Und alle spielen mit

Allgemein — admin on Mai 14, 2011 at 09:09

 Was wird besser im kommenden Jahrzehnt, fragten wir uns und handverlesene Autorinnen und Autoren in der Meinungsredaktion der taz zum Jahresende 2010.  Dann kam die arabische Revolution. Deswegen hier nochmal mein Beitrag.

“Die Armen”, schreibt der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk kürzlich im Guardian, “die Schutzlosen Asiens und Afrikas, die nach neuen Orten suchen, um zu leben und zu arbeiten, können nicht auf ewig von Europa ferngehalten werden. Höhere Mauern, härtere Regeln für Visa und mehr Kontrollen der Seegrenzen werden den Tag der Abrechnung nur hinauszuzögern.”

Das klingt nach Krieg. Aber das europäische Grenz- und Flüchtlingsregime im Mittelmeer ist ja auch martialisch. Deswegen die Verantwortung für die Verbrechen am Rand der Festung Europa schlicht der Politik zuschieben, ist aber zu einfach. Die organisierte Kriminalität ist auch deswegen zu einem globalen Player geworden, weil ganz normale Westeuropäer einen immer größeren Teil ihrer Freizeit und ihres Geldes dazu verwenden, mit (Zwangs)prostituierten zu schlafen, sich zu Schleuderpreisen auf den Markt geworfenes Koks reinzuziehen und die unter teuflischen Arbeitsbedingungen hergestellten elektronischen Spielzeuge zu kaufen.

Aber wenn die Armen wie die Zombies durch die europäischen Gassen laufen, dann wird einen der Mitgliedsausweis der lokalen Biokooperative nicht retten.

Das wiederum klingt natürlich unerträglich pathetisch. Und zu der Fraktion, die unter Besserwerden In-Sack-und-Asche-Gehen versteht und den Veganismus per Verordnung durchsetzen möchte, will man nun keinesfalls gehören. Es gibt ja auch keinen Grund zu verzweifeln.

Nie in der deutschen Geschichte waren die Bedingungen für den Einzelnen, seine ganz individuelle Vorstellung eines selbstbestimmten Lebens zu verwirklichen, so gut wie heute. Denn seit 60 beziehungsweise seit 20 Jahren leben wir in einem demokratischen Land - wer das lächerlich findet, unterhalte sich mit den reflektierenden Angehörigen der Generation, die noch in der Hitlerjugend fertiggemacht wurde.

Freiheit ist eine schöne Sache - wie Atheismus, wie Sexualität jenseits eines biologischen Determinismus, wie gelegentliche Verschwendung und Erfahrungen mit Drogen. Trotzdem bleibt der Zweifel.

Im nächsten Jahrzehnt wird die Frage auf eine Entscheidung zusteuern, ob wir weiter frei sein dürfen. Was nun mal bedeutet, dass alle - alle! - mitspielen dürfen. Wer lieber “Schafft sich ab, schafft sich ab” vor sich hinbrabbeln oder sich in die Luft sprengen will, der soll bitte, bitte noch ein bisschen mit sich selbst spielen und die anderen in Ruhe lassen. Bis auch er und sie wieder eine Idee haben, wie es im Leben weitergehen soll.

Kurz und notwendigerweise abstrakt gesagt: Es wäre schön, wenn uns einfiele, wie wir das nächste Jahrzehnt zu einem der Öffnung machen könnten - die Eso-Egomanen und die Katholiken müssten sich davon doch auch angesprochen fühlen.

taz, 31. 12. 2010

Wo der Papst mal recht hat

Allgemein, Mafia und Anti-Mafia, oltràlpe — admin on Mai 2, 2011 at 14:08

Il Vaticano su Bin Laden:

«La morte non si festeggia»

Schwarzer Sieg in Atomlibyen

Allgemein, oltràlpe — admin on April 13, 2011 at 08:52

Gestern hat mich mein fünfjähriger Sohn gefragt, ob die Japaner schon gegen Gaddafi gewonnen haben. Ein Zehnjähriger, mit dem wir zum Bus schlenderten, meinte, Quatsch, gerade haben die Grünen gegen die Schwarzen gewonnen.Ich wurde leicht panisch und versuchte meinem Sohn zu erklären, dass damit nicht die Menschen ohne Albinismus gemeint seien, sondern die ganz anderen, die CDU. CDU? Sind das die Bösen? Ist Gaddafi CDU, fragte mein Sohn. Der Zehnjährige wusste es besser: Gaddafi ist so wie Hitler. Und wer war Hitler? Ein Fukushima mit Bärtchen? Ich habe dann erst mal Eis spendiert.
Anzeige

