Otto Rehagel in Berlin: Fußballtennis, keine Tore

Allgemein, Sportjournalismus — admin on Februar 24, 2012 at 21:59

Als hätte der Herrgott selbst eingegriffen! Beim Einstand des neuen Chefs am Dienstag öffnete er noch einmal die Schleusen zum hoffentlich letzten Schneegestöber dieses Winters. Klein, hart und gut frisiert sah König Otto seinen Männern zu, “die Trainerlegende überwachte sogar jeden Liegestütz”, dichtete die BZ und verkündete “Schluss mit Weicheitraining”.

Tags drauf ist alles anders auf dem Trainingsareal von Hertha BSC im Westend. Der Tag ist, wie der Berliner schon mal sagt, “ein Träumchen”, die Vögel zwitschern, eine laue Brise weht aus Südwest - in den Südwesten müssen sich die Berliner orientieren.

Am Samstag im Spiel gegen Augsburg darf jedenfalls keine Niederlage her. “Letztes Jahr in der 2. Liga war es ein Spitzenspiel”, sagt Stürmertalent Pierre-Michel Lasogga nach der Trainingseinheit, “dieses Jahr ist es ein Kellerduell”. Und da hat er unbedingt recht.

Ein paar Kopfbälle - spielentscheidend

Die Stimmung stimmt auf jeden Fall, sagt Lasogga, man hat Spaß beim Üben, sagt auch Lewan “Kobi” Kobiaschwili, aber “vom Fussballtennis schießt man keine Tore”. Und was hat ihnen Rehhagel gesagt, als er sie in der Mitte der 90-minütigen Trainingseinheit zusammenrief beziehungsweise -pfiff? Die gut 150 Kiebitze am Spielfeldrand - doppelt so viele wie sonst - haben ja nur gesehen, wie er auf Zuwurf von Co-Tainer René Tretschok ein paar Kopfbälle gemacht hat. Dass gutes Kopfballspiel Spiele entscheidet und dass man das am besten schon als kleiner Junge lernt, zitiert Lasogga seinen neuen Trainer.

Ja. Hm. Warum nicht? Rehhagel muss ja nicht das neuerdings hochkomplexe Amt des Bundespräsidenten bedienen. Er will und soll nur die alte Dame Hertha retten, jene Großinstitution, die sich bislang am stursten der Hauptstadtrolle Berlins verweigert und auf Westberliner, wenn nicht Spandauer Niveau verharrt.

Obwohl: Die Neuköllner Straßenreinigung funktioniert noch schlechter als das Management vom BSC - das jetzt erstmal aus der Schusslinie sei, heißt es bei den Fans am Spielfeldrand. Michael Preetz, der sich den Sport-Bild-Ehrentitel “schlechtester Manager der Bundesliga” nicht umsonst eingefangen hat (”Da sind auch Fakten dabei, die zutreffen”, kommentierte gewohnt zungenfertig Ex-Ex-Trainer Markus Babbel), hat mit Rehhagel zumindest den fetten Köder gesetzt. Die Medien schlucken ihn gierig runter - so wie FDP-Chef Rösler es mit Gauck gelungen ist.

Rehhagel muss dafür gar nichts tun. Und er tut auch nichts, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, hier und heute. Außer sich ausgiebig die bemerkenswert dunkle Haarpracht zurechtzurücken. Wie ein von vielen Schlachten gebeugter Bismarck huscht er in Trippelschritten über den Platz, guckt milde und entzieht sich bei Trainingsende der Presse und den Fans - man soll dem Affen ja nicht zu viel Zucker geben.

Redet miteinander

Es ist so hübsch hier bei diesem lockeren Vormittagskick, weil alles normal zugeht, ohne das ganze Aufputschbrimborium. Es ist wie bei der D-Jugend, nur dass statt “Jungs” der Ruf “Männer” über den Rasen schallt - und statt “Hört auf zu quatschen!” heißt es hier bei den Profis “Redet miteinander!” Es wird viel gelobt, gelacht und gejauchzt - aber ob die Laune authentisch gut ist, weiß wohl niemand.

