Vorletzter Spieltag, 3. D, SC Berliner Amateure

Allgemein, Sportjournalismus — admin on Dezember 1, 2012 at 01:09

Die Ausgangslage war schwierig: Einerseits hatte ich am Freitag taz-Weihnachtsfeier gehabt - und da weiß man nie, wo sie endet. Weil aber Trainerkollege A. und ich den Spielern mündlich und per Mail das Ausgehen - sprich die bei Zwölfjährigen gerade sehr angesagten Übernachtungspartys - verboten hatten, zog auch ich um 1 Uhr im Sanderstübel in Neukölln die Reißleine und verabschiedete mich: Eine so tolle 3. D-Jugend wie unsere vom SC Berliner Amateure hat Anspruch auf einen Coach ohne Restalkohol.

Als ich dann Punkt 11 Uhr in der Körtestraße stand, sah ich schon an den ausgeschlafenen Gesichtern, dass heute viel drin war. Auch ein freundlicher Vater hatte sich eingefunden, der, obwohl er gleich noch mit dem kleinen Sohn zu einem anderen Spiel musste, einen Teil der coolen Gang nach Friedenau kutschierte. Ein Hoch auf ihn!Aber dann fehlte plötzlich S., unsere hängende Spitze, die bisher in jeder Partie mindestens einen Treffer erzielt hatte. Also fuhren die Autos schon mal los, und ich wartete, bis ein atemloser S., die klackenden Kunstrasenschuhe an den Füßen, angerannt kam. Wir joggten weiter zum Südstern, um in die U7 zu steigen, da sahen wir das Schreckenswort aller Berliner: Schienenersatzverkehr!

Aber wir bleiben ruhig, und um 12.15 Uhr stand S. dann mit den anderen in unseren schönen weißen Dressen auf dem Platz in der Wiesbadener Straße. Die erste Hälfte der ersten Hälfte ging vom Spielerischen klar an den Gegner, den vorbildlich gastfreundlichen Friedenauer TSC.

Aber Kollege A. hatte vorgesorgt. Wir spielten mit verstärkt defensivem Mittelfeld - call it Doppelsechs - und dann kam natürlich auch noch das Quäntchen Glück hinzu. Und so stand es eben doch plötzlich zur Pause 3:0 für uns! Die genaue Torfolge habe ich gar nicht mehr in Erinnerung, denn wenn man gleichzeitig Trainer, Linienrichter und Fußballvater ist, dann kommt man schon mal durcheinander. Hatte also der Sohn mit seinem Sololauf den Bann gebrochen? Oder war es der über die Mauer genau in den linken Winkel gezirkelte Freistoß von O. gewesen? Oder doch eher das hart erkämpfte Tor unseres Mittelstürmers H.?

Nach der Pause das gleiche Bild: Friedenau spielt feinen Fußball, drückt, macht aber nur ein Tor und wir zwei. Doch was passiert jetzt? Alle Verteidiger wollen nach vorne, Mittelfeld und Sturm stellt die Arbeit nach hinten ein. 5:2. Dann 5:3. Ich fange an rumzuschreien. Aber ich habe kein Déjà-vu. Denn ich habe in dieser Saison noch kein sogenanntes Profispiel geguckt, also auch nicht das berühmte Schweden-Unentschieden: Das Leben ist so viel besser ohne den Mattscheibenfußball. Und dann schießen wir noch ein Tor. Und der Schiri pfeift ab. Er ist 12 und souverän.

erschienen in taz, 26.11.12

München bleibt blau oder Schöne Effizienz, dein Name ist Drogba: das Champions-League-Finale

Allgemein, Bavarica, Sportjournalismus — admin on Mai 21, 2012 at 21:22


»Ich weiß nicht, ob ich das aushalte«, sagte mein sechsjähriger Sohn vor Beginn des Spiels. Er hatte allerdings einen gefühlt einstündigen Werbeblock in der Birne und einen Vater vor sich, der den ganzen Tag mit ihm nichts Rechtes auf die Reihe bekommen hatte. Der Sohn zog sich also ins Spielzimmer zurück und war sich in dieser weisen Entscheidung einig mit der Frau der Stunde, der dummen und häßlichen (das wird man ja wohl noch sagen dürfen) Frau Homburger von der FDP: »Das guck’ nicht. Ich hasse Bayern München«, hatte die FDP-Frau der dpa gezwitschert und damit eine Menge dumpfer Gefühle auf sich gezogen.

