Kolumne Blicke: Hoffnung für die Barbaren

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on Juni 21, 2012 at 21:00

Essen muss jeder, zum Essen einladen muss man niemanden. Schon gar nicht nach Hause: Man kann in ein Restaurant gehen. Billiger ist zu Hause. Ob es auch schöner ist - kommt drauf an.

Ein Reihenhaus an der Peripherie einer arbeitsamen Kleinstadt. Die Wohnung nett, gar nicht Boheme. Die Gastgeber eher leicht in Opposition zur ihrer Heimat. Der Tisch war gedeckt, nicht festlich, aber auch nicht geschmacklos - keine achteckigen Teller und so. Man bekam Wasser, nach der Anreise hatte man ja Durst. Die Gastgeberin servierte dem heimischen Kind vorab Nudeln mit Butter. Der Hausherr rührte die Soße. Es war seine zweite an diesem Tag, denn neben der ersten war ihm eine Weinflasche geplatzt. Er hatte die erste Soße weggeschmissen, weil er nicht völlig hatte ausschließen können, dass sie Scherben enthalten hätte.

Der Hausherr entnahm dem Kühlschrank - immer munter plaudernd - eine Flasche Schaumwein. Eine schöne Flasche. Er ging zum Schrank und nahm die entsprechenden Gläser heraus. Sie waren nicht aus Kristall und hatte keine lustigen Aufdrucke. Er schenkte ein. Die Gläser lagen gut in der Hand. Der Hausherr erzählte nicht, wo der Schaumwein herkam noch wo er ihn erworben noch was er gekostet. Als alle ein volles Glas hatten, stießen wir an und tranken.

Das Getränk war kühl und schmeckte hervorragend. Der Hausherr stand auf, entnahm dem Ofen frische, mit Gemüse belegte Teigfladen, stellte sie auf einem großen Brett auf den Tisch und zerteilte sie handgerecht. Wir griffen zu, aßen und tranken und redeten. Der Hausherr schenkte nach, stand auf und holte eine zweite Flasche. Die tranken wir halb aus. Das Kind hatte fertig gegessen und ging spielen, später sangen wir noch Lieder zusammen. Die Hausherrin zündet sich eine Zigarette an, die Fenster standen offen, draußen fiel warmer Regen. Ich tat es es ihr gleich, nachdem ich meine Finger an der bereitliegenden Serviette gesäubert hatte. Einer einfachen weißen Papierserviette, die neben dem Teller lag.

Der Hausherr räumte die Schaumweingläser ab, die Hausherrin servierte die Nudeln mit der Soße. Der Hausherr kam mit einer Flasche Weißwein und neuen Gläsern. Er sagte, es sei warm, und ob deswegen alle mit Weißwein einverstanden seien. Das war der Fall. Zu und nach den Nudeln gab es mehr vom gleichen Wein, man musste nicht fragen. Wasser gab es eh.

Dann stand der Hausherr auf und brachte eine ganze Salami, rohen Schinken, vier verschiedene Käse und Brot. Und es gab frische Servietten. Danach aßen wir Erdbeeren, die irgendwie verfeinert waren, ich erinnere mich nicht, weil ich mich auf Nachspeisen nicht verstehe. Anschließend tranken wir Kaffee, ohne das man um ihn hätte bitten müssen, dazu den Digestif der Gegend. Den konsumierten wir bis zum Aufbruch. Der Hausherr trank ein Bier. Ich war sehr glücklich, als wir uns zum Abschied alle küssten. Bemerkenswert, dass ich für solche Abende fast immer bis nach Italien fahren muss. Aber die Lombarden stammen von den Langobarden ab. Und die waren ja Deutsche. Es gibt also noch Hoffnung für die Barbaren.

taz

Blicke: Die Arschitekten

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on Juni 17, 2012 at 22:03

Neulich stand ich mal wieder unter der Dusche. Und dachte an jenes bezaubernde Wesen, das mir gesagt hatte, wie schön es sei, unter der Dusche zu stehen und dabei in den Himmel blicken zu können. Ja. Hatte ich gesagt. Schon.

Und gedacht hatte ich, wie viel schöner ich es fand, jenes Wesen in meiner Dusche sehen zu können. Und so.

Seit ich aus der heimischen 50er-Jahre-Wohnbox ausgezogen bin, habe ich immer ein Bad mit Fenster gehabt. Es bot nicht in jeder Wohnung einen Sternenblick, ich erinnere Brandwände und die Perspektive in das Bad einer Lesben-WG, deren Bewohnerinnen sich am offenen Fenster ganz nonchalant trockenfrottierten - eine Hauptattraktion für Freunde aus katholisch-geschlechtergetrennten Gegenden, die mich in meiner links-lutherischen, hessischen Uni-Stadt besuchten.

Aber die ernste Frage ist ja die: Warum haben - hessisch gesprochen - Arschitekte’ seit dem Krieg nie aufgehört, Badezimmer ohne Fenster zu entwerfen? Welches Zimmer einer Wohnung hätte ein Fenster nötiger? Wo wäre es schöner? Und warum ist das Badezimmerfenster ein Luxus, zumindest in all jenen Städten, deren Gründerzeitbauten längst von Zahnärzten (und Architekten) in Beschlag genommen sind? Die klassischen Antworten lauten: Architekten sind entweder dumm oder dreist oder feige. Oder alles zusammen.

Wenn ich über dieses Thema mit Architekten spreche, heißt es immer: das Geld. Der Bauherr. Ich sage dann immer, aha, Architekten sind Leute, die ein ehrliches Handwerk lernen, um es zu verraten. Von dem Geld, das ihnen der Verrat einbringt, nehmen sie sich dann eine Altbauwohnung mit Badezimmerfenster.

Architekten sind coole Leute. Die hauen einem keine aufs Maul, wenn man sie als verantwortungslose Karrieristen outet. Architekten verziehen nur leicht gequält das Gesicht, wenn man ihnen ihre Mitläufermentalität mitgibt. Architekten blicken ins Leere, wenn man etwas ganz Offensichtliches feststellt: dass jemand, der ein Bad ohne Fenster entwirft, ein Zyniker ist. Und Zyniker können Türsteher werden, DJs oder Investmentbanker - aber sie sollten nicht über die Behausung des Menschengeschlechts entscheiden können.

Wenn Architekten also reine Erfüllungsgehilfen von Investoren sind, dann kann es einem angesichts der bevorstehenden massenweisen energetischen Sanierung nur angst und bange werden. Denn mit ihr bekommt ein windelweicher Berufsstand nun auch noch die moralische Rechtfertigung geliefert für jede nur denkbare Scheußlichkeit und Dummheit. Wie wäre es denn erst mal mit Mietwohnungen, in denen man nicht jedes Körpergeräusch der Nachbarn hört? Zu teuer. Wie wäre es mit hohen Decken, die auch das Herz und den Verstand erheben? Geht nicht. Und der größte aller Schrecken, das Laminat? Wollte der Bauherr drinhaben.

Und wie so oft, wenn man älter wird, denkt man sich am Schluss: die einzige Möglichkeit, in dieser Gesellschaft wenigstens anständig zu wohnen, ist: reich werden. Und sich einen Architekten halten.

taz

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