Laune ist letztlich ergebnisabhängig - vor allem, weil Hertha in der Saison 2009/10 ja schon mal mit ansehnlichem Fußball abgestiegen ist, nachdem sie Trainer Favre entlassen hatte, der heute mit Gladbach um Meisterschaft und Champions-League-Einzug spielt.

Der alte Mann also, der die Griechen mit Berliner-Mauer-Fußball zum EM-Titel brachte und zu dessen aktivem Sprachschatz noch das Wort “Libero” gehört; der keine Mütze trägt, wie es die Hard-boiled-Generation Ronald Reagan und folgende eben hält; der es einen Kabinenapplaus wert findet, dass er mit seiner Frau Beate seit fast fünfzig Jahren verheiratet ist. Und plötzlich, während man zurück ins Zentrum einer Stadt fährt, die gut drei Erstligaclubs vertragen könnte, da denkt man, das klappt: Mit dem Otto und der Hertha. Muss ja.

taz

Louis van Gaals Biografie: Der Mann, der alles kann

Bavarica, Sportjournalismus — admin on März 6, 2011 at 13:32

Wer ist Louis van Gaal? Diese Frage beantwortet Louis van Gaal am liebsten selbst: Louis van Gaal ist ein großer Fußballlehrer. Das steht auch in seiner kiloschweren Biografie.

Es war im Oktober letzten Jahres, als Louis van Gaal seinen gewichtigen Doppelbänder “Biographie und Vision” auf dem Rasen der Arena von Ajax Amsterdam vorstellte. Vor 500 geladenen Gästen erzählte er, dass er dieses Buch seit 2003 geplant habe, also wohl nach seinem gescheiterten zweiten Engagement in Barcelona. Zum Zeitpunkt der Präsentation hatte der von ihm seit dem Sommer trainierte Rekordmeister Bayern München gerade den schlechtesten Saisonstart seit 43 Jahren hingelegt.

Vielleicht fand sich deswegen in der versammelten Fußballprominenz - darunter Ronald de Boer und Patrick Kluivert - kein einziger Offizieller des FCB mit Ausnahme von van Gaals Ko-Trainer Andries Jonker, den er inzwischen nicht unkokett immer mal wieder als seinen Nachfolger in München ins Spiel bringt, obwohl Jonker als Chefcoach bisher keine Erfolge vorzuweisen hat. Und last, not least: In Amsterdam wurde natürlich die holländische Version vorgestellt. Wer kann oder konnte schon Holländisch in München?

Doch seit van Gaals Bayern am 24. Spieltag der vergangenen Saison erstmals nach über eineinhalb Jahren wieder an der Spitze standen, seit er das Double gewonnen und das Finale der Champions League erreicht hat und schließlich als erster Ausländer zum Trainer des Jahres gewählt wurde, war der Holländer so etwas wie der Heilsbringer und große Modernisierer des deutschen Fußballs geworden - bis Bayern-Manager Uli Hoeneß Ende Oktober dem von ihm engagierten Rotweinliebhaber kräftig in die späte Blüte seiner Karriere grätschte.

Seitdem scheint es äußerst zweifelhaft, dass van Gaal seinen bis Juni 2012 laufenden Vertrag erfüllen wird. Denn er macht überhaupt nicht den Eindruck, als habe er Spaß daran, dass jedes Match für ihn zum Schicksalsspiel wird; am Dienstag gegen den AS Rom in der Champions League darf er es einmal etwas entspannter angehen lassen, weil die Bayern ja schon mit vier Siegen in vier Partien in der Zwischenrunde sind.

Der Nachdemütigungs-van-Gaal sieht im Gegenteil aus wie jemand, der innerlich gekündigt hat und nur noch auf die richtige Gelegenheit wartet, dem Bayernboss zum Abschied kräftig einen einzuschenken - ein Abschied, der ja erklärtermaßen einer vom Vereinsfußball sein wird. Sieht man es so, dann geht die Ära van Gaal an der Säbener Straße schon wieder ihrem Ende entgegen - und die nun erschienene, um das Bayernabenteuer erweiterte deutsche Ausgabe seiner Lebens- und Fußballbilanz darf als sein Bundesligavermächtnis gelten.

