NICHT VERRÜCKT, NUR SCHWUL Zwei Bücher zum 125. Todestag Ludwig II. von Bayern (1845-1886)

Allgemein, Bavarica — admin on Mai 2, 2012 at 00:22

 Warum soll sich ein Besucher aus Kenia mit einem verrückten bayerischen König auseinandersetzen? So formuliert Johannes Erichsen, der Präsident der Bayerischen Schlösserverwaltung, sein berufliches Marketing- Grundproblem. Dazu gehört die Frage, ob man den Versuch starten soll, die Ludwig II-Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee auf die UNESCO -Liste des Weltkulturerbes zu hieven.

Vor 125 Jahren, am 13. Juni 1886 kam der „Märchenkönig” Ludwig II. (geb. 1845) im Starnberger See ums Leben. Das ist äußerer Anlass für das Erscheinen einer neue Kurzbiographie von Hermann Rumschöttel sowie einer groß angelegten, in zweiter Auflage gründlich durchgesehenen Studie (Heinz Häfner: „Ein König wird beseitigt”). Man darf die Frage von Herrn Erichsen getrost aufgreifen und abwandeln: warum sollen heutige, noch dazu linke Leserinnen und Leser sich mit einem Monarchen des 19. Jahrhunderts beschäftigen, dessen politisches Programm ganz klar ein neo-absolutistisches war, der sogar sein Herrschaftsgebiet Bayern an die Preußen (!) verkaufen wollte, um auf einem sonnigen Inselstaat - den Kanaren oder Zypern - ein Traumkönigreich zu errichten, wo ihm kein Volk, aber vor allem keine Ministerialbürokratie hätte reinregieren können?

So ganz stringent, norddeutsch-zielgerichtet kann die Antwort nicht ausfallen; Häfner jedenfalls weist überzeugend nach, dass der König keineswegs wahnsinnig war. Und das ist insofern bemerkenswert, als der „Chef des Hauses Wittelsbach” (ja, sowas gibt es) ihm und seinen Mitarbeitern, die Nutzung des Geheimen Hausarchives der Familie nur unter der Auflage eines „umfassenden Publikationsverbots zu Frage der politischen Geschichte im Zusammenhang mit der Entmündigung Ludwigs II.” gestatten wollte. Es würden ausschließlich Archivalien vorgelegt, die sich auf den Geisteszustand von König Ludwig II. bezögen. Archivalien, die das politische Entmündigungsverfahren beträfen, seien hingegen nicht Gegenstand der Benützungserlaubnis. In einem Anhang bietet Häfner dann eine kurze Auflistung von Dokumenten, die vorhanden sein müßten, deren Vorlage aber mit wenig inspirierten Begründung ( „Verbleib unklar”, „verschollen”) verweigert wurde.

Für dieses spätestabsolutistische Vorgehen des Hauses Wittelsbach gibt es nachvollziehbare Gründe. Ludwig soll der moderne Mythos bleiben, der er ist: der romantische, bildhübsche, an die zwei Meter große Jüngling auf dem Thron; der Wagner-Förderer, Neuschwanstein-Bauer und politische Traumtänzer; der von den Alpenbauern geliebte „Kini”, der mit dem Märchenschlitten auf verschneiten Passtrassen einherfährt; und schließlich der - leider, leider - nicht mehr regierungsfähige, an der bösen Welt (und an Bismarck, der ihm seine Souveränität wegnimmt) wahnsinnig werdende Mensch, der die Regierungsgeschäfte seinem guten Onkel Luitpold überträgt, welcher dann der in Bayern immer noch verklärten sogenannten „Prinzregentenzeit” den Namen gab - die bekanntlich ihr faktisches Ende mit der Münchner Räterepublik fand, also einem Volksaufstand gegen ein repressives Regime.

Ach ja, ein wenig den Buben zugetan war er auch noch, der Ludwig, aber halt eher so - wie sagt man? - genau: platonisch.

Bernhard von Gudden, jener Arzt, der Ludwig für verrückt erklärte ohne ihn je untersucht zu haben, wußte es besser:” Es ist besser für den König, als geisteskrank tituliert zu werden, da man ihn für einen der perversesten Menschen halten müsse”. Ludwig II. war schwul - und das in einem sehr handfesten Sinne: „Lieber Karl [Hesselschwerdt, Vertrauter und Stallmeister des Königs]! Lasse dir nochmals den Kunis [Penis] wie er bei jenem Menschen in Nizza war, explizieren u. schicke mir denselben aufgezeichnet. Verbrenne dieses Blatt. - Ludwig.” Das ist, wie mit vielen dieser Billetts, nicht geschehen. Mit zunehmendem Alter - mit 41 war er tot - wurde Ludwig sich seiner sexuellen Orientierung gewiss und ließ in ganz Europa nach männlichen Prostituierten forschen - ob ihm andere Möglichkeiten offen gestanden hätten, sich sexuell zu verwirklichen, darf bezweifelt werden. Sein zunehmender, schließlich totaler Rückzug aus der Öffentlichkeit erklärt sich jedenfalls damit hinreichend. Außerdem war er in seinen letzten Jahren durchaus nicht gut anzusehen, er hatte stark zugenommen und alle Zähne verloren.

Ludwig war aber nicht nur schwul, er war ein schwuler Herrscher, der immer noch über dem Gesetz stand. Philipp Fürst zu Eulenburg, der später selbst zum Opfer eines Skandals wegen homosexueller Beziehungen im Berlin Wilhelms II. wurde, schreibt 1885 nach Preußen: „Es ist Ihnen bekannt, daß König Ludwig neuerdings in seiner Zuneigung zu dem jüngeren Stallpersonal sehr energisch geworden ist… Ich fürchte eine unglückliche Konstellation von nicht deckbaren Schulden mit einem öffentlichen Skandale zur Bockbierzeit von besoffenen ‘Lustbuben zu Pferde’”. Und so kam es dann eben auch. Aber bis zum Schluß war Ludwig völlig klar und bearbeitete Akten - das sah auch kein geringerer als Bismarck so, der Ludwig entgegen aller Verschwörungsmythen durchaus zugetan war: Bismarck hatte viel übrig für Absolutismen. Mit den „Lustbuben zu Pferde” sind die „Chevauxlegers” gemeint, also Soldaten der leichten Kavallerie, die in die Traumschlösser abkommandiert wurden. Ludwig II. war - so geht der heutige Diskurs - ein voll verantwortlicher Täter, der junge, abhängige Männer missbrauchte.

Wer ein realistisches Bild von Person und Epoche haben will, muss Häfners Studie lesen - und kann sich dann Rumschöttels sachkundige, aber betuliche Kurzgeschichte sparen. Als Leser wird man nicht umhin kommen, an die Fälle Walter Sedlmayer und Rudolph Moshammer zu denken; und daß deutsche Gerichtsmediziner den RAF-Leuten Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader die Gehirne entnahmen, weil gewaltsamer Widerstand gegen deutsche Verhältnisse, ja dann doch irgendwie krankhaft sein muß - daran darf man sich ebenfalls erinnern. Es sei denn, man wollte, ob einer solchen Assoziation, auch den Autor dieser Rezension für geistig umnachtet erklären.

Heinz Häfner

Ein König wird beseitigt

Ludwig II. von Bayern

544 S.: mit 101 Abbildungen und 3 Tabellen
Hermann Rumschöttel

Ludwig II. von Bayern

128 S.: mit 23 Abbildungen.

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