Italienische Geheimnisse

Mafia und Anti-Mafia — admin on September 16, 2010 at 19:47

 In unseren lustigen Tagen, wo Diskussionen über den Kommunismus nur noch zum Distinktionsgewinn der happy few in der Berliner Volksbühne taugen - da muss man nicht täglich daran denken, dass die Bekämpfung dieser Ideologie und der von ihr ergriffenen Massen einst die Welt im Griff hatte. Von Kuba bis China, von Angola bis zum Nordkap tobte dieser Krieg, er forderte auf beiden Seiten Millionen von Opfern, und er begann nicht erst 1945 und auch nicht 1917. Schon lange vor dem Ersten Weltkrieg war klar, dass es mit der „Dienstbotenfrage” (Thomas Mann) so nicht mehr weiter gehen konnte. In Italien, wo die - von sich selbst grotesk überschätzenden Kadern selten gut beratenen - Arbeiter in der von archaisch geprägten Besitzverhältnissen geprägten Landwirtschaft nicht um höhere Löhne, sondern schlicht um Brot für ihre Kinder kämpften, wussten sich Gutsbesitzer und Regierung nur durch regelmäßige Armee- und Polizeimassaker an den Ärmsten der Armen zu helfen, wie man in der eben erschienenen „Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert” von Hans Woller eindrucksvoll nachlesen kann. So war sie, die letzte gute alte Zeit des Bürgertums, und wir alle dürfen froh sein, sie nicht erlebt zu haben.

In dieser ideologischen Plattentektonik verlief durch Italien in schöner Entsprechung zu den geologischen Gegebenheiten immer eine Hauptnahtstelle; und so passt es auch, dass nun, wo vergangene Heldentaten zu erzählen sind, einige der besten Autoren historischer Politthriller von jenseits der Alpen kommen - von Berlusconi müssen wir da noch gar nicht sprechen. Und es passt, dass der 1956 in Tarent geborene, seit 1973 in Rom ansässige Giancarlo De Cataldo, von dem hier die Rede sein soll, im Zivilberuf Richter ist. Denn so konnte er eine fakten- und aktengesättigte Kriminellengeschichte erzählen, die untrennbar mit dem Feldzug gegen den Kommunismus verbunden ist.

Wie De Cataldo das macht, ist dabei keineswegs neu. Sein Vorbild ist ganz klar James Ellroy: Superbullen, Superkriminelle, Superprostituierte; mit expressionistischer Action-Lyrik versetzter Hyperrealismus; Genauigkeit im historischen Detail mit der Freiheit der Fiktion verschnitten. Alles stimmt, aber es ist nicht unbedingt wahr - denn es geht ja um Dinge, die nicht aufgeklärt sind, die sogenannten misteri italiani, die italienischen Geheimnisse: Mord an Aldo Moro, Massaker in Bologna, die Nato- Stay-behind-Truppe Gladio, Mafia, Freimaurer. Das liest sich im Fall des Superbullen dann etwa so: “Der junge Mann wurde allmählich erwachsen, verlor die Unschuld. Er war auf dem besten Weg, ein Arschloch zu werden.”

Bei Ellroy heißen die immer wiederkehrenden Themen, an denen sich die Beteiligten die Zähne ausbeißen, Kennedy-Mord, Kuba, Mob und Politik, FBI. Und so ist der Titel auch keineswegs zu groß gewählt: “Romanzo Criminale”, 2002 im Original erschienen, ist tatsächlich ein - in Italien schon zweimal verfilmter - großer Roman über das Verbrechen in den Zeiten des Kalten Krieges geworden; und es ist das Verdienst der Übersetzerin Karin Fleischanderl, den Sog und die Wucht des knapp 600 Seiten starken Buches ohne allzu große Verluste für ein deutschsprachiges Publikum aufbereitet zu haben: der richtige Wälzer für drei Wochen Strandurlaub.

De Cataldo erzählt immer nah an den realen Begebenheiten von Gründung, Aufstieg und Verfall der “Banda della Magliana”, einer Bande römischer Vorstadt-Straßenjungs, die sich im Lauf der 1970er und 1980er Jahre zur mächtigsten kriminellen Organisation entwickelt, die Roms sieben Hügel bis dahin gesehen haben. Drei charismatische Führer, Libano, Freddo und Dandi, sind es, die durch Drogen- und Waffenhandel, Glücksspiel und Erpressung das bis dahin provinziell in einzelne Viertel aufgeteilte Verbrechen der Kapitale zentralisieren - modernisieren, wenn man so will.