Ist es gelungen? Ist es nicht, jedenfalls der biographische Teil. Dass van Gaal ein Fußballverrückter und Fanatiker ist, war bekannt und ist schön und gut. Man kann die zugehörigen Anekdoten auch mit einigen Amüsement lesen - solange man sie nicht schon in einem anderen Medium mitbekommen hat, der Mann ist ja nicht sparsam mit seinen Äußerungen. Nein, van Gaal ist nicht einfach ein egozentrisches Alphatier, er hat einen dem Tourette-Syndrom vergleichbaren Zeige- und Aussprechtick.

Nicht umsonst diktierte er den Bild-Zeitungsleuten einst ins Schmierblatt, er habe im Besprechungsraum der Mannschaft einmal die Hosen runtergelassen, um zu beweisen, dass er nicht wegen seines Egos, sondern allein für die Mannschaft Auswechslungen vornehme. Was er damit wohl sage wollte? Hatte er tatsächlich den Jungs seinen vermutlich gewaltigen Bommel gezeigt?

Man kann das auch positiv nehmen und dem Holländer zwanghafte Ehrlichkeit attestieren. Er hat keine Lust, zu lügen, sich zu verstecken. Muss er auch nicht, denn wo er ist, ist er Chef. Dieses “Ecce Homo” hat etwas Katholisches - und Aloysius Paulus Maria Van Gaal ist ein vom Glauben abgefallener Katholik.

Das hätte nun ein sehr spannendes Analysebuch abgegeben, aber “Biographie” ist kein Buch zum Lesen, sondern eins zum Blättern, eine Hochglanz-Festschrift, ein echtes Coffee-Table-Book, ein Bayern-Fan-Accessoire. Es ist einfach zu mühsam, aus der Fülle der Familienfotos, Zwischenüberschriften und Geschichtchen das Wesentliche herauszufiltern.

Die Mühe lohnt sich etwa im sechsten Kapitel, in dem van Gaal beziehungsweise der niederländische Sportjournalist Robert Heukels, der den Text mit ihm geschrieben hat, die Zeit als Sportlehrer - van Gaals erlernten Beruf - beschreibt. Von 1977 bis 1988 unterrichtete van Gaal an der katholischen Berufsschule Don Bosco in Amsterdam: “Von 8 Uhr früh bis 2 Uhr nachmittags unterrichtete ich, und um 15.30 Uhr begann bei Sparta (Rotterdam) das Training. […] In dieser Zeit habe ich mein Auto aus reiner Übermüdung drei- oder viermal in die Leitplanken gesetzt.” Und warum die Hetze? “Ich wollte sein, was ich studiert hatte. Das Leben als Fußballprofi fand ich schon deswegen hohl, weil ich nicht immer spielte.”

Wenn das Anatolij Tymoschtschuk mal gelesen hätte! Man glaubt die Erinnerungen der ehemaligen Schüler, dass van Gaal ein guter, ja ein begeisternder Lehrer war. Und natürlich finden sich auch die sattsam bekannten Ausfälle, alle ehrlich aufgeschrieben, ob van Gaal nun ein Mädchen in den Hintern tritt, weil der Ball aus ihrem Spielfeld in der abgeteilten Turnhalle auf das von ihm bespielte rollt (der Fall sorgt für Aufregung, wird aber dann zu den Akten gelegt) bis hin zum Eigenlob: “Der ist fantastisch”, er selbst, klar.

Er ist, wie er ist

Und van Gaal ist ja auch ein großer Fußballlehrer. Das zeigt sich im zweiten Band “Vision”, der weniger überladen und grafisch aufgeblasen ist. Van Gaals Stärke ist, dass er spielen lässt, wie er ist: “Die Mannschaft, die den Ball hat, bestimmt!”

