Wo der Papst mal recht hat

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on Mai 2, 2011 at 14:08

Il Vaticano su Bin Laden:

«La morte non si festeggia»

Schwarzer Sieg in Atomlibyen

Allgemein, oltràlpe — admin on April 13, 2011 at 08:52

Gestern hat mich mein fünfjähriger Sohn gefragt, ob die Japaner schon gegen Gaddafi gewonnen haben. Ein Zehnjähriger, mit dem wir zum Bus schlenderten, meinte, Quatsch, gerade haben die Grünen gegen die Schwarzen gewonnen.Ich wurde leicht panisch und versuchte meinem Sohn zu erklären, dass damit nicht die Menschen ohne Albinismus gemeint seien, sondern die ganz anderen, die CDU. CDU? Sind das die Bösen? Ist Gaddafi CDU, fragte mein Sohn. Der Zehnjährige wusste es besser: Gaddafi ist so wie Hitler. Und wer war Hitler? Ein Fukushima mit Bärtchen? Ich habe dann erst mal Eis spendiert.
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Und heute? Hat es Gaddafi wieder getan: Die “barbarische Offensive” der Alliierten sei vergleichbar mit Hitlers Kriegszügen in Europa. Warum nicht mit dem Krieg der Deutschen und Italiener in Libyen selbst, anno 1941-1943? Der mitnichten ein sauberer Wüstenfeldzug war, sondern wesentlich dazu dienen sollte, den Holocaust auf den nahöstlichen Raum auszuweiten?
Will Gaddafi die deutsche Friedensbewegung und ihre schwarz-gelbe Regierung nicht provozieren? Die vereint den Diktator jahrzehntelang in die Schranken gewiesen haben und sich ihre erfolgreiche Eindämmungspolitik nun nicht durch irgendwelche zweifelhaften “Aufständischen” kaputt machen lassen wollen (angeblich wollen die sogar Öl verkaufen!). Schon am 20. März hatte Gaddafi einen langen, ruhmreichen Krieg gegen die “neuen Nazis” angekündigt. Nun sind das nur Worte, der Mann gilt allgemein als mental nicht ganz sauber - also: Düne drüber.

“Nazis - I hate these guys!”

Leider aber kann man über Sinn und Unsinn, Moral und Unmoral dessen, was gerade in Libyen geschieht, kaum mehr lesend reflektieren, ohne ständig den Hitler-Vergleich serviert zu bekommen. Daniel Cohn-Bendit, Uri Avnery, André Glucksmann, Ralph Giordano - sie alle glauben, der Rechtfertigung militärischer Hilfe für das bedrohte libysche Volk nicht ohne den Verweis auf Fehler und Verzögerungen des antifaschistischen Kampfes Nachdruck verleihen zu können.

Es sind jüdische Autoren, die das sagen, sie haben eine gelebte historische Erfahrung auf ihrer Seite, die niemand wegwischen kann. Ich aber habe in den 1980er Jahren in der Schule noch gelernt, dass Auschwitz ein singuläres Verbrechen ist. Allem Totalitarismusgeschwätz zum Trotz hatte ich bisher vor, diese Lektion an die nächste Generation weiterzugeben, und sei es nur in der Indiana-Jones-Variante: “Nazis - I hate these guys!”

Inzwischen habe ich meine Zweifel, dass das noch funktionieren kann. Hitler ist heute fast schon jeder - was doch entweder bedeutet, dass Hitler so schlimm gar nicht gewesen ist oder dass die Menschheit aus dem Nazismus keine Lehren gezogen hat.

Mir stieß ein kürzlich in der taz erschienener Artikel mit der Überschrift “Auschwitzlüge auf serbisch” noch auf. Es ging um ein auf der Leipziger Buchmesse aggressiv vermarktetes Buch, in dem der Mord an mindestens 8.300 bosnischen Männer und Jungen in Srebrenica geleugnet wird. Und das ist wie Auschwitz, dachte ich? Mit meinem Unbehagen wandte ich mich an einen jüngeren Kollegen meines Vertrauens. Der fand Zeile und Artikel in Ordnung.