Auf dieser Ebene erzählt das Buch vom ewig-öden Rock-’n'-Roll-Leben von Kriminellen zwischen Rolex und Rache, Honda und Hodenabschneiden. Man liest das süchtig, ohne immer orientiert zu sein, wer nun gerade wen warum in Salzsäure auflöst - aber das funktionierte schon bei Chandler und Hammett so.

Gegenspieler der drei Chefs mit den sprechenden Namen (ein Faschist, der gern kifft; einer, dem an billigen Vergnügungen nichts liegt; und einer, der die schönen Dinge liebt) sind der Familienmensch und Richter Bortgia (”Er hatte nächtelang gearbeitet, er hatte mit seiner Frau eine äußerst gefährliche Gratwanderung unternommen: ein Schritt zur Seite, und sie hätte ihn verlassen”) und der zunächst gerechtigkeits-, später karriereaffine, aber immer schwanzgesteuerte Polizist Nicola Scialoja: “Romanzo Criminale” ist bei allen Anleihen von jenseits des Atlantik ein durch und durch italienisches Produkt.

Die beiden Vertreter des Staates erkennen rasch, dass es sich bei der “banda” eben um eine solche handelt - einen veritablen, hierarchisch organisierten Gegner der bürgerlichen Gesellschaft; doch sie müssen feststellen, dass diese simple Entgegensetzung von Gut und Böse der Realität nicht entspricht. Denn zum einen ist der Staat, der ja aus seinen Vertretern besteht, durch und durch korrupt. Eklatantes und ganz den Fakten entsprechendes Zeichen dessen ist die Tatsache, dass die Bande ihr zentrales Waffendepot im Keller des Gesundheitsministeriums anlegen kann - der Pförtner ist ein alter Kokser; zum anderen gibt es innerhalb des Staates den Antistaat, personifiziert von “Il Vecchio”, dem Alten.

Während Verbrecher und Polizei von der Verteidigung der Ordnung oder der Errichtung einer neuen träumen, ist dieser “Il Vecchio” ein Spieler, der die Ordnung immer wieder ins Chaos zurückwerfen will, weil allein dieses Chaos ihm seine Position als Puppenspieler, der alle Fäden in der Hand hält, garantiert: “Eine anarchische Form der Kontrolle.” Scialoja ist hartnäckig genug, um den Mann ohne Namen, ohne Dienstgrad und ohne Büroanschrift kennenzulernen, und stellt “die einzige Frage, die einen Sinn machte: Wer sind Sie wirklich?”

Nun, “Il Vecchio” ist der Beweis dafür, dass es keine Kriminalität großen Stils ohne Protektion durch staatliche Stellen geben kann; er ist derjenige, der Aldo Moro opfert, weil er für den Kompromiss zwischen christdemokratischer Regierung und Kommunistischer Partei steht; er ist es, der die Schwäche der Linken vor allem darin sieht, “keine Eier” zu haben, und nur Stalin als Gegner gelten lässt: Er ist, kurz gesagt, Teil der “exklusivsten, kosmischen Elite des 20. Jahrhunderts”. Heute wäre “Il Vecchio” wohl Banker.

Mehr als zwanzig Jahre ist es in dem Roman nun her, dass seine Epoche zu Ende ging. Immer neue Details tauchen auf, aus Archiven und von Sterbebetten. Wie war das mit den Verhandlungen zwischen Staat und Mafia? Es gab sie, bestätigt ein ehemaliger Minister. Wer schoss das Passagierflugzeug über Ustica ab und warum? Staatspräsident Napolitano lässt den Fall neu aufrollen.

