“Niemals Einfamilienhäuser”: Unbekannte Gedichte und Briefe aus dem Nachlaß des Schweizer Schriftstellers Friedrich Glauser

Allgemein, Über Jörg Fauser — admin on März 9, 2009 at 13:06

Zum 1. Januar 2009 ist die Schutzpflicht der Werke Friedrich Glausers verfallen. Siebzig Jahre nach seinem Tod am 8. Dezember 1938 stehen seine Romane damit frei zugänglich bei gutenberg.de; und im Schweizer Nimbus-Verlag sind zwei schön gemachte Bände mit bisher unbekannten Briefen und Gedichten aus dem Nachlaß erschienen, die Werk und Biographie des Schriftstellers ergänzen, der von sich selbst am Schluß einer Lebensbeschreibung sagte: »Ce n’est pas très beau.«

Die Titel der Bücher – um die einzige Kritik an dem Unternehmen vorweg zu stellen – sind nicht sehr glücklich gewählt: »Man kann sehr schön mit Dir schweigen« (Briefe) ist eine männliche Phrase, »Pfützen schreien so laut ihr Licht« (Gedichte) eine expressionistische. Es gibt Stärkeres, Glauser-Typischeres in den Bänden: »Wir werden nie in Mikrophone spucken / Und niemals tagen in Vereinten Kommissionen, / Wir werden nie in Einfamilienhäusern wohnen / Und nie vom Schreibtisch genialisch in die Linse gucken«, heißt es im Gedicht »Wir« aus dem Jahr 1933, und weiter: »Uns wird es eben schlecht, hörn wir von großen Worten.«

Hier spricht der Glauser, der den Expressionismus der frühen Jahre überwunden hat und auf die kurze, immer wieder von Zwangseinweisungen und Entziehungskuren (Opium, Morphium, Äther, Chloroform) unterbrochene Erfolgsspur mit den Wachtmeister-Studer-Romanen einbiegt, die dann mit seinem bizzaren Tod bei Genua ein Ende findet – da ist er gerade 42 Jahre alt. Auf einem Foto der Zeit sieht er zwanzig Jahre älter aus, wie ein greises Kind und mit einer großen Sehnsucht im Ausdruck: Der nach ewigem und endgültigem Frieden.

»Es gehört zu Glausers charakteristischen Selbstmißverständnissen«, schreibt Herausgeber Bernhard Echte im Nachwort zu den Briefen, »zu glauben, er müsse endlich einmal Ruhe und Stabilität schaffen, damit er schreiben könne.« Das ist ein anderer Ton als bei der ersten großen Glauserneubewertung in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals war Glauser vor allem eines: Opfer – mal des tyrannischen Vaters, mal des verständnislosen Vormunds, der gleichgültigen Umgebung und des Literaturbetriebs, der Schweiz oder eben gleich der Gesellschaft an sich. Und das stimmt nicht. Denn Glauser war – wie Hans Fallada, dem er so ähnlich ist – eben auch ein geniales, verlogenes, drogenfressendes, frauenkonsumierendes Früchtchen, der viele und echte Freunde fand und diese Zuneigung aus innerem Zwang und künstlerischem Ausdrucksnot immer wieder auf harte Proben stellte. Das machen die Briefe an seine Jugendliebe Elisabeth von Ruckteschell (1886–1963) und den ihn fördernden Bohemekreis in Ascona sehr deutlich. Nochmal Bernhard Echte: »Als heutiger Leser von Glausers Briefen weiß man, daß in ihnen Bekenntnis und Berechnung, tief empfundene Gefühlsechtheit und abgebrühte Manipulation eine unentwirrbare Verbindung eingehn können.«

Fliehen, abhauen, verduften – »Entzug« wenn man will: Das ist die Kontinuität in Glausers Leben. »Erlösung«, schreibt er an Ruckteschell – die er »Kleines« nennt – am 15. Oktober 1920, »Gibt’s das? Ich glaube nicht. Vielleicht in den Giften.« Elf Jahre später träumt er genau wie Fallada – der seinen Traum allerdings wahrmachte – davon, ein »kleines Stück Land zu haben, es zu bebauen u. die Gesellschaft mir den Buckel herunterrutschen zu lassen.« Glauser fand seine kurzfristige Idylle bei einer Gärtnerlehre. Für die Menschen, die er dort traf, fürs Volk, wollte er forthin schreiben. Es gelang ihm mit großem Erfolg. Aber das machte seine Existenz nicht glücklicher.

