Kolumne Blicke: Die Nymphomanin

Allgemein, Bavarica — admin on Dezember 8, 2012 at 11:25

„Antje C., genannt Angelina, liebte alle Männer”. So stellte es die Boulevardzeitung tz aus München am Dienstag ins Netz. Der Ippen-Gruppe, zu der die tz gehört, war zuletzt ein Interesse an der Frankfurter Rundschau nachgesagt worden. Verleger Ippen, der seine Blättern mit einer feingeistigen wöchentlichen Kolumne verziert und als Herausgeber von Büchern wie „Jeder Atemzug für Dich. Die 100 beliebtesten deutschen Liebesgedichte” glänzt, wies das umgehend zurück. Eine gute Nachricht.

Mit Antje C., beschäftigte sich die tz zum ersten Mal im April diesen Jahres: „47-Jährige nötigt Mann zu endlosem Schäferstündchen”. Ein Handwerker, schrieb der Journalist Sven Rieber, habe mit der Kneipenbekanntschaft einen „sexuellen Albtraum” erlebt. „Aus den Fängen der Frau”, beziehungsweise aus ihrer Wohnung, wo er „ordentlich anpacken” habe müssen, konnten ihn erst Polizisten befreien, die von Antje C. schon „begierig erwartet” worden seien, um den Platz des Mannes einzunehmen. Die Polizei aber nahm „die Betrunkene” fest. Der Mann „brauchte keine ärztliche Hilfe.”

Ein paar Tage später konnte die tz mit weiteren Details über den „Sexsklaven” der „nimmersatten Nymphomanin” aufwarten. Dieter S. outete sich statt als Handwerker als DJ. Er habe Anzeige wegen Freiheitsberaubung und sexueller Nötigung gegen die „Liebes-Wütige” erstattet und „jetzt erst einmal die Schnauze voll von Frauen”. Wen der Artikel zum weiterklicken animierte, dem bot die tz eine Bilderstrecke mit dem Titel „Bloß nicht nachmachen! Die schlimmsten Sex-Verletzungen”.

Ende April war dann aber erstmal „Schluss mit der Männerjagd”. Antje C., die „zu allem entschlossene Nymphomanin” („tz berichtet exklusiv”), hatte ein neues Opfer gefunden. „Diesmal geriet ein ahnungsloser Afrikaner in ihre Fänge”. „Wie schon nach dem Fall Dieter” - erfuhr man auf einmal exklusiv in der tz - sitze Antje C. in der Psychiatrie: “Denn auch die Ärzte halten sie mittlerweile für eine ernste Gefahr für die Männerwelt.”

Ach so - da war noch was: „Die Frau versuchte offenbar unter allen Umständen, mit 47 Jahren ein Kind zu bekommen”, ergänzte (Frauen sind einfach sensibler) die Journalistin Dorita Plange. Wer diesmal mehr wissen wollte, wurde auf den Bilderstrich „Die kuriosesten Sex-Urteile” geschickt.

Am vergangenen Montag war es dann aber doch soweit - auch das beliebteste deutsche Liebesgedicht muss mal ein Ende haben: „Sex-Sklave Dieter: Seine Nymphomanin ist tot” titelte die tz. Plötzlich war die Geschichte „gar nicht mehr lustig”. Diesmal war es ein Heizungsmonteur, der neben der alkoholkranken, psychisch gestörten Frau einschlief. Als sein Wecker klingelte war die - wie die tz inzwischen exklusiv in Erfahrung gebracht hatte - auch „La Bombana” genannte Frau tot. Die Obduktion ist angeordnet, die Verfahren gegen Antje C. werden eingestellt. Die Kolumne von Dirk Ippen geht weiter. Sie heißt „Wie ich es sehe”. Danke - das wissen wir schon.

erschienen in taz

Blicke: Abschied von Mutti

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on Dezember 1, 2012 at 01:12

Liest noch jemand den Dichter Johannes Bobrowski? Ich eigentlich auch nicht, weil wenn, lese ich gleich Horaz. Bobrowski hat aber etwas geleistet im Leben: Er hat Abschied genommen. Von den „verlorenen Ostgebieten”: Schlesien, Pommern, Ostpreußen; aber auch vom Baltikum, von Polen, von der Ukraine und von Russland.

Also von jenem Raum, in dem die slawisch-jüdisch-deutsche Mischkultur ein paar hundert Jahre lang nicht nur Mord und Totschlag hervorgebracht hat, sondern auch, um nur das mir liebste Beispiel zu nennen, das Werk von Joseph Roth.

Nach Vernichtungskrieg, Holocaust, Roter Armee, Flucht und Umsiedlung war damit Schluss. Indem Bobrowski stellvertretend, als ein Dichter eben, Abschied nahm - was ihm in der DDR wie in der BRD übel genommen wurde, aus ganz unterschiedlichen Gründen natürlich -, setzte er den Keim des Neuen. Und wie komme ich jetzt zu den Muttis?

Als ich klein war, galten Kinder, die nach der Schule in den Hort mussten, als arme Schweine. Ich hatte keinen Kontakt zu ihnen, aber man hörte doch Merkwürdiges - Eltern, die nicht zusammenlebten, Mütter, die an coop-Kassen saßen, traurige Geschichten von vorgekochtem Mittagessen, das die armen Schweine dann ganz allein verzehren mussten. Sie hatten coole Schlüsselbänder um den Hals, aber oft kein Schulbrot dabei.