Und heute? Hat es Gaddafi wieder getan: Die “barbarische Offensive” der Alliierten sei vergleichbar mit Hitlers Kriegszügen in Europa. Warum nicht mit dem Krieg der Deutschen und Italiener in Libyen selbst, anno 1941-1943? Der mitnichten ein sauberer Wüstenfeldzug war, sondern wesentlich dazu dienen sollte, den Holocaust auf den nahöstlichen Raum auszuweiten?
Will Gaddafi die deutsche Friedensbewegung und ihre schwarz-gelbe Regierung nicht provozieren? Die vereint den Diktator jahrzehntelang in die Schranken gewiesen haben und sich ihre erfolgreiche Eindämmungspolitik nun nicht durch irgendwelche zweifelhaften “Aufständischen” kaputt machen lassen wollen (angeblich wollen die sogar Öl verkaufen!). Schon am 20. März hatte Gaddafi einen langen, ruhmreichen Krieg gegen die “neuen Nazis” angekündigt. Nun sind das nur Worte, der Mann gilt allgemein als mental nicht ganz sauber - also: Düne drüber.

“Nazis - I hate these guys!”

Leider aber kann man über Sinn und Unsinn, Moral und Unmoral dessen, was gerade in Libyen geschieht, kaum mehr lesend reflektieren, ohne ständig den Hitler-Vergleich serviert zu bekommen. Daniel Cohn-Bendit, Uri Avnery, André Glucksmann, Ralph Giordano - sie alle glauben, der Rechtfertigung militärischer Hilfe für das bedrohte libysche Volk nicht ohne den Verweis auf Fehler und Verzögerungen des antifaschistischen Kampfes Nachdruck verleihen zu können.

Es sind jüdische Autoren, die das sagen, sie haben eine gelebte historische Erfahrung auf ihrer Seite, die niemand wegwischen kann. Ich aber habe in den 1980er Jahren in der Schule noch gelernt, dass Auschwitz ein singuläres Verbrechen ist. Allem Totalitarismusgeschwätz zum Trotz hatte ich bisher vor, diese Lektion an die nächste Generation weiterzugeben, und sei es nur in der Indiana-Jones-Variante: “Nazis - I hate these guys!”

Inzwischen habe ich meine Zweifel, dass das noch funktionieren kann. Hitler ist heute fast schon jeder - was doch entweder bedeutet, dass Hitler so schlimm gar nicht gewesen ist oder dass die Menschheit aus dem Nazismus keine Lehren gezogen hat.

Mir stieß ein kürzlich in der taz erschienener Artikel mit der Überschrift “Auschwitzlüge auf serbisch” noch auf. Es ging um ein auf der Leipziger Buchmesse aggressiv vermarktetes Buch, in dem der Mord an mindestens 8.300 bosnischen Männer und Jungen in Srebrenica geleugnet wird. Und das ist wie Auschwitz, dachte ich? Mit meinem Unbehagen wandte ich mich an einen jüngeren Kollegen meines Vertrauens. Der fand Zeile und Artikel in Ordnung.

Libyen 2011

Aber ich kann mir nicht helfen: Gaddafi ist ganz offensichtlich nicht Hitler. Und Bengasi ist nicht Guernica oder Auschwitz. Aus der Geschichte, um es mal apodiktisch zu sagen, kann man überhaupt nichts lernen - oder vielleicht doch: Nämlich seine Zeit nicht mit Analogiesuche zu verschwenden oder sich hinter intellektuell toten Begriffen wie Imperialismus zu verstecken, sondern sich klarzumachen, dass jede Entscheidung, die man fällt, jede Position, die man einnimmt, nicht dazu da ist, als Rechthaber dazustehen und sich die Hände in Unschuld waschen zu können.
Es geht in Libyen 2011 um Libyen 2011. Kinder suchen zum Weltverständnis nach Allegorien. Erwachsene, die sich das nicht abgewöhnen, wirken kindisch. Deswegen kriegen sie auch kein Eis. Mit Hitler aber kann man bald nicht mal mehr Kinder beeindrucken.

taz, 30.03.2011

« Vorherige SeiteNächste Seite »
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.5 License. | Ambros Waibel