Blicke: Die Angepissten

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on Mai 25, 2012 at 01:20

Heute reden wir mal über Gerüche - es ist schließlich Sommer. Studieren wir zunächst die Literatur! In Franz Doblers Roman „Aufräumen” etwa hat der coole Protagonist nur zwei Paar Schuhe; edle Dinger natürlich, Vintage sozusagen. Immer, wenn er von seiner Nachtarbeit nach Hause kommt, stopft er die Schuhe mit Zeitungspapier aus. Seitdem ich das gelesen habe, tue ich das auch. Und meine Turnschuh-Söhne müssen es ebenfalls tun, gnadenlos. Da soll noch einer sagen, Kunst ändere nicht die Welt: die Kunst von Dobler jedenfalls schon. Jedenfalls meine.

Aber gibt es denn mehrere Welten? Ich glaube nicht. Ich glaube, es gibt nur verschiedene Filter, Mauern, Grenzzäune, Minengürtel, Blickwinkel. Natürlich gibt es Unterschiede. Ich zum Beispiel liebe Parfüm. Also das von Frauen. Was nicht bedeutet, dass mich jedes gleich anmacht. Es geht auch nicht ums Anmachen. Aber wenn ich zum Beispiel an einer Gruppe nachtlebenslustiger Frauen vorbeigehe, durch ihre Duftwolke hindurchgehe: dann ist es mir egal, ob die aus Chanel oder Drospa ist - es muss nur viel sein.

Bei der Herzdame ist das wieder anders. Deswegen war ich erstaunt, als ich in dem sehr schönen Buch „Mein Name ist Revolution” von Imran Ayata es wohlwollend bewertet fand, dass die von Romanheld Devrim begehrte Königin mal jenen, mal diesen Duft trägt: Ich liebe den Duft „meiner” Frau. Aber vielleicht werde ich ja noch eines Besseren oder besser: eines anderen belehrt. Es gibt so viel zu entdecken in diesem kurzen Leben!

Devrim bedeutet übrigens „Revolution”.

Ein mutiger Name.

Es war einer dieser schon in der Frühe warmen Maitage, als ich mit meinen Kindern zur Schule radelte, am Kanal entlang. Das erste Mal roch ich es von einer Parkbank, dann im Vorüberstrampeln, dann aus einem Gebüsch. Es ging jeweils von Männern aus, sie hatten lange Haare, einer sogar Rastas, von dem im Gebüsch im Schlafsack liegenden sah ich den langen Bart. Die Männer rochen nach Urin, und der roch nicht nach Spargel. Es war der Gestank von altem Urin, so als hätten sich die Männer selbst oder andere sie gründlich angepisst. In der Schule sah ich dann einen Spitzenpolitiker der Grünen, der dort wohl sein Kind anmelden wollte. Ein Politiker, der durchaus sympathisch rüberkommt.

Und da hatte ich plötzlich wieder den Gestank der Angepissten in der Nase. Und ich dachte, ob dieser Politiker hier sich wohl noch darum kümmern würde, ob die Angepissten seine Partei wählen. Ob sie überhaupt irgendwen wählen. Der Politiker war einige Monate zuvor bei uns in der Redaktion gewesen. Und ich meinte mich zu erinnern, dass er gesagt hatte, eine bestimmte Klientel wähle sowieso nicht mehr Grün, Hartz-IV-Rückreform hin oder her. Womit er bestimmt recht hatte. Damals. Aber hier und heute, wen sollen die Angepissten wählen? Oder diejenigen, denen es das wichtigste politische Ziel scheint, dass es im fast reichsten Land der Welt keine Angepissten gibt? Geben darf. Niemand mehr? Nein? Na dann. Bleib ich halt auch bei „Égoïste”.

