Maxim Biller, der gebrauchte Jude und Philip Roth

Allgemein, Über Jakob Arjouni, Über Jörg Fauser — admin on Dezember 3, 2009 at 11:05


Irgendwie dachte ich, ich hätte mehr Bücher von Maxim Biller im Regal stehen, aber dann waren es doch nur zwei: Die Debüterzählungen „Wenn ich einmal reich und tot bin” (1990) und die Artikelsammlung „Die Tempojahre” (1991). Die Bände standen ganz oben im Regal, ich mußte den Kinderhochstuhl aus dem Esszimmer holen, um an sie dranzukommen - und falls Sie ein bißchen schwer von Kapee sein sollten: das ist jetzt ein literarisches Bild.

In den 1980er Jahren war Biller der erste Journalist, der mir als Name zum Begriff wurde, in den 1990er Jahren begann ich short-stories zu schreiben - Vorbild: Maxim Biller -, und wenn ich mich an einen Roman getraut hätte, dann wäre der von Biller nachdrücklich empfohlene Jakob Arjouni mein Leitstern gewesen. Dann begab ich mich in andere Kreise und Gegenden.

Immer öfter hörte ich nun den Spruch „Was will er, der Biller?”. Ich verstand die Kritik an Billers Antikommunismus, spürte aber auch den Neid auf einen, der als Polemiker nicht auf der mageren Gehaltsliste von taz, titanic und konkret etc. stand (obwohl auch Biller einmal für konkret geschrieben hat), der im Fernsehen auftrat und wert auf schöne Kleidung legte. Verdammt gut sah er auch noch aus und last not least: Er hatte eine interessante, tragische Familiengeschichte im Gepäck, die von der deutschen Normerzählung abwich. Das nahm man ihm übel, und Biller entschloß sich, zu genießen: „Ich bin Jude, weil ich eines Tages merkte, wie sehr es mir gefällt, die anderen damit zu verwirren, dass ich Jude bin.”

Dann bekam ich lange nichts mit von Biller, sah nur hie und da eine Glosse, ein Interview, eine Kurzgeschichte. Biller dachte ich, ist einer der das Selbstmitleid liebt, und das ist nun mal, wenn es nicht um den eigenen Kummer geht, recht unangenehm.

Und schließlich kam der Verbots-Fall „Esra”. Da ich nicht in die Situation geriet, die Sache gründlich, also schriftlich durchzudenken, da ich das Buch deswegen nicht las (bei zvab gibt es aktuell eines der 4000 vor dem Verbot augelieferten Exemplare zum Preis von 95€), verließ ich mich auf mein moralisches Empfinden. Das sagte mir: Richtig, daß Biller das Buch geschrieben hat; richtig, daß die darin sich porträtiert bzw. geschmäht Fühlenden dagegen juristisch vorgehen. „Es geht um Rache”, schrieb Jörg Schröder, und die sei legitim. Als Verleger hätte er das Buch eben auf anderen, illegalen Wegen lieferbar gehalten. Später schrieb ich selber einen Roman, und der Verleger sagte mir, seit dem „Esra”-Urteil müsse man sehr vorsichtig sein, ich solle die Klarnamen ändern, was ich nicht wollte. Und nun also “Der gebrauchte Jude - Selbstporträt”. Geniales Cover, dann plötzlich gelindes Erschrecken: Biller wird nächstes Jahr fünfzig, ein weiterer Baustein auf dem Weg zur eigenen Historisierung.

Das Buch liest sich schnell, gut und spannend in einer Nacht weg - kein Wunder: Der ganze Gestus kommt von Fausers „Rohstoff”, allerdings ohne das krampfhafte Bemühen , ein ‘gutes Buch’ zu schreiben (diese Anmerkung ist nötig, solange etwa der Chefkritiker Denis Scheck eine Fauserbesprechung mit „Literatur im Niemandsland” anmoderiert - da überkommt einen schon die ganz große Müdigkeit).

