Jakob Arjouni: „Hausaufgaben“

Über Jakob Arjouni — admin on Februar 13, 2008 at 11:57

Für Joachim Linde, Mitvierziger und Deutschlehrer an einem Kleinstadtgymnasium, kommt es in Jakob Arjounis neuem Roman knüppeldick. Seine Karriere, die Beziehung zu seiner Frau und zu seinen Kindern, seine ganze gesellschaftliche Existenz – in allen Bereichen bahnt sich innerhalb weniger Stunden die jeweils katastrophalste Wendung an. Indiskretionen lassen sich nicht mehr vermeiden, Schuldige müssen gefunden werden, will Linde dem Untergang noch entkommen.
Hausaufgaben (Diogenes, 2004) ist eine fiese kleine Geschichte über Schuld und Sühne, von Arjouni gewohnt souverän und konventionell in Szene gesetzt. Gnadenlos einfühlsam möchte man es nennen, wie der Autor sein überaus modernes Pädagogenmonstermonster dem Leser so nahe zu bringen versteht, daß der sich bald weniger Gedanken über Linde als über sich selbst macht. Wer keine Angst vor solchen Hausaufgaben hat, wird mit wunderbaren Gemeinheiten belohnt.

 

Erschienen in KulturNews  2004

Zwei Seelchen des Verrats: Jakob Arjounis “Chez Max”

Über Jakob Arjouni — admin on Februar 13, 2008 at 11:33

 

Was wohl aus dem römischen Reich geworden wäre, wenn es keine Barbareninvasionen gegeben hätte, fragt meine ziemlich unbrauchbare dtv-Geschichte der Spätantike, und tja , kann man da nur sagen, vielleicht wären die Römer ja irgendwann mit den Chinesen aneinandergeraten.

In Jakob Arjounis (geboren 1964 in Frankfurt/Main) Roman “Chez Max” (Diogenes, 2006) aus dem Jahr 2064 hat sich tatsächlich eine europäisch-chinesische Föderation herausgebildet und mit einer großen Mauer gegen den südlichen, sich selbst überlassenen und vollständig entwaffneten Rest der Welt abgeschottet. Die durch ihre Kriege gegen den Islamfaschismus erschöpfte und zum Agrarstaat runtergestufte USA hat man kurzerhand übernommen. Dass diesseits des Schutzwalls alles seinen zivilisatorischen (und vor allem: rauchfreien) Gang geht, dafür sorgt dieAshcroft-Truppe , eine nach dem US-Justizminister John Ashcroft benannte Geheimpolizei, die sich dessen nach dem elften September 2001 ausgegebene Parole auf die Fahnen geschrieben hat: „Let’s crush the motherfuckers before they crush us.“ Verbrecher als solche zu überführen, noch ehe sie dazu kommen, ihre Verbrechen auch wirklich zu begehen, das ist die Aufgabe der Ashcrofts, und insofern hätte sie Arjouni gerechterweise nach Philip K. Dick benennen müssen, denn der hat’s erfunden.

Einer der Freizeitagenten, der in Paris lebende deutsche Restaurantbetreiber Max Schwarzwald, ist, wie die Landsleute so sind, besonders eifrig im aufspüren und denunzieren. Während er weinerlich-mörderisch seine Pflicht tut, findet er Zeit, den Leser über die politischen Verhältnisse der zukünftigen Gegenwart ins Bild zu setzen; und da es da eine Menge zu erzählen gibt, ist „Chez Max“ ein streckenweise etwas schwerfälliges Buch geworden – gemessen freilich an der Eleganz und clarté, die Arjounis Werk bisher ausgezeichnet hat.

An dieser Stelle fügen Sie bitte eine Überleitung zu Jörg-Uwe Albigs (geboren 1960 in Bremen) Roman „Land voller Liebe“ (Tropen, 2006) ein. Sein Held heißt Roger Beeskow und ist ein im Jahr der Handlung 1989 neunundzwanzig Jahre alter Unternehmensberater. Wenn das etwas bedeutet – was es unbedingt sollte –, dann ist Beeskow Albig, beziehungsweise ein Albig des Paralleluniversums, in dem das Buch spielt. Während Beeskow nämlich seiner Ende der achtziger Jahre topaktuellen Kuschel-Consultingarbeit („Wer führen will, muß fühlen“) auf einer Karibikinsel nachgeht, bricht daheim nicht etwa die DDR, sondern die BRD in sich zusammen. Beeskow, der Funktionär der markttotalitären Bundesrepublik, der einfühlsame Spitzel der Massenentlassungen, bekommt das wie durch eine Milchglasscheibe gefiltert über Telefon, Fernsehen und International Herald Tribune mit.

Wie Albig den Abstieg seines Protagonisten in der schwülen Tropenatmosphäre verknüpft mit westdeutsch-winterlichen Montagsdemonstrationen, einem furiosen Kohl-als-Honecker-Porträt, einer erkaltenden Liebesgeschichte und bemerkenswerten Rückblenden auf seinen letzten Beraterjob zu hause – das ist hochelegant gemacht und entwickelt einen beträchtlichen Sog. Den allerdings mindert ein wenig eine Sprache, die sich von Dr. med. Gottfried Benn allzuviele Paraphrasen und gesuchte Kontraste hat verschreiben lassen, in meinen bescheiden Worten: Eine Sprache, die sozusagen so für sich hin geht und deswegen nicht den geraden Weg einschlägt, den ich bei Arjouni so schätze.

Mit Max Schwarzwald geht Arjouni ein geringes Risiko ein: Der Mann ist ein Arsch, und wenn uns etwas ärgert, dann die begründete Aussicht, er könne alles zu einem für ihn guten Ende bringen. Schwarzwald ist die Hälfte einer These (er hat einen ihn konterkarierenden chinesischen Partner), Beeskow ist eine komplexe Figur, ist ein Problem, zumindest solange, bis ein verwahrloster Junge sich ihm zur Prostitution anbietet. Beeskow schlägt ihm ins Gesicht, diese Grenze läßt der Autor seinen Helden nicht überschreiten - es ist seine eigene; und diese Behauptung führt zu der Frage, was es denn nun eigentlich bedeutet, wenn zwei herausragende westdeutsche Autoren der gleichen Generation zwei doch gewiß nicht schlicht unterhaltend-evasive, sondern gegenwartsrelevante, utopische Romane verfassen, deren Protagonisten Seelchen des Verrats an der Menschheit sind.

So nett gefragt, will ich mich einer Antwort nicht verweigern. Das eigentlich Politische der Romane von Jakob Arjouni und Jörg-Uwe Albig ist nicht das jeweilige Setting, sondern die Vermutung, dass selbst in einer historischen Phantasie der einzig noch mögliche, für einen normalbürgerlichen Gegenwartsautor noch vor- und darstellbare Platz auch (und vielleicht gerade) für nicht vertierte Helden derjenige des Verräters ist. Rom ist nicht durch Barbarenstürme untergegangen, sondern durch Verrat als Überlebensform. Der Ehrliche ist nicht der Dumme, er ist in jedem realistischen Plot – wie dann auch bei „Chez Max“ - der am Ende Tote. „Einmal erwähnte ich kurz unseren uralten Menschheitstraum, den Traum vom Markt, der offenkundig zu schön war für diese Welt“, sagt Beeskow und „‚Unser Experiment ist gescheitert‘, krächzte ich irre.“

Warten wir ab, was die Chinesen so drauf haben.

 

Erschienen in junge welt 2006

 


 

 

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