Und De Cataldo hat schon längst eine Fortsetzung geschrieben, in der Scialoja zum Erben des Alten geworden ist. “Nelle mani giuste” heißt das 2007 im Original erschienene Buch und handelt davon, warum Italien nach dem Zusammenbruch des antikommunistischen Konsenssystems dann doch wieder “in die richtigen Hände” kam. Das lesen wir nächsten Sommer, wenn der kleine Folio Verlag genug Mut und Geld hat, auch dieses Buch zu übersetzen. Zu wünschen wäre es unbedingt (inzwischen ist die Sache beschlossen).
Giancarlo De Cataldo: “Romanzo Criminale”. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Wien 2010, 575 Seiten, 24,90 Euro
Hans Woller: “Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert. C. H. Beck Verlag, München 2010, 480 Seiten, 39,95 Euro - zu der mehr und nicht nur Positives  zu sagen wäre.

erschienen in  taz

Die Überforderten

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia — admin on September 13, 2010 at 11:56

Merz, Clement, Sarrazin, der Berliner Provinz-Wilders Stadtkewitz, nun Frau Steinbach - und lauern im Hintergrund nicht auch noch Koch und Schill? Wie sexy soll die Neue Rechte in der Bundesrepublik eigentlich werden?

Es ist nicht nur aus ästhetischen Gründen zweifelhaft, dass wirklich eine erfolgreiche Partei am rechten Rand entstehen wird. Die wohlversorgten Damen und Herren werden sich hüten, ein Unternehmen à la “Republikaner” oder “Bund freier Bürger” (falls sich an den noch jemand erinnert) ins Leben zu rufen. Wie jede neue Bewegung auf der Linken unweigerlich Esoteriker und Altkader anzieht, müsste die neureaktionäre Gruppierung nämlich zunächst mal eine Menge gewalttätiger Psychopathen und chronischer Steuerhinterzieher integrieren beziehungsweise abschieben. Und selbst wenn es der Partei “Die Rechte” (oder wie?) gelänge, sich vom Mob und von gutbürgerlichen Geschichtsrevisionisten glaubhaft abzugrenzen - wogegen nicht nur die Causa Steinbach spricht -, so wäre sie noch lange nicht über das Niveau einer Ansammlung überforderter Vorstädter hinausgekommen. Die mögen schrullig bis unangenehm sein, sind aber perspektivisch nicht politikfähig, weil sie der neuen gesellschaftlichen Realität um sie herum ausschließlich mit Angst begegnen. Deswegen denunzieren sie widersprüchliche, pulsierende Großstadtviertel als Ghettos, sie sehen senil erstarrt ausschließlich Probleme und Gefahren, wo Jüngere Chancen und kreative Freiräume entdecken.

Zudem betreibt die Regierung Merkel vom Sparpaket bis zum Atomdeal derart konsequent Klientelpolitik, dass sich nicht erschließt, womit die Rechte beim Wähler wie bei den potenziellen Großspendern aus der Industrie eigentlich punkten will - außer mit Rassismus. Damit aber verabschiedete sie sich aus der globalisierten Welt. Und aus der Realität.

taz,  11.09.2010

“Europa ist nicht vorbereitet” Der Mafia-Ermittler Nicola Gratteri im Gespräch über träge Politiker und wendige Mafiosi

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia — admin on September 13, 2010 at 11:23

Taz  28.05.2010

INTERVIEW AMBROS WAIBEL

taz: Herr Gratteri, ist die Mafia im Wesentlichen ein süditalienisches Problem?

Nicola Gratteri: Nein, das zu glauben, ist Ignoranz. Man unterschätzt das Problem. Denn das Problem Mafia betrifft die gesamte westliche Welt. Die Mafien sind globalisiert, wie es die Konsumgewohnheiten oder Geschmäcker sind. Die Camorra, die Cosa Nostra, die Sacra Corona Unita und die ‘Ndrangheta sind wie multinationale Konzerne, die ja auch wollen, dass ihre Produkte überall gekauft werden. Sie besetzen alle Plätze, die Ökonomie und Gesellschaft ihnen einräumen.

Und das betrifft auch Europa?

Das betrifft vor allem Europa, weil Europa überhaupt nicht vorbereitet ist, mit einer geeigneten Gesetzgebung die Mafia zu attackieren.

Obwohl geschätzte 42 Milliarden Euro Jahresumsatz allein der ‘Ndrangheta ja nun keine Kleinigkeit sind.

Überhaupt nicht. Aber die Politik bewegt sich immer erst, wenn das Problem auf Seite 1 der wichtigen Zeitungen rückt.