Van Gaals Schwäche ist, dass er spielen lässt, wie er ist: Als er im Champions-League-Finale gegen seinen ehemaligen Schüler Mourinho antrat, hätte er wissen müssen, dass man gegen Inter nicht der Jäger ist, sondern der Gejagte oder zumindest der Abwartende. Mit van Gaals Ansatz entsteht schöner, aber durchaus nicht immer erfolgreicher Fußball - in Italiens Serie A jedenfalls hat er mit gutem Grund nie gearbeitet.

Es ist überhaupt interessant, wie van Gaal das Thema Mourinho behandelt. Sein Credo für seine Mitarbeiter ist ja: “Man muss den Leuten beibringen, so zu sehen, wie man es selbst gern möchte.” Mourinho aber hatte und hat “eine völlig andere Persönlichkeit und sieht deswegen ganz andere Details, und auch seine Arbeitsweise unterscheidet sich von meiner.” Van Gaal schätzt Mourinho sehr, man schreibt sich SMS. Und dann so ein Satz: “Alle Spieler, mit denen er zusammengearbeitet hat, reden nur gut von ihm. […] Mourinho ist also offenbar sehr menschlich.”

Van Gaal weiß nicht, wie Mourinho ist. Er ist ihm fremd geblieben, was zugespitzt bedeutet: Van Gaal versteht nicht, wie ein anderer Mensch, der denselben Beruf wie er ausübt, also weder in der Hierarchie unter ihm steht noch von einem anderen Fach ist, trotzdem ein großer, was Erfolge angeht, sogar ein größerer Trainer als er selbst sein kann. Van Gaal versteht nicht, wie man nicht van Gaal sein kann. Das ist psychologisch gedeutet, aber hier geht es immer noch um Fußball.

Wenn Louis van Gaal in seinem Ferienhaus in Portugal demnächst seine Ruhe hat, schreibt er vielleicht eine kleine Fußballschule auf 100 Seiten. Dieses Buch müsste man dann haben.

taz, 22.11.2010

Komm mal runter, Westdeutschland!

Sportjournalismus — admin on November 1, 2009 at 21:52

Mein Westdeutschland beginnt immer kurz hinter Nürnberg. Ich sitze mit drei Kindern im Zug von Berlin nach München, zwei Buben, ein Mädchen - zum Glück trägt es kein Kopftuch. Aber das ist jetzt polemisch. Die Leute sind ja sehr nett. Nur fühle ich mich plötzlich so besonders. Und natürlich wissen die Menschen hier gar nicht, dass in Berlin Ferien sind. Ich werde behandelt wie ein rohes Ei, ein offensichtlich beschädigtes, beschäftigungsloses Ei. Denn wieso säße sonst ich, ein weißer, super aussehender und gepflegt gekleideter Mann in den besten Jahren, mit drei nicht unanstrengenden Kindern im Zug anstatt an meinem Arbeitsplatz? Wo ist das Muttertier, ist die Frage, die im ICE-Gang steht. Ich träume von einem T-Shirt mit der Aufschrift: “Die Assi-Mutter dieser Gören hat sich totgesoffen und gehurt.” Aber erstens ist das zu lang, zweitens trage ich keine T-Shirts mit Aufdruck und drittens - wie soll ich sagen: Muss die Gegenwart denn tatsächlich immer der Vergangenheit entgegenkommen? Ich meine: Ich komme aus Berlin-Neukölln, der spannendsten Gegend, die dieses Land zu bieten hat. Ich bin nicht der Pfarrer oder Psychotherapeut von Altdeutschen, die mit dem modernen Leben nicht Schritt halten können.

In der Münchner U-Bahn ist dann alles verschärft. Hier regiert der Lodenrentner. Die Kinder kriegen mal hier, mal dort einen Regenschirm ins Gesicht gesteckt, eine Hofpfisterei-Tüte zwischen die Beine geschlagen, einfach so und kommentarlos. Wenn überhaupt eine Regung in den vernagelten Gesichtern auszumachen ist, dann diese: Was machen Kinder, noch dazu fremde, noch dazu mit Koffern, in unserer U-Bahn? Warum leben sie nicht im Bayerischen Wald, wo sie schmutzen können, wie sie wollen? Mehr militante Kinderhasser als im Millionendorf gibt es wohl nirgends auf der Welt - und die wenigsten von ihnen tragen Baseballkappen.