Warum eigentlich? Ist nicht Tobias Thalhammer, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion in Bayern, selbst der inzwischen allgegenwärtige »Vollpfosten«, wenn er rhabarbert, Homburger habe ohne Nachdenken »Millionen bayerische Fußballfans in ganz Deutschland beleidigt«? Seit wann darf man nicht mehr Bayern München hassen? Seit wann kann ein FDP-Mitglied irgendwen beleidigen? Und was sind »bayerische Fußballfans in ganz Deutschland«? Spielte am Samstag abend die Nationalmannschaft des Freistaates? Oder - horribile dictu - eine Art kleine Nationalmannschaft des Esofußballbadensers Jogi Löw?

Nein, die Sache ist einfacher: »München bleibt blau« simste Freund Löwe und Kollege Rüttenauer mir Sekunden nach Drogbas trockenem Schuß zum Gewinn der Champions League aufs Mobiltelefon: und ich simste, mit der anderen Hand die Tränen des großen Sohnes trocknend zurück: »Für den Spruch hast’ aber lang warten müssen.«

Der FC Bayern München repräsentiert nicht unseren freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland - das macht inzwischen die Fun- und Wir-sind-Fußball-Sturmtruppe Borussia Dortmund. Der FCB ist ein elitär-alteuropäischer Club, der für die Hälfte der dummen, aber lustigen Stadt München steht und für das Baumarkt-und Baywa-Reservat zwischen Böhmerwald und Lech. Und mit Chelseas Rentnergang hatte man im Finale »dahoam« den genau passenden Gegner. Das Spiel war ein Abschied in mancherlei Beziehung: Von einer »verkorksten« Saison, in der Fußball immer war, wenn Bayern 90 Minuten angreift und am Schluß verliert. Endgültiger Abschied somit von Louis van Gaals Fußballstalinismus des Ballbesitzes. Abschied von der Idee des alles entscheiden könnenden Doppelstars à la RibRobb. Abschied bitte überhaupt von holländischen Elfmeterschützen. Persönlicher Abschied aber auch: Immer öfter besuchte ich den Sohn und Obi-Wan-Kenobi im Spielzimmer, trank Slivowitz in der Küche, rauchte in der lauen Nacht auf dem Balkon und dachte, wie es wäre, mit der Süßen nun im Bett zu liegen und gemeinsam in den ungemein violetten Himmel zu blicken.

Aber die Süße war an der See und sogar da, schrieb sie mir später, weinten die Menschen. Sollen sie, dürfen sie. Chelsea war besser, spielte ungemein lässig, leicht und locker, hielt die gut 85 Minuten bis zu Thomas Müllers Tor die Ordnung, um dann mal eben kurz umzuschalten und rappzapp einen reinzuhauen: Schöne Effizienz - dein Name ist Drogba.

Bayern kann keine Ecken und keine Standards, Bayern kam viel zu selten in den Strafraum. Bayern war kurz gesagt, der »Vollpfosten« des Abends, der letztlich überflüssig war. Deswegen hier die Bitte an Frau Timoschenko: Legen Sie sich ein wenig mehr ins Zeug, dann bleibt uns der Zirkus in der Ukraine und in Polen vielleicht erspart; und der Sommer kann endlich beginnen.

Statistik

Bayern München - FC Chelsea 1:1 (0:0, 1:1) n.V., 3:4 i.E.

München: Neuer - Lahm, Timoschtschuk, Boateng, Contento - Schweinsteiger, Toni Kroos - Robben, Thomas Müller (87. van Buyten), Ribery (97. Olic) - Gomez

Chelsea: Cech - Bosingwa, David Luiz, Cahill, Cole - Mikel - Lampard - Kalou (84. Torres), Mata, Bertrand (73. Malouda) - Drogba

Tore: 1:0 Thomas Müller (83.), 1:1 Drogba (88.)

