Glanz und Gloria eher nicht zu Hause sind - nach Kassel.

Ich mag Kassel sehr. Einer meiner liebsten Menschen lebt dort als Phytophiler. Ich bin zudem erster Preisträger des seit 2005 vergebenen Nordhessischen Autorenpreises, der „sich sowohl an Autorinnen und Autoren als auch an Laien” richtet, „die ihren Lebensmittelpunkt in Nordhessen oder einen besonderen (etwa autobiografisch bedingten) Bezug zur Region haben”. Ich finde mich da wieder.

In diesem Jahr ist wieder documenta in Kassel, die ich auf dem Weg zum gleichzeitig ausgetragenen Hauptevent, der Caricatura, auf jeden Fall mitnehmen werde. Aber mein spezieller Freund in Kassel ist der Herkules über dem Bergpark Wilhelmshöhe. Dieser Park, das Schloss, die Gemäldegalerie, all dies ist eine europäische Attraktion ersten Ranges. Die ganze Anlage ist so erschütternd schön, dass man die barocke Anmaßung, die über allem thront, ganz gut vergessen kann. Das bescheidene Kassel macht es einem da leicht.

Als ich letzten Monat da war, konnte man den Herkules noch immer nicht besteigen - Sanierung läuft seit 2005; und da bei der letzten documenta der Hauptbahnhof eine Ruine war, wird wohl in guter Tradition diesmal der eingerüstete Held den Besuchern aus aller Welt ein echt kasselänerisches „So wichtig seid ihr uns nun auch wieder nicht” als Willkommensgruß bieten.

Wer Kassel verlassen will, kann das auf vielfältige Art tun - nicht umsonst kandidierte die Stadt einst als westdeutscher Regierungssitz, ihrer zentral-vernetzten Lage wegen. Eine der großen Ausfallstraßen ist die Halitstraße. Stimmt gar nicht - noch heißt sie Holländische Straße und ist Teil eines großen, alten Verkehrswegs Richtung Niederrhein.

Halitstraße soll sie nach dem Wunsch von Ismail Yozgat heißen. Denn in dieser Straße, in einem Internetcafé, wurde sein Sohn Halit Yozgat von Neonazis ermordet. Der Chef der CDU-Fraktion im Kassler Stadtrat, Norbert Wett, findet eine solche Umbenennung nach HNA-Zitat ein „Wahnsinnsunterfangen”. Schade, dass Norbert Wett nicht zur Bundesversammlung delegiert wurde: Er fände da Herren, mit denen er angeregt plaudern könnte.

FC Bayern München: Die Ketten sitzen fest

Allgemein, Sportjournalismus — admin on März 18, 2012 at 01:12

Goethe, warum nicht? „Schüttelt nur an Euren Ketten, der Mann ist Euch zu groß - Ihr werdet sie nicht zerbrechen”, maulte der Großdichter 1813, als ihm der patriotische Taumel der jungdeutschen Taliban doch etwas zu viel wurde. Wo er mit Napoleon leider nicht recht hatte, die Neo-Germanen gewannen und zogen ihre gnadenlos romantische Selbstverwirklichung bis 1945 durch. Dem FC Bayern blüht das Schicksal des großen Kaisers nicht. Das Publikum der Kleinvereine im Ruhrgebiet, früher auch in den Hansestädten oder sogar in abgelegenen Gegenden wie der Pfalz, lechzt zwar immer nach der finalen Erniedrigung der rot-weißen Bazis - aber nach dem grandiosen 7:0 Sieg vom Dienstagabend gegen angstgelähmte Schweizer sind die Ketten wieder festgezurrt: Nur ein deutscher Verein spielt international mit; und die einzige Konkurrenz im Land selbst, ist kein Club, sondern die Fußballnationalelf von Jogi Löw.

Und wenn Bayern nicht Meister wird? Nun, who gives a fuck? Die Münchner müssen ökonomisch gesehen Champions League spielen, der Meistertitel ist nur für den Bluthochdruck von Uli Hoeneß wichtig. Und nachdem in diesem Jahr vier Plätze (inklusive Qualifikationsplatz) für die Bundesligisten bereitstehen, ist all der Rummel, der in den letzten Wochen geschrieben und gesendet wurde, eben nur das: Die ewige Bayern-Show.

Wenn man im Pressebereich der Allianz-Arena seinen Edel-Junk-Food runterschlingt, dann hat man Gelegenheit, die nüchterne Version der Dinge zu hören, nicht das Zeug für die Gäste: Selbst wenn bei Bayern alles ruhigst und erfolgreichst läuft, muss dem Affen Publikum wieder und wieder Zucker gegeben werden. Mainstream-Sportberichterstattung setzt immer auf die gleiche alte Leier, die gleichen unerzogenen Gefühle, den manchmal tatsächlich enorm dumpfen Hass der sogenannten Underdogs gegen den Rekordmeister.

Dass der Verein von der Säbener Strasse dabei grundsätzlich ein Strukturproblem hat, ist klar. Denn wer möchte schon Christian Nerlingers (geboren 1973 - in Dortmund!) Job als Sportdirektor machen, eingeklemmt zwischen den betagten Rotweinfreunden Hoeneß und Heynckes? Und gewiss war Louis van Gaal auf der Borderline zu Hause, aber vor allem war er nicht gewillt, sich den Zentralkomitee der Bosse unterzuordnen.

Dabei ist die Revolution des Münchner Spiels ganz allein sein Verdienst - oder sehnt sich jemand nach den Dusel-, Riegel-, und Aggrobayern der Ära Kahn? Man sehe sich das CL-Finale 2001 gegen Valencia nochmal an: So spielt heute nur noch Augsburg. Das Bayern-Spektakel wird also weitergehen - jedenfalls bis sich das große Geld doch mal entscheidet, in Berlin einen echten, verhassten Hauptstadtclub zu finanzieren. Aber im romantisch-provinzverliebten Deutschland kann das noch dauern.

taz, kürzlich

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel