München bleibt blau oder Schöne Effizienz, dein Name ist Drogba: das Champions-League-Finale

Allgemein, Bavarica, Sportjournalismus — admin on Mai 21, 2012 at 21:22


»Ich weiß nicht, ob ich das aushalte«, sagte mein sechsjähriger Sohn vor Beginn des Spiels. Er hatte allerdings einen gefühlt einstündigen Werbeblock in der Birne und einen Vater vor sich, der den ganzen Tag mit ihm nichts Rechtes auf die Reihe bekommen hatte. Der Sohn zog sich also ins Spielzimmer zurück und war sich in dieser weisen Entscheidung einig mit der Frau der Stunde, der dummen und häßlichen (das wird man ja wohl noch sagen dürfen) Frau Homburger von der FDP: »Das guck’ nicht. Ich hasse Bayern München«, hatte die FDP-Frau der dpa gezwitschert und damit eine Menge dumpfer Gefühle auf sich gezogen.

Warum eigentlich? Ist nicht Tobias Thalhammer, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion in Bayern, selbst der inzwischen allgegenwärtige »Vollpfosten«, wenn er rhabarbert, Homburger habe ohne Nachdenken »Millionen bayerische Fußballfans in ganz Deutschland beleidigt«? Seit wann darf man nicht mehr Bayern München hassen? Seit wann kann ein FDP-Mitglied irgendwen beleidigen? Und was sind »bayerische Fußballfans in ganz Deutschland«? Spielte am Samstag abend die Nationalmannschaft des Freistaates? Oder - horribile dictu - eine Art kleine Nationalmannschaft des Esofußballbadensers Jogi Löw?

Nein, die Sache ist einfacher: »München bleibt blau« simste Freund Löwe und Kollege Rüttenauer mir Sekunden nach Drogbas trockenem Schuß zum Gewinn der Champions League aufs Mobiltelefon: und ich simste, mit der anderen Hand die Tränen des großen Sohnes trocknend zurück: »Für den Spruch hast’ aber lang warten müssen.«

Der FC Bayern München repräsentiert nicht unseren freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland - das macht inzwischen die Fun- und Wir-sind-Fußball-Sturmtruppe Borussia Dortmund. Der FCB ist ein elitär-alteuropäischer Club, der für die Hälfte der dummen, aber lustigen Stadt München steht und für das Baumarkt-und Baywa-Reservat zwischen Böhmerwald und Lech. Und mit Chelseas Rentnergang hatte man im Finale »dahoam« den genau passenden Gegner. Das Spiel war ein Abschied in mancherlei Beziehung: Von einer »verkorksten« Saison, in der Fußball immer war, wenn Bayern 90 Minuten angreift und am Schluß verliert. Endgültiger Abschied somit von Louis van Gaals Fußballstalinismus des Ballbesitzes. Abschied von der Idee des alles entscheiden könnenden Doppelstars à la RibRobb. Abschied bitte überhaupt von holländischen Elfmeterschützen. Persönlicher Abschied aber auch: Immer öfter besuchte ich den Sohn und Obi-Wan-Kenobi im Spielzimmer, trank Slivowitz in der Küche, rauchte in der lauen Nacht auf dem Balkon und dachte, wie es wäre, mit der Süßen nun im Bett zu liegen und gemeinsam in den ungemein violetten Himmel zu blicken.

Aber die Süße war an der See und sogar da, schrieb sie mir später, weinten die Menschen. Sollen sie, dürfen sie. Chelsea war besser, spielte ungemein lässig, leicht und locker, hielt die gut 85 Minuten bis zu Thomas Müllers Tor die Ordnung, um dann mal eben kurz umzuschalten und rappzapp einen reinzuhauen: Schöne Effizienz - dein Name ist Drogba.

Bayern kann keine Ecken und keine Standards, Bayern kam viel zu selten in den Strafraum. Bayern war kurz gesagt, der »Vollpfosten« des Abends, der letztlich überflüssig war. Deswegen hier die Bitte an Frau Timoschenko: Legen Sie sich ein wenig mehr ins Zeug, dann bleibt uns der Zirkus in der Ukraine und in Polen vielleicht erspart; und der Sommer kann endlich beginnen.

Statistik

Bayern München - FC Chelsea 1:1 (0:0, 1:1) n.V., 3:4 i.E.

München: Neuer - Lahm, Timoschtschuk, Boateng, Contento - Schweinsteiger, Toni Kroos - Robben, Thomas Müller (87. van Buyten), Ribery (97. Olic) - Gomez

Chelsea: Cech - Bosingwa, David Luiz, Cahill, Cole - Mikel - Lampard - Kalou (84. Torres), Mata, Bertrand (73. Malouda) - Drogba

Tore: 1:0 Thomas Müller (83.), 1:1 Drogba (88.)

Elfmeterschießen: 1:0 Lahm, Neuer hält gegen Mata, 2:0 Gomez, 2:1 David Luiz, 3:1 Neuer, 3:2 Lampard, Cech hält gegen Olic, 3:3 Cole, Schweinsteiger schießt an den Pfosten, 3:4 Drogba

Besonderes Vorkommnisse: Cech hält Foulelfmeter von Robben (95.)

Torschüsse: 39:9

Ecken: 20:1

Ballbesitz: 54:46 Prozent

erschienen in “junge welt”

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