Die Biller-Story, das ist mir erst in auf Seite 11 dieses Selbstbildnisses klar geworden, hat einen ganz schlichten Kern: „Anfang der achtziger Jahre gab es in Deutschland zwei Arten von Juden. Die Juden, die nicht mehr lebten, die nach Palästina und Amerika geflohen waren, die in den Lexika standen. Und Juden, die noch da waren, wenig unsichtbare Geschäftsleute, Ärzte und deren Kinder, die jedes Jahr kurz im Fernsehen erschienen, als kleine, dunkle Menschengruppe vor einer riesigen Menora oder einer dramatisch hoch aufgehängten Schiefertafel mit kaum lesbaren hebräischen Buchstaben. Es regnete und war windig, und sie hielten sich an ihren Regenschirmen fest, und dann wurden sie weggeweht und tauchten erst am nächsten 9. November für dreißig Sekunden wieder in den Nachrichten auf.

Jemand wie ich war in Deutschland nicht vorgesehen.”

Was soll man zu dieser Passage zuerst anmerken? Daß das Schriftstellersein immer seinen Ausgangspunkt darin hat, auf irgendeine Art „nicht vorgesehen” zu sein? Daß Biller 1960 in Prag geboren ist, 1970 mit seinen Eltern nach Deutschland kam, daß er einen russischen, jüdischen Vater hat und mütterlicherseits einen armenische Großvater hat? Daß er sich mit sechzehn beschneiden ließ, weil er „Jude und nichts als Jude” ist? Daß das Judentum in Deutschland heute sichtbarer ist, und gleichzeitig ausgerechnet am 9. November von debilen bis aggressiven „Deutschland, Deutschland”-Rufen übertönt wird? Oder daß Biller sehr anschaulich nacherzählt, wie eben dieses Großreinemachen der deutschen Weste schon lange vor der Wiedervereinigung auf der Agenda der Ich-will-kein-Täterkind-mehr-sein-Deutschen stand?

“Secrets are dangerous things, Audrey”, sagt Special Agent Cooper in „Twin Peaks”. Biller fing an als Nervensäge, weil er ein Geheimnisverräter war. Man lese sein radikale Analyse der Nachkriegs-, der „Nachmann-Juden” in „Die Tempojahre”: „Nur die kaltentschlossenen Darwinisten und Kriminellen unter den Holocaust-Überlebenden konnten nach dem Krieg in den Schoß, aus dem es kroch wieder hineinschlüpfen”. Die Jungen forderte er auf, die „Judengasse” zu verlassen. Auch diesen Prozeß resümiert Biller in „Der gebrauchte Jude”. Das macht er hervorragend, ich möchte sagen: männlich; nämlich als einer, der ganz genau weiß, was der Job ist und der über die Mittel verfügt, ihn zu erfüllen.

Trotzdem werde ich meine Lektürelücke zwischen Billers ersten Büchern und seinem jüngsten Buch eher nicht auffüllen. Und das liegt daran, daß ich Philip Roth auf Dauer langweilig finde - und Biller ist der deutsche Philip Roth: Er stellt mir als einziger deutscher Schriftsteller die Frage, ob das Desinteresse eines deutsch-österreichischen Täterenkels am Roth’schen Werk vielleicht tiefere, beunruhigendere Gründe haben könnte als ich sie mir bisher habe eingestehen wollen.

junge welt

RATLOS, RÄTSELLOS, GESCHWÄTZIG: Jakob Arjounis neuer Roman gibt Anlaß zur Selbstprüfung

Allgemein, Über Jakob Arjouni, Über Jörg Fauser — admin on März 27, 2009 at 16:07

Wenn einen das neue Buch eines Autors, in dem man einst schwer begeistert eine befreiende, witzige und engagierte Literatur sich manifestieren sah, ratlos und gelangweilt zurück läßt - dann spricht einiges dafür, daß vielleicht weniger der Autor als man selbst sich verändert hat.