Libyen 2011

Aber ich kann mir nicht helfen: Gaddafi ist ganz offensichtlich nicht Hitler. Und Bengasi ist nicht Guernica oder Auschwitz. Aus der Geschichte, um es mal apodiktisch zu sagen, kann man überhaupt nichts lernen - oder vielleicht doch: Nämlich seine Zeit nicht mit Analogiesuche zu verschwenden oder sich hinter intellektuell toten Begriffen wie Imperialismus zu verstecken, sondern sich klarzumachen, dass jede Entscheidung, die man fällt, jede Position, die man einnimmt, nicht dazu da ist, als Rechthaber dazustehen und sich die Hände in Unschuld waschen zu können.
Es geht in Libyen 2011 um Libyen 2011. Kinder suchen zum Weltverständnis nach Allegorien. Erwachsene, die sich das nicht abgewöhnen, wirken kindisch. Deswegen kriegen sie auch kein Eis. Mit Hitler aber kann man bald nicht mal mehr Kinder beeindrucken.

taz, 30.03.2011

Helft dem jungen Libyen!

oltràlpe — admin on März 19, 2011 at 15:29

Was in Libyen vor sich geht, ist kein Bürgerkrieg, sondern der Aufstand eines Volkes gegen einen Tyrannen, seine Familie und seine Söldner. Dieser Aufstand ist vergleichbar mit dem europäischen Widerstand gegen die Mächte des Faschismus in den 1930er- und 1940er-Jahren.

Die libysche Revolution vom 17. Februar 2011 wird angeführt von der Jugend und von Demokraten, die ihre Geschichte im Land selbst haben. Mit dem Wind der Ereignisse von Tunesien und Ägypten im Rücken haben sie sich gegen die Tyrannei erhoben. Wenn wir diesen Schrei nach Freiheit nicht in den Mittelpunkt all unserer Aufmerksamkeit stellen, diesen Schrei, der von unten kommt, dann missverstehen wir völlig den Charakter dieser Erhebung.

Die Geburt des neuen Libyen

Das neue Libyen, das aus der Zerstörungen und aus den Massakern an Zivilisten entstehen muss, wird ein junges Land sein. Die Jungen, die nie ein anderes System kennen gelernt haben, sind die Protagonisten. Was Freiheit bedeutet, haben sie im Internet gelernt. Das Netz hat das politische Vakuum aufgefüllt, das durch Gaddafis Repression in Libyen entstanden war. An all den Informationen aus dem Ausland, aber auch aus Libyen selbst, an den Möglichkeiten der Vernetzung ist diese Generation gewachsen und hat dem Protest gegen das Regime eine ganz neue Energie gegeben.

Aber was hat die Revolte ausgelöst? Libyen ist ein reiches Land. Aber die Libyer sind arm. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Schere zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen klafft immer weiter auseinander. Die Daten der libyschen Zentralbank sprechen eine klare Sprache: 30 Prozent der Jungen im arbeitsfähigen Alter sind ohne Beschäftigung, 20 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Merkwürdige Zahlen für ein Land mit nur 6 Millionen Einwohnern, aber mit Gas- und Ölvorkommen, die zu den bedeutendsten in Afrika zählen.

Die Jungen blicken nach Europa, in die USA, sie haben im Internet die Freiheit gefunden, die ihr Land ihnen verweigert hat. Sie sind die entscheidenden, aber nicht die einzigen Träger der Revolte. Es gab und gibt eine libysche Zivilgesellschaft - und sie ist aufgewacht: Anwälte, Richter, Freiberufler und Kaufleute, Angestellte und Arbeiter, die lange mit gesenktem Haupt unterwegs waren, sagen: Es ist genug! Schon vor fünf Jahren, im Februar 2006, zeigten sich die ersten Anzeichen dafür, als es eben in Bengasi, dem Zentrum der heutigen Revolution, zu Demonstrationen vor dem italienischen Konsulat kam.

Dabei ging es keineswegs, wie behauptet, nur um die Mohammed-Karikaturen: Das Gespenst einer radikal-islamischen Bewegung haben der Tyrann und sein Sohn, Seif Islam, heraufbeschworen, um die Opposition im Westen zu diskreditieren. In der Kyreneika gibt es kein islamisches Emirat und auch keine Zelle von al-Qaida. In allen befreiten Städten gab es Demonstrationen von Frauen - und sie waren nicht verschleiert. Drei Frauen sitzen im Provisorischen Nationalrat.

