EIN ANDERES MEER Ganz am Rand des Kontinents liegt Reggio/Calabria. Doch die Anti-Mafiaaktivisten des „Museo della ‘ndrangheta“ zählen auf europäische Solidarität – sie ist ihre Lebensversicherung

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on Mai 11, 2010 at 19:27

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Später saßen wir vor dem Café del Dottore im Zentrum von Catania, tranken frisch gezapftes Pilsner Urquell und fühlten uns überhaupt wieder wie ganz wie zu Hause. Carmelo, der junge Wirt, den man so wie er aussah auch in Berlin-Prenzlauer Berg hätte treffen können, setzte sich zu uns, und wir erzählten ihm von unseren Eindrücken auf dem nahen Kontinent, in Kalabrien, in Reggio.

Carmelo mochte uns nicht zustimmen. Reggio sei nicht Gotham City - es sei vielmehr, mit seinen die Berghänge hochwuchernden Favelas, ein Wiedergänger Rio de Janeiros. Bei den Menschen jedoch waren wir uns einig: Konnte irgendwer herzlicher, gastfreundlicher und großzügiger sein als die Kalabresen? Es war neun Uhr abends, zu früh zum Essen, und wir bestellten noch ein zweites Bier.

Mit Claudio La Camera, dem Projekleiter des „Museo della ‘ndrangheta” - der kalabresischen Mafia - , sind wir an der Autobahnausfahrt Reggio/Flughafen verabredet. Er fahre einen roten Alfa, hat er uns etwas verschwörerisch gesagt, es geht aber nicht um Geheimtuerei, sondern um den Feierabendverkehr. Und da steht er dann auch, auf einem schäbigen, kleinen Platz, den man nach unten Richtung Stadtzentrum und nach oben in Richtung des Viertels verlassen kann, wo mitten im Mafialand das Museum beheimatet ist. Am Zugang nach oben steht ein junger Mann so planlos an der Ecke, dass man als Berliner denkt: Bei dem könnte man bestimmt ein paar leckere Drogen kaufen. In Reggio ist man sich dann seiner Funktion nicht mehr so sicher.

Wir sind vom Flughafen in Catania mit dem Mietwagen gekommen, in Villa S. Giovanni auf die finstere Stadtautobahn gefahren. Ringsherum stehen Häuser so verquer, dass wir uns fragen: Hat die einfach irgendjemand abgeworfen? Es ist eben auf diesen zwanzig Minuten Fahrt, dass wir die Stadt auf den Begriff Gotham City bringen, aber auch darüber nachdenken, ob diese Silhouetten halbfertiger, lieblos aufgestockter, unverputzter Betonwohnmaschinen nicht vor allem eine Geschichte erzählen: die des im Süden, speziell in Kalabrien, historisch verwurzelten Selbsthasses. Der in Reggio tätige Staatsanwalt Nicola Gratteri zitiert in seinem Buch „La malapianta” das abgehörte Gespräch zweier ‘Ndranghetisti. Die beiden reden über das Versenken von Schiffen voller Giftmüll nahe der Küste, und der eine Mobster fragt dann doch „Und das Meer - was wird aus dem Meer?”, welches das Meer vor seiner Haustür ist, und der Kollege antwortet, „weißt du, was das Meer uns kann, denk an das Geld, damit suchen wir uns einfach ein anderes Meer!” Abstrakter formuliert: Die ‘ndrangheta unterscheidet sich von der sizilianischen Cosa Nostra nicht zuletzt dadurch, dass sie von den 40 Milliarden Euro, die sie nach Schätzungen jährlich erwirtschaftet, nichts in ihrer Heimatregion investiert.

