Blicke: Die Arschitekten

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on Juni 17, 2012 at 22:03

Neulich stand ich mal wieder unter der Dusche. Und dachte an jenes bezaubernde Wesen, das mir gesagt hatte, wie schön es sei, unter der Dusche zu stehen und dabei in den Himmel blicken zu können. Ja. Hatte ich gesagt. Schon.

Und gedacht hatte ich, wie viel schöner ich es fand, jenes Wesen in meiner Dusche sehen zu können. Und so.

Seit ich aus der heimischen 50er-Jahre-Wohnbox ausgezogen bin, habe ich immer ein Bad mit Fenster gehabt. Es bot nicht in jeder Wohnung einen Sternenblick, ich erinnere Brandwände und die Perspektive in das Bad einer Lesben-WG, deren Bewohnerinnen sich am offenen Fenster ganz nonchalant trockenfrottierten - eine Hauptattraktion für Freunde aus katholisch-geschlechtergetrennten Gegenden, die mich in meiner links-lutherischen, hessischen Uni-Stadt besuchten.

Aber die ernste Frage ist ja die: Warum haben - hessisch gesprochen - Arschitekte’ seit dem Krieg nie aufgehört, Badezimmer ohne Fenster zu entwerfen? Welches Zimmer einer Wohnung hätte ein Fenster nötiger? Wo wäre es schöner? Und warum ist das Badezimmerfenster ein Luxus, zumindest in all jenen Städten, deren Gründerzeitbauten längst von Zahnärzten (und Architekten) in Beschlag genommen sind? Die klassischen Antworten lauten: Architekten sind entweder dumm oder dreist oder feige. Oder alles zusammen.

Wenn ich über dieses Thema mit Architekten spreche, heißt es immer: das Geld. Der Bauherr. Ich sage dann immer, aha, Architekten sind Leute, die ein ehrliches Handwerk lernen, um es zu verraten. Von dem Geld, das ihnen der Verrat einbringt, nehmen sie sich dann eine Altbauwohnung mit Badezimmerfenster.

Architekten sind coole Leute. Die hauen einem keine aufs Maul, wenn man sie als verantwortungslose Karrieristen outet. Architekten verziehen nur leicht gequält das Gesicht, wenn man ihnen ihre Mitläufermentalität mitgibt. Architekten blicken ins Leere, wenn man etwas ganz Offensichtliches feststellt: dass jemand, der ein Bad ohne Fenster entwirft, ein Zyniker ist. Und Zyniker können Türsteher werden, DJs oder Investmentbanker - aber sie sollten nicht über die Behausung des Menschengeschlechts entscheiden können.

Wenn Architekten also reine Erfüllungsgehilfen von Investoren sind, dann kann es einem angesichts der bevorstehenden massenweisen energetischen Sanierung nur angst und bange werden. Denn mit ihr bekommt ein windelweicher Berufsstand nun auch noch die moralische Rechtfertigung geliefert für jede nur denkbare Scheußlichkeit und Dummheit. Wie wäre es denn erst mal mit Mietwohnungen, in denen man nicht jedes Körpergeräusch der Nachbarn hört? Zu teuer. Wie wäre es mit hohen Decken, die auch das Herz und den Verstand erheben? Geht nicht. Und der größte aller Schrecken, das Laminat? Wollte der Bauherr drinhaben.

Und wie so oft, wenn man älter wird, denkt man sich am Schluss: die einzige Möglichkeit, in dieser Gesellschaft wenigstens anständig zu wohnen, ist: reich werden. Und sich einen Architekten halten.

taz

Blicke: Die Angepissten

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on Mai 25, 2012 at 01:20

Heute reden wir mal über Gerüche - es ist schließlich Sommer. Studieren wir zunächst die Literatur! In Franz Doblers Roman „Aufräumen” etwa hat der coole Protagonist nur zwei Paar Schuhe; edle Dinger natürlich, Vintage sozusagen. Immer, wenn er von seiner Nachtarbeit nach Hause kommt, stopft er die Schuhe mit Zeitungspapier aus. Seitdem ich das gelesen habe, tue ich das auch. Und meine Turnschuh-Söhne müssen es ebenfalls tun, gnadenlos. Da soll noch einer sagen, Kunst ändere nicht die Welt: die Kunst von Dobler jedenfalls schon. Jedenfalls meine.

Aber gibt es denn mehrere Welten? Ich glaube nicht. Ich glaube, es gibt nur verschiedene Filter, Mauern, Grenzzäune, Minengürtel, Blickwinkel. Natürlich gibt es Unterschiede. Ich zum Beispiel liebe Parfüm. Also das von Frauen. Was nicht bedeutet, dass mich jedes gleich anmacht. Es geht auch nicht ums Anmachen. Aber wenn ich zum Beispiel an einer Gruppe nachtlebenslustiger Frauen vorbeigehe, durch ihre Duftwolke hindurchgehe: dann ist es mir egal, ob die aus Chanel oder Drospa ist - es muss nur viel sein.

Bei der Herzdame ist das wieder anders. Deswegen war ich erstaunt, als ich in dem sehr schönen Buch „Mein Name ist Revolution” von Imran Ayata es wohlwollend bewertet fand, dass die von Romanheld Devrim begehrte Königin mal jenen, mal diesen Duft trägt: Ich liebe den Duft „meiner” Frau. Aber vielleicht werde ich ja noch eines Besseren oder besser: eines anderen belehrt. Es gibt so viel zu entdecken in diesem kurzen Leben!

Devrim bedeutet übrigens „Revolution”.

Ein mutiger Name.

