Wie die Mafia auch im »sauberen« Norditalien Fuß gefaßt hat.

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on Oktober 16, 2012 at 13:44

Die Telekom läßt gerade mal wieder unglaublich kreativ für sich werben: Mit dem berühmten Angebot, das man nicht ablehnen kann; und auch der Klett-Cotta-Verlag konnte dem Schwachsinn einfach nicht widerstehen, das überhaupt nicht verkehrte Buch »Die Mafia - 100 Fragen, 100 Antworten« des renommierten Journalisten Attilio Bolzoni mit einem »Mafia-Gewinnspiel« zu vermarkten.

Es ist eben so: In Deutschland gibt es - die Morde von Duisburg im August 2007 hin oder her - Lokale, die »Kuchen-« oder »Schnitzel-Mafia« heißen - aber die italienischen Mafien und ihre »locali«, ihre Stützpunkte also, die gibt es so gut wie nicht. Beziehungsweise: Es gibt sie schon. Aber eben da drunten, in diesem immer noch auf gespenstische Weise exotischen Land, keine zwei Flugstunden von der deutschen Hauptstadt entfernt. Insofern ist höchste Skepsis angebracht gegenüber jeder Übersetzung aus dem Italienischen, die das Mafia-Thema hier auf dem Buchmarkt zu plazieren versucht: Zu vielleicht keinem anderen Gegenstand kann man so seriös arbeiten, ohne die geringste Chance zu haben, durch die teutonische Haha-Ignoranz zu dringen.

»Mafia AG« von Giovanni Tizian (geboren 1982) - einer Art kleinen Bruder der Ikone Roberto Saviano - ist so ein sehr ernsthaftes, unter großem persönlichen Leiden des Autors entstandenes Buch, das aber hier nur ankommen kann als Geschichte aus dem Dschungel. Das liegt nicht an der heruntergerissenen Übersetzung; und es liegt auch nicht ausschließlich am fehlenden Anmerkungsapparat. Aber gerade die Abwesenheit des letzteren - also eines speziell für deutsche Leserinnen und Leser konzipierten - ist eben der Beweis, daß es dem Verlag nicht um Verstehen geht, nicht um Analyse und damit um Übertragbarkeit; es geht um den Grusel. Und dafür, um es einmal mir persönlich sehr unangenehm betroffen zu sagen, schäme ich mich wirklich vor meinen Freunden, etwa im süditalienischen Kalabrien, die für eine grundsätzliche Idee von Freiheit ihre Haut riskieren. Wer also noch einmal den »Paten« in den Mund nimmt, um sich dem Phänomen Mafia zu nähern, der muß wissen, daß sein folkloristisches Reden über die Mafia eben diese in aller Ruhe weitermorden läßt.

Giovanni Tizian ist ein Opfer der Ndrangheta, des von Kalabrien aus weltweit operierenden Syndikats für Wirtschaftskriminalität. Ach, so sagt man das? Na ja: Es geht um Geld. Ausschließlich. Was davon an die Oberfläche der Wahrnehmung kommt, sind oft genug nur die Mittel, die der Gewinnmaximierung dienen. Die besondere Form der ndranghetistischen Wirtschaftskriminalität ist die mörderische, feige Gewalt, gepaart mit der Begeisterung für alles Neue, das der Geldvermehrung dienen kann. Die Ndrangheta ist eine Art SS - und dieses Bild, das wie alle Bilder unvollkommen und gefährlich ist, verweist aber immerhin darauf, daß die Mafia zum Staat, zum System gehört. Sie operiert in einer in Italien viel diskutierten »grauen Zone«, im Verbund mit korrupten Politikern, Geheimdienstlern, Managern, Staatsanwälten, Polizisten - und Journalisten, Ärzten, Architekten etc. Gleichzeitig wäre es aber ein Fehler, die staatlichen Organe, staatliches Handeln überhaupt, nun durchweg als mindestens mafia-ebenbürtig zu denunzieren, wie es viele Linke tun. Die italienischen Mafien waren nicht zuletzt Angestellte des Westens im Kalten Krieg gegen den Kommunismus, die aus dem Ruder liefen, als man sie nach 1990 nicht mehr benötigte. Und es gehört zu den spezifischen Schwierigkeiten für jeden, der sich dem Thema nähern will, daß auch die Vertreter des Mobs in Politik, Wirtschaft und Kultur einer Anti-Mafia-Rhetorik frönen.

Tizian beschreibt an mal mehr, mal weniger gut erzählten Fallbeispielen, wie Ndrangheta und Camorra - die neapolitanische Variante des Mobs - im angeblich sauberen Norditalien, speziell in der »roten« Emilia Romagna, Fuß gefaßt haben. Sie werden gebraucht. Man kann mit ihnen Geld verdienen. In einer so grundlegend demoralisierten Gesellschaft wie der italienischen hat das organisierte Verbrechen leichtes Spiel. Es geht bei Tizian um die Durchdringung der Baubranche, um Automatenspiel, Prostitution und Nachtleben - und natürlich um die Droge, das Kokain, das den ganzen Laden immer noch wesentlich am Laufen hält. Tizian beschreibt Koks als kapitalistische Droge: Eine illegale Organisation liefert eine illegale Substanz, damit das legale Leben so laufen kann, wie es eben laufen soll. Ob die Jungs und Mädels auf den Berliner und sonstigen Club-Klos daran denken sollten, daß das Blut, das ihnen je nach Stoffqualität schon mal aus der Nase schießt, eben jenes ist, das sie sich vorher selbst reingezogen haben? Und wer fühlte sich berufen, es ihnen zu sagen?