Wir sind an den Rand Europas gekommen, weil sich seit dem Welterfolg von „Gomorrha”, Roberto Savianos Buch gegen die Camorra, eine neue Strategie im Kampf gegen die Mafien zu etablieren beginnt: Das gute, alte, offene Wort - und zwar sowohl das von Individuen vor Ort mutig ausgesprochene als auch die Vervielfältigung dieses Wortes in Medien jenseits der Regionalzeitungen und Lokalsender. Die Idee ist, dass die Mafia niemanden umbringt, dessen Tod mehr Schaden anrichtet als er Nutzen bringt. Dass allerdings, wer auf Publicity als Lebensversicherung setzt, gerade in Italien schnell und durchaus auch von interessierter Seite zum mediengeilen Wichtigtuer erklärt werden kann - damit, erzählt uns Claudio später, könne er sehr gut leben. Hauptsache, ergänzen wir still in das beredte Schweigen, er lebt überhaupt.

Die Innenstadt von Reggio liegt in einer schmalen Küstenebene, am Rand des die italienische Stiefelspitze beherrschenden „rauhen Berges”, des Aspromonte. Claudios Alfa folgend schrauben wir uns durch das desaströs-osteuropäisch wirkende Viertel Croce Valanidi in die Höhe, auf der anderen Seite des „Stretto”, der Meerenge zwischen dem Kontinent und Sizilien, leuchtet schneeweiß der Ätna, blinken die Lichter Messinas. Später wird uns ein junger Mann aus Croce Valanidi berichten, dass er fast nie rüber fahre, das nur drei Kilometer Sizilien sei eine andere Welt. In seiner Welt hier gibt es keine Arbeit für ihn, seinen letzten Job bei einer Tankstelle hat er aufgegeben, entnervt von den kriminellen Chefs, den 600 € Monatslohn schwarz auf die Hand, den andauernden Durchsuchungen seitens der Carabinieri.

Und dann sind wir da, auf einer Art Hochplateau biegt eine kleine Straße nach links, sogar ein Schild ist da: „Museo della ‘ndrangheta”; und stehen vor etwas, das sich deswegen so schwer beschreiben lässt, weil man es schon kennt: Dies ist ganz klar die Villa Anthony Sopranos aus der gleichnamigen Kultserie. Ein geschmackloser Kasten aus Baumarktversatzstücken, ein Wachturm, strategisch so platziert, erläutert Claudio, dass ganz Reggio offen daliegt. Von den Balkonen lassen sich der Flughafen und das Stadtzentrum beobachten. Die Villa des Bosses, der die nächsten Jahrzehnte im Gefängnis verbringen wird, wurde konfisziert und von der Provinzregierung dem Museum als Sitz übergeben. Sie ist von der Straße nicht sichtbar, aber sie kontrolliert sie. Aber wer erteilt für so was eine Baugenehmigung, fragen wir. Woher kommen Wasser, Strom und Gas für dieses Kastell? Wir ernten Achselzucken auf die erste, detailliert-amüsierte Erläuterungen auf die zweite Frage: Denn in Kalabrien wissen auch die Guten, wie sich in einer Gegend ohne funktionierende Verwaltung doch noch besorgen lässt, was gebraucht wird: man zapft bestehende Leitungen an, führt sie als Schwarzbau fort.

Im Museum erwartet uns eine Gruppe von Menschen, in die man nach einer Viertelstunde verliebt ist. Man hat dann gemerkt, dass es hier niemandem darum geht, sich aufzuspielen, sondern dass es eine Frage der Würde ist, ob man es sich von der eigenen Angst verbieten lässt, jeden Tag unter den Augen der Familie des Bosses, die direkt nebenan in einem Wohnblock lebt, ein eingezäuntes, videoüberwachtes und von einem erstaunlich lieben Kettenhund angebelltes Demokratiezentrum zu betreten - das Haus, wo der Clan eigentlich seine Familienfeste begehen wollte.