Es war einer dieser schon in der Frühe warmen Maitage, als ich mit meinen Kindern zur Schule radelte, am Kanal entlang. Das erste Mal roch ich es von einer Parkbank, dann im Vorüberstrampeln, dann aus einem Gebüsch. Es ging jeweils von Männern aus, sie hatten lange Haare, einer sogar Rastas, von dem im Gebüsch im Schlafsack liegenden sah ich den langen Bart. Die Männer rochen nach Urin, und der roch nicht nach Spargel. Es war der Gestank von altem Urin, so als hätten sich die Männer selbst oder andere sie gründlich angepisst. In der Schule sah ich dann einen Spitzenpolitiker der Grünen, der dort wohl sein Kind anmelden wollte. Ein Politiker, der durchaus sympathisch rüberkommt.

Und da hatte ich plötzlich wieder den Gestank der Angepissten in der Nase. Und ich dachte, ob dieser Politiker hier sich wohl noch darum kümmern würde, ob die Angepissten seine Partei wählen. Ob sie überhaupt irgendwen wählen. Der Politiker war einige Monate zuvor bei uns in der Redaktion gewesen. Und ich meinte mich zu erinnern, dass er gesagt hatte, eine bestimmte Klientel wähle sowieso nicht mehr Grün, Hartz-IV-Rückreform hin oder her. Womit er bestimmt recht hatte. Damals. Aber hier und heute, wen sollen die Angepissten wählen? Oder diejenigen, denen es das wichtigste politische Ziel scheint, dass es im fast reichsten Land der Welt keine Angepissten gibt? Geben darf. Niemand mehr? Nein? Na dann. Bleib ich halt auch bei „Égoïste”.

Blicke: Eine Ausfallstraße namens Halit

Allgemein, Kolumne Blicke — admin on März 18, 2012 at 01:21

 Blicke heißt meine Kolumne, die immer oder alle zwei Wochen Donnerstags in der taz erscheint. Ein anderes Blau wäre auch ein schöner Titel gewesen, aber soweit bin ich noch nicht:“Jetzt bin ich aus den Träumen raus, die über eine / Kreuzung wehn. […] was krieg ich jetzt, / einen Tag älter, tiefer und tot? / Wer hat gesagt, dass so was Leben / ist? Ich gehe in ein / anderes Blau.” 

Am Sonntag ist Bu-Bu-Day. Denn dann versammeln sich die Mächtigen, Prächtigen und Schlechtangezogenen dieser Republik entweder in Leipzig auf der Buchmesse oder in der Berliner Bundesversammlung. Einer von diesen wird nach Teilnehmerliste der hochverehrte Hans Well (für „Bü90/GR”) sein, von der durch den demokratischen Fortschritt in Bayern implodierten Biermösl Blosn.

Allein deswegen verbieten sich literarische Fantasien, was wohl ein irrer Attentäter mit einer solchen Ballung gesellschaftlicher Eliten anstellen könnte: Seid also unbesorgt, ihr Arischen mit Ohren, Pastörs, Apfel, Müller, und stopft euch die Schnittchen der Steuerzahler rein: Mehr als auf Sand gebaute Drohbriefe wird es nicht geben.

Am Vorabend solcher Großereignisse, denen wir hier, jenseits der Kandidatenfrage, mit einem gewissen inneren Abstand begegnen, liegt es also nahe, den Blick in die entgegengesetzte Richtung zu, hm, richten: dahin, wo Glamour, Glanz und Gloria eher nicht zu Hause sind - nach Kassel.

Ich mag Kassel sehr. Einer meiner liebsten Menschen lebt dort als Phytophiler. Ich bin zudem erster Preisträger des seit 2005 vergebenen Nordhessischen Autorenpreises, der „sich sowohl an Autorinnen und Autoren als auch an Laien” richtet, „die ihren Lebensmittelpunkt in Nordhessen oder einen besonderen (etwa autobiografisch bedingten) Bezug zur Region haben”. Ich finde mich da wieder.

In diesem Jahr ist wieder documenta in Kassel, die ich auf dem Weg zum gleichzeitig ausgetragenen Hauptevent, der Caricatura, auf jeden Fall mitnehmen werde. Aber mein spezieller Freund in Kassel ist der Herkules über dem Bergpark Wilhelmshöhe. Dieser Park, das Schloss, die Gemäldegalerie, all dies ist eine europäische Attraktion ersten Ranges. Die ganze Anlage ist so erschütternd schön, dass man die barocke Anmaßung, die über allem thront, ganz gut vergessen kann. Das bescheidene Kassel macht es einem da leicht.

Als ich letzten Monat da war, konnte man den Herkules noch immer nicht besteigen - Sanierung läuft seit 2005; und da bei der letzten documenta der Hauptbahnhof eine Ruine war, wird wohl in guter Tradition diesmal der eingerüstete Held den Besuchern aus aller Welt ein echt kasselänerisches „So wichtig seid ihr uns nun auch wieder nicht” als Willkommensgruß bieten.

Wer Kassel verlassen will, kann das auf vielfältige Art tun - nicht umsonst kandidierte die Stadt einst als westdeutscher Regierungssitz, ihrer zentral-vernetzten Lage wegen. Eine der großen Ausfallstraßen ist die Halitstraße. Stimmt gar nicht - noch heißt sie Holländische Straße und ist Teil eines großen, alten Verkehrswegs Richtung Niederrhein.

Halitstraße soll sie nach dem Wunsch von Ismail Yozgat heißen. Denn in dieser Straße, in einem Internetcafé, wurde sein Sohn Halit Yozgat von Neonazis ermordet. Der Chef der CDU-Fraktion im Kassler Stadtrat, Norbert Wett, findet eine solche Umbenennung nach HNA-Zitat ein „Wahnsinnsunterfangen”. Schade, dass Norbert Wett nicht zur Bundesversammlung delegiert wurde: Er fände da Herren, mit denen er angeregt plaudern könnte.

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