Und damit könnte man eigentlich gut leben, die Sache abhaken und auf die nächste Prosa Jakob Arjounis warten, dessen Fähigkeit, politische Einsichten und Aphorismen mit exakt beobachtetem und abgehörtem heutigen Leben zusammenzuschneiden; dessen Einsicht, daß Kunst darüber hinaus aber nicht beim Tatsächlichen stehen bleiben darf, sondern immer aufs Ganze des dem Menschen Möglichen und des Exemplarischen hinausmuß, man über Jahre - und bewundernd - verfolgt hat.

Es ist dies aber vielleicht auch schlicht eine notwendige Vorbemerkung, wenn versucht werden soll, zu zeigen, warum „Der heilige Eddy” der Tiefpunkt in Arjounis Werk ist. Ein Buch zu schreiben, ist immer die ganz große Ausfahrt auf einen unbekannten Ozean, über ein Buch zu schreiben, nur das Lesen der Seekarte. Arjouni selbst hat sich nie auf den Journalismus eingelassen, es gibt von ihm außer den Interviews keine Einlassungen zum Tagesgeschehen, keine Essaybände oder Buchrezensionen. Arjouni wollte immer Geschichten erzählen, und die vom heiligen Eddy beginnt so: Eddy ist ein gutaussehender Betrüger jenseits der vierzig mit Wohnsitz im alternativ-bürgerlichen Berlin-Kreuzberg 61. Arbeitsplatz ist der touristische Rest der Stadt. Insofern Eddy großen Wert auf seine Unabhängigkeit legt, ist er ein Wiedergänger von Fausers Schneemann Siegfried Blum; und natürlich ist er auch ein unerfüllter Künstler, der zusammen mit seinem russisch-jüdischen Freund Arkadi (Karatekämpfer, Proll, Familienvater) als Straßenmusiker „Akustikpunk” bzw. „Ramazamba-Fickmusik” spielt und davon träumt, sich nach einem erfolgreichen Deal mal wieder einen Kompositions-Urlaub zu gönnen: Die klassische Arjouni-Konstellation eben.

Mit einem solchen Deal steigt Arjouni in das Buch ein, und hier funktioniert die Sache plotmäßig auch noch leidlich gut. Eddy legt einen Bochumer Computerhändler rein, geht mit dessen Visa-Karte zum Großeinkauf ins Kadewe, packt die Sachen - die er an seinen Hehler verkaufen wird - in einen Jute-Sack um und fährt nach Hause, ins harmlose 61. Im Hausflur steht aber bedauerlicherweise Horst „Hotte” König, Neuköllner Junge, der es in den USA zu Geld gebracht hat, zurück in Berlin nun aber zwei große Probleme am Hals hat. Erstens stellt ihn die Boulevardpresse als Heuschrecke hin, weil er den Berliner Traditionsbetrieb „Deo-Werke” aufgekauft und zerschlagen hat (eigentlich, erfährt man später, war alles ganz anders). Zweitens steht König in Eddys Haus, weil seine Tochter Romy dort wohnt, eine eurasische Schönheit, die sich von ihm losgesagt hat, und mit der er sich, vor seiner endgültigen Rückkehr in die Staaten, versöhnen will.

Eddy, euphorisiert von seinem gerade getätigten Trickbetrug, kann der Gelegenheit nicht widerstehen, den deplatziert wirkenden Millionär dumm von der Seite anzuquatschen, um sich „für eine Weile in Königs Leben zu winden - so lange bis er einen Weg gefunden hätte, einige Monatsgehälter abzugreifen.” Aber mit König läuft das nicht, er prügelt Eddy, der wehrt sich, Hotte fällt unglücklich und ist tot.