Claudio führt uns herum. In der Küche öffnet er die Falltür, die in den „Bunker” führt, wo neben Würsten und Eingemachtem auch der Boss Unterschlupf hätte finden sollen - separater Ausgang, um sich in die Büsche zu schlagen, inklusive. Die Räume sind leer, die Ausstellung besteht derzeit im wesentlichen aus großen Fototafeln, die Habitus, Struktur und Geschichte der ‘ndrangheta bebildern. In den nächsten Tagen wird das multimediale Equipment erwartet, die Gelder fließen unregelmäßig. Und während wir uns überlegen, ob der Marmorfußboden oder der Whirlpool geeignete Fotomotive sind, steht plötzlich ein alter Mann mit einer langnasigen Commedia dell’ arte-Theatermaske in der Ecke - oder war er schon die ganze Zeit da? Es ist ein Erschrecken wie im Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen” beim plötzlichen Auftauchen des Zwerges mit der roten Kapuze und dem großen Messer in der Hand. Und dann nähert der alte Mann sich auch noch, auf seinen Stock gestützt, und murmelt kopfwackelnd „es geht mir gut, es geht mir sehr gut”. Nein, mehr wolle er nicht, er müsse nicht da raus, natürlich, er dürfe auch nicht, aber da draußen… seine Kinder wollten ihn sowieso nicht mehr sehen, er sei zufrieden, hier, als Hausmeister. Es ist die Inszenierung, die auch die Jugendgruppen erwartet, die hierher kommen, eine Führung durch eine Theaterfigur, den Kronzeugen, den „pentito”, der unter Hausarrest stehend durch die ehemalige Zentrale seiner Familie, seiner „Cosca” führt und sich ein erbärmliches Leben zurecht lügt. Für die allermeisten Mafiosi endet die Karriere nämlich mitnichten in einer Villa über Reggio, sondern im Gefängnis oder im Leichenschauhaus: Mafioso sein, verstehen wir, ist ein kurzer Thrill mit einem langen deprimierenden Ausklang.

Das wissen auch die Jugendlichen aus Croce Valanidi, die sich im Museum engagieren. Denn seit sie das tun, lässt sie der Gemeindepfarrer Don Antonio Vinci nicht mehr in die Kirche. Der Pressesprecher des Bischofs von Reggio, Don Antonio Denisi, der dem Museum durchaus wohlwollend gegenübersteht und sich deswegen zum Interview eingefunden hat, sagt am Ende eines mäandernden, vierzig minütigen Gesprächs, er sei zu alt, um den Mitbruder müsse sich sein Nachfolger kümmern. Nicola Gratteri, der ebenfalls gekommen ist - mit ihm die drei grimmigen Leibwächter seiner Eskorte - , sagt, dass er sich normalerweise an sogenannten zivilgesellschaftlichen Antimafia-Aktivitäten nicht mehr beteilige, weil dabei nichts rauskomme außer Geschwätz und leeren Proseccogläsern: Hier aber, beim Museum, hätten sich die Wichtigtuer bald verabschiedet, übrig geblieben seien die Guten. Gratteri ist ein harter, kleiner Mann, er lebt seit zwanzig Jahren unter Polizeischutz. Er ist ein Mann des Staates; und was wir in den 36 Stunden, die wir in Reggio sind, begreifen werden, ist dies: Der Kampf gegen die Mafien ist nicht links und nicht rechts. Es geht darum, Individuen zu finden, die nicht aufgeben wollen, was den Menschen ausmacht. Claudio sagt abends beim Essen, es gebe ja diesen Satz, dass man die Leute verstehen müsse, die aus Angst im Schweigen und in der Unterwerfung verharrten. Er, sagt er nach einem Schluck Wein, verstehe sie nicht.

Später im Café del Dottore bekommen wir kein drittes Bier mehr. Es sei 22 Uhr und so spät kämen möglicherweise unangenehme Leute, sagt Carmelo. Unangenehm? Und da wirkt er auf einmal so alt wie der ja an sich sehr sympathische Pressesprecher des Bischofs von Reggio und wackelt mit dem Kopf wie der Darsteller des pentito im Museum. Er sieht nicht gut aus dabei - jedenfalls viel schlechter als die unhippen, lustigen Leute, die auf der anderen Seite der Meerenge beschlossen haben, sich nicht mehr zu fügen; und die darauf setzen, dass Europa sie nicht vergißt.

Fotos: KONSTANTIN KOPIETZ

bißchen anders in der taz vom 10. 5.2010

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Interview mit Claudio La Camera, Leiter des „Museums der Ndrangheta” in Reggio Calabria/Italien und Attilio Tucci, Sozialdezernent der Provinzregierung von Reggio/C.

Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on März 12, 2010 at 23:20



Frage: Herr La Camera, Herr Tucci: das „Museo della Ndrangheta” wurde am 1. Dezember 2009 in Reggio Calabria eröffnet. Wie funktioniert das Museum?

Claudio La Camera : Einerseits funktioniert das Haus ganz klassisch. Wir zeigen Fotos und Objekte, die die Ndrangheta repräsentieren; aber es gibt nur geführte Rundgänge, um Mystifikationen zu vermeiden.

Das wird den Mob aber nicht beeindrucken oder?

La Camera: Am sozusagen militärischen Phänomen der Organisierten Kriminalität können wir eh nichts ändern. Das Problem, wo wir ansetzen ist: Die Ndrangheta setzt jährlich 40 Milliarden Euro um. Diese Geld korrumpiert alles, die Menschen, die Medien. Wie befreit man sich von diesem Mechanismus der Macht, das ist es, was wir mit vor allem mit den Jugendlichen klären wollen. Denn deren Realität heißt: alles ist normal. Es ist normal, zu emigrieren. Es ist normal, mit 40 Jahren und Uniabschluss noch nie eine Arbeit gehabt zu haben und auch keine Hoffnung, eine zu finden. Es ist normal, dass in Reggio jede Nacht 10 Autos in die Luft fliegen.

Warum das denn?

La Camera: Das sind Botschaften, die das Herrschaftsgebiet markieren.

Zwischen den einzelnen Familien?

La Camera: Nein, im Gegenteil. Oft gibt es gar keinen konkreten Grund, sie machen das einfach. Es geht ihnen um ein Klima der Bedrohung. Man weiß schon, wer dahinter steckt.

Wurden Sie persönlich schon bedroht?

La Camera: Das läuft ganz unterschiedlich, denn bei der Ndrangheta gibt es ja keine Kuppel wie den Sizilianern, das sind bei uns einzelne, von einander unabhängige Familien. Da gibt es die, die schauen, die die nachdenken - und die, die ihre Feindschaft ganz offen zeigen. Sie haben auf das Museum geschossen. Sie haben uns persönlich mit dem Tod bedroht, andere haben Briefe geschickt.

Haben sie Anzeige erstattet?

La Camera: Natürlich - wenn wir das nicht tun, wer sonst! Aber es stimmt schon: Üblich ist das nicht.

Können Sie sich auf die Polizei verlassen?

La Camera: Polizei und Justiz sind uns sehr nah. Aber eine wirkliche Möglichkeit, sich zu schützen, gibt es ohnehin nicht. Deswegen denkt man weniger an sich als an die Familie, die Mitarbeiter.

Herr Tucci, Sie haben das Projekt politisch angeschoben. Wie ist das abgelaufen?

Tucci: In der Welt der staatlichen Institutionen gab es immer die Tendenz, das Museum zu verstehen als etwas, das das Phänomen der Ndrangheta verherrlicht anstatt es zu bekämpfen. Angst macht aber nicht das Wort Museum - sondern das Wort Ndrangheta. Die Leute sind es nicht gewohnt, dieses Wort öffentlich auszusprechen. Aber die Dinge sind in Bewegung. Der entscheidende Punkt war: Das Museum befindet sich in einem Haus, das der Mafia weggenommen wurde, das konfisziert wurde. Das ist ein starkes Symbol in unserer Gegend.

Hat das Haus schon etwas verändert?

La Camera: Vor zwei Jahren, als wir das Projekt zum ersten Mal in Berlin vorstellten, haben weder Freund noch Feind daran geglaubt: Weil es eine Idee war, ein Entwurf für die Zukunft - und wir im Süden sind es nicht gewohnt, an die Zukunft zu denken. Das haben wir widerlegt.

Wieso sind Sie eigentlich mit Ihrer Idee nach Berlin gekommen?

Tucci: Es gibt diesen Minderwertigkeitskomplex im Süden, dass das, was wir selbst machen, nichts wert ist. Erste wenn das Ausland und die überregionale Presse - wie kürzlich „La Repubblica” - berichtet, dann geschieht etwas. Man muss aber klar sagen: es ist immer noch ein unmögliches Projekt. Wir haben jetzt Mittel für sechs, sieben Monate.