Mit seinen Recherchen, mit dem Nennen konkreter Namen hat Giovanni ­Tizian großen Mut bewiesen - ein Mut, der bei den meisten Anti-Mafia-Aktivisten aus dem Gefühl für Würde kommt. Das heißt schlicht: Es gibt Schlimmeres als den Tod. Aber meine Befürchtung ist, daß all diese von ihm genannten Namen, die ihm in Italien tödlichen Haß eingetragen haben, in Deutschland verpuffen. Hier bräuchten wir eine Öffentlichkeit, eine Staatsanwaltschaft, eine Polizei und natürlich Journalisten wie Giovanni Tizian.

junge welt, buchmessenbeilage

Was ich bei Radio Vatikan gearbeitet habe

oltràlpe — admin on Januar 10, 2012 at 21:13

http://www.radiovaticana.org/105/articolo.asp?c=536613

 http://blog.goethe.de/vabene-tapetenwechsel/categories/10-Rom

 http://www.taz.de/!84461/

DUISBURG Staatsanwalt Gratteri über das Urteil gegen Giovanni Strangio und die unverminderte Bedrohung durch die ‘Ndrangheta

Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on Juli 23, 2011 at 12:05

INTERVIEW AMBROS WAIBEL

taz: Herr Gratteri, mit ein paar Tagen Abstand: Wie beurteilen Sie den Ausgang des Prozesses im Fall Duisburg und Giovanni Strangio?

Nicola Gratteri: Sehr positiv. Wir von der Staatsanwaltschaft glauben ja auch, dass wir dem Gericht in Locri alle Informationen geliefert haben, die zu einer Verurteilung erforderlich waren. Und wir sind auch der Überzeugung, dass diese Urteile vor den nächst höheren Instanzen halten werden, also vor dem Berufungsgericht in Reggio/Calabria und vor dem Gerichtshof in Rom.

Der deutsche Anwalt Giovannis Strangios, Frank Berlanda, hat in einem Interview recht harte Aussagen gemacht: Die deutsche Behörden hätten Strangio wie eine faule Tomate nach Italien verschachert, weil es in Deutschland nicht mal zur Anklageerhebung gereicht hätte.

Ich kann Ihnen nur sagen: Zwischen der Polizei in Duisburg, dem BKA und der italienischen Polizei gibt eine hervorragende Zusammenarbeit, insbesondere mit mir, der ich seit einem Dutzend Jahren regelmäßig in Deutschland bin. Inzwischen schätzen wir die Arbeit des anderen sehr.

Inzwischen?

Die Beziehungen haben sich verbessert und werden sich weiter verbessern. Ich war in Duisburg, in Frankfurt, beim BKA. Die Kollegen sind zu uns nach Reggio gekommen. Wir haben unsere Erkenntnisse abgeglichen und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir hier in Italien bessere Möglichkeiten haben, zu einer Verurteilung Strangios zu kommen. Und dann hat die italienische Justiz sich in Bewegung gesetzt. Aber zu der Verurteilung ist es nicht zuletzt durch die Zeugenaussagen der deutschen Polizisten hier in Locri gekommen und natürlich durch die Vorermittlungen der Deutschen.

Wie ist denn jetzt nach dem Urteil die Stimmung in San Luca, dem Urort der Clanfehden [”faide”], die zu den Morden von Duisburg führte?

Bis das Urteil nicht durch alle Instanzen gegangen ist, wird in San Luca sich gar nichts grundlegend ändern. Und auch nicht in den anderen Hochburgen der ‘Ndrangheta. Klar will man dort jetzt den Eindruck erwecken, es sei alles befriedet. Aber ich traue diesem Frieden nicht: Die “faide” sind unberechenbar wie schlafende Vulkane, sie können jederzeit wieder ausbrechen.

Und Sie haben ja auch keine Ruhe. Gerade ist die Operation “Crimine 3″ zu Ende gegangen. Worum ging es da genau?

Es ging um den internationalen Drogenhandel, wir haben über eine Tonne Kokain beschlagnahmt. Das war eine Operation, die man in ein Polizeilehrbuch aufnehmen könnte, was die internationale Zusammenarbeit angeht, wie man trotz ganz unterschiedlicher Mentalitäten und Gesetze zum Erfolg kommt. Beteiligt waren Mexikaner, Amerikaner, Kanadier, Holländer, Spanier. Die ‘Ndrangheta, die hier erscheint, bewegt sich souverän auf internationalem Parkett.

Ist denn der Drogenhandel überhaupt noch so wichtig für die Clans?

Es gibt nichts Besseres, legal oder illegal. Wir fangen nur ein Zehntel des Kokains ab. Und die Nachfrage in Europa ist unverändert stark.

  Nicola Gratteri ist Oberstaatsanwalt (Procuratore aggiunto) in Reggio/Calabria. Seit 1989 lebt er unter Personenschutz

erschienen in taz

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