Nun folgen knapp fünfzig Seiten, denen Kritiker Screwball-Comedy-Qualitäten attestiert haben: Die Leiche muß entsorgt werden, im Hof aber warten zwei bullige Leibwächter (die Eddy dabei beobachten kann, wie sie mit den Augen rollen, obwohl sie verspiegelte Sonnenbrillen tragen - symptomatisch für viele schlampige Details im Buch), Arkadi und diverse Möbelfirmen kommen ins Spiel, bis Königs Überreste schließlich in einem Wald in Flammen aufgehen. Von diesem mißglückten Abschnitt erholt sich das Buch nicht mehr. Schon einmal, im letzten Kayankaya-Krimi „Kismet” hat Arjouni versucht, Action zu schreiben - und die Passage im Hörbuch dann einsichtig weggelassen. In „Der heilige Eddy” soll das alles überdreht und verzweifelt zugleich rüberkommen - es ist aber nur öde, ohne innere Beteiligung runtergeschrieben, ein abgestandenes Dauergewitzel, das einen einzigen Effekt hat: Eddy nervt - da hat das Buch noch 145 Seiten.

Vielleicht wollte Arjouni das so. Am Schluß des Romans schildert nämlich Eddy sehr ausführlich, einen seiner Tricks, worauf sein etwas beschränkter Zuhörer antwortet: „Warum geh ich nich einfach mit ‘m Messer und sag: Kohle her?” „Eddy antwortete nicht. […] Ein Meister seines Fachs war abgetreten.” Ist das also die Erklärung für ein schlechtes Buch? Dass nämlich Arjounis Alter ego, das ihn all die Jahre begleitet hat- Kayankaya, Hoffmann u. a. - als literarische Figur nicht mehr funktioniert? Wahrscheinlich: Die 1980er Jahre, die diesen Helden hervorbrachten, sind endgültig vorbei, wo früher beredter Zynismus war, ist nur Geschwätzigkeit geblieben. Darin erinnert Eddy an Dashiell Hammetts „Der dünne Mann”, das auch viele eingefleischte „Dash”-Fans unlesbar finden. Und insofern kann man den „Heiligen Eddy” der Arjouni-Gemeinde dann doch guten Gewissens zum Kauf empfehlen - nur eben nicht zum Amüsement. Sondern zur Selbstprüfung.

„Der heilige Eddy”

Roman, Diogenes, Hardcover Leinen, 256 Seiten
Erscheint im Feb. 2009
€ (D) 18.90 / sFr 33.90* / €(A)19.50

erschienen in “junge welt”

Jakob Arjouni: „Idioten. Fünf Märchen”

Über Jakob Arjouni — admin on Februar 13, 2008 at 12:26

Seit meiner Magisterarbeit (”Jakob Arjouni. Eine Monographie”, Marburg, 2000) habe ich mich kontinuierlich weiter mit dem Werk Arjounis beschäftigt. Hier eine Zusammenstellung meiner Rezensionen.

„Ich bin eine echte Fee, und Sie haben wirklich einen Wunsch frei. Folgende Bereiche sind allerdings ausgeschlossen: Unsterblichkeit, Gesundheit, Geld, Liebe.” Fünfmal sagt die Fee ihr Sprüchlein auf in Jakob Arjounis wunderbaren Geschichten (Diogenes, 2003), und fünfmal gehen die Wünsche der Protagonisten in Erfüllung. Auf die Fee ist Verlass, unsere Wünsche sind das Problem. Da ist etwa die unerträgliche Alt-68er-Mutter, die sich wünscht, „daß mein Sohn endlich erkennt, was ich für ihn bin.” Die Fee seufzt erleichtert. „Und ihr Wunsch ist erfüllt.” Was bedeutet: Der erfolgreiche Sohn, für den seine impertinente Mutter ohnehin schon gestorben ist, wird nun wirklich alles dafür tun, daß sie nie wieder aufersteht. Unsere Wünsche sind das Problem, auch die an den Autor Arjouni. Es gibt ja keinen anderen etablierten deutschsprachigen Erzähler, dessen Bücher man so uneingeschränkt empfehlen kann, der einen so garantiert, entspannt und intelligent unterhält. Arjouni-Lesen, das ist wie Bierbestellen in einer abgeschmackten Bar, deren bunte Cocktail-Karte einen langweilt, deren smartes Publikum und Personal einen anwidern. Mit einem Bier macht man nichts falsch. Es schmeckt immer nach Bier.

Erschienen in KulturNews 2003

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