München bleibt blau oder Schöne Effizienz, dein Name ist Drogba: das Champions-League-Finale

Allgemein, Bavarica, Sportjournalismus — admin on Mai 21, 2012 at 21:22


»Ich weiß nicht, ob ich das aushalte«, sagte mein sechsjähriger Sohn vor Beginn des Spiels. Er hatte allerdings einen gefühlt einstündigen Werbeblock in der Birne und einen Vater vor sich, der den ganzen Tag mit ihm nichts Rechtes auf die Reihe bekommen hatte. Der Sohn zog sich also ins Spielzimmer zurück und war sich in dieser weisen Entscheidung einig mit der Frau der Stunde, der dummen und häßlichen (das wird man ja wohl noch sagen dürfen) Frau Homburger von der FDP: »Das guck’ nicht. Ich hasse Bayern München«, hatte die FDP-Frau der dpa gezwitschert und damit eine Menge dumpfer Gefühle auf sich gezogen.

Warum eigentlich? Ist nicht Tobias Thalhammer, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion in Bayern, selbst der inzwischen allgegenwärtige »Vollpfosten«, wenn er rhabarbert, Homburger habe ohne Nachdenken »Millionen bayerische Fußballfans in ganz Deutschland beleidigt«? Seit wann darf man nicht mehr Bayern München hassen? Seit wann kann ein FDP-Mitglied irgendwen beleidigen? Und was sind »bayerische Fußballfans in ganz Deutschland«? Spielte am Samstag abend die Nationalmannschaft des Freistaates? Oder - horribile dictu - eine Art kleine Nationalmannschaft des Esofußballbadensers Jogi Löw?

Nein, die Sache ist einfacher: »München bleibt blau« simste Freund Löwe und Kollege Rüttenauer mir Sekunden nach Drogbas trockenem Schuß zum Gewinn der Champions League aufs Mobiltelefon: und ich simste, mit der anderen Hand die Tränen des großen Sohnes trocknend zurück: »Für den Spruch hast’ aber lang warten müssen.«

Der FC Bayern München repräsentiert nicht unseren freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland - das macht inzwischen die Fun- und Wir-sind-Fußball-Sturmtruppe Borussia Dortmund. Der FCB ist ein elitär-alteuropäischer Club, der für die Hälfte der dummen, aber lustigen Stadt München steht und für das Baumarkt-und Baywa-Reservat zwischen Böhmerwald und Lech. Und mit Chelseas Rentnergang hatte man im Finale »dahoam« den genau passenden Gegner. Das Spiel war ein Abschied in mancherlei Beziehung: Von einer »verkorksten« Saison, in der Fußball immer war, wenn Bayern 90 Minuten angreift und am Schluß verliert. Endgültiger Abschied somit von Louis van Gaals Fußballstalinismus des Ballbesitzes. Abschied von der Idee des alles entscheiden könnenden Doppelstars à la RibRobb. Abschied bitte überhaupt von holländischen Elfmeterschützen. Persönlicher Abschied aber auch: Immer öfter besuchte ich den Sohn und Obi-Wan-Kenobi im Spielzimmer, trank Slivowitz in der Küche, rauchte in der lauen Nacht auf dem Balkon und dachte, wie es wäre, mit der Süßen nun im Bett zu liegen und gemeinsam in den ungemein violetten Himmel zu blicken.

Aber die Süße war an der See und sogar da, schrieb sie mir später, weinten die Menschen. Sollen sie, dürfen sie. Chelsea war besser, spielte ungemein lässig, leicht und locker, hielt die gut 85 Minuten bis zu Thomas Müllers Tor die Ordnung, um dann mal eben kurz umzuschalten und rappzapp einen reinzuhauen: Schöne Effizienz - dein Name ist Drogba.

Bayern kann keine Ecken und keine Standards, Bayern kam viel zu selten in den Strafraum. Bayern war kurz gesagt, der »Vollpfosten« des Abends, der letztlich überflüssig war. Deswegen hier die Bitte an Frau Timoschenko: Legen Sie sich ein wenig mehr ins Zeug, dann bleibt uns der Zirkus in der Ukraine und in Polen vielleicht erspart; und der Sommer kann endlich beginnen.

Statistik

Bayern München - FC Chelsea 1:1 (0:0, 1:1) n.V., 3:4 i.E.

München: Neuer - Lahm, Timoschtschuk, Boateng, Contento - Schweinsteiger, Toni Kroos - Robben, Thomas Müller (87. van Buyten), Ribery (97. Olic) - Gomez

Chelsea: Cech - Bosingwa, David Luiz, Cahill, Cole - Mikel - Lampard - Kalou (84. Torres), Mata, Bertrand (73. Malouda) - Drogba

Tore: 1:0 Thomas Müller (83.), 1:1 Drogba (88.)