Nach einer Woche auf Heimatbesuch bin ich völlig erledigt. Nicht nur, dass es hier für alles rigide Regeln zu geben scheint - die Regeln sind auch noch dumm. Ich will nur wieder heim, heim nach Neukölln. Denn nicht auf den Bergen liegt die Freiheit, wie das alte bayerische Volkslied behauptet, sondern dort, wo Ratten hausen und Schmeißfliegen um Müllhaufen schwirren; wo der FAZ-Kommentator nur mit entsicherter Waffe sich durchzukämpfen traute; wo ich meine Zigarette auf den Boden werfe, den Sperrmüll vor die Tür stelle, wo ich die breiten Trottoirs in völlige Dunkelheit gehüllt mit meinen Kindern entlangradle. Welch tiefer Frieden herrscht hier, welche Leichtigkeit des Seins, welch Freiheit!Ich muss sagen: Genauso wollte ich immer leben, in einer bis zur Gleichgültigkeit toleranten, allen provinziellen Mief gnadenlos zermalmenden Metropole, wo Männer tagsüber versonnen auf dem Spielplatz abhängen, während ihre spitzenmäßig ausgebildeten Frauen sich in Kanzlei oder Redaktion selbst verwirklichen. Wahrscheinlich bin ich auf dem islamistischen Auge blind, bin ein vergnügungssüchtiger (allein die unmittelbare Nachbarschaft bietet mehr als ganz Stuttgart) Neobürger der Generation Golf - aber wo bitte soll ich hier ein Neukölln ein Problem haben? Was sollte mir hier Angst machen? Der tapfere Niederbayer Dominik Brunner wurde in München totgeschlagen, die Umstehenden verließen sich auf das berüchtigte harte Hinlangen der bayerischen Polizei. Aber wie weiter, wenn die Schandis zu spät kommen? Wenn man - was man in Berlins Innenstadt- und Szenebezirken dann doch lernt - die Augen offen halten muss, die Situationen antizipieren? Dass die Münchner Bürger ihre Hände in den Taschen ließen - das ist verständlich. Aber wo waren ihre Augen? Wo war ihr Herz?

Wahrscheinlich bei Thilo Sarrazin. Meine Mutter fragt mich am Mobiltelefon nach ihm, als ich vorbei an mit schwerer Zunge berlinernden Alkoholkranken eine von Bauspekulanten ruinierte Straße in Kreuzberg entlanghüpfe (Peter Fox: “Überall liegt Scheiße, man muss eigentlich schweben”), um meine Kinder aus Hort und Kita abzuholen.

Sarrazin, der mit dem Golfclub, sage ich, der Verprasser öffentlichen Eigentums? Aber so mag ich mit meiner Mutter gar nicht sprechen. Also sage ich, dass ich nicht weiß, wovon Sarrazin redet, den einzigen heiligen Krieg, den die armen Alkis, an denen ich gerade vorbeigelaufen bin, führen, ist ein Krieg gegen sich selbst.

Aber meine Kinder, sagt da meine Mutter, die den Bogen raushat, die würden doch auf eine Privatschule gehen, weil die Schulen da, wo ich wohne … weil es da doch nicht ginge. Es geht da nicht, sage ich, weil der Stadt und dem Staat und dem Wähler und dem Steuerzahler die öffentlichen Schulen wurscht sind. Das Problem dieser Schulen ist nicht der Ausländeranteil, sondern ihre Hässlichkeit. Jedes Golfplatzklohäusl ist heimeliger.

Ob das jetzt die Wahrheit ist, was ich da sage? Oder bin ich ein rosagrüner Heuchler, ein Sozialromantiker? Weil ich mir eine Schule und eine Kita für meine Kinder ausgesucht habe, die mir gefällt? Und die ich mir leisten kann, die sich jeder leisten kann, weil, wer kein Schulgeld zahlen kann, sich eben anders, mit seinem Kopf und seinen Händen, einbringt - und das ohne spitzelnde Bedarfsprüfung? Soll ich das Geld lieber in einen SUV investieren (aber den müsste ich dann ja gleich selber wieder anzünden …)?