Wer mehr von Glauser wissen will als in seinen Romanen – darunter der grandios entrückte Fremdenlegionsroman »Gouarama« – zu lesen ist, wird sich diese Briefe besorgen; bei den Gedichten hingegen ist das nicht so einfach. Denn wie später Jörg Fauser – der zweite große Zwilling Glausers in der deutschsprachigen Literatur – den Expressionismus des Frühwerks überwinden mußte, um zu einem bedeutenden realistischen Erzähler zu werden, so können auch Glausers Jugendgedichte kaum überzeugen. Die Schwächen seien unschwer ersichtlich, schreibt denn auch Echte und rechtfertigt die Herausgabe als Möglichkeit, den jungen Friedrich Glauser näher kennenzulernen, bei dem die literarische Erfahrung der existentiellen offensichtlich vorausgelaufen sei. Eben deswegen mußte er ja immer ins Dunkle, ins Extreme der Suchterfahrung hinabsteigen: Hier war noch freies, unbestelltes Feld. Auch da wird man wieder an Fausers Weg erinnert.

 erschienen in “junge welt”

 

Friedrich Glauser: Pfützen schreien so laut ihr Licht. Gesammelte Gedichte. Nimbus Verlag, Zürich 2008, 128 Seiten, 22,80 Euro
ders.: Man kann sehr schön mit Dir schweigen. Briefe an Elisabeth von Ruckteschell und die Asconeser Freunde. Nimbus Verlag, Zürich 2008, 202 Seiten, 22,80 Euro

Franz Doblers Roman “Aufräumen”

Allgemein, Bavarica, Über Jörg Fauser — admin on April 10, 2008 at 09:21

http://www.jungewelt.de/2008/04-10/014.php

Franz Dobler liest heute abend im Eiszeit-Kino, Berlin-Kreuzberg, 20:30 Uhr

FAUSERS BLOCK

Allgemein, Über Jörg Fauser — admin on April 7, 2008 at 20:44

Ein wiederaufgelegter Pulp-Roman war Inspiration für Jörg Fausers „Der Schneemann“

Ein Mann sitzt allein in einem Hotelzimmer in Atlantic City, USA. Vor ihm stehen zwei teure Koffer, die er am Bahnhof hat mitgehen lassen. Die Anzüge passen ihm leider nicht, die Schuhe dagegen schon. Und dann ist da noch diese Kassette, die er mit einer winzigen Feile geöffnet hat: „Ich starrte das Pulver an. Es starrte zurück.“ Von nun an ist Joe Marlin im Besitz von knapp einem Kilo reinem Heroin. Wir befinden uns auf Seite 29 des 1961 erschienenen Pulp-Klassikers „Mona“ von Lawrence Block, als „Abzocker“ gerade wieder frisch aufgelegt in der Reihe „Hard Case“ bei Rotbuch Krimi.
Knapp zwanzig Jahre später, im Januar 1980, sitzt ein Schriftstelller in einem Hotelzimmer in Valetta, Malta. Er will einen Roman schreiben über einen Mann, der etwas findet, worauf ein anderer nicht so einfach verzichten wird. Und in der Version, die er gerade zum zehnten Mal durchliest, ist es eine Brieftasche, die ein Italiener im Zug hat liegen lassen. Der Protagonist dieses Entwurfs, Robert, steckt das Geld ein und läßt die Brieftasche in der Toilette verschwinden. So weit. Und jetzt? Was ergibt sich daraus? Wenig, findet der Mann auf Malta, eigentlich gar nichts. Dabei ist er doch auf Empfehlung seines Verlegers auf diese anglo-katholische Insel gefahren, um hier endlich durchzustarten mit dem Roman. Er schenkt sich den ersten Schluck des Tages ein und blättert in dem amerikanischen Taschenbuch, das er vorhin am Zeitungsstand eingesteckt hat: „Mona“ von Lawrence Block.
Die ersten Seiten überfliegt er, Joe Marlin, ein Abzocker reicher Frauen. Zu viel Sex, das ist nicht sein Ding. Aber handeln könnte sein Held eventuell damit, mit Sex, mit Porno… „Hackensack“ liest er - das ist ein guter Name. So könnte jemand heißen in seinem Roman, vielleicht ein Amerikaner? Und eigentlich geht es diesem Joe ja wie seinem Robert, immer irgendwie auf der Flucht, eine Ein-Mann-Firma im Schmuddelbusiness, der langsam die Felle wegschwimmen. Und was macht er jetzt, klaut einfach die Koffer an der Gepäckaufbewahrung! Nicht schlecht, ginge aber heute nicht mehr. Er müßte den Gepäckschein haben… Heroin, verdammt. Damit kennt sich der Schriftsteller im Hotelzimmer aus. Monate in Istanbul auf der Dachterasse verdämmert, dann Berlin, Göttingen, Frankfurt. Er hat es sich gegeben und den anderen, aber den wirklich großen Deal hat er nie gemacht. Wann hat er das letztemal gedrückt? Vor sechs Jahren, Frankfurter Bude, nach der Schicht am Flughafen? Könnte sein Robert nicht auch ein Wunderpulver finden? Etwas angesagteres allerdings, für schnellere Zeiten. Kokain, Koks, Schnee - wie schrieb dieser Block: „Ich musste das Zeug behalten. Vielleicht war es mein Ass, die einzige Trumpfkarte, die mein Leben retten konnte.“ Da gibt es doch ein wenig mehr dazu zu sagen als diesen amerikanisch abgebrühten Spruch, denkt unser Mann, da muß eine Portion mitteleuropäischer Wahnsinn hinein, Expressionismus, Roth, Benn, Fallada! Er spannt ein frisches Blatt in die Maschine und hämmert: „Alles was du brauchst ist endlich eine Chance, eine einzige wirkliche Chance, den dicken Fisch, den großen Heuler, und dann Schluß mit der billigen Tour, einmal die Knete richtig rollen, Herrgott, die großen Lappen ans Land ziehen, den Kopf aus der Scheiße heben, die echte heiße Sonne sehen, Madonna mia, und wenn die Rechnung kommt, dann bitte mit allen Stempeln und dem großen Bäng.“
Der das so sagt, soll Siegfried Blum heißen. Und er soll „Der Schneemann“ (1981) sein. Und das Ding soll Jörg ‘Joe’ Fausers Durchbruch werden. Und das wird es dann ja auch, nach vielen Mühen, der beste deutsche Krimi nicht nur des vergangenen Jahrhunderts, ein epochemachendes Buch der deutschen Literatur nach 1945.

