Blicke: Abschied von Mutti

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on Dezember 1, 2012 at 01:12

Liest noch jemand den Dichter Johannes Bobrowski? Ich eigentlich auch nicht, weil wenn, lese ich gleich Horaz. Bobrowski hat aber etwas geleistet im Leben: Er hat Abschied genommen. Von den „verlorenen Ostgebieten”: Schlesien, Pommern, Ostpreußen; aber auch vom Baltikum, von Polen, von der Ukraine und von Russland.

Also von jenem Raum, in dem die slawisch-jüdisch-deutsche Mischkultur ein paar hundert Jahre lang nicht nur Mord und Totschlag hervorgebracht hat, sondern auch, um nur das mir liebste Beispiel zu nennen, das Werk von Joseph Roth.

Nach Vernichtungskrieg, Holocaust, Roter Armee, Flucht und Umsiedlung war damit Schluss. Indem Bobrowski stellvertretend, als ein Dichter eben, Abschied nahm - was ihm in der DDR wie in der BRD übel genommen wurde, aus ganz unterschiedlichen Gründen natürlich -, setzte er den Keim des Neuen. Und wie komme ich jetzt zu den Muttis?

Als ich klein war, galten Kinder, die nach der Schule in den Hort mussten, als arme Schweine. Ich hatte keinen Kontakt zu ihnen, aber man hörte doch Merkwürdiges - Eltern, die nicht zusammenlebten, Mütter, die an coop-Kassen saßen, traurige Geschichten von vorgekochtem Mittagessen, das die armen Schweine dann ganz allein verzehren mussten. Sie hatten coole Schlüsselbänder um den Hals, aber oft kein Schulbrot dabei.

Wenn ich nach Hause kam, war alles bereit. Am größten waren die Sommer, wenn meine Mutter auf einem wackligen Gasherd im Kleingarten gekocht hatte. Nach dem Mittagessen machte ich mit meiner Mutter - meiner Mutti, ja - Hausaufgaben. Mein Mutti war immer da.

Es gab keine Diskussionen darüber, schon gar nicht, wenn ich krank war. Meine Mutti hatte immer Zeit; und nur wenn ich nachts erwachte und sie auf dem Weg zur Toilette auf ihrem Bett liegen und dicke Bücher lesen sah, dachte ich: Sieh an - was ist denn jetzt?

Aber das blieb nicht lange haften. Eine heute alltägliche Erziehungsberechtigtenauseinandersetzung à la „Wer betreut das Kind, wenn …?” wäre mir absurd erschienen, sie hätte mir Angst gemacht und ich hätte sie gehasst (meine Mutti war nie krank).

Mein Vater hätte sich auch gar nicht um mich kümmern können, weil er noch nicht mal sich selbst ein Brot schmieren konnte (später verstand ich: er kann anderes, auch für mich). Mutti ist heute tot. Nicht meine - zum Glück. Nur Mutti an sich. Man muss ihr nicht nachweinen.

Aber manchmal, wenn das Ich-ich-ich-Gezeter der Elternwelt im privaten wie im politischen Raum überhand nimmt, wenn ich die mal verzweifelt, mal aggressiv wegorganisierten Kinder (auch meine) so anschaue; wenn ich die Meinung höre, das Konzept Mutti habe viele „kreative Lebensentwürfe” verhindert (was stimmt) und mit dem Werfen des Konzepts Mutti auf den Ideologiemüllhaufen der Geschichte würde nun automatisch alles besser (was ganz bestimmt nicht stimmt, jedenfalls nicht für die Kinder), dann denke ich schon, dass ich froh bin, dass ich eine Mutti gehabt habe: Es war wunderschön, es war nicht fair, aber so war es - und es ist vorbei.

Blicke: Der Deutschlandachtundachtziger

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on August 17, 2012 at 18:10

Mit 23 Jahren darf man ein Auto fahren - und also potenziell eine Menge Leben vernichten. Man hat das passive und aktive Wahlrecht und ist voll geschäftsfähig. Man darf heiraten, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen. Man ist, kurz gesagt, erwachsen. Im Fall der Ruderin Nadja Drygalla gilt das alles nichts. Jede Menge selbsternannte Papis und Mamis fanden sich bereit, aus einer völlig klaren Angelegenheit „eine schwierige Geschichte” (Spiegel - aber weiß der Führer, nicht nur der) zu machen. Dass Drygalla eine junge, dralle, blonde Frau ist, senkte die patschige Paternalismusschwelle noch einmal beträchtlich: Der greift man doch gern unter die Arme gegen eine angeblich hysterische, weil antifaschistische Öffentlichkeit.

Also hier zum Mitschreiben: Wer in seinem Umfeld einen Nazi hat, setzt ihm eine Frist zur Läuterung. Wenn er Diskussionsbedarf anmeldet - etwa über technische Details der Gaskammern in Auschwitz -, schickt man ihn in eine öffentliche Bibliothek. Wenn er die Frist verstreichen lässt, ist er, was den persönlichen Kontakt angeht, auf Deutsch gesagt weg vom Fenster. Das ist nicht nur eine Frage der Hygiene; das ist ein erprobtes Mittel, um dem Nazi zu signalisieren, dass Nazismus nicht dorf- und schon gar nicht salonfähig ist. Erwachsen ist, wer Entscheidungen trifft.

Wenn also demnächst Ihr Freund seine Eisenstange im Flur abstellt, fragen Sie ihn nicht, wie der Protest gegen die Gedenkveranstaltung für die NSU-Opfer gelaufen ist; Sie antworten auch nicht auf die Frage, wie es beim Rudern so war; sondern Sie weisen ihm die Tür beziehungsweise gehen selbst hinaus.