Elfmeterschießen: 1:0 Lahm, Neuer hält gegen Mata, 2:0 Gomez, 2:1 David Luiz, 3:1 Neuer, 3:2 Lampard, Cech hält gegen Olic, 3:3 Cole, Schweinsteiger schießt an den Pfosten, 3:4 Drogba

Besonderes Vorkommnisse: Cech hält Foulelfmeter von Robben (95.)

Torschüsse: 39:9

Ecken: 20:1

Ballbesitz: 54:46 Prozent

erschienen in “junge welt”

NICHT VERRÜCKT, NUR SCHWUL Zwei Bücher zum 125. Todestag Ludwig II. von Bayern (1845-1886)

Allgemein, Bavarica — admin on Mai 2, 2012 at 00:22

 Warum soll sich ein Besucher aus Kenia mit einem verrückten bayerischen König auseinandersetzen? So formuliert Johannes Erichsen, der Präsident der Bayerischen Schlösserverwaltung, sein berufliches Marketing- Grundproblem. Dazu gehört die Frage, ob man den Versuch starten soll, die Ludwig II-Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee auf die UNESCO -Liste des Weltkulturerbes zu hieven.

Vor 125 Jahren, am 13. Juni 1886 kam der „Märchenkönig” Ludwig II. (geb. 1845) im Starnberger See ums Leben. Das ist äußerer Anlass für das Erscheinen einer neue Kurzbiographie von Hermann Rumschöttel sowie einer groß angelegten, in zweiter Auflage gründlich durchgesehenen Studie (Heinz Häfner: „Ein König wird beseitigt”). Man darf die Frage von Herrn Erichsen getrost aufgreifen und abwandeln: warum sollen heutige, noch dazu linke Leserinnen und Leser sich mit einem Monarchen des 19. Jahrhunderts beschäftigen, dessen politisches Programm ganz klar ein neo-absolutistisches war, der sogar sein Herrschaftsgebiet Bayern an die Preußen (!) verkaufen wollte, um auf einem sonnigen Inselstaat - den Kanaren oder Zypern - ein Traumkönigreich zu errichten, wo ihm kein Volk, aber vor allem keine Ministerialbürokratie hätte reinregieren können?

So ganz stringent, norddeutsch-zielgerichtet kann die Antwort nicht ausfallen; Häfner jedenfalls weist überzeugend nach, dass der König keineswegs wahnsinnig war. Und das ist insofern bemerkenswert, als der „Chef des Hauses Wittelsbach” (ja, sowas gibt es) ihm und seinen Mitarbeitern, die Nutzung des Geheimen Hausarchives der Familie nur unter der Auflage eines „umfassenden Publikationsverbots zu Frage der politischen Geschichte im Zusammenhang mit der Entmündigung Ludwigs II.” gestatten wollte. Es würden ausschließlich Archivalien vorgelegt, die sich auf den Geisteszustand von König Ludwig II. bezögen. Archivalien, die das politische Entmündigungsverfahren beträfen, seien hingegen nicht Gegenstand der Benützungserlaubnis. In einem Anhang bietet Häfner dann eine kurze Auflistung von Dokumenten, die vorhanden sein müßten, deren Vorlage aber mit wenig inspirierten Begründung ( „Verbleib unklar”, „verschollen”) verweigert wurde.

Für dieses spätestabsolutistische Vorgehen des Hauses Wittelsbach gibt es nachvollziehbare Gründe. Ludwig soll der moderne Mythos bleiben, der er ist: der romantische, bildhübsche, an die zwei Meter große Jüngling auf dem Thron; der Wagner-Förderer, Neuschwanstein-Bauer und politische Traumtänzer; der von den Alpenbauern geliebte „Kini”, der mit dem Märchenschlitten auf verschneiten Passtrassen einherfährt; und schließlich der - leider, leider - nicht mehr regierungsfähige, an der bösen Welt (und an Bismarck, der ihm seine Souveränität wegnimmt) wahnsinnig werdende Mensch, der die Regierungsgeschäfte seinem guten Onkel Luitpold überträgt, welcher dann der in Bayern immer noch verklärten sogenannten „Prinzregentenzeit” den Namen gab - die bekanntlich ihr faktisches Ende mit der Münchner Räterepublik fand, also einem Volksaufstand gegen ein repressives Regime.