Lawrence Blocks Erstling „Mona“- ein Name, den Fauser im „Schneemann“ einer eurasischen Prostituierten von „animalischer Schönheit“ geben wird – erschien mit dem hübschen Titel „Die Mörderlady“ 1970 auf Deutsch bei Heyne. Daß Block zu Fausers Kanon gehörte, bestätigt sein enger Freund, der Herausgeber renomierter Krimireihen bei Ullstein und Dumont, der „deutsche Krimi-Papst“ Martin Compart. Ob Fauser „Mona“ in der nun überarbeitet wiederaufgelegten Übersetzung oder im Original, ob er ihn tatsächlich auf Malta oder in seiner Schwabinger Klause gelesen hat: Daß er sich die Grundidee des Plots aneignete und den ersten Entwurf für den „Schneemann“ beiseite legte, läßt sich nicht bestreiten. Der Robert, der die Brieftasche des Italieners findet, begegnet einem erst wieder in der Erzählung „Das Tor zum Leben“ aus der Storysammlung „Mann und Maus“ (1982).
Blocks Mona ist ein durchtriebenes Geschöpf. Sie ist die junge Frau des alten Mannes, dessen Heroin Joe Marlin gestohlen hat. Was liegt näher als daß Joe und Mona eine heiße Affäre beginnen und beschließen den ehrenwerten Ehemann loszuwerden? Und warum sollte ein Wesen wie Mona sich auf Dauer mit einem Gigolo wie Joe zufriedengeben? Aber Lawrence Block (geb. 1938) wäre kein Meister und Vielschreiber in der Nachfolge eines John D. MacDonald, wenn er nicht noch eine finale Überraschung parat hätte.-
Fauser übernimmt neben der Grundidee noch weitere Details. Auch Blum, erfährt man aus einem Dossier seines zwielichtigen Gegenspielers Mr Hackensack, hat sich schon von reichen, unerfüllten Frauen durchfüttern lassen. Seine Femme fatale heißt Cora und ist eine spätalternativ verlotterte Mona-Version. Beide Frauen haben neben ihrem Heißhunger auf Drogen und Kohle schon was übrig für ihre Siegfrieds und Joes, sie sind in ihren eigenen Worten „schlecht, aber nicht verkommen“. Man darf sie eben nur nie vor die Wahl stellen.
Und wenn Blum mal wieder in einem schäbigen Hotelzimmer auf einen Abnehmer für den Stoff wartet, dann geht er wie Marlin in die Lobby und holt sich ein paar Taschenbücher zum Zeit tot schlagen. „Erinnerungen sind ja Scheiße, aber Geschichten halten das Leben zusammen. Manchmal, wenn du den großen Horror hast, ist eine gute Geschichte das einzige, was noch hilft“, erklärt Blum einmal Cora.
Lawrence Block sei Dank, daß Fauser seinen Horror vor dem leeren, weißen Papier dann doch noch überwunden hat.

Lawrence Block: „Abzocker“, Reihe „Hard Case Crime“ bei Rotbuch Krimi, Berlin 2008
Jörg Fauser: „Der Schneemann“, zuletzt erschienen in der Werkausgabe des Alexander-Verlags, Berlin 2004

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