“Ah, er ist komisch” - Über den italienischen Schriftsteller Paolo Nori

Allgemein, Über Paolo Nori — admin on März 5, 2008 at 10:19

Ich finde ja nicht, dass es einen besseren lebendigen Schriftsteller als Paolo Nori gibt. Hierzulande ist es allerdings ein einsames Vergnügen, ihn zu lieben- wer kann schon italienisch? Und eine Zeitung oder Zeitschrift, die mir mein profundes Wissen abkaufen wollte, habe ich bisher noch nicht gefunden. ‘Nicht aktuell’ heißt es da immer - dabei veröffentlicht Nori pro Jahr mindestens zwei Bücher. Und da es also schwierig ist, als deutscher Nori-Spezialist auf dem Laufenden zu bleiben, biete ich hier mal eine frühe Fassung meines großen Paolo-Nori-work-in-progress-essays zur Ansicht an:

Es gibt Menschen, über die ich mehr weiß als über Paolo Nori. Gesehen habe ich ihn immerhin schon mal, vor ein paar Jahren bei einer Buchvorstellung im Italienischen Kulturinstitut in Berlin. Paolo Nori ist nicht sehr groß, hat einen Bart, trägt gerne Schiebermützen und graue Wolljacketts. Er sieht damit wahlweise und in seinen eigenen Worten aus wie ein englischer Jäger, ein Sizilianer, ein Sowjetagent, ein Anarchist oder schlicht wie ein Franzose. Er sieht auch so aus als ob er gern einen trinkt. Ich weiß von Paolo Nori, dass er 1963 in Parma geboren ist, dass er Russisch studiert hat und mal einen Job als Buchhalter in Algerien hatte. Und: In Italien ist er ein Star.
Als Nori im Italienischen Kulturinstitut aus seinem Buch „Bassotuba non c’è“ (‚Basstuba ist nicht da‘, auf deutsch bei Wagenbach unter dem Titel: Weg ist sie!) las, war die Stimmung zunächst heikel. Das war nicht die italienische Variante einer in die Jahre gekommenen Suhrkamp-Kultur, die Wagenbach sonst – verdienstvoll - über die Alpen bringt, das war etwas anderes; und erst ein Mitarbeiter des Italienischen Kulturinstituts löste das Rätsel, als er mitten in Noris Lesung rief: „Ah, er ist komisch!“ Es war wie an der Uni, nun da der Professor gesprochen hatte, lachte das Publikum mit. Trotzdem bereue ich es, dass ich nach der Lesung aufstand, Noris bei Einaudi erschienenes Buch erwarb und mich – unter bösen Seminaristenblicken – vor Diskussionsbeginn aus dem Staub machte. Ich hätte bleiben sollen, um mehr über Nori zu erfahren.
Einer, von dem ich mehr weiß als von Paolo Nori, heißt Learco Ferrari. Learco Ferrari ist um 1963 in Parma geboren, hat Russisch studiert und unter anderem als Buchhalter in Algerien gejobt. Zudem hat der Schriftsteller Paolo Nori in inzwischen sechs Romanen aus dem Leben Ferraris erzählt. In den ersten Büchern dieser Learco-Ferrari-Saga ging es nicht zuletzt darum, dass Ferrari beschlossen hatte, Schriftsteller zu werden, also Romane zu veröffentlichen und davon zu leben. In den folgenden Büchern wurde berichtet, wie ihm das gelang, es ging nun um den Literaturbetrieb, es ging immer ums Einkaufen, um Blähungen und Verbrennungen und natürlich um die Liebe, weswegen einer seiner Romane den bezaubernden Titel „Si chiama Francesca, questo romanzo“ (‚Er heißt Francesca, dieser Roman‘) bekam – eine Idee, die hiermit zum geistigen Diebstahl in Deutschland freigegeben ist.
Wer nun glaubt, bei Paolo Nori und Learco Ferrari handle es sich um die selbe Person, für diese Autobiographiegehalt-Frager hat Nori die folgende – gekürzte - Anekdote parat:

„Fast alle Leute, die mich auf die Sachen ansprechen die ich schreibe, die sind fast alle überzeugt, dass sie autobigraphisch sind, die Sachen die ich schreibe. Eine Freundin von mir, Christina, wenn ich der Sachen aus meinem Leben erzähle, dann sagt sie Das weiß ich schon. Oder sie sagt Stimmt doch gar nicht. Erinnerst du dich nicht mehr, was du in „Spinoza“ darüber geschrieben hast? Normalerweise erinnere ich mich nicht. Ich erinnere mich an Algerien, als ich in Algerien war, daran erinnere ich mich.
Als ich in Algerien war, da waren wir da dreihundert Italiener in den Bergen um eine Waschmittelfabrik zu bauen, immer allein in unserer Bungalowsiedlung, denn du konntest noch nicht mal mit einer Algerierin ausgehen, denn da in den Bergen mögen sie die Europäer nicht, wenn du mit einer Algerierin ausgegangen bist, dann wurden sie zornig, die Algerier da in den Bergen. Die Polizei hielt dich an, sie fragten dich Wohin gehst du mit dieser Algerierin? Spazieren, sagtest du ihnen. Komm Komm, sagte die Polizei, deine Spaziergänge, die kannst du mit uns machen, die Spaziergänge.
Also in dieser Siedlung jeden Abend mit den selben Leuten, man wußte nicht mal mehr was man erfinden sollte. Also erinnere ich mich an einen Abend, da kam einer an, gerade aus Italien wieder da, der sagte uns, Leute, in Italien haben sie einen phantastischen Apparat entdeckt. Einen tollen Apparat, die Wissenschaft hat riesige Fortschritte gemacht, während ihr hier in diesen Bergen seid, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Was haben wir denn verpaßt, fragten wir, in diesen Monaten hier in den Bergen?
Dieser Apparat, sagte uns der, der gerade aus Italien zurückgekommen war, das ist ein Apparat aus Metall mit einem großen Trichter, der zu einer Box führt, und in der Box da ist ein Haufen Neutronen und Elektronen, ein Haufen Plättchen und Bluttransfusionen und Enzephalogramme, ein Haufen wahnsinnig kompliziertes Zeug, man denkt, der Apparat hat noch ganz andere Funktionen, aber das braucht man alles für diese eine, wirklich verblüffende Funktion dieses wunderbaren Apparats. Und jetzt möchtet ihr die verblüffende Funktion dieses wunderbaren Apparats wissen, sagte der, der gerade aus Italien zurückgekommen war.
Genau, sagten wir.
Dieser Apparat, sagte er uns, da steckst du in den Trichter Salami rein, Schinken, Pressack, Bürstenborsten und nach einer Viertelstunde kommt auf der anderen Seite das lebendige Schwein raus, sagte uns dieser Vollidiot.
Also die Romane, für die bräuchte man auch so einen phantastischen Apparat, um vom Roman auf das Leben von dem zurückzukommen, der den Roman schreibt, nur verstehen das die Leute nicht, die Leute brauchen nur eine gedruckte Seite zu sehen, dann glauben sie sofort daran, an das was sie sehen.“