Bei Geld fällt mir ein: Als ich Student war, schickte mir mein Vater mal eine alte Simplicissimus-Karikatur. Der schneidig uniformierte Postbote bringt da dem Großbauern einen Brief und fragt grinsend: “Könnt Ihr denn überhaupt lesen, was Euer Sohn, der Student, Euch schreibt?” - “Nein”, antwortet der Großbauer milde lächelnd, “wir schicken ihm halt ein Geld, wenn er schreibt.”

Wäre das nicht, liebe Westdeutsche, ein nachahmenswerter Umgang mit Berlin, das ihr doch so gern und bevorzugt in sich im ICE schon hemmungslos warmsaufenden Großgruppen besucht? Von dessen Glamour, Nie-nicht-schlafen, Kreativität und Gefährlichkeit ihr dann zu Hause mit glänzenden Augen erzählt (die Firma hat alles bezahlt) - natürlich immer mit dem Zusatz, dass ihr hier bei uns auf keinen Fall (Nachtigall, ick hör dir trapsen) leben möchtet?

Wir hier in Berlin wollen ja nicht viel von euch. Wir wollen vor allem keine Verkehrsberuhigung, keine Fußgängerzonen und keine Nichtraucherkneipen. Wir wollen keinen Sarrazin. Wir wollen einfach so leben, wie wir es uns ausgesucht haben. Und wenn eure Kinder nach 18 Jahren westdeutscher Kleinfamilienhölle zu uns kommen, weil sie Abstand - zentrales Wort für Berlin - von euch, eurem Gewehrschrank und eurem Winnenden-Denken brauchen, dann werden wir ihren anfänglich übertriebenen Wahnsinn nonchalant tolerieren, wie es die Berliner vor uns einst mit uns getan haben.

Wäre das kein Angebot, Westdeutschland?

Oder wollt ihr wirklich wie einst zu Weimarer Zeiten einfach nicht aufhören, auf Berlin als undeutsches, international verseuchtes, verjudetes und vernegertes Babylon einzudreschen? Wollt ihr eurem inneren kleinen Nazi wirklich so lange Leine lassen? Ich fände das schon deswegen schade, weil man als westdeutscher Wahlberliner die bayrische, badische oder hessische Provinz besonders liebt - wenigstens einmal im Jahr wollen wir schließlich ein gutes, deutsches Brot essen, ohne uns auf den letzten Geheimtipp verlassen zu müssen. Ja, der Berliner aller Schichten und Altersklassen ist der Provinz sehr wohlgesinnt, das wollte ich auch einmal gesagt haben (er darf ja dann auch wieder weg).

Das wars eigentlich. Nur eins vielleicht noch. Ich bin jeder Militanz immer ferngestanden, manchmal bewundernd, meistens sehr skeptisch bürgerlich. Ich bin einfach durch und durch Zivilist. Aber wenn dieses aggressive Gemosere gegen Berlin nicht bald aufhört, dann werde ich Gegenmaßnahmen ergreifen. Ich werde Dinge tun, die mir tief in meinem Herzen widerstreben: Ich werde Fan von Hertha BSC werden. Ich werde eure dummen Fragen, wo denn hier die Oranienstraße ist, wo ihr euch auf ebenselbiger gerade schon befindet, nicht mehr geduldig beantworten. Ich werde nicht mehr empathisch reagieren, wenn ihr mir zum tausendsten Mal erzählt, dass der Döner bei euch im Dörfchen doppelt so teuer ist und halb so gut schmeckt. Ich werde, kurz gesagt, genauso hysterisch, uninspiriert und vor lauter unerfüllten Sehnsüchten vergehen wie ihr. Wollt ihr das wirklich? Na dann: Tragen wirs aus.

erschienen in taz

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