Wenn ich nach Hause kam, war alles bereit. Am größten waren die Sommer, wenn meine Mutter auf einem wackligen Gasherd im Kleingarten gekocht hatte. Nach dem Mittagessen machte ich mit meiner Mutter - meiner Mutti, ja - Hausaufgaben. Mein Mutti war immer da.

Es gab keine Diskussionen darüber, schon gar nicht, wenn ich krank war. Meine Mutti hatte immer Zeit; und nur wenn ich nachts erwachte und sie auf dem Weg zur Toilette auf ihrem Bett liegen und dicke Bücher lesen sah, dachte ich: Sieh an - was ist denn jetzt?

Aber das blieb nicht lange haften. Eine heute alltägliche Erziehungsberechtigtenauseinandersetzung à la „Wer betreut das Kind, wenn …?” wäre mir absurd erschienen, sie hätte mir Angst gemacht und ich hätte sie gehasst (meine Mutti war nie krank).

Mein Vater hätte sich auch gar nicht um mich kümmern können, weil er noch nicht mal sich selbst ein Brot schmieren konnte (später verstand ich: er kann anderes, auch für mich). Mutti ist heute tot. Nicht meine - zum Glück. Nur Mutti an sich. Man muss ihr nicht nachweinen.

Aber manchmal, wenn das Ich-ich-ich-Gezeter der Elternwelt im privaten wie im politischen Raum überhand nimmt, wenn ich die mal verzweifelt, mal aggressiv wegorganisierten Kinder (auch meine) so anschaue; wenn ich die Meinung höre, das Konzept Mutti habe viele „kreative Lebensentwürfe” verhindert (was stimmt) und mit dem Werfen des Konzepts Mutti auf den Ideologiemüllhaufen der Geschichte würde nun automatisch alles besser (was ganz bestimmt nicht stimmt, jedenfalls nicht für die Kinder), dann denke ich schon, dass ich froh bin, dass ich eine Mutti gehabt habe: Es war wunderschön, es war nicht fair, aber so war es - und es ist vorbei.

Vorletzter Spieltag, 3. D, SC Berliner Amateure

Allgemein, Sportjournalismus — admin on Dezember 1, 2012 at 01:09

Die Ausgangslage war schwierig: Einerseits hatte ich am Freitag taz-Weihnachtsfeier gehabt - und da weiß man nie, wo sie endet. Weil aber Trainerkollege A. und ich den Spielern mündlich und per Mail das Ausgehen - sprich die bei Zwölfjährigen gerade sehr angesagten Übernachtungspartys - verboten hatten, zog auch ich um 1 Uhr im Sanderstübel in Neukölln die Reißleine und verabschiedete mich: Eine so tolle 3. D-Jugend wie unsere vom SC Berliner Amateure hat Anspruch auf einen Coach ohne Restalkohol.

Als ich dann Punkt 11 Uhr in der Körtestraße stand, sah ich schon an den ausgeschlafenen Gesichtern, dass heute viel drin war. Auch ein freundlicher Vater hatte sich eingefunden, der, obwohl er gleich noch mit dem kleinen Sohn zu einem anderen Spiel musste, einen Teil der coolen Gang nach Friedenau kutschierte. Ein Hoch auf ihn!Aber dann fehlte plötzlich S., unsere hängende Spitze, die bisher in jeder Partie mindestens einen Treffer erzielt hatte. Also fuhren die Autos schon mal los, und ich wartete, bis ein atemloser S., die klackenden Kunstrasenschuhe an den Füßen, angerannt kam. Wir joggten weiter zum Südstern, um in die U7 zu steigen, da sahen wir das Schreckenswort aller Berliner: Schienenersatzverkehr!

Aber wir bleiben ruhig, und um 12.15 Uhr stand S. dann mit den anderen in unseren schönen weißen Dressen auf dem Platz in der Wiesbadener Straße. Die erste Hälfte der ersten Hälfte ging vom Spielerischen klar an den Gegner, den vorbildlich gastfreundlichen Friedenauer TSC.

Aber Kollege A. hatte vorgesorgt. Wir spielten mit verstärkt defensivem Mittelfeld - call it Doppelsechs - und dann kam natürlich auch noch das Quäntchen Glück hinzu. Und so stand es eben doch plötzlich zur Pause 3:0 für uns! Die genaue Torfolge habe ich gar nicht mehr in Erinnerung, denn wenn man gleichzeitig Trainer, Linienrichter und Fußballvater ist, dann kommt man schon mal durcheinander. Hatte also der Sohn mit seinem Sololauf den Bann gebrochen? Oder war es der über die Mauer genau in den linken Winkel gezirkelte Freistoß von O. gewesen? Oder doch eher das hart erkämpfte Tor unseres Mittelstürmers H.?

Nach der Pause das gleiche Bild: Friedenau spielt feinen Fußball, drückt, macht aber nur ein Tor und wir zwei. Doch was passiert jetzt? Alle Verteidiger wollen nach vorne, Mittelfeld und Sturm stellt die Arbeit nach hinten ein. 5:2. Dann 5:3. Ich fange an rumzuschreien. Aber ich habe kein Déjà-vu. Denn ich habe in dieser Saison noch kein sogenanntes Profispiel geguckt, also auch nicht das berühmte Schweden-Unentschieden: Das Leben ist so viel besser ohne den Mattscheibenfußball. Und dann schießen wir noch ein Tor. Und der Schiri pfeift ab. Er ist 12 und souverän.

erschienen in taz, 26.11.12

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