Nicht leicht nach einer solchen Passage stringent weiter zu beschreiben, was Paolo Nori ausmacht. Nori ist innerhalb der italienischen Literatur ein Revolutionär der wirklich gesprochenen und zugleich höchst künstlerisch rhythmisierten Sprache. Er ist in Tat und Wort der Lesebühnen-Autor der italienischen Szene. “Würde Italo Svevo heute schreiben, hieße er Paolo Nori”, sagt einer der bekanntesten italienischen Gegenwartsautoren, Luigi Malerba. Wie Svevo macht Nori aus Nichts etwas, und die Spannung, der Suchtfaktor seiner Bücher ist eben, dass dieses Nichts alltägliches Leben ist, jenseits einer angeblichen Medien-Gesellschaft, die den auf sie sich Berufenden schon längst zur tief reaktionären Ausrede verkommen ist, sich nicht mehr mit dem wirklichen Leben der Menschen in europäischen Städten abgeben zu müssen. Der sonst wenig angetane Rezensent der Neuen Zürcher Zeitung sah hier jedenfalls klar: „Stromrechnung, Katzenfutter, Miete, die ewige Rechnerei, die «dreizehntausend Lire» fürs Essen pro Tag, die Suche nach dem billigsten Supermarkt mit der «Pasta für sechshundertfünfzig» - so lebt ein Viertel der Menschen in einer der reichsten Regionen Europas.“ Der Mut, nicht jeden Morgen oder Mittag wimmernd vor diesem Alltag in die Knie zu gehen, kann nur aus dem Humor kommen. Und nur ein genialer Arrangeur wie Nori kann aus diesem Material eine Saga machen. Seinem bisher letzen Learco-Ferrari-Buch „Gli scarti“ (‚Makulatur‘) hat Nori folgenden Wunsch mitgegeben: „Für diesen Roman wünsche ich mir, dass man sagt Das ist ein Roman über Computerfußball, der auch Leuten gefällt, die sich nicht für Computerfußball begeistern.“
„La mia casa editrice, sono proprio simpatici, la mia casa editrice“ (Mein Verlag, die sind wirklich sympathisch, mein Verlag): So ähnlich eröffnet Nori immer die Absätze, in denen er in „Gli Scarti“, das bei Feltrinelli erschienen ist, mit seinem bisherigen Verlag Einaudi abrechnet, Passagen glänzender, lustigster Polemik. Natürlich ist Nori, der dem italienischen und sonstigen Polittheater in seinen Büchern so gut wie keinen Platz einräumt dabei ein Moralist. In jeder menschlichen Beziehung, ob intim, freundschaftlich oder geschäftlich gibt es einfache, fundamentale Regeln, gegen die die sympathischen Manager von Einaudi skrupel- und besinnungslos verstoßen und diese Amoralität mit weltgewandten Anglizismen meinen kaschieren zu können. Wer also in Deutschland sich als nächster an Nori versucht – denn Wagenbach wird weitere Übersetzungen „eher nicht“ vorlegen -, wird damit rechnen müssen, gewogener und vielleicht zu leicht befundener Teil des Learco-Ferrari-Universums zu werden. Aber wenn man sich nicht allzu fies anstellt, kommt man sicher gut weg – eben ganz wie im richtigen Leben.

ROMANE VON PAOLO NORI:
Le cose non sono le cose (Die Dinge sind nicht die Dinge), Fernandel, 1999.
Bassotuba non c’e`, Spinoza, Diavoli (Teufel), Grandi ustionati (Schwere Verbrennungen), Si chiama Francesca, questo romanzo, alle: Einaudi Stile libero 1999-2002.
Gli scarti, Feltrinelli, 2003
Pancetta, Feltrinelli, 2004
Weg ist sie! (Ordentlich, aber verfehlt) Übersetzt von Olaf Matthias Roth, Wagenbach, 2000

Alle Zitate von Paolo Nori übersetzt von Ambros Waibel

[in generale]

Über Paolo Nori — admin on November 12, 2007 at 09:09

Io sbagliare sbagliero` molto, ma la mia forza, se si puo` chiamar forza, che ricomincio sempre da capo.

Fehler machen, ich mache wohl viele Fehler, aber meine Stärke, wenn man es Stärke nennen kann, ich beginne immer wieder von vorn.

Paolo Nori: “La vergogna delle scarpe nuove”, Bompiani 2007

Un periodo

Über Paolo Nori — admin on November 6, 2007 at 09:55

Che io veramente, avevo pensato, c’e` stato un periodo, io non lo so cosa mi ero successo, io passavo le notti a guardare per terra con gli occhi sbarrati e quando mi parlava la gente cercavo anche di essere simpatico, c’e`stato un periodo che di giorno io cercavo di scappare da tutti e quando restavo da solo mi sedevo per terra con gli occhi sbarrati io lo so cos’ avevo, avevo qualcosa di brutto chissa` se ritorna, magari ritorna, secondo me pensarci son sicuro ritorna ma dipende da me, e`tutta questione di volonta, avevo pensato.

Weil ich, wirklich, hatte ich gedacht, es gab eine Phase, ich weiß nicht, was mir passiert ist, ich starrte die ganze Nacht auf den Boden die Augen sperrangelweit offen und wenn mich jemand ansprach versuchte ich auch nett zu sein, es gab eine Phase da versuchte ich tagsüber jeden Kontakt zu vermeiden und wenn ich allein war setzte ich mich auf den Boden die Augen sperrangelweit offen , ich weiß was ich hatte, ich hatte was scheußliches wer weiß ob es wiederkommt, vielleicht kommt es wieder, meiner Meinung nach, ich glaube ich bin sicher, es kommt wieder, aber es hängt von mir ab, es ist alles eine Willensfrage, hatte ich gedacht.

Paolo Nori: “I quattro cani di Pavlov”. Bompiani, 2007

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