Woher kommt das Geld?

La Camera: Im Moment zahlt nur die Provinz. Die Region Kalabrien hat Gelder versprochen. Das konfiszierte Gebäude des Museums gehört der Kommune. Es gibt eine enge Partnerschaft mit der Uni Reggio und mit der Universität La Sapienza in Rom. Aber wissen Sie - die Finanzierung: in einem Umfeld, wo 40% der Jugendlichen keine Arbeit haben, ist die Frage nach dem Geld -

Eine ziemlich deutsche Frage

Tucci (lacht): Es muss jedenfalls schon das persönliche Bedürfnis dahinter stehen.

Ist die erfolgreiche Gründung denn nun allein Ihr Verdienst oder hat sich die Gesellschaft in Kalabrien insgesamt verändert?

La Camera: Es gab immer Einzelpersonen, die mutig waren. Ohne die geht es nicht. Aber auch die Gesellschaft hat sich entwickelt - zu einem hohen Preis: All die Ermordeten!

Tucci: Am 3. Januar 2009 verübte die Ndrangheta ein Bombenattentat auf die Staatsanwaltschaft Reggio. Und zum ersten Mal haben die Einwohner der Stadt öffentlich ihre Solidarität mit den Behörden gezeigt, vor allem die Jungen; und die machen wir zu Protagonisten unserer Arbeit. Das Individuum wendet sich an das Individuum. Das ist das Geheimnis: Eine Person nach der anderen finden - aber solche, die etwas voranbringen. Aber auch die verschiedenen Migrantengruppen machen Hoffnung. Sie haben eine andere psychische Struktur. Sie kämpfen.

Inwiefern?

La Camera: In Reggio-Stadt gibt es seit den 1980er Jahren eine philippinische Gemeinde, die sehr gut integriert ist. Dann gibt es die Nordafrikaner, wir nennen uns Cousin, wenn wir uns auf der Straße treffen und es gibt schließlich in der Provinz Reggio Kurden, die sind überaus präsent. Es ist eine sehr schöne Erfahrung, mit ihnen zusammen zu leben. Sie lassen sich nicht einschüchtern.

Was Sie sagen ist insofern erstaunlich, als Kalabrien ja durch die Ereignisse von Rosarno erst kürzlich in die Schlagzeilen gekommen ist, wo Arbeitsmigranten vor allem aus Afrika von Einwohnern durch die Straßen gehetzt wurden.

La Camera: Was die Ereignisse von Rosarno betrifft - da wissen die meisten Kommentatoren leider nicht, wovon sie reden. Es ist undenkbar bei uns, dass 1500 Arbeitsmigranten nicht in der Hand der Ndrangheta wären. In Rosarno kann man noch nicht mal ein Päckchen Zigaretten verkaufen ohne deren Erlaubnis. Dass es zur Explosion kam, kann nur bedeuten, dass die Ndrangheta kein ökonomisches Interesse mehr an diesen Menschen als Arbeitssklaven hatte. Und nun wurde die Situation, die ohnehin schon dramatisch war, aber unter der sozialen Kontrolle der Ndrangheta stand, wirklich katastrophal. Ich glaube aber nicht, dass es dabei um Rassismus ging, ich finde es sogar dumm, zu unterstellen, die Einwohner von Rosarno seien durch die Bank fremdenfeindlich. Natürlich gab es Probleme mit 1500 Arbeitern, die unter schlimmsten sozialen und hygienischen Bedingungen dort leben und arbeiten. Aber als es dann keine Arbeit mehr gab…

Tucci: Es gibt dort Großgrundbesitzer, die den Orangenanbau kontrollieren. Man fragt sich, wie diese Leute, die Millionenumsätze haben, eigentlich ihre Steuererklärung machen, wo sie doch nur Schwarzarbeiter beschäftigen. Wie macht das also die Ndrangheta? Sie stellt Leute aus Rosarno im Winter als Saisonarbeiter an für 100 Tage - natürlich total gefälscht. So können sie Pensionsansprüche erlangen. Anschließend melden sie sich arbeitslos und bekommen da Geld. Die Arbeit machen die Migranten, die Ndrangheta verdient und die Leute müssen ihr dankbar sein, dass sie versorgt sind - denn andere Arbeit gibt es nicht. Das ist perfekte Kontrolle des Territoriums.