Die Fahne der Unabhängigkeit

Die Fahne, welche die Revolutionäre schwenken, ist auch nicht die Fahne des Königs oder des Stammes der Senussi, sondern der libyschen Unabhängigkeit. Ich selbst hätte auf Grund meiner persönlichen und politischen Geschichte mit der roten Fahne in der Hand demonstriert - aber ich und meine Generation sind eben nicht die Träger dieser Bewegung. Die monarchistische Strömung in ihr ist jedenfalls sehr klein.

Man hört immer wieder von der Angst vor einem Machtvakuum. Dabei ist die alternative Struktur in den befreiten Städten bereits voll funktionsfähig. Dort haben sich Volkskomitees gebildet, die über alle Belange des städtischen Lebens entscheiden. Sie bestehen aus Freiwilligen, die sich all der Versäumnisse der Vergangenheit annehmen. Die Beschlüsse werden in Fotokopien auf den Straßen verteilt. In Bengasi konnte nicht nur der öffentliche Nahverkehr wieder aufgenommen werden, sondern auch der Schutz öffentlichen Eigentums durch freiwillige Wachtrupps ist gesichert.

Die Koordinationsstelle dieser Komitees arbeitet bereits am Entwurf zu einer Verfassung - der ersten seit 42 Jahren, in der die Menschenrechte und der Pluralismus verankert sein werden. Doch wie auch immer der Kampf ausgeht: Das Antlitz des Landes hat sich bereits fundamental verändert.

Der libysche Frühling ist eine junge und eine linke Bewegung. Doch um auf diesem Weg weiter voranzugehen, muss die Struktur der libyschen Gesellschaft verändert werden. Sorge bereitet vor allem die soziale und rechtliche Lage der Millionen ausländischer Arbeiter (circa 25 Prozent der Bevölkerung), die das alte Regime in sklavenähnlichen Zuständen ausbeutete.

Ende einer Gewaltherrschaft

Gaddafi ist am Ende. Schon 1973, vier Jahre nach der Revolution, war von dem freiheitlichem Programm seiner damaligen Offiziere nichts mehr übrig als brutale Unterdrückung. Die Universitäten wurden mundtot gemacht, die alten Mitstreiter entfernt oder ermordet, die Gewerkschaften verboten. Im Ausland ließ Gaddafi zahllose Oppositionelle töten. Am 26. Juni 1996 wurden im Abu-Salim-Gefängnis 1.200 politische Gefangene mit Maschinengewehren ermordet.

Grundlage seines Regimes, das die Ressourcen des Landes verschleudert, sind allgegenwärtige Überwachung und Bestechung. Unter Gaddafi sind nicht moderner Staat und Gesellschaft entstanden, sondern ein korruptes und korrumpierendes Regime, das die Unterstützung anderer Diktaturen suchte und sich auf Kriegsabenteuer (Uganda, Tschad) einließ.

Gaddafi hat lange genug die Fahne des Antiimperialismus und Antikolonialismus geschwungen. Aber schon lange macht er schmutzige Deals mit den reichen Ländern und ist dabei vor allem immer um seine persönliche Sicherheit besorgt. Uns, der libyschen Opposition, ist klar, dass viele sich nichts sehnlicher wünschen als den uneingeschränkten Zugriff auf das libysche Öl. Deswegen sind wir gegen jede militärische Intervention. Aber wir brauchen die Flugverbotszone, um den mörderischen Oberst am Einsatz seiner Luftwaffe zu hindern.  FARID ADLY

Übersetzung aus dem Italienischen:
Ambros Waibel

Farid Adly

 geboren 1948 in Bengasi, Libyen. Er lebt in Italien bei Messina und leitet dort “Anbamed”, eine italoarabische Agentur für Nachrichten aus dem Mittelmeerraum. Als Journalist schreibt er u. a. für Corriere della Sera und Il Manifesto.

taz, 15.3. 2011

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