Frau Drygalla sieht das nicht so. Die Distanzierungen ihres Nazilovers Michael Fischer vom braunen Müll sind zwar hanebüchen, sie aber hält „ungeachtet der öffentlichen Kritik” (dapd) zu ihrem Freund. „Es ist meine Entscheidung, zu ihm zu stehen. Trotz allem, was passiert ist”, wird sie im aktuellen Stern zitiert. Das wird man ein ideologisch verfestigtes Weltbild nennen müssen. Mit ihrem Kampf für arische Privacy hat Frau Drygalla beste Chancen, zur NPD-Ikone zu werden.

Dass der Vorstand des Ruderclubs, in dem Drygalla und Fischer durchdrehten, schon seit Sommer 2010 Bescheid wusste, spricht dafür, in Mecklenburg-Vorpommern lieber für 1 bis 1.000 Jahre das Rudern zu verbieten als die NPD. Die nämlich ist nur so stark, wie man sie sein lässt: was gerade 2.000 Menschen in Pasewalk mit ihrem Protest gegen das Nazitreffen rund um einen Schweinestall im Ortsteil Viereck bewiesen haben. Gemeinsam zeigten sie den Nazis, was eine Sackgasse ist.

Das Problem sind nicht die Braunen; die gibt es schon lange, und es wird sie noch eine Zeit lang geben. Das Problem sind die Leute im Vereinsvorstand des „Olympischen Ruderclubs Rostock”, die von Fischer frank und frei gesteckt bekamen, dass er ein Herrenmensch war und das auch zu bleiben gedachte, und die ihm dann „noch eine Chance geben” wollten (Spiegel). Eine Chance gibt man jemandem, der etwas ändern will. Fischer wollte nichts ändern und trat aus dem Verein aus. Bei Frau Drygalla muss er nicht austreten.

Kolumne Blicke: Hoffnung für die Barbaren

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on Juni 21, 2012 at 21:00

Essen muss jeder, zum Essen einladen muss man niemanden. Schon gar nicht nach Hause: Man kann in ein Restaurant gehen. Billiger ist zu Hause. Ob es auch schöner ist - kommt drauf an.

Ein Reihenhaus an der Peripherie einer arbeitsamen Kleinstadt. Die Wohnung nett, gar nicht Boheme. Die Gastgeber eher leicht in Opposition zur ihrer Heimat. Der Tisch war gedeckt, nicht festlich, aber auch nicht geschmacklos - keine achteckigen Teller und so. Man bekam Wasser, nach der Anreise hatte man ja Durst. Die Gastgeberin servierte dem heimischen Kind vorab Nudeln mit Butter. Der Hausherr rührte die Soße. Es war seine zweite an diesem Tag, denn neben der ersten war ihm eine Weinflasche geplatzt. Er hatte die erste Soße weggeschmissen, weil er nicht völlig hatte ausschließen können, dass sie Scherben enthalten hätte.

Der Hausherr entnahm dem Kühlschrank - immer munter plaudernd - eine Flasche Schaumwein. Eine schöne Flasche. Er ging zum Schrank und nahm die entsprechenden Gläser heraus. Sie waren nicht aus Kristall und hatte keine lustigen Aufdrucke. Er schenkte ein. Die Gläser lagen gut in der Hand. Der Hausherr erzählte nicht, wo der Schaumwein herkam noch wo er ihn erworben noch was er gekostet. Als alle ein volles Glas hatten, stießen wir an und tranken.

Das Getränk war kühl und schmeckte hervorragend. Der Hausherr stand auf, entnahm dem Ofen frische, mit Gemüse belegte Teigfladen, stellte sie auf einem großen Brett auf den Tisch und zerteilte sie handgerecht. Wir griffen zu, aßen und tranken und redeten. Der Hausherr schenkte nach, stand auf und holte eine zweite Flasche. Die tranken wir halb aus. Das Kind hatte fertig gegessen und ging spielen, später sangen wir noch Lieder zusammen. Die Hausherrin zündet sich eine Zigarette an, die Fenster standen offen, draußen fiel warmer Regen. Ich tat es es ihr gleich, nachdem ich meine Finger an der bereitliegenden Serviette gesäubert hatte. Einer einfachen weißen Papierserviette, die neben dem Teller lag.

Der Hausherr räumte die Schaumweingläser ab, die Hausherrin servierte die Nudeln mit der Soße. Der Hausherr kam mit einer Flasche Weißwein und neuen Gläsern. Er sagte, es sei warm, und ob deswegen alle mit Weißwein einverstanden seien. Das war der Fall. Zu und nach den Nudeln gab es mehr vom gleichen Wein, man musste nicht fragen. Wasser gab es eh.

Dann stand der Hausherr auf und brachte eine ganze Salami, rohen Schinken, vier verschiedene Käse und Brot. Und es gab frische Servietten. Danach aßen wir Erdbeeren, die irgendwie verfeinert waren, ich erinnere mich nicht, weil ich mich auf Nachspeisen nicht verstehe. Anschließend tranken wir Kaffee, ohne das man um ihn hätte bitten müssen, dazu den Digestif der Gegend. Den konsumierten wir bis zum Aufbruch. Der Hausherr trank ein Bier. Ich war sehr glücklich, als wir uns zum Abschied alle küssten. Bemerkenswert, dass ich für solche Abende fast immer bis nach Italien fahren muss. Aber die Lombarden stammen von den Langobarden ab. Und die waren ja Deutsche. Es gibt also noch Hoffnung für die Barbaren.

taz

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