Und die Migranten haben rebelliert.

Tucci: Sie haben es gut gemacht! Sie haben reagiert, sie haben es sich nicht gefallen lassen, ausgesondert zu werden - etwas, das wir verlernt haben.

Also hilft ein multikulurelles Kalabrien beim Kampf gegen die Ndrangheta?

La Camera: Natürlich!

anders redigiert in der taz vom 11. 3

Von Branntwein toll und Finsternissen - ein hübsches Buch über Renegaten-Piraten

Allgemein, oltràlpe — admin on Februar 8, 2010 at 20:47


Zu den Dingen, die man irgendwann aufhört verstehen zu wollen, gehört das hiesige Verlagswesen. Da gibt es, seit seinem Erscheinen in Italien im Jahr 2008, ein Buch des auch in Deutschland - allerdings nur mit einem Bruchteil seines Werks - bekannten und von Kritikern wie Lesern geschätzten Massimo Carlotto. Es trägt den schönen Titel „Christiani di Allah - Un noir mediterraneo” (den man vielleicht nicht übersetzen muss) und gibt, abgesehen von der Tatsache, daß Carlotto wie immer handwerklich perfekte Krimiware abliefert, zwei höchst aktuellen Diskursen eine Menge Futter: Der Debatte um den Islam und der um die Piraterie.

Carlotto erzählt die Geschichte eines schwulen Liebespaares, das sich im 16. Jahrhundert an dem wohl einzigen Ort trifft, wo es sich in Frieden gern haben kann: in der Korsarenrepublik Algier. Voraussetzung dafür ist lediglich der eher lax gelebte Übertritt zum Islam. Mit dem stehen sie keineswegs isoliert da. Denn ein großer Teil der von der frühen Neuzeit bis zur europäisch-kolonialen Eroberung im genannten Algier, in Tripolis, Tunis und im marokkanischen Salé-Rabat Heimat und Freiheit findenden Korsaren war christlicher Herkunft: Sie waren Renegaten, die erklärten Scheusale des heiligen Europa, wo, wer als einfacher Mann geboren war, dies gottbefohlen auch zu bleiben hatte; im Maghreb hingegen zählte Leistung. Dem frühmodernen Kaperunternehmer stand die Tür zur ursprünglichen Akkumulation offen, unter großen Gefahren freilich und mit strukturellen Risiken: Zum einen befanden sich die Stadtrepubliken unter türkischer Oberhoheit - der ins Private des Männerpaares hinein brechende Konflikt mit dieser Staatsgroßmacht steht im Mittelpunkt von Carlottos Roman; zum anderen beschlossen nicht wenige der „renegados” ihr Leben auf den Ruderbänken spanischer Galeeren oder denen der für ihre Grausamkeit gefürchteten Malteserritter, die wie ihre maghrebinischen Gegenüber ihre Hauptumsätze selbstverständlich mit dem Sklavenhandel erzielten.

Von Peter Lamborn Wilson - auch bekannt unter dem Pseudonym Hakim Bey und, um wenig zu sagen, ein nicht unumstrittener anarchistischer Intellektueller - ist Ende vergangenen Jahres im verdienten Karin Kramer Verlag ein Buch auf Deutsch erschienen, daß Carlotto für seine Recherchen bestimmt gelesen hat. Der Originaltitel macht klar, warum: „Pirate Utopias. Moorish Corsaires&European Renegados”. Darum geht es; und im besonderen um die Republik Salé, denn die war das Gemeinwesen, welches dem Zugriff der Hohen Pforte in Konstantinopel entzogen war, „ein wirkliches Piratenutopia”, wie Wilson schreibt. Diese Gemeinschaft steht im Mittelpunkt seiner wie ein Segler auf dem Ozean auf der Suche nach Beute hin- und herkreuzenden Untersuchung. Er muß, um die Analogie noch ein wenig weiter zu bemühen, sich oft genug auf Gerüchte und Vermutungen verlassen, bewegt er sich doch auf dem offenen Meer der Nicht-Überlieferung. Die Renegaten waren Europäer aus den Unterklassen. Sie schrieben nicht auf, was sie erlebten, dachten und fühlten. Sie begegnen uns in den Archiven nur als reich gewordene „reises” (Kaperkapitäne) oder, in den europäischen Chroniken, als Ausgeburten der Höllen, als Apostaten, die immer ein schlimmes Ende nehmen.