Wie bei den Morden von Duisburg?

Immer wenn es etwas Sichtbares gibt, was die Gesellschaft beunruhigt. Aber wenn ich Geld wasche oder investiere, präsentiere ich mich als Unternehmer, ich mache nichts schmutzig und ich stinke nicht, ich mache keinen Lärm. Ich bringe frisches Geld, kaufe eine Pizzeria, ein Hotel - auch wenn das Geld aus dem Kokainhandel kommt. Aber das ist kein Problem für die Politik. Die greift nur ein, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt. Denn ihr geht es um die Zustimmung der Öffentlichkeit.

Wie ist es denn um diese Öffentlichkeit hier in Kalabrien bestellt, im Heimatland der ‘Ndrangheta, mit der sie sich als ermittelnder Staatsanwalt vor allem beschäftigen?

Es gibt hier natürlich eine große Aufmerksamkeit. Aber Kalabrien spielt in der italienischen Politik nur eine marginale Rolle. Wir sind zwei Millionen, ein Viertel von Rom oder der Metropolregion Mailand. Dementsprechend gering ist der Einfluss unserer Politiker - soweit sie nicht ohnehin für die ‘Ndrangheta arbeiten. Es gibt nicht viele ehrliche Politiker.

Und die Kalabresen selbst?

Die Kalabresen sind grundlegend desillusioniert. Es ist ein Volk, das immer nur benutzt wurde. Man hat von politischer Seite ganz bewusst uns immer in Abhängigkeit gelassen. Eine Politik auf der Basis der Zuwendungen, nicht der Freiheit. Da ist immer die Rede von großen Projekten wie der Brücke nach Sizilien, von Revolutionen in der öffentlichen Verwaltung, der Infrastruktur und so weiter. Man schafft aber keine realen Arbeitsplätze, keine Industrie, sondern sorgt für Scheinbeschäftigung, etwa in der Forstverwaltung, die dann wieder Angehörigen der Mafia als Tarnung dienen für ihre eigentlichen Geschäfte. Die sind dann als Arbeiter zur Waldpflege und Brandbekämpfung gemeldet, in Wirklichkeit verkaufen sie Kokain in Deutschland. Was diese Politik angeht, ist es eher schlechter geworden als besser.

Wie ändert man das - von oben oder von unten?

Von beiden Seiten. Auch wenn der beste italienische Manager, Sergio Marchionne von Fiat, nach Kalabrien käme, könnte er nichts machen. Die Politik braucht ein starkes Justizsystem, sie kann nur in einem sicheren Umfeld erfolgreich agieren. Auf der zivilgesellschaftlichen Seite gibt es viele Initiativen. Ideen, die oft nur so lange leben, wie das Geld fließt, das ein Politiker gibt, um sich zu profilieren - bis er wieder abgewählt wird. Das Problem ist auch, dass es so schwierig ist, mit den Entwicklungen der ‘Ndrangheta Schritt zu halten. Denn die bewegt sich so schnell wie die Gesellschaft selbst, sie ist innerhalb der Gesellschaft und da muss sie auch sein. Sie ist nicht der Antistaat. Sie kann sich nicht erlauben, draußen zu stehen.

Welche Rolle spielt die Staatsanwaltschaft?

Theoretisch wendet sie schlicht die Gesetze an. Aber wir beklagen uns, weil wir kein starkes System zur Verfügung haben. Es gibt auch bei uns Korruption, aber im Vergleich sind wir ziemlich sauber. Die meisten tun, was sie können, aber das System ist schlecht.

Dabei gibt es in Italien die strengsten Antimafiagesetze der Welt.

Stimmt, aber wir sind auch das einzige Land mit vier Mafien. Wir sind Marktführer beim Import von Kokain in Europa. Die Mafia ist in allen Wirtschaftsbereichen tätig. Es reicht einfach nicht.

Was wären denn ernst zu nehmende Maßnahmen?