Ach ja, ein wenig den Buben zugetan war er auch noch, der Ludwig, aber halt eher so - wie sagt man? - genau: platonisch.

Bernhard von Gudden, jener Arzt, der Ludwig für verrückt erklärte ohne ihn je untersucht zu haben, wußte es besser:” Es ist besser für den König, als geisteskrank tituliert zu werden, da man ihn für einen der perversesten Menschen halten müsse”. Ludwig II. war schwul - und das in einem sehr handfesten Sinne: „Lieber Karl [Hesselschwerdt, Vertrauter und Stallmeister des Königs]! Lasse dir nochmals den Kunis [Penis] wie er bei jenem Menschen in Nizza war, explizieren u. schicke mir denselben aufgezeichnet. Verbrenne dieses Blatt. - Ludwig.” Das ist, wie mit vielen dieser Billetts, nicht geschehen. Mit zunehmendem Alter - mit 41 war er tot - wurde Ludwig sich seiner sexuellen Orientierung gewiss und ließ in ganz Europa nach männlichen Prostituierten forschen - ob ihm andere Möglichkeiten offen gestanden hätten, sich sexuell zu verwirklichen, darf bezweifelt werden. Sein zunehmender, schließlich totaler Rückzug aus der Öffentlichkeit erklärt sich jedenfalls damit hinreichend. Außerdem war er in seinen letzten Jahren durchaus nicht gut anzusehen, er hatte stark zugenommen und alle Zähne verloren.

Ludwig war aber nicht nur schwul, er war ein schwuler Herrscher, der immer noch über dem Gesetz stand. Philipp Fürst zu Eulenburg, der später selbst zum Opfer eines Skandals wegen homosexueller Beziehungen im Berlin Wilhelms II. wurde, schreibt 1885 nach Preußen: „Es ist Ihnen bekannt, daß König Ludwig neuerdings in seiner Zuneigung zu dem jüngeren Stallpersonal sehr energisch geworden ist… Ich fürchte eine unglückliche Konstellation von nicht deckbaren Schulden mit einem öffentlichen Skandale zur Bockbierzeit von besoffenen ‘Lustbuben zu Pferde’”. Und so kam es dann eben auch. Aber bis zum Schluß war Ludwig völlig klar und bearbeitete Akten - das sah auch kein geringerer als Bismarck so, der Ludwig entgegen aller Verschwörungsmythen durchaus zugetan war: Bismarck hatte viel übrig für Absolutismen. Mit den „Lustbuben zu Pferde” sind die „Chevauxlegers” gemeint, also Soldaten der leichten Kavallerie, die in die Traumschlösser abkommandiert wurden. Ludwig II. war - so geht der heutige Diskurs - ein voll verantwortlicher Täter, der junge, abhängige Männer missbrauchte.

Wer ein realistisches Bild von Person und Epoche haben will, muss Häfners Studie lesen - und kann sich dann Rumschöttels sachkundige, aber betuliche Kurzgeschichte sparen. Als Leser wird man nicht umhin kommen, an die Fälle Walter Sedlmayer und Rudolph Moshammer zu denken; und daß deutsche Gerichtsmediziner den RAF-Leuten Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader die Gehirne entnahmen, weil gewaltsamer Widerstand gegen deutsche Verhältnisse, ja dann doch irgendwie krankhaft sein muß - daran darf man sich ebenfalls erinnern. Es sei denn, man wollte, ob einer solchen Assoziation, auch den Autor dieser Rezension für geistig umnachtet erklären.

Heinz Häfner

Ein König wird beseitigt

Ludwig II. von Bayern

544 S.: mit 101 Abbildungen und 3 Tabellen
Hermann Rumschöttel

Ludwig II. von Bayern

128 S.: mit 23 Abbildungen.

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