Elfmeterschießen: 1:0 Lahm, Neuer hält gegen Mata, 2:0 Gomez, 2:1 David Luiz, 3:1 Neuer, 3:2 Lampard, Cech hält gegen Olic, 3:3 Cole, Schweinsteiger schießt an den Pfosten, 3:4 Drogba

Besonderes Vorkommnisse: Cech hält Foulelfmeter von Robben (95.)

Torschüsse: 39:9

Ecken: 20:1

Ballbesitz: 54:46 Prozent

erschienen in “junge welt”

FC Bayern München: Die Ketten sitzen fest

Allgemein, Sportjournalismus — admin on März 18, 2012 at 01:12

Goethe, warum nicht? „Schüttelt nur an Euren Ketten, der Mann ist Euch zu groß - Ihr werdet sie nicht zerbrechen”, maulte der Großdichter 1813, als ihm der patriotische Taumel der jungdeutschen Taliban doch etwas zu viel wurde. Wo er mit Napoleon leider nicht recht hatte, die Neo-Germanen gewannen und zogen ihre gnadenlos romantische Selbstverwirklichung bis 1945 durch. Dem FC Bayern blüht das Schicksal des großen Kaisers nicht. Das Publikum der Kleinvereine im Ruhrgebiet, früher auch in den Hansestädten oder sogar in abgelegenen Gegenden wie der Pfalz, lechzt zwar immer nach der finalen Erniedrigung der rot-weißen Bazis - aber nach dem grandiosen 7:0 Sieg vom Dienstagabend gegen angstgelähmte Schweizer sind die Ketten wieder festgezurrt: Nur ein deutscher Verein spielt international mit; und die einzige Konkurrenz im Land selbst, ist kein Club, sondern die Fußballnationalelf von Jogi Löw.

Und wenn Bayern nicht Meister wird? Nun, who gives a fuck? Die Münchner müssen ökonomisch gesehen Champions League spielen, der Meistertitel ist nur für den Bluthochdruck von Uli Hoeneß wichtig. Und nachdem in diesem Jahr vier Plätze (inklusive Qualifikationsplatz) für die Bundesligisten bereitstehen, ist all der Rummel, der in den letzten Wochen geschrieben und gesendet wurde, eben nur das: Die ewige Bayern-Show.

Wenn man im Pressebereich der Allianz-Arena seinen Edel-Junk-Food runterschlingt, dann hat man Gelegenheit, die nüchterne Version der Dinge zu hören, nicht das Zeug für die Gäste: Selbst wenn bei Bayern alles ruhigst und erfolgreichst läuft, muss dem Affen Publikum wieder und wieder Zucker gegeben werden. Mainstream-Sportberichterstattung setzt immer auf die gleiche alte Leier, die gleichen unerzogenen Gefühle, den manchmal tatsächlich enorm dumpfen Hass der sogenannten Underdogs gegen den Rekordmeister.

Dass der Verein von der Säbener Strasse dabei grundsätzlich ein Strukturproblem hat, ist klar. Denn wer möchte schon Christian Nerlingers (geboren 1973 - in Dortmund!) Job als Sportdirektor machen, eingeklemmt zwischen den betagten Rotweinfreunden Hoeneß und Heynckes? Und gewiss war Louis van Gaal auf der Borderline zu Hause, aber vor allem war er nicht gewillt, sich den Zentralkomitee der Bosse unterzuordnen.

Dabei ist die Revolution des Münchner Spiels ganz allein sein Verdienst - oder sehnt sich jemand nach den Dusel-, Riegel-, und Aggrobayern der Ära Kahn? Man sehe sich das CL-Finale 2001 gegen Valencia nochmal an: So spielt heute nur noch Augsburg. Das Bayern-Spektakel wird also weitergehen - jedenfalls bis sich das große Geld doch mal entscheidet, in Berlin einen echten, verhassten Hauptstadtclub zu finanzieren. Aber im romantisch-provinzverliebten Deutschland kann das noch dauern.

taz, kürzlich

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