Wenn in einem Prozess festgestellt wird, dass ein Unternehmer seinen Giftmüll mithilfe der Mafia illegal entsorgt und damit das Leben tausender Menschen gefährdet hat, soll man ihn zu dreißig Jahren verurteilen können. In einem isolierten Gefängnis auf einer Insel, wie wir sie in Italien leider nicht mehr haben. Danach würden die Unternehmer aus dem Norden, die ihr Gift im Süden billig entsorgen lassen, sich das dreimal überlegen. In unserer Welt bekommt er eine Geldstrafe von 2 Millionen und kauft sich deswegen eine kleinere Yacht. Man müsste ganz anders an die Dinge herangehn. Es darf sich einfach nicht mehr lohnen, Mafioso zu sein.

Das Problem ist, dass die Mafiabosse verurteilt werden, aber nicht die Unternehmer?

Auch für die Mafiabosse sind die Strafen zu gering. Dank der generösen Strafreduzierung gibt es eine Menge Möglichkeiten, hohe Strafen im Lauf der Zeit zu drücken. Wenn einer die Tat eingesteht, bekommt er von Anfang an Strafnachlass; wenn er sich gut führt, werden ihm jedes Jahr drei Monate erlassen. Dann kommt der offene Vollzug und er geht offiziell arbeiten - was er in seinem ganzen Leben nicht gemacht hat. In Wahrheit heuert er bei einem Strohmann der Mafia an.

Ändert sich was daran unter der gegenwärtigen Regierung?

Dieses Jahr wird entscheidend sein. Die Regierung plant drei Maßnahmen, vor allem den “verkürzten Prozess”. Wenn der durchgeht, dann ist das das Ende der Anti-Mafia, also der systematischen Mafiabekämpfung. Aber der Kampf findet mitten in der Regierungskoalition von Berlusconi statt.

Gibt es auch was Gutes?

Eine sehr ernsthafte Sache ist das Gesetz, das es erlaubt, Mafiagüter einfacher und schneller zu beschlagnahmen, sowie die Eindämmung von Deals zwischen Anwalt und Gericht. Der Rest ist für die Medien, ohne Substanz. Die Tatsache etwa, dass die neue Nationale Agentur zur Verwaltung beschlagnahmter Mafiagüter ihren Sitz in Reggio Calabria hat, ändert per se gar nichts, außer dass in der Stadt ein paar Kaffee und ein paar Mittagessen mehr verkauft werden. Und mal eben 200 Polizisten einzustellen, ist auch sinnlos, wenn tausende Stellen gar nicht mehr ausgeschrieben werden.

Und international? Hat das Massaker von Duisburg etwas geändert?

Es hat dazu geführt, dass sich die deutsche und die italienische Polizei etwas mehr für die Aktivitäten der ‘Ndrangheta in Deutschland interessieren mussten. Aber konkret hat Deutschland nichts gemacht. Wenn unter den sechs Toten auch zwei Deutsche gewesen wären, hätten sich der Gesetzgeber und das Justizsystem vielleicht bewegt. Ich fahre seit zehn Jahren nach Deutschland, ich kenne mich inzwischen aus. Man hat es einfach nicht als deutsches Problem gesehen. Aber in Deutschland gibt es einen Organisationsgrad der ‘Ndrangheta genau wie in Belgien, wie in der Schweiz oder in Spanien. Genau wie hier in Reggio. Aber wenn europäische Ermittler das Wort “locale” hören, dann denken sie an ein Restaurant. In Wirklichkeit ist ein “locale” aber eine Ortsgruppe der ‘Ndrangheta. Also: Europa ist im Jahr null im Kampf gegen die Mafia.

Noch mal: Warum ist das so?

Keine europäische Regierung will ein starkes Justizsystem. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie das Geld der Mafien nicht dem Wirtschaftskreislauf entziehen wollen. Sie wollen nicht darauf verzichten.
Nicola Gratteri

geboren 1958 in Gerace/Kalabrien, ist Oberstaatsanwalt in Reggio di Calabria. Er studierte Jura in Catania. Er ist einer der profiliertesten Mafia-Ermittler Italiens und vor allem mit der ‘Ndrangheta beschäftigt. In Deutschland wurde er bekannt als erfolgreicher Koordinator der Ermittlung nach dem Massaker von Duisburg. Seit April 1989 lebt er unter Personenschutz. Am 21. Juni 2005 entdeckt die italienische Polizei im kalabrischen Gioia Tauro ein Waffenarsenal, das nach Hinweisen für ein Attentat auf Gratteri angelegt wurde.

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