Das dem mitnichten so war, dafür liefert Wilson Beispiele. Die Seeleute schildert er als Protoproletariat der Neuzeit. Schlechter als etwa auf ein englisches Kriegsschiff gezwungen zu werden, konnte man es nicht treffen, so die im Volk feststehende Anschauung. Ein Geflüster müsse von Schiff zu Schiff gegangen sein, daß es die reale Möglichkeit eines ganz anderen Lebens gab als im stickigen (kalten und feuchten) Europa. Im Maghreb konnte man, Glück und Kühnheit vorausgesetzt, Mitglied im Taiffe reisi werden, dem Rat der Kapitäne, man konnte ein freier, gar ein berühmter Mann werden wie Khaireddin Barabarossa, ein albanischer Bauernjunge, der es bis zum Oberbefehlshaber der türkischen Flotte des Sultans brachte. Oder wie Morat Reis, ein weiterer Albaner, der die Spanier in der gefährlichen Straße von Gibraltar ein ums andere mal austrickste, der mit seinen fürs ruhige Mittelmeer ausgelegten Schiffen den Atlantik befuhr, um die Kanaren schön systematisch auszuplündern.

Dabei waren die Piraten nicht unnötig grausam - Angst und Schrecken zu verbreiten gehörte zum Geschäft und hielt die eigenen Verluste gering. Als Murad Rais alias Jan Janz aus Haarlem, Holland im Jahr 1627 nach Island aufbrach und angeblich vierhundert Inselbewohner in die Sklaverei überführte, starben lediglich vier auf der langen Reise zurück nach Algier. Frauen und Kinder durften sich auf Deck frei bewegen und bleiben - christlichen Berichten zufolge - unbelästigt. Daß dies keinen sentimentalen Hintergrund hatte, mußte ihnen mit der Ankunft auf den Sklavenmärkten klar werden. Hier wurden Familien nach Angebot und Nachfrage getrennt.

Von gelegentlichem Überschwang abgesehen gelingt es Wilson die Sache in ihrer ganzen traurigen Nüchternheit darzustellen; und ohne diesen islamophilen Überschwang hätte er wohl kaum eine auf relativ knappem Raum so spannend zu lesende und enorm materialreiche Darstellung hinbekommen. Drücken kann man sich am Schluß allerdings um eine Anmerkung kaum: Freiheit und „the pursuit of happiness” wie sie damals Salé und die anderen Korsarenrepubliken boten, suchen heute Hunderttausende auf dem gleichen Weg übers Meer - nur in umgekehrter Richtung; doch sie sind nicht willkommene Fachkräfte, wie einst die christlichen Seeleute bei den „Türken”, sondern sie sterben zigtausend fach im Mittelmeer, dem neuen Eisernen Vorhang, der Europa von Staaten abgrenzt, die dem Individuum wenig Chancen lassen. Religion ist Subideologie, die den jeweils herrschenden Verhältnissen angepaßt wird. Wer aus Wilsons Buch folgert, ‘der Islam’ sei freiheitlicher und humaner als das Christentum, liegt falsch. Wir können und müssen beides hinter uns lassen. Die Zeiten ändern sich, und wir und unsere Ideen ändern sich in ihnen. Vielleicht erwacht ja demnächst sogar das deutsche Verlagswesen und beschert uns „ Christen Allahs” von Massimo Carlotto.

Peter Lamborn Wilson: Piraten, Anarchisten, Utopisten - Mit ihnen ist kein Staat zu machen, Karin Kramer Verlag, 2009

Massimo Carlotto: Christiani di Allah,